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Weißenhof-Siedlung

Stuttgart steht auf der Liste der beliebtesten Reiseziele nicht gerade auf einem der vorderen Ränge. Es sei denn, man interessiert sich für ARCHITEKTUR. Dann ist die 1927 erbaute Weißenhof-Siedlung neben dem Bauhaus in Dessau eine hervorragende Adresse.

Bekannt ist die Schwabenmetropole derzeit für Dreierlei: Ihren Fußball-Club, der beständig gegen den Abstieg anspielt. Den Milliarden teuren Tiefbahnhof, der die halbe Innenstadt in eine Großbaustelle verwandelt hat. Und die hohe Feinstaubbelastung der Atemluft, die durch die verbaut-verwinkelte Kessellage begünstigt wird.

Auf den ersten Blick also nicht gerade die besten Voraussetzungen, um sich als Städtetourist angesprochen zu fühlen. Es sei denn, man ist Automobil-Liebhaber. Denn bekanntlich ist Stuttgart auch Autostadt, mit opulent bestückten Werksmuseen von Porsche und Mercedes-Benz.
Oder man interessiert sich für Architektur. Dann erwartet den Besucher in luftiger Halbhöhenlage nicht nur eine wunderbare Aussicht auf besagte Kessellage, sondern auch ein weltweit einmaliges Gebäudeensemble: die Weißenhof-Siedlung.

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Einfamilienhaus von Hans Scharoun in der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung. In den fünfziger Jahren plante Scharoun Stuttgarts erste Nachriegs-Hochhäuser, das Ensemble Romeo und Julia im Stadtteil Zuffenhausen. Im Hintergrund ist das erste Wohnhochhaus von Stuttgart zu sehen. Es gehört zum Friedrich-Ebert-Wohnhof, einer bereits vor dem Weißenhof gebauten Genossenschafts-Wohnanlage. Architekt war Karl Beer

Weißenhof heißt das Ensemble übrigens nicht wegen der damals wie heute beliebtesten Gebäudefarbe aller Architekten, sondern weil das vormalige landwirtschaftliche Areal bereits diesen Namen hatte. So entstand auf der buchstäblichen grünen Wiese in den turbulenten 20er Jahren unter Initiative des Deutschen Werkbundes (DWB) ein Ausstellungsmodell für neues Wohnen. Vergleichbar mit der Bauhaus-Idee in Dessau, sollten auch in diesem Fall Handwerk, Kunst und Industrie gemeinsam neue Lösungsvorschläge erarbeiten.

Anders als heute, ging es dabei weniger um angesagte Dekoelemente für zeitgeistig-elitäre Imagepflege, sondern um die Suche nach neuen und vor allem preisgünstigen Wegen in Sachen Wohnkultur. In den damals wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein nahe liegender Ansatz. Industrie und Handwerk sollten sich frische Perspektiven eröffnen. Ausufernde Ornamentik, wie noch zu Zeiten des Jugendstils, war bei den Planungen nicht gefragt. Weil zum einen zweckfrei und zum andern einfach teuer in der Herstellung.

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Reihenhaus von J.J.Peter Oud mit kleinem Innenhof im Eingangsbereich

Unter Leitung von Ludwig Mies van der Rohe wurde eine Reihe von Architekten aus dem In- und Ausland beauftragt. Sie sollten sich Gedanken um angemessenes Bauen für den modernen Stadtmenschen machen. Die Resultate wurden in weniger als einem halben Jahr Bauzeit realisiert. Alleine das Tempo der Umsetzung ist Beleg für die fortschrittlichen Konzepte. Erreicht wurde das auch durch Einsatz neuer Materialien, wie Hohlblocksteine, Leichtbetonbauweise, Trockenbau und Skelettkonstruktionen aus Stahl. Auf diese Weise entstand ein Siedlungsensemble mit insgesamt 21 Häusern. Mit einbezogen war bei dieser großen Baumesse auch die Stuttgarter Innenstadt. Auf dem Areal des Neuen Schlosses fanden die Besucher in Pavillons weitere Ausstellungsflächen. Während der rund zwei Monate dauernden Werkschau pilgerten anno 1927 rund eine halbe Million Besucher aus dem In- und Ausland nach Stuttgart. Ein großer Erfolg.

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Kleine Gärten hinter den Reihenhäusern von J.J.Peter Oud. Selbstversorgung und körperliche Betätigung im Luftbad waren Teil der ästhetischen Askese

Unumstritten war das Projekt nicht. Mies van der Rohe hatte das Flachdach als Leitlinie für die Bauplanung ausgegeben, und diese Lösung war freilich nicht am gängigen Geschmack der damaligen Zeit ausgerichtet. Widerstand und böse Kritik brodelte von Seiten der so genannten Stuttgarter Schule. Dort sah man sich traditioneller Bautechniken verpflichtet. Einer der Wortführer war Architekt Paul Bonatz, dessen Hauptbahnhof derzeit für den neuen Tiefbahnhof wenig einfühlsam zerstückelt wird.

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Le Corbusier-Haus in der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung. Einteiliger Doppelhauskörper mit zentralem Hinterhaus für Treppe und Essbereich. Im linken Teil ist heute das Museum untergebracht, rechts die in Originalzustand zurückversetzte Musterwohnung samt Einrichtung. Großzügige Dachterasse für körperliche Ertüchtigung an der frischen Luft

Wie seltsam das Gebäudeensemble auf die damaligen Menschen gewirkt haben muss, wird beim Betrachten eines alten Werbefotos von Mercedes-Benz überdeutlich. Vor dem Le Corbusier-Haus parkt ein Auto, das wir heute mitleidig als „Schnauferl“ bezeichnen würden. Aber das Gebäude dahinter sieht noch immer aus, als sei es ein hoch moderner Entwurf aus der Gegenwart. Die Menschen damals müssen sich also gefühlt haben, als seien sie geradewegs um mindestens ein halbes Jahrhundert in die Zukunft geschleudert worden.

Wenig überraschend, dass nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten für den Weißenhof nur Hohn und Spott übrig blieben. Arabersiedlung taufte man den Ort, der Abriss der gesamten Anlage war so gut wie beschlossen. Weshalb die Stadt das Areal für den Neubau einer Kasernenanlage an das Deutsche Reich abtrat. Dieses Schicksal blieb den Häusern nur deshalb erspart, weil die Kriegstreibereien das Kapital an anderer Stelle einforderten.

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Stillleben mit Käfer-Cabrio und Reihenhaus von J.J.Peter Oud in der Weißenhof-Siedlung Stuttgart

Während des Kriegs bot sich die Höhenlage mit weitem Überblick auf das Stadtgebiet zur Installation einer Flak-Anlage an. Mit der Folge, dass die Weißenhof-Siedlung schwer unter Beschuss geriet und einige der ursprünglichen Bauten während der Kriegstage zerstört wurden.

Nach dem Krieg zählte im ausgebombten Stuttgart nur Wohnfläche. Etliche der Gebäude bekamen deshalb ganz pragmatisch ein herkömmliches Satteldach aufgesetzt, einfach um darunter die Menschen unterbringen zu können. Erst 1958 besann man sich wegen zahlreicher Fachbesucher des einmaligen architektonischen Erbes. Der Weißenhof wurde unter Denkmalschutz gestellt.

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Reihenhaus von Mart Stam, dahinter angeschnitten das Mehrfamilienhaus von Peter Behrens, das noch traditionelle Baumerkmale erkennen lässt

In den siebziger Jahren gründete sich der Verein „Freunde der Weißenhof-Siedlung“. Ziel des Vereins war und ist es, die Gebäude möglichst wieder in den Urzustand zurückzuversetzen. In den achtziger Jahren bot sich für Stuttgart die Möglichkeit, die gesamte Anlage vom Bund für einen Schnäppchenpreis zurückzukaufen. Getreu der schwäbischen Devise „mir gäbbet nix“ (wir geben nichts), wurde diese Chance wegen der eventuellen Folgekosten nicht ergriffen. Seither dient der Weißenhof dem Bund als Reservoir an Beamtenwohnungen. Darin liegt wohl auch der Grund, weshalb die Stadt für ihr einmaliges, architektonisches Erbe nicht sonderlich die Werbetrommel rührt. Das Areal gehört nicht Stuttgart, und es ist verständlich, dass die in den Gebäuden wohnenden Menschen nicht unbedingt auf touristische Reisegruppen erpicht sind, die ungefragt in deren Vorgärten hinein fotografieren.

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Der größte Wohnblock in der Weißenhof-Siedlung wurde vom leitenden Architekten Mies van der Rohe entworfen

In städtischem Besitz ist lediglich das markante Le Corbusier-Haus in der Rathenau-Straße. Eine Hälfte davon dient als Museum für die gesamte Weißenhof-Anlage, die andere Hälfte hat man versucht möglichst wieder in den Zustand der 1927er Ausstellungs-Tage zurück zu versetzen.

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Le Corbusier-Haus. Blick vom Essbereich durch den Ausschnitt im Treppenhaus in Richtung Wohnzimmer. Lange Blickachsen und lebendiger Lichteinfall intensivieren das Raumerlebnis

Wer das Gebäude betritt, der ist zunächst doch verblüfft, wie beengt bereits der Eingangsbereich wirkt. Die Deckenhöhe hat Kellerniveau, gerade aus geht es in eine kleine Kammer, die einst für das obligate Dienstmädchen gedacht war. Erst wenn man die U-förmige Treppe in die oberen Etagen nimmt, öffnen sich die Raumhöhen und die Blickachsen werden durch raffiniert gesetzte Türen und Wanddurchbrüche eröffnet. Die Räume selbst hat Le Corbusier durch verschiebbare Wandelemente variabel gestaltet. Schränke sind in die Wände integriert, die leichten Stahlrohr-Betten sind kompakt gebaut, sie lassen sich in Staunischen verstecken. Auf diese Weise entsteht ein großzügiges Raumerlebnis, betont durch eine ausgefeilte farbliche Gestaltung der Wände. Die originalen Farbtöne wurden unter zig freigelegten Farb- und Putzschichten wieder entdeckt. Resultat ist der heute wieder erlebbare ursprüngliche Raumeindruck.

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Das durchgängige Fensterband findet sich auch im rückwärtigen Teil des Le Corbisier-Hauses. Im Erdgeschoss befand sich ursprünglich die Waschküche. Die Einfach-Verglasung ist im Gebäudeinneren lichtintensiver als heutige Wärmeschutzverglasung und verstärkt den nahtlosen Übergang von Innen und Draußen

Revolutionär für die damalige Zeit war die vorgehängte Fassade mit ihrem durchgängigen Fensterband ohne sichtbare Stützpfeiler. Die Tragkonstruktion hatte der Architekt einfach in Form schlanker Stahlträger einen halben Meter in den Raum hinein verlegt und durch geschickte Raumaufteilung bestmöglich kaschiert.

Klassik-Lust-Profil

Auch wenn der größte Teil der Weißenhofsiedlung heute „ganz normaler“ Wohnraum für Beamte ist, und deshalb nicht besichtigt werden kann, ist ein Spaziergang durch diese architektonisch zauberhafte Siedlung immer wieder ein Erlebnis. Alleine der Besuch des markant auf einem erhabenen Eckgrundstück thronenden Le Corbusier-Hauses ist die Reise nach Stuttgart wert.

Das Museum und die wieder hergestellte Ausstellungs-Wohnung im Le Corbusier-Haus können von Dienstag bis Freitag von 11 bis 18 Uhr, und am Samstag und Sonntag von 10 bis 18 Uhr besichtigt werden. Der Eintritt kostet fünf Euro, Führungen werden angeboten. www.weissenhofmuseum.de

 

Zeitschritte – Die wilden 20er Jahre

1919: Kaiser Wilhelm II dank ab. Wahlen zur Nationalversammlung am 9. Januar. Die Sozialdemokraten erhalten 38 Prozent, das Zentrum 20 Prozent. Volkspartei und Deutschnationale kommen zusammen auf 20 Prozent. Der Berliner „Arbeitsrat für Kunst“ fordert die Übereinstimmung der Kunst mit dem Volk. In Paris gründen Le Corbusier und Amédée Ozenfant die Avantgarde-Zeitschrift „L’Esprit Nouveau“. Walter Gropius wird Direktor des  Bauhaus in Weimar.

1920: Mary Wigman gründet in Dresden die Schule des Neuen künstlerischen Tanzes. In der Nähe von Potsdam entsteht der Einstein-Turm, ein zentrales Gebäude des Deutschen Expressionismus.

1921: Die Reparationskosten, die Deutschland nach Versailles zu zahlen hat, werden auf 269 Milliarden Goldmark festgelegt, später auf 132 Milliarden reduziert. Paul Klee und Oskar Schlemmer kommen zum Weimarer Bauhaus.

1922: Das Deutsche Reich und die Sowjetunion regelt die Kriegsfolgen im Vertrag von Rapallo. Im Juni wird der deutsche Außenminister Walther Rathenau ermordet. Die Inflation nimmt Fahrt auf. Wassily Kandinski kommt zum Bauhaus.

1923: Das Ruhrgebiet wird von französischen und belgischen Truppen besetzt. In der Nationalversammlung bildet sich eine große Koalition aus Sozialdemokraten, Bürgerlichen und Nationalisten. Die Inflation schwillt bis zum September drastisch an, die Rentenmark wird eingeführt. Eine Rentenmark entspricht einer Billion Papiermark. NSDAP und KPD werden verboten. Im Dezember liegt die Zahl der Arbeitslosen bei 3,5 Millionen. Le Corbusier veröffentlicht seine Schrift „Vers une Architecture“, die 1926 in Deutschland unter dem Titel „Kommende Baukunst“ erscheint.

1924: Herbe Verluste für die bürgerlichen Parteien bei der Reichstagswahl im Mai. Die Neuwahlen im Dezember bringen der SPD Zuwächse, KPD und NSDAP verlieren. Es macht sich ein zarter wirtschaftlicher Aufschwung bemerkbar. Am Weimarer Bauhaus wird der „Kreis der Freunde“ gegründet. Die Schule soll damit substanziell unterstützt werden. Zu den Förderern gehören Albert Einstein, Peter Behrens und Arnold Schönberg. In Stuttgart findet die Werkbund-Ausstellung „Die Form“ statt. Es werden Tischlerarbeiten, Metallarbeiten und Töpferarbeiten aus dem Bauhaus gezeigt.

1925: Nach Vertragskündigungen und finanziellen Einschränkungen wird das Weimarer Bauhaus zum 1. April aufgelöst. Inzwischen hat man mit anderen Städten wegen einer Neugründung verhandelt. Dessau erhält den Zuschlag. Im November wird die Bauhaus GmbH zur kommerziellen Verwertung der Entwürfe gegründet. In Mannheim wird die Wanderausstellung „Neue Sachlichkeit“ eröffnet. In Paris präsentiert man in einer großen Ausstellung den neuen Stil „Art Déco“.

1926: Deutschland wird wieder in den Völkerbund aufgenommen, Außenminister Stresemann erhält den Friedensnobelpreis. Im März Richtfest des neuen Bauhaus-Gebäudes in Dessau. Zur Eröffnung erscheint die erste Ausgabe der Zeitschrift „Bauhaus“. „Metropolis“ wird uraufgeführt, Fritz Langs Filmklassiker, und in Berlin wird Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ gezeigt. Die Architektenvereinigung „Der Ring“ wird gegründet. Darunter Mies van der Rohe, Walter Gropius und Hugo Häring.

1927: Zur Werkbundausstellung „Die Wohnung“ wird in Stuttgart die Weißenhof-Siedlung gebaut.

1928: Bei den Reichstagswahlen erreicht die SPD mit annähernd 30 Prozent ihr seit langem bestes Ergebnis. Es bildet sich eine große, bürgerliche Koalition. Walter Gropius tritt als Bauhaus-Direktor zurück. Sein Nachfolger wird der Schweizer Hannes Mayer. Mayer vertritt einen sozialistisch geprägten Ansatz – Volksbedarf statt Luxusbedarf. Am Bauhaus sind 166 Studierende eingeschrieben. In Stuttgart ist die Wanderausstellung „Der Stuhl“ zu sehen.

1929: Der Young-Plan reduziert die Reparationszahlungen der Deutschen auf 105 Milliarden Mark. Die Zahlungen sind bis 1988 zu leisten. Der „Schwarze Freitag“ am 24. Oktober reißt nach dem Zusammenbruch der New Yorker Börse die Welt in eine anhaltende Wirtschaftskrise. In Stuttgart läuft die Ausstellung „Film und Foto“. Sie ist die wichtigste Schau zum Thema Fotografie in den 20er Jahren.

1930: In Thürigen zieht der erste NSDAP-Minister in eine Landesregierung ein. Ende der großen Koalition, Hindenburg ernennt Brüning zum Reichskanzler, der ohne parlamentarische Mehrheit regiert. Notverordnungen zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen. Bei den Reichstagswahlen im September erreicht die NSDAP über 18 Prozent. Aus politischen Gründen wird Bauhaus-Direktor Meyer entlassen. Seine Nachfolge übernimmt Ludwig Mies van der Rohe.

 

 

Text: Jo Soppa

Canon F-1-Fotos: Jo Soppa

2 Kommentare

  • Anonymous sagt:

    Ich war letztes Jahr aus dem Hohen Norden zu Besuch in Stuttgart und die Weissehof Siedlung war dann natürlich ein Muss. Jedem architektonisch interessierten Menschen ist dies nur nachdrücklich zu empfehlen!
    Viele Grüße
    Michael Schirmer
    Flensburg

  • Ernst sagt:

    Die Weissenhofsiedlung ist Teil der Stuttgarter Stadtführungen – bisher konnte ich noch jedem meiner Besucher damit eine Freude machen. Sehr sehenswert! Die Hochhäuser Romeo und Julia waren mal eine Sensation, haben heute aufgrund der Lage etwas an Charme verloren.
    Die Zeitgeschichte der wilden 20er interessant.

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