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Warum wir lesen

 

Warum wir lesen

Ein Essay von Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

 

 

Aus leicht nachvollziehbaren Gründen weiß ich nicht, warum man liest – oder nicht liest.

Deshalb lautet der Titel des vorliegenden Essays auch: „Warum wir lesen“. Somit weist er schon – durch das Kursiv-Gesetzt-Sein des „wir“ – darauf hin, dass es sich hier nur um eine Gruppe, um einige, um eine (numerisch beschränkte) Anzahl von Individuen handelt, um solche nämlich, die lesen. (Das Wir-Gefühl ist dabei bloß ein metaphorisches, immerhin geht es ja nicht um eine Partei, Gesinnungsgemeinschaft oder sonstige Kommune.)

Mit wir meine ich also eine bestimmte Gruppe von Usern (eines Mediums), in diesem Fall: Lesern, die, wie ich selbst, aus bestimmtem, höchst-persönlichem Antrieb heraus etwas liest; bestimmten Vorlieben und Interessen frönt, die sie von der Lektüre befriedigt sehen möchte; freilich dreht es sich dabei gleichzeitig um eine Gruppe, die aus anderen, gegenläufigen Aversionen oder aus Unbehagen heraus anderes eben nicht liest; et cetera.

Wie die meisten notorischen Leser verfüge ich, zum Beispiel, über eine Handvoll von Lieblingsautoren, denen ich auch verzeihe, wenn mich eines ihrer Werke einmal nicht (ganz) überzeugt. Die haben, sozusagen: einen Stein im Brett bei mir. (Auch wenn diese Wendung – laut Duden, Bd. 11, Redewendungen [Wörterbuch der deutschen Idiomatik. 2. Aufl. Mannheim 2002. S. 729] – aus einem ganz anderen, dem Buch und dem Lesen eher fremden Gebiet kommt, nämlich vom Trick-Trackspiel.)

Mein Gott, wer ausschließlich das lesen will, was ihm konveniert, tut gut daran, ausschließlich das zu lesen, was er selber geschrieben hat. (Und auch dann erlebt man nicht selten sein blaues Wunder!)

Also, warum lesen wir?

Nun, zum einen leitet uns, die sozusagen: passionierten Leser, einmal die Neugier. In welche Richtung mag es bei X diesmal gehen? Hat Y ihre komische Aversion (…) endlich überwunden? Kommt Z tatsächlich ohne diese oder jene Attitüde aus?

Deshalb greife ich – beispielsweise – zu Neuerscheinungen von John Irving, T. C. Boyle oder Jonathan Franzen, erwerbe das jüngste Elaborat des Wolf Haas oder Heinrich Steinfest, entschließe mich wieder für Umberto Eco (und nicht, weil er bedauerlicherweise just gestorben ist!).

Dessen ungeachtet lese ich naturgemäß auch noch viele andere Sachen. Ich suche nach Altbekanntem und Fast-Vergessenem und lange dabei auch mal zu weniger Ersprießlichem, greife zu Maxim Billers erstaunlichem Schelmenroman „Biografie“, blättere in Jean Pauls wunderlichem Werk oder vertiefe mich in erneut in Lawrence Sternes „Tristram Shandy“. Dann wieder führt mich mein Lektüre-Weg zu Johann Wolfgang von Goethe, Erich Kästner, Arno Schmidt oder Friedrich von Schiller; zu Edgar Allan Poe, Martin Walser oder Michel de Montaigne …

Abwechslung tut bei der Lektüre, so finde ich, immer wieder gut. (Deshalb halte ich – allerdings bloß in kleinen Dosen – sogar hin und wieder Otto Weiningers berüchtigte Abhandlung „Geschlecht und Charakter“ aus … , oder Marquis de Sades „Justine“.)

Und: Auch jemandem, der bisher nicht zu meinen Favoriten gezählt hat, gebe ich als Leser (in meiner Funktion als Käuferinstanz) zwischendurch eine Chance. Vielleicht mitunter sogar einer Schriftstellerin oder einem Schriftsteller, die mich irgendwann schon einmal gewaltig enttäuscht hat. (Sogar zu Peter Handkes Tagebucheintragungen „Vor der Baumschattenwand nachts. Zeichen und Anflüge von der Peripherie 2007 – 2015“ rang ich mich kürzlich [wenn auch nur partiell] durch.) Ansonsten gilt – die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt – der Leitsatz: Vielleicht klappt es ja diesmal?!

*

Die Freude unter uns Lesern mag in manchen Fällen übrigens besonders groß sein: Schau, schau, hier wird gegen den Strom geschwommen – oder gar gegen den Stachel gelöckt! Hier hat er/sie eindeutig etwas zu dick aufgetragen! Hier argumentiert man fast zu dezent, Leute! (Oder aber: Schön, wie er/sie plötzlich den skriptoralen Mainstream vortäuscht – und in Wahrheit solcherart unsere Lesegewohnheiten ad absurdum führt! Wie hier das Triviale benützt wird, um das Pseudo-Sakrale zu desavouieren! Wie wir Leser solcherart zu Verbündeten des Autors auf den schwankenden Planken bei dieser sturmschweren Überfahrt in weitgehend unbekannte Gefilde gemacht werden … (Etwa: mit John Irvings „Straße der Wunder“, als Ziel und Reiseproviant in einem.)

Damit wir zu solchen Überlegungen gelangen können, müssen Autor und Plot, auch Stil, Textur sowie das semantisch-semiotische Umfeld et cetera entsprechend harmonieren. (Oder aber, unter Umständen: auf reizvolle Art diese Harmonie verweigern …) Jeder Text ist nämlich insofern unfertig, als ihn erst der engagierte und animierte Leser tatsächlich zum Leben erweckt!

Das glaube ich zumindest.

Doch lesen wir nicht nur Texte. Wir genießen vielmehr auch die Autoren.

Der Leser ist nämlich der geborene Kannibale.

Somit gleicht er dem Eingeborenen. Ja, er ist dieser Eingeborene, dieser Wilde, wie man früher (zugegeben: wenig schmeichelhaft) die ursprünglichen Bewohner gerade entdeckter und somit in Besitz genommener Ländereien, Eilande oder Kontinente zu bezeichnen pflegte in europäischer Forscher-, Entdecker und Eroberer-Arroganz.

Und Lesen ist somit die Umkehr des Kolonialismus.

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Die armen, verdutzten Entdeckten mussten bekanntlich alles Mögliche über sich ergehen lassen. Durch die Entdecker; und am besten so tun, als empfänden sie das auch noch als besondere Wohltaten, was ihnen da widerfuhr. Von der normalen Demütigung bis zur Missionierung, vom Bestohlen-Werden bis zu Vergewaltigung und Ermordung.

Es ging nämlich um Einverleibung. Um Entrechtung und Versklavung. Im Namen Gottes, irgendeines degenerierten Herrschers oder einer fragwürdigen Wissenschaft …

Die sogenannten Entdecker, die in Wahrheit gierige Konquistadoren, überhebliche Freibeuter und – bestenfalls – fehlgeleitete Eiferer waren, bestahlen und kujonierten sie (die ihnen ohnedies bloß als Untermenschen erschienen; mindestens aber als weitgehend wertlose, bestenfalls tierähnliche Geschöpfe – eben als Eingeborene); machten sie zu Knechten; wenn sie die Unglücklichen nicht ohnehin gleich umbrachten.

Ihre Helfershelfer, die Missionare, redeten den solcherart aufgescheuchten Entdeckten ihre alten Götter, mit denen sie womöglich bisher ganz gut gefahren waren, aus und neue, angeblich attraktivere ein.

Außerdem versuchten die Patres, ihnen grosso modo die Lust am Leben zu rauben.

Kein Wunder, dass die Eroberten die Eroberer in schlechter Erinnerung behielten.

*

Heute lesen wir meist nur das, was wir lesen wollen. (Ausnahmen mögen da bloß die Regel bestätigen.) Wir jedenfalls lesen nur das, was wir lesen wollen. (Andere konsumieren vielleicht ausschließlich nach Rezept. Dabei dienen ihnen die auch darin obskure Werbung sowie irgendwelche skurrile Bestenlisten oder bizarre TV-Rankings [freilich auch die gute alte Mundpropaganda!] als Richtlinien.)

Und wir legen ein Buch auch schon mal zurück. (Manche Werke lese – zumindest – ich dann vielleicht Jahre später, und dann womöglich mit Vergnügen …)

Kurz: Wir betasten die – ihrerseits recht friedvoll und freundlich gewordenen – Eroberer und Missionare recht vorsichtig. Und wir geben uns mit ihnen, diesen zum Buch gewordenen Wesenheiten, durchaus amikal ab. (Sie freilich haben auch keinerlei Konquistadoren-Gehabe mehr an sich und wollen uns auch kaum mehr irgendwelche neue Götter aufschwatzen. Sogar ihr, wie es schien: unendlicher Vorrat an wertlosen Glasperlen hat sich vermutlich irgendwann erschöpft …)

 

Schlachtungen sind daher selten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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