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Walkman – die audiophile Revolution

Für die meisten der heute Heranwachsenden ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sie sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit dem audiophilen Hörgenuss hingeben. Tausende Titel lassen sich auf jedem marktüblichen Smartphone speichern und über die zumeist mitgelieferten Ohrstöpsel in Miniaturformat kann sich jeder – jederzeit und überall – individuell beschallen lassen.

 

Die Wenigsten jedoch wissen, wie der mobile Hörgenuss in der Gesellschaft denn Einzug gehalten hat. Ende der 70er Jahre beschäftigte sich das – auf Unterhaltungselektronik spezialisierte – Japanische Unternehmen Sony mit einem kleinen Gerät, das zum Abspielen einer Musikkassette geeignet war. Klein, leicht und handlich sollte es sein, um dem Konsumenten des Liedguts mittels der Kopfhörer an jedem Orte den Musikgenuss zu ermöglichen – nicht nur im heimischen Bereich in dem die Stereoanlage für die akustische Inszenierung der Lieblingsmusik zuständig war.

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Der Sony Walkman WM-EX510 war eigentlich mit allem ausgestattet, was es zum mobilen Musikgenuss brauchte

Der Verkaufsstart des Kassettenabspielgerätes – mit dem sperrigen Namen TPS-L2 verknüpft – war am 01. Juli 1979. Ganze 390 Gramm wog dieses „leichte“ Gerät. Der spätere Markenname „Walkman“ verhalf der ganzen Branche der Unterhaltungselektronik zu einem enormen Wachstumsschub. Die Nachfrage nach diesem, bis dahin nicht gekannten, mobilen Hörerlebnis übertraf die damaligen Fertigungskapazitäten bei weitem. Die Musikkassette war das prädestinierte Speichermedium der damaligen Zeit. Sie war relativ klein und der Hörer konnte damit eine bestimmte Zeit lang seine Lieblingsmelodien anhören – und zwar in Stereoqualität und überall. Es war schlicht eine Revolution.

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Die Rückseite des Walkman, da konnte der Genießer – sofern er wollte – der Kassette beim Abspielen zusehen

Im Lieferumfang war ein Bügelkopfhörer mit Ohrpolstern aus Schaumstoff dabei. Die gängigsten und gebräuchlichsten Kassetten gab es in 60, 90 und 120 Minuten Wiedergabelänge. Für die der Nomenklatur nicht so Eingeweihten, die Wiedergabelänge bezieht sich auf beide Abspielseiten der Kassette – diese musste nämlich nach Beendigung der einen Seite herausgenommen, gewendet und wieder eingelegt werden.

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Die Kassetten gab es in 60, 90 und 120 Spieldauerlänge. Es waren die gängigsten Größen

Ich erinnere mich noch sehr genau an mein erstes Erlebnis mit dem Walkman, als ich draußen in der Natur meinen Lieblingssong genoss. Es war ein unbeschreibliches Gefühl in mir, ja es schlich sich ein unermessliches Gefühl der Freiheit und des Glücks ein.

Heute würde man diese Bewegung im Marketinglatein als „Musik to-go“ bezeichnen – für mich war´s in den 80er Jahren „Musik to-fly…“

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Wie der Betrachter sehen kann, es gab neben der Lautstärkeregelung sogar weitere Einstellmöglichkeiten

Aber wie es immer und überall so ist, hat einer eine Idee, hatte diese bereits ein Anderer. Nicht nur Sony beanspruchte die Konzeption des Walkmans für sich, denn bereits seit 1972 entwickelte der Deutsch-Brasilianer Andreas Pavel ein mobiles Kassettenabspielgerät, das er dann auch im März 1978 beim Deutschen Patent- und Markenamt in München zur Patentierung anmeldete. Nützte ihm nichts – ein Weltkonzern, wie Sony es damals schon war, rückt bei Gerichtsverhandlungen mit Anwälten in Divisionsstärke an und da hat ein kleiner Tüftler und Entwickler recht wenig Möglichkeiten, dagegen etwas auszurichten. Da verlassen einen sehr schnell die monetären Kräfte. Jahrzehnte später einigten sich die gegnerischen Parteien dann doch noch und Sony zahlte an Andreas Pavel ein erkleckliches Sümmchen.

Der Walkman erlebte im Laufe der Jahre für damalige Verhältnisse ungeahnte Absatzerfolge, bis Sony die Produktion dieser Kassettenabspielgeräte im Jahr 2010 einstellte. In den besten Jahren hatte der Käufer die Auswahl unter fast 600 Walkmans in unterschiedlicher Ausprägung und von unzähligen Herstellern.

Wie es bei neu auf den Markt kommenden Produkten immer üblich ist, gab es auch in den 80er Jahren genügend Kritikaster, die vom Verfall der moralischen Sitten fabulierten. Reisende würden zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln beim unfreiwilligen Mithören der Musik empfindlich gestört werden und die Sicherheit der am Straßenverkehr teilnehmenden Personen sei durch die Beschallung in einem nicht vertretbaren Maß gefährdet. In manchen Dingen hatten sie schon Recht.

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In dem Batteriefach fand eine Batterie der Größe AA Platz. Das war ausreichend um ein paar Stunden sich den Musikgenüssen hin zu geben

 

Angebotssituation

Es gibt die Walkmans (also die zum Abspielen von Musikkassetten geeigneten Geräte) auch heute noch neu zu kaufen. Kleine Nischenanbieter lassen sich auch die letzte Möglichkeit nicht entgehen, den Markt zu bedienen. Die vom Aussterben bedrohte Musikkassette wird von einigen kleineren Herstellern wieder vertrieben. Gebrauchte Geräte findet man bei einem weithin bekannten Internet-Auktionsportal in Massen. Jedoch sollte der künftige Besitzer immer bedenken, dass solche Audiogeräte – mehr als andere, stationär betriebene Gerätschaften – einem stärkeren Verschleiß unterliegen. Das gilt insbesondere dem Antriebsmechanismus, dem Tonkopf und mitunter auch der Auswurf-Mechanik.

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Hier wurden die bespielten Musikkassetten eingelegt

 

Klassik Lust-Profil

Letztendlich darf aber der Status des Walkmans nicht unterschätzt werden: Er war eine bahnbrechende Erfindung, die uns zu einem bis dahin nicht gekannten Genuss der mobilen und individuellen Beschallung unserer Lieblingsmusik verhalf. Einem Stück Freiheit eben.

 

Der auf diesen Fotos abgebildete Sony Walkman ist ein WM-EX510

Maße:

10,85 x 7,8 x 2,8 cm (Länge x Breite x Höhe)

Gewicht: 144 Gram (ohne Batterie und ohne Kassette)

 

 

Text & Fotos: Ulrich Bänsch

 

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