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Der Käfer – eine Liebesbeziehung

In einer Zeit, in der die legendären Käfer unser Straßenbild stärker prägten als heute, machte ein Spruch die Runde, dass sich in den nächsten 100 Jahren vieles verändern würde, nur zwei Dinge würden mit Sicherheit bestehen bleiben: Der Bundeskanzler Adenauer und der Käfer. Wie uns die Geschichte lehrt, ist der eine schon gestorben, und der andere wurde zum Sterben verurteilt.

Aber so leicht wird er – der Käfer – nicht das Zeitliche segnen und sich von den Geschehnissen der Weltbühne verabschieden. Solange es noch eine – immer größer werdende – Gemeinde derer gibt, die sich des Käfers annehmen und ihn – allen Unkenrufen und Spöttern zum Trotz – hegen und pflegen, wird er uns noch manch glücklichen Augenblick des Zusammenseins mit ihm bescheren.

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In einer längst vergangenen Zeit, als man sich über „kleine“ Eroberungen noch freuen konnte!

Durch die Erhaltung einer praktizierten Leidenschaft werden wir ungewollt auch zu einem Hüter eines Stückes Kulturgut, das über viele Jahre hinweg den Zeitgeist mehrerer Generationen wiederspiegelt. (Nachfolgende Generationen werden uns nicht an dem messen, was wir verschrottet und weggeworfen haben, sondern daran, was wir bewahrt und erhalten haben).

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In den 50er Jahren war der Urlaub in den Alpen noch eine gewagte und abenteuerliche Fernreise

Im Prinzip ist es egal, ob der Käfer in seinem serienmäßigen Urzustand belassen wird, oder ob er nach individuellen Gesichtspunkten umgestaltet wurde. Die Begeisterung, die unserem Schützling entgegengebracht wird, verbindet uns alle, und wir sind – gewollt oder unbewusst Teil einer großen Gemeinschaft. Der eine oder andere wird sich bestimmt schon des Öfteren die Frage gestellt haben „Ja warum denn gerade der Käfer?“ Vielleicht aufgrund seiner einfachen und beherrschbaren, soliden robusten Technik und weil es ein relativ preiswertes Fahrzeug war, das einen nie im Stich ließ? Oder weil es das Fahrzeug war, auf dessen Rückbank man als Kind gesessen oder mit dem man seine ersten Gehversuche im Straßenverkehr unternommen hat?

Vielleicht.

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Was waren das noch für Erlebnisse: Als Reisen – die in unserer Zeit bequem und ohne Anstrengungen absolviert werden – noch wahre Expeditionen waren!

Die Begeisterung für den Käfer kann man schon bis in seine Anfänge zurückverfolgen. Man sprach nicht über die Fehler, die dem Fahrzeug anhafteten, sondern man unterhielt sich über die Erlebnisse, über die Ausflüge und Reisen, die man mit ihm unternahm. Er ermöglichte eine bis dahin in Deutschland nie dagewesene und gekannte individuelle Mobilität, die den persönlichen Aktionsradius wesentlich erweiterte und die auch den Grundstein legte für die bis in unsere Tage reichende Reisefreudigkeit.

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Der Käfer, er besitzt eine Ausstrahlung, wie man sie im Automobilbau nur sehr selten sah und sehen wird. Die Familienmitglieder des Käfers können sich in ihren äußeren und inneren Werten noch so ähneln, aber jeder hat seinen eigenen, individuellen Charakter – ja – man könnte sagen, die Käfer, sie leben. Kraft dieser Tatsache haben sie sich zu Kultobjekten ersten Ranges entwickelt. Ein wesentlicher Bestandteil der immer weiter wachsenden Käferbegeisterung ist auch der Tatsache zuzuschreiben, dass man diesem Auto nicht nur ein gewisses Maß an Liebe und Begeisterung entgegenbringt, sondern man befindet sich in einem immerwährenden Zustand des Verliebtseins, was erfahrungsgemäß im Leben eher zu den großen Ausnahmen gehört.

„I love Käfer“ ist in wenigen Worten die unmissverständliche Aussage eines Automobilliebhabers, der sein Herz an den Käfer verloren hat.

L1020009Die Beziehung zu einem Käfer ist emotional sehr stark geladen und von besonderer Ausdruckskraft. Psychologisch verkörpert der Käfer auch das Unsterbliche für seinen Besitzer: Der Mensch wird im Laufe der Zeit älter und faltig, und biologisch bedingt segnet er irgendwann auch mal das Zeitliche, der Käfer aber – eine liebevolle Pflege vorausgesetzt – lebt ewig.

Der Käfer – ein treuer Lebensgefährte.

 

Text: Ulrich Bänsch

Fotos: Privat

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