Finsterau – Meine Jugendliebe

Finsterau ist ein Ort auf 998 Meter Höhe, gelegen in Niederbayern im Landkreis Freyung-Grafenau im Bayerischen Wald und grenzt an den Nationalpark Bayerischer Wald. Dieser wurde am 7. Oktober 1970 als erster Nationalpark Deutschlands gegründet. Finsterau wurde im Zuge der Gebietsreform 1978 zur Gemeinde Mauth „eingemeindet“. 443 Menschen leben in dem Ort (entnommen aus einer Publikation des Jahres 2017 ).

Finsterau: Damals vor Jahrzehnten mein Traumort – und heute immer noch. Gelegen auf 998 m

Finsterau ist auch bekannt durch das „Freilichtmuseum Finsterau“ in dem alte Häuser und Hofstellen, die an ihrem ursprünglichen Ort abgebaut und originalgetreu in dem Museum wieder aufgebaut wurden. In einigen Kilometer Entfernung  des Ortes Finsterau besteht heute die Möglichkeit für Wanderer und Fahrradfahrer den Grenzübergang Buchwald für Ausflüge nach Tschechien zu benutzen. Die Straße vom Parkplatz Wistelberg (oberhalb von Finsterau gelegen) bis zur Grenze ist heute tagsüber für den Individualverkehr gesperrt. Es fährt jedoch ein Linienbus bis zur Grenze. Früher konnten die an der Straße gelegenen Wanderparkplätze bequem mit dem PKW angefahren werden.

Das Freilichtmuseum in Finsterau mit einem seiner Exponate. Häuser, vorzugsweise bäuerlicher Natur, die sorgfältig abgebaut und vor Ort mit sehr viel Liebe zum Detail und originalgetreu wieder aufgebaut wurden

Ich weiß es nicht mehr ganz genau, wann mir der Ort und das Wort Finsterau das erste Mal wissentlich in das Gedächtnis gedrungen ist. Irgendwann anno Leipzig-Einundleipzig, also in den 60er oder 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. „Finster“ und „au“. Da muss es wohl finster sein, dunkel und die Sonnenstrahlen verirren sich sommers wohl nur ein paar Stunden am Tag dorthin. Aber eine Au, das war mir schon in meinen Jugendjahren vertraut, das musste wohl mitten in einer Waldung und etwas Lichtes sein. Wie eine Waldlichtung. Kann so schlecht dann doch wohl nicht sein. Als Kind und Jugendlicher fuhr man in Urlaub dorthin, wo es die Eltern wollten. Die Mama war in solchen Dingen immer sehr tonangebend und sie zog es dorthin, wo Wald war. Und zwar viel Wald. Und das bot in den 60er und 70er Jahren der Bayerische Wald zu Hauf. Ursprünglich, touristisch wenig erschlossen, also dort, wo man stundenlang wandern konnte, ohne einem anderem Menschen zu begegnen. Und im Wald war es schattig. Sonne, das mochte meine Mutter so gar nicht, deswegen waren Urlaube im Gebirge, das ich eigentlich präferierte, so gar nicht ihr Ding. Es gibt zwar auch im Gebirge Wälder, aber zum Einen nicht in so einer Dimension und – es ging fast immer erst einmal steil bergauf. So die landläufige Meinung der Familienvorsteherin.

Blick von Waldhäuser im Nationalpark Bayerischer Wald über das nicht enden wollende Meer an Bäumen

Der Bayerische Wald, er kristallisierte sich als das perfekte Urlaubsterrain für meine Mama, mein Vater ließ sich dann letztendlich auch dafür begeistern, und schlussendlich fügte auch ich mich; ich hatte in solchen Angelegenheiten eh keine Meinung zu haben. Wann unsere kleine Familie in den Woid eingefallen ist, das weiß ich heute nicht mehr und lässt sich zeitlich nur noch grob einschätzen. Das erste Mal waren wir in Bischofsmais und ich weiß noch, mein Papa ist mit dem Sessellift auf den Großen Arber gegondelt. Ich traute mich nicht und meine Mutter schon gleich zweimal nicht. Sie litt unter Höhenangst und schwindelig wurde es ihr auch.

Zudem bot der Bayerische Wald auch einen strategischen Vorteil: Die Fahrt ging über Fürstenfeldbruck, Dachau, Landshut und Dingolfing. Und in Dingolfing lebte notgedrungener Weise meine Cousine bei ihrem Vater, die meine Eltern nach ihrer Geburt zwei Jahre lang aufzogen da ihre Mutter – also die Schwester meiner Mama – diese nicht überlebte. Auch meine Cousine hatte geringe Überlebenschancen, aber sie schaffte es dank der hingebungsvollen und fürsorglichen Pflege meiner Mama. Und wir hingen alle an „meiner kleinen Schwester“. Und da bot es sich an, denn dann konnten wir sie wenigstens ein paar Stunden sehen.

Da war man noch jung und wusste noch nichts von den harten Prüfungen des Erwachsenen-Lebens…

Als heutiger Chefpoet traue ich mich an eine Thematik heran, die spannender nicht sein kann und auch für mich ein Stück herrliche Vergangenheit in Erinnerung ruft. Vergangenes wird in den meisten Fällen ja gerne verklärt und in blumigen Worten um- und beschrieben, das könnte auch in diesem hier niedergeschriebenen Schriftstück vorkommen, wobei ich mich sehr um Authentizität und die Wahrheit bemüht habe ohne allzu große Emotionen einwirken zu lassen. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit heißt auch ein Stück der inneren Einkehr und der Beschäftigung mit sich selbst. Mit den Menschen die in diesem Schriftstück vorkommen und natürlich auch mit  den eigenen Eltern, ihrem Handeln, ihrem Tun  und Vorgehen, und was sie bewogen hat, etwas zu unternehmen, das mir damals als Jungspund unverständlich war.

 

Wie kam es?

Bekannte von meinen Eltern erzählten von einem absoluten Geheimtipp im hintersten südöstlichsten Winkel Deutschlands,  im – damals – finstersten Bayerischen Wald. Kaum Touristen und nahe an der Grenze zur Tschechoslowakei. So gut wie kein Verkehr – der Grenzübergang war damals eh nicht passierbar und – grenzenlose Wälder. Nur Wald, Wald und nochmals Wald. Also genau das richtige für die Frau Mama. Unsere Bekannten, ich nannte sie nur Tante Wagner, schwelgten in den höchsten Tönen von: Finsterau. Und sie wohnten bei einer Försterfamilie, heute würde man marketingtechnisch in Touristendeutsch feuchtfröhlich fabulieren – mit Familienanschluss. Das einzige Manko war wohl, sie haben nur ein Zimmer vermietet mit 2 Betten. Und wir waren drei… Als die liebe Tante Wagner mit ihrem Gatten wieder nach Finsterau auf Sommerfrische gefahren ist, und mein Vater zu der gleichen Zeit seinen Jahresurlaub genommen hatte, fuhren wir auch dort hin. Zumindest in die geografische Nähe. Es sollte wohl eine Überraschung werden, wenn wir dort fern der Heimat plötzlich vor dem Försterhaus standen. Damals war das noch eine atemberaubende Reise; ja fast schon eine Fernreise um von Stuttgart in den Bayerischen Wald zu kommen. Autobahn gab es weiland nur bis München, und dann war Bundesstraße angesagt: Über Dachau, Landshut, Dingolfing bis Deggendorf. Das waren nervenaufreibende Fahrten, besonders dann, wenn man in einer Kolonne hinter einem Lastkraftwagen herzuckeln musste. Früher waren die Kapitäne der Landstraße noch nicht mit solch leistungsstarken Triebwerken in ihren LKWs beglückt wie heute, und die Automobile verfügten nicht einmal ansatzweise über das Leistungsspektrum wie es heute zum guten Ton gehört. Aber, man kam voran. Jedoch – da geriet jedes Überholmanöver zu einer schweißtreiben Angelegenheit – besonders für die Mama, die auf dem Beifahrersitz mehr fuhr als der Papa am Steuer – und solche Manöver mussten taktisch gut und klug vorbereitet werden. Navis? Das gab es selbstredend noch nicht. Da wurde am heimischen Wohnzimmertisch solch eine Fernreise – oder war es doch schon eine Expedition? – mit Hilfe von Straßenkarten generalstabsmäßig vorbereitet. Rast wurde jedesmal bei den Fahrten in den Woid in Dingolfing – wie bereits erwähnt – und in Deggendorf gemacht. Das entwickelte sich in den Jahren zu einer Tradition. Dingolfing, um meine Cousine Bärbel zu besuchen, und die Visitation eines bekannten Ehepaares meiner Mama in Deggendorf. Herr Briese – so hieß der kettenrauchende Bekannte – schnitzte sehr viel und da bekam ich immer ein paar Überbleibsel seiner Schnitzkunst geschenkt. Diese Holzreste, sie waren für mich immer etwas ganz Besonderes und wurden gehütet wie ein Schatz. Von Deggendorf aus ging es nach Hengersberg und dann über zum Teil schlecht ausgebaute Landstraßen tief in den Bayerischen Wald hinein. Aber: Mit jedem Kilometer kletterte das Gute-Laune-Barometer immer weiter. Grafenau, Hohenau und wie sie noch alle heißen, bis wir in Mauth angekommen waren. Das war unsere erste Destination in dieser Region am Nationalpark Bayerischer Wald. Untergekommen sind wir in einer Privatpension im Reschbachtal.

Unsere erste Urlaubsdestination im Dunstkreis von Finsterau. Privatpension im Reschbachtal in Mauth. Es verging wohl kein Tag, an dem ich nicht in den erfrischenden Reschbach hineingeflogen bin…

Ich weiß noch, dass es wohl keinen Tag in dem Urlaub gegeben hat, an dem ich nicht in diesen Reschbach gefallen bin, als ich voller Übermut mit den Kindern unserer Wirtsleute über einen schmalen Steg – ich glaube es war nur eine Holzlatte – getollt bin. Von meinen Spielkameraden, ist nie einer hineingefallen. Und so kam es, dass wir in diesem Urlaub die Försterfamilie kennen lernen durften. Ich glaube, es war Liebe auf den ersten Blick sowohl bei meinen Eltern als auch bei mir. Das Forsthaus! Mit einer Aussicht, die auch heute noch phänomenal ist und zwei Jagdhunden: Artemis und Circe, Dachsbracken aus der eigenen Züchtung des Försters. Meine Mama hatte zwar panische Angst vor Hunden, aber bei diesen zwei Hunde-Damen war es Liebe auf den ersten Blick.

Artemis, die Dachsbracke. Eine Seele von einem Jagdhund. Wir wussten nicht, was sie für ihre Leibspeise – die Leibniz-Kekse – alles gemacht hätte. Sie war erfahren, weise, klug, einfach ein Hund, in den man sich verlieben musste. Ich glaube, sie war gar kein Hund, sie war etwas Übernatürliches, ganz einfach nicht von dieser Welt

Und die zwei Hunde, sie hatten eine ganz spezielle Vorliebe und Leidenschaft, für deren Genuss sie wohl alles machen würden: Es waren Butterkekse. Sehr zum Missfallen des Försters, aber er musste ja auch nicht alles wissen. Besonders das nicht, dass die zwei Hunde die Angewohnheit hatten, morgens auf das Fensterbrett des im Parterre gelegenen Gästezimmers zu hüpfen und so lange mit dem Schwanz an die Fensterscheibe zu klopfen, bis sie die ersehnten Gutsle bekamen. Da ließ man sich gerne im Urlaub zu so früher Stunde wecken. Dass wir zu Dritt waren und es nur 2 Gästebetten gab, da fand die Försterin sogleich eine Lösung: Ich durfte in dem Zimmer des Sohnes schlafen. Toll. Er war einige Jahre jünger als ich und da hatte ich dann schon jemand, mit dem  man etwas unternehmen konnte. Es gab im Försterhaus noch 2 Töchter in meinem Alter, aber die interessierten mich in so jungen Jahren noch nicht, mit den Mädchen konnte man eh nicht viel anfangen. So meine vorgefertigte Meinung. Dabei waren es zwei ganz tolle Kameradinnen.

Ich glaube, meine Cousine und ich, wir waren mit den Försterskindern ein Herz und eine Seele

Das Försterhaus, es verkörperte für mich – und ich glaube auch für meine Eltern – das irdisch gewordene Paradies. Ich wollte zumindest nicht mehr weg von dort

Und so kam es, dass wir in dem darauffolgenden Jahr das erste Mal nach Finsterau in das „Forsthaus Hochwald“ fuhren um dort für zwei Wochen unser Quartier aufzuschlagen. In diesem Jahr und auch in den darauffolgenden Jahren habe ich niemals wieder so glückliche und zufriedene Wochen verbracht wie dort. Das Forsthaus liegt etwas exponiert, sodass auch im Hochsommer immer ein angenehmes Lüftchen an diesem Fleckchen wehte. Mit dem Förstersohn – der mir nachhaltig bis heute in Erinnerung geblieben ist – habe ich viel zusammen unternommen, sodass nie Langeweile aufgekommen ist. Vorausgesetzt die Mama hat nicht zu ausgedehnten Wanderungen durch den Wald aufgerufen, die dann meist an solchen Stellen endeten, wo wir Blaubeeren sammeln durften. Für mich ein absoluter Gräuel, für meine Eltern wohl das Höchste der Gefühle. Aber geschmeckt haben sie, ich habe in meinem Leben nie wieder solch aromatische Geschmacksnuancen der Heidelbeeren goutieren dürfen. Abends gab es sie immer mit Zucker und Milch, dazu ein frischgebackenes Brot mit Butter bestrichen. Wie herrlich war doch die unbeschwerte Jugend- und Kinderzeit. Das schmeckte besser als heute so manches Gourmetmenü! Was würde ich heute darum geben, so etwas noch einmal genießen zu dürfen. Vielleicht sind die Erinnerungen an damals heute in das Verklärte abgedriftet und wir stellen es uns einfach so wunderbar vor? In diesen Jahren, als wir unsere Urlaube in Finsterau verbrachten, da begann ich ab Februar immer die Monate und Wochen zu zählen, wann wir wieder in den Bayerischen Wald fahren.

Das war die Hölle. Für mich. Heidelbeeren pflücken. So umwerfend gut sie auch schmeckten, es war eine lästige Plackerei. Jedoch: Nie wieder in meinem Leben durfte ich solch eine Köstlichkeit, mit so außergewöhnlichen Geschmacksnuancen goutieren

Ich war das erste Mal mit auf der Jagd und der Förster schoss an diesem Abend einen Rehbock, den er noch in der selben Nacht nach Waldhäuser – ein Ort im Nationalpark Bayerischer Wald – transportierte. Ich durfte dabei zusehen wie er zerlegt wurde – ein einmaliges Erleben. Wer von meinen Schulkameraden konnte und durfte an so etwas teilhaben?

In den 60er und 70er Jahren war es opportun, dass die Sommerferien dort verbracht wurden, wo es heiß und das Meer in Sichtweite war. Aber doch nicht im Bayerischen Wald, oder noch schlimmer im Schwarzwald. Ich habe mich damals schon etwas geschämt, wenn ich davon erzählte, wo meine Eltern mit mir im Urlaub waren. Das musste schon mindestens Korsika, oder noch besser Amerika, sein. Damals war man noch nicht so selbstbewusst wie heute. Solche Destinationen waren ehedem ja nur was für frühsenile Rentner, so wurde es meist geringschätzig abgetan. Heute sind solche Gebiete in, hype und sowas von total angesagt; und: Das Wandern sowieso. Früher haben wir Jungspunde uns dafür geschämt.

 

Exponiert gelegen, mit viel Raum zum Leben und Atmen. Das Forsthaus

Das Forsthaus und die Familie

Das Forsthaus war keines, wie es sich jeder von uns vorstellen mag. Nicht mitten im Wald gelegen und ein dunkel gewordenes Holzhaus, so, wie es wohl jeder von uns in seinen Vorstellungen erträumt. Von außen hätte niemand vermuten können, dass es sich bei diesem größer geratenen Einfamilienhaus um das Gebäude eines Nationalparkförsters handeln könnte, bis auf die große über dem Eingang hängende hölzerne Hinweistafel mit den in das Holz geschnitzten Buchstaben „Forsthaus Hochwald“. Unter der Überdachung des Eingangsbereiches befand sich eine Holzbank, die besonders bei meinen Eltern am Abend immer sehr beliebt war um den Sonnenuntergang genießen zu können. Auf der Holzbank lag stets ein Fell. Es ist ein idyllisches Einfamilienhaus, in dem der Forstmann sein Büro hatte und die Geschicke des ihm anvertrauten Reviers verantwortungsvoll lenkte. Ich weiß noch zu gut, dass er mit Leidenschaft Dannemann Zigarillos rauchte und auch sonst kein Kostverächter war. Die Försterin war eine der liebenswertesten  Frauen, die ich kennen lernen durfte. Fürsorglich, immer nett und in jeder Hinsicht aufopferungsbereit. Ich glaube sie war der ruhende und ausgleichende Pol in der Familie. Der Förster, es war ein richtiger Förster und Waidmann von altem Schrot und Korn, wie man ihn sich klischeebehaftet als idealen Forst- und Waidmann nur vorstellen kann. Hart aber gerecht, für den Werte noch oberste Priorität genossen.

Da ließ sich die Abendsonne genießen

Wie bereits erwähnt, gab es zwei Töchter und einen Sohn. Die Älteste, sie war ein halbes Jahr älter als ich, ihre jüngere Schwester und der Sohn, der jünger war als ich. Er sollte wohl nach den Vorstellungen seines Vaters der Familientradition folgend, ebenfalls Förster werden. Von ihm habe ich einen Ausspruch aufgenommen, den ich auch heute stets verwende als er mir eine schwarze uralte und im besten Erhaltungszustand befindliche BMW – keine Ahnung was es wie eine war, denn damals hatte ich noch keine fundierten Kenntnisse über historische Motorräder so wie heute – voller Stolz seines Vaters zeigte, die wohlbehütet und abgedeckt in der Garage stand: „A schwars Motorradl…“. Was wohl aus der Maschine geworden ist?

Und jeden Morgen bereitete die Försterin uns ein ausgezeichnetes kräftiges Frühstück, welches wir in der guten Stube des Hauses – in dem Wohnzimmer – zu uns nahmen. Es war für uns, als wären wir zu Hause und eine Familie. Als olfaktorisch geprägter Mensch nahm ich bereits damals Gerüche wissentlich und bewusst auf. Nie wieder hatte ich einen solchen Geruch in der Nase, wie in dem Försterhaus. Ich kann es nicht beschreiben, wonach es gerochen hat, aber es duftete köstlich, einfach exzellent. Jedes Jahr, wenn wir wieder auf Sommerfrische kommen durften, ich das Haus betrat und den Geruch in mich aufsog, dann wusste ich, ich bin daheim. Der Duft, er erquickte, labte mein Seele und erfreute mein Herz. Der Geruch erweckte in mir eine Farbe, und dieses Farbenspiel war warm und hell, erquickend, freundlich und hell wie die Sonne. Wenn ich in den darauffolgenden Jahrzehnte nur die entfernteste Geruchsnuancen rudimentär gerochen habe, kamen mir sofort die Erinnerungen an das Forsthaus ins Gedächtnis.

Nie werde ich das Forsthaus vergessen, es war heimelig, ich fühlte mich dort wohl – ich glaube, es war: Heimat

Die Ausflüge

Was habe ich nicht alles erleben und erfahren dürfen!  Da waren die jährlichen Ausflüge nach Riedlhütte zu Nachtmann Kristall. Jedes Jahr kauften sich meine Eltern dort einen Weinrömer, der in der Großstadt nahezu unbezahlbar war. Zweite Wahl im Fabrikverkauf, aber meine Mama hatte ein scharfes Auge und sie suchte immer die Gläser aus, bei denen der Fehler für ein normales menschliches Auge absolut nicht sichtbar war. Auch ich durfte mir von meinem Taschengeld immer wieder das ein oder andere Gebrauchsgut aus Bleikristall kaufen. Ich sammelte über den Bayerischen Wald eigentlich alles, was mir in die Finger gekommen ist. Heute nach vielen Jahrzehnten kann ich es ja getrost beichten: Wenn wir wieder in Stuttgart waren, richtete ich jedes Jahr in meinem Bücherschrank eine Ecke ein, die ich als regelrechten Devotionalienschrein mit Andenken aus dem Bayerischen Wald bestückte. Heute weiß ich, was es damals war: Es überkam mich dann immer eine ganz spezielle Form von Heimweh, es zog mich ganz einfach in den Bayerischen Wald und ganz speziell nach Finsterau.

Solch eine Schnupftabakdose aus Bleikristall, sie war eine meiner kostspieligsten Anschaffungen. Selbstverständlich von Nachtmann-Bleikristall aus Riedlhütte. Ein Unternehmen, das heute – wie so viele Traditionsunternehmen – nicht mehr existiert

Die Eltern kauften sich in der Nachtmann Bleikristall-Manufaktur jedes Jahr einen neuen Weinrömer. Für sie waren diese Gegenstände etwas ganz Besonderes

… und als Geschenk gab es dann und wann auch einmal Cocktail-Gläser

Nun war es nicht so, dass wir jeden Tag auf Schusters Rappen durch die Wälder gestromert sind. Es gab schon immer wieder Tage, an denen wir in eine der Städte gefahren sind. Nach Freyung, Grafenau und Waldkirchen – dort hat meine Mutter in einem Kaufhaus jedes Jahr handbemalte Kleiderbügel gekauft, die ich heute noch in Ehren halte. Auch nach Passau sind wir das ein oder andere Jahr gefahren, es ist halt eine Stadt und in solch einer wohnen wir das ganze Jahr.

Die handbemalten Kleiderbügel wurden in Waldkirchen in einem dortigen Warenkaufhaus käuflich erworben

Es wurden auch Ausflüge unternommen, wie hier nach Passau. Aber das hätten wir uns auch schenken können, denn wir waren froh, als wir wieder „daheim“ waren

Die Gehegezone bei Neuschönau war für mich ein ganz besonderer Anziehungspunkt. Die heimischen – und auch die ehemaligen heimischen – Tierarten betrachten. Na, zuerst musste man sie in den riesigen und naturbelassenen Gehegen erst einmal finden. Luchs, Wölfe, Bären, Wildschweine, Rehwild, Rotwild und noch viele mehr, konnten und können die Besucher andächtig von Aussichtspunkten betrachten. Es wurde seitens der Nationalparkverwaltung bei dem Bau der Gehege besonderes Augenmerk darauf gelegt, dass sich das Wild in einer möglichst naturgegebenen Umgebung wohlfühlen kann – ganz im Gegensatz zu einem Zoo wo die Wildtiere den Besuchern ja quasi auf dem Servierteller präsentiert werden. In den Nationalparkgehegen müssen die Besucher sie schon suchen. Die Philosophie ist eine ganz andere; eine naturbelassene möglichst naturnahe Umgebung.

Die Wanderungen auf den Siebensteinkopf, auch sie blieben nachhaltig in Erinnerung, da wir diesen meist über die Reschbachklause in Angriff nahmen und der Weg ziemlich nahe an der Grenze zur damaligen Tschechoslowakei vorbei führte. Es war angeraten den dort markierten Pfad tunlichst nicht zu verlassen, da es durchaus sein konnte, dass man sich wissentlich oder unwissentlich auf östliches Terrain begeben konnte. Und das sollte trotz der deutlich sichtbaren Grenzmarkierungen unter allen Umständen vermieden werden. Es herrschte noch der kalte Krieg und dort begann der eiserne Vorhang.

Die Wanderung zum Siebensteinkopf war nicht ohne, führte der Wanderweg doch unmittelbar am „Eisernen Vorhang“ vorbei

Was gab es sonst noch?

In Mauth gab – und diese gibt es auch heute noch – eine Metzgerei, die für ihre Wurst- und Fleischwaren über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Wurstwaren, von solch erlesener Güte, Qualität und Genussintensität, von so etwas konnten wir Städter nur träumen. Das Schwarzgeräucherte: So etwas hatte  ich damals noch nie gegessen und auch heute habe ich nirgends eine Metzgerei  außerhalb von Mauth gefunden, die so eine Qualität herstellt. Das ist auch der Grund, dass ich mir immer wieder solch Schwarzgeräuchertes schicken lasse. Wenn das Paket geliefert wird: dann ist Genusszeit und dem kulinarischen Vergnügen mit den herrlichen Gaumenfreuden steht nichts mehr im Wege. Ein frisches Bauernbrot, das muss dann einfach dazu. Es sind solche Momente, die einem vorkommen, als wäre man im Woid. Die Erinnerungen werden wach und das Kopfkino spielt seinen ganz eigenen persönlichen Film ab. Erinnerungen an einen Ort, dort, wo die Sehnsucht ist.

Wald, Wald und nochmals Wald; eine Luft – Wahnsinn

Ich glaube so mit etwa 15 Jahren durfte ich auf dem vom Forsthaus gegenüberliegenden Fußballplatz mit Papas Audi 100 meine ersten Fahrversuche unternehmen. Ein Fußballplatz wie wir ihn kennen war es nicht, kein grüner Rasen sondern eigentlich ein Sandplatz mit diversen Unregelmäßigkeiten was die Oberflächengüte betraf. Auf dieser ehemaligen Sportstätte  haben heute einmal im Jahr während des Winters die Audi Quattros ihr Pantheon, auf dem sich die Allradler stimmgewaltig austobten können.

Das absolute Highlight war jedoch, als der Förster, sein Sohn und ich auf die Jagd gegangen sind. Und zwar nicht abends oder morgens, sondern auf die Steinfleckhütte mitten im Nationalpark. Denn der Förster war einer der privilegierten Heger, der sein Revier mitten im Nationalpark Bayerischer Wald hatte, entstammte er doch einer Försterdynastie, deren Vorfahren diesseits und jenseits der Grenze für die Pflege des Waldes und die Hege des Wildes schon seit Generationen verantwortlich war. Diese Tradition, sie wurde von Generation zu Generation – ja man kann fast schon sagen – weitervererbt. Heute undenkbar. Also besagte Steinfleckhütte: Ich werde sie nie vergessen und auch nicht diese wundervollen Stunden. Am nächsten Morgen bin ich mit dem Förstersohn auf die „Jagd“ gegangen. Natürlich nicht wie die Waidmänner mit dem Gewehr, sondern mit einem Fernglas bewaffnet. Niemals wieder bin ich mit offenem Mund durch solch einen einzigartigen und wunderbaren Wald gegangen. Ein Hochwald, riesige uralte Nadelbäume, bei denen nur die obersten Stämme mit Ästen und Nadeln besetzt waren. Es war wie in einer riesigen Kathedrale. Nur musste wir bei aller Begeisterung – zumindest meinerseits – aufpassen, dass wir uns nicht auf östliches Territorium verliefen. Denn solche unbeabsichtigten Grenzübertritte in damals feindliches Terrain, das schlachteten die Massenmedien immer gerne aus, zumal es meist auch mit diplomatischen Verwicklungen einherging, und die waren damals nicht ohne. Ich merke nur an: Der kalte Krieg. Der Nationalpark grenzte unmittelbar an die Tschechoslowakei, und da war als Westbürger Vorsicht geboten. Diese Steinfleckhütte, sie hat mich in manchen schlaflosen Nächten immer wieder zum Einschlafen gebracht, wenn ich an diese Ursprünglichkeit fern ab jeder Zivilisation dachte. Dort, wo damals nur alle Schaltjahre mal eine Zollpatrouille vorbeikam, das war mein ultimativer Traum-Rückzugs-Ort. Nie wieder erlebte ich solch nachhaltige Eindrücke wie an diesem Steinfleckberg und auf der Steinfleckhütte. Es muss schon irgendetwas Magisches haben. Vielleicht ein Kraftplatz? Ich weiß es nicht, vorstellbar wäre es aber schon…

DIE STEINFLECKHÜTTE. Mein heimlicher Sehnsuchtsort, an den ich mich geistig immer „hinbeamte“ wenn ich Sorgen und Nöte hatte – oder nicht einschlafen konnte

Und dann trug sich eine ganz besondere Episode zu, die ich nicht vorenthalten möchte: Försters Sohn und ich stromerten durch das dem Forsthaus angrenzende Wäldchen. Die zwei Jagdhunde durfte ich an der Leine führen. Und urplötzlich blieb der Sohn stehen, zeigte nach vorne auf den Weg und rief: „Da, schau ein Fuchs“. Die zwei Dachsbracken witterten jetzt auch das Wild und wie ein geölter Blitz schossen sie ab, ich – der Chronist – damals noch von schmächtigem Wuchs – darauf nicht vorbereitet,  fiel der Länge nach auf den Bauch, das interessierte die zwei  Hundedamen  aber überhaupt nicht und so zogen sie mich bäuchlings über den Waldweg. Die Leinen, ich hab sie nicht losgelassen. Auch die Rufe des Förstersohnes interessierten die Jagdgenossen einen feuchten Kehrricht. Der Fuchs – er war verschwunden und hat sich über diesen skurrilen Anblick sicherlich einen Ast gelacht. Das waren Erlebnisse!

In den folgenden Jahren sind meine Eltern mit mir nochmals zu dieser Steinfleckhütte gewandert, nur schwer war der Aufstieg dorthin zu finden, denn es führte nur ein nicht markierter – selbstverständlich – Jägersteig zu diesem Ort voller Magie und Träume.

Und so kam es, wie es kommen musste: Ich wollte den Beruf des Försters ergreifen. Wieder daheim in Stuttgart kaufte ich in einer darauf spezialisierten Fachbuchhandlung von meinem ersparten Taschengeld in den folgenden Monaten alle erdenklichen Fachbücher über Forstwissenschaften und über die Jagd. Hin und her gerissen war ich zwischen meiner absoluten Leidenschaft für Automobile und die Försterei. Das war in meinem Leben die erste Zwickmühle, in der ich mich befand. Letztendlich siegte jedoch Ersteres, die Leidenschaft zu den Automobilen, da ich ein recht fauler Mensch war,  immer  orientiert auf der Suche nach praktischen Lösungen… Um den Beruf des Försters ergreifen zu können, hätte ich mein mir doch sehr ans Herz gewachsene Stuttgart zum Studium verlassen müssen. Zudem gab es für diesen Studiengang einen Numerus Clausus, den ich mit meiner mir innewohnenden schulischen Faulheit nie und nimmer würde erreichen können. So erledigen sich manche Probleme und Herausforderungen wie von selbst. Eigentlich schade, im nachhinein betrachtet. Möglicherweise wären manche Dinge in meinem Leben doch ganz anders verlaufen.

Traumhafte kleine Hütten für die Leute, die im Wald ihrer Arbeit nachgehen

Die Wanderungen vom Parkplatz Wistelberg zur Alten Klause und weiter zu der idyllisch gelegenen Reschbachklause

Wenige Menschen wanderten durch den Wald, man begegnete kaum einem Wanderer, und je weiter wir in den Wald hineinkamen, traf man fast niemanden mehr. Von der Reschbachklause zur Schwarzbachklause – dies war auch eine Diensthütte unseres Försters – da war man mutterseelen alleine. Und Heidelbeeren gab es da, einesteils sehr zu meinem Leidwesen, anderenteils zum Verspeisen ein Hochgenuss, aber das mühselige Pflücken, es war schon eine arge Plackerei. Den Eltern, war es Erholung und Genuss zugleich. Wir stammen halt doch von Jägern und Sammler ab. Das wurde mir damals zum ersten Mal so richtig bewusst, als ich meine Eltern in gebückter Haltung pflücken sah. Wenn ich heute nur daran denke, bekomme ich furchtbare Kreuzschmerzen… Was ich jedoch auch von meinen Eltern gelernt habe ist die heilsame Wirkung des Arnikas, denn dieser wächst auch in den Hochlagen des Bayerischen Waldes. Heute streng geschützt und das Pflücken ist nicht so gerne gesehen. In Alkohol eingelegt entfaltet es seine wohltuende Wirkung nach einigen Tagen und Wochen. Und der kleine Vorrat meiner Mama, er erzeugte Labsal wenn wir ein Zipperlein hatten.

Die Reschbachklause. In früheren Jahren wurden die Holzstämme nach dem Öffnen der Stauwehre sehr weit transportiert

Die Schwarzbachklause war zur damaligen Zeit die Diensthütte „unseres“ Försters. Mitten im Wald und was hörten wir, als wir andächtig dort saßen? Stille!

Und dann gab es in Finsterau den Gasthof und Pension Bayerwald mit einem schon merkwürdigen aber liebenswürdigen Kauz als Wirt. Dort aßen meine Eltern und ich des Öfteren zu Abend. Eine richtig urige Dorfwirtschaft, wie man sie heute wohl nur noch sehr selten zu Gesicht bekommt. Das Gasthaus, es existiert heute nicht mehr. Dieser Gasthof war noch von der Qualität, dass es keine geldgeile professionelle Abfütterungsstation war, wie es heute in touristischen Hochburgen Usus ist.

Und das Höchste für meine Mama war immer, wenn sie Pilze gefunden hatte. Die Försterfrau, sie hatte die absoluten Geheimtipps auf Lager, auch wo es die besten Heidelbeersträucher mit den größten Beeren gab. Solche geschmackliche Brillanz, wie sie von den dort gefundenen Pilzen damals ausging, niemals wieder konnte ich solch exquisite Geschmacksnuancen verkosten. In Butter wurden sie angebraten, soviel ist mir auch noch im Gedächtnis.

Das waren die absoluten Kenner der besten Heidelbeerplätze und sie wußten, wo es die schmackhaftesten Pilze gab. Die Försterin mit ihrer Tochter

Der Papa hatte seinen Fotoapparat – eine Zeiss Ikon Contina II – auf unseren Streifzügen – meistens –  dabei, um wichtige und schöne Momente auf Zelluloid zu verewigen. Meist war es ein Dia-Film, und in den Wintermonaten wurden diese Lichtbilder auf den legendären Diaabenden der Familie oder Bekannten präsentiert. In dieser Zeit sind wir weggetaucht und die schönste Zeit des Jahres erschien nicht nur vor unserem geistigen Auge, sondern als Abbild eines Lichtbildes auf der Leinwand. Es war für mich immer wieder wie das Zurückholen des Urlaubes. Früher wurden bei der Verewigung und dem Festhalten von Zeitdokumenten noch keine massenhaften Fotoarien bei den Aufnahmen vollzogen, sondern die Fotos wurden ausgewählt und mit Bedacht wurde der Auslöser der Kamera betätigt. Meist reichten 2 Filme für einen ganzen Urlaub, es wurde nicht wahllos alles fotografiert, sondern ein Lichtbild wurde sorgfältig komponiert. Diese 2 Filme für einen ganzen Urlaub ist in ungefähr die Menge an Verewigungen, die heute die ambitionierte Jugend in 5 Minuten mit ihrem Smartphone verknipst. Ob die obligatorischen Selfies da schon mit eingerechnet sind? Das kann der Chronist nicht beurteilen – möglich wäre es aber schon. Wenn wir heute alte Lichtbilder betrachten, dann ist es wie ein gedanklicher Spaziergang, auf dem der Betrachter fast schon entrückt lustwandelt. Die Zeit kommt auf einer Fotografie zum Stillstand. Manche Fotografien lösen bei dem Betrachter eine Faszination, Wohlbefinden und Anziehungskraft aus – eigentlich wie Kraftfelder. Solche Bildwerke sind nach Jahrzehnten bereits historische Zeitdokumente, denn vieles, das ehedem auf Zelluloid festgehalten wurde, existiert heute nicht mehr.

Das ist die Kamera, mit der die lichtbilderischen Dokumente angefertigt wurden: Die Zeiss Ikon Contina II. Mit der analogen Fotografie, da wurden die Lichtbilder noch aufwendig durch den Sucher komponiert. Nicht wie heute, wo man mit den Smartphones in 5 Minuten solch eine Anzahl an Bildern einfängt, die in den 60er/70er Jahren des letzten Jahrhunderts für zwei Wochen ausreichen mussten

Und dann durfte ich meinen 15. Geburtstag in dem Försterhaus erleben. Von der Försterin bekam ich das Buch „Der Goldene Steig“ mit einer Widmung versehen; dieses Buch habe ich heute noch, es hat diverse Entrümpelungen überstanden und ich werde es wohl nie hergeben. Am Nachmittag gab es für uns Kinder Würstel, das war eines meiner besten Essen an solch einem Tag. Gegessen haben wir es an dem großen Tisch in der riesigen Küche, ich denke immer noch mit großer Wehmut an diese Zeit. An das Försterhaus mit seinen Menschen. Damals war alles für uns Heranwachsenden unbeschwert, leicht und glücklich. Wenn wir damals schon gewusst hätte, was für Prüfungen uns das Leben noch auferlegen wird, wäre es vielleicht nicht so glücklich gewesen und wir hätten die Zeit nicht so genießen können. Die Sorgen und Nöte, sie kamen dann meist schneller als uns lieb war. Und wir Kinder, wir wussten noch nichts vom Leben. Wir waren damals im hier und jetzt.

Das Buch „Der Goldene Steig“, welches ich zu meinem 15. Geburtstag von der Försterfamilie bekommen habe, halte ich bis heute in Ehren. Der Einband ist im Laufe der Jahrzehnte etwas verblichen

Auf die Widmung war ich damals stolz wie Oskar

Finsterau war für mich immer eine Ruheoase.

Als Städter fehlte einem irgendetwas. Es war ein Hintergrundgeräusch, das in der Großstadt immer allgegenwärtig war und das man als Bewohner nicht mehr bewusst wahrnahm. Wenn dieses Hintergrundgeräusch dann auf einmal nicht mehr da war, es fehlte irgend etwas. Aber die Stille, sie war nicht unheimlich, sonder auf das Höchste angenehm. Das merkten meine Eltern und ich erst wieder, als wir zu Hause in Stuttgart und seinem Moloch waren. Dass das viertelstündige Kirchturmgebimmel so nervtötend sein kann, ist mir erst vier Jahrzehnte später bei einer Reise zurück in die Jugendzeit nach Finsterau so richtig zu Bewusstsein gekommen.

Welch idyllischer Anblick und eine Örtlichkeit, wo man immer leben möchte. Wie mühselig war das Dasein dort in früheren Jahren, welche Entbehrungen mussten die Menschen damals dort ertragen? Heute nicht mehr vorstellbar und doch möchten wir genau dort – am liebsten für immer – verweilen

Und es gab viele Menschen, die fuhren mit Zündapps umeinander. Junge wie Alte. Mopeds, Mokicks aber auch Kleinkrafträder. Es waren preiswerte Fortbewegungsmittel, denn damals waren die Bewohner dieser Region – Finsterau war ja auch der letzte Ort vor der Grenze – monetär nicht sehr gesegnet. Zündapp auch deshalb – so vermute ich – weil sie bayrischer Fabrikation waren und die Woidler auch patriotisch gesinnt, und der Heimat sehr verbunden waren. Und der Woid ist nun mal Bayern. Besonders bei den Jugendlichen war das einarmige Gashahn-Reißen in der 50 ccm-Klasse sehr  beliebt. Ich möchte nicht wissen, ob es bei den Nachwuchs-Kradisten nur ein Maschinchen gab, das nicht frisiert war. Und einen BMW, den konnten sich damals nur die wenigsten leisten. Das verdiente Geld wurde für wesentlichere Dinge benötigt, als mit einem Statussymbol zu präsentieren. Da wars schon preisgünstiger mit dem Zweirad von A nach B zu fahren, um Besorgungen zu erledigen. Die Männer arbeiteten unter der Woche bei BMW in Dingolfing oder München und kamen erst am Freitagabend wieder heim zur Familie. Und heim in den Woid. Dann wurde mit dem in der Ferne verdienten Geld an dem Haus weitergebaut. So entstanden viele schmucke Einfamilienhäuser, die alle meistens nur an den Wochenenden erschaffen wurden. Bei solchen Bauvorhaben halfen sich die Familien und die Verwandten immer untereinander. Das Arbeitsplatzangebot ist damals wie heute in dieser Gegend nicht besonders rosig. Deshalb ziehen viele aus ihrer Heimat weg, wenn sie  überleben wollen.  Aber: Das ist die Heimat dieser Menschen und es kann nicht sein, dass sie für ihr Überleben diesen wunderbaren Ort verlassen müssen! Es gäbe Alternativen, aber diese sind nicht gewollt und auch nicht gewünscht – aber dies ist wieder ein ganz anderes und eigenes Thema!

Der Geruch des Zweitaktgemisches der Rängdängdängs, ich habe ihn nirgends mehr sonst so olfaktorisch genießen können wie damals und dort. Ob die Woidler ihr eigenes Gemisch zauberten? Möglich wäre es schon. Und diese Zweiräder, sie brachten mich jedes Jahr wieder zu der Erkenntnis, dass sie die preiswerten motorisierten Fluchten und Fortbewegungsmittel der Bevölkerung waren, wie ehedem im restlichen Deutschland der 50iger Jahre, als die Massenmotorisierung einsetzte. Zuerst auf 2 Rädern, dann im Zuge des fortschreitenden Wohlstandes mit Automobilen. Der Bayerische Wald war in vielerlei Hinsicht noch zurückgeblieben und das war es, das seinen ganz besonderen Charme ausmachte. Kleine Krämerläden, die für die Grundversorgung der Menschen sorgten, die Menschen kannten sich alle untereinander, man  brauchte keine Supermärkte, um sich mit dem Tagtäglichen einzudecken. Und heute? In Freyung, der nächst größeren Stadt sieht es am Ortseingang aus wie überall. Die großen Supermarktketten haben sich mit ihren Einkaufspalästen in trauter Eintracht niedergelassen und es ist alles erhältlich, wie es auch in München oder Stuttgart zu finden ist. Die grüne Wiese ist zubetoniert – natürlich nur zum Wohle der Bevölkerung. Die kleinen Läden – sie verschwinden, einer um den anderen. Damit einher geht auch ein großer Verlust der Identität der Ortschaften und auch der Bezug zur Heimat geht verloren.

Dann gab es die Zeit, wo ich mit meinem eigenen Automobil in den Bayerischen Wald gefahren bin. Ein Königsroter Käfer mit einem selber aufgebauten Motor und reichlich Leistung. Wieviel? Das verrate ich besser nicht… Herrlich breiten Rädern und einer wunderbaren Artikulation des Triebwerkes. Überall wo ich stand, bildetete sich kurzerhand eine Traube um meinen Käfer. Vollgestopft mit allem notwendigen Werkzeug – man konnte ja nie wissen, was als nächstes kaputtgehen könnte und ich es am nächsten Straßenrand wieder instandsetzen durfte. Ein Lied von Phil Collins wurde dauernd in dem Kassettenrecorder und – zur damaligen Zeit – voluminösen Anlage mit den vier Lautsprechern gespielt.

Das war damals das ultimative Geschoss, vor dem selbst Sportwagenfahrer ergebenst den Hut zogen, wenn das Ansauggeräusch durch die beiden Doppelvergaser zu den Umstehenden sprach. Das war der Megahammer!

Und so trug es sich zu, dass ich in eine Verkehrskontrolle geriet mit äußerst wichtigen „Amtspersonen“ auf der Magistrale zwischen Maut und Phillipsreuth – ich glaube es war schon nach Annatal; einer Strecke, auf der sich in einer Stunde wahrscheinlich nur ein Auto dahin verirrt hat. Sie schlichen um das Auto herum, betrachteten den Motorraum und mir trat immer mehr der Schweiß auf die Stirn. Sie waren nicht auf der Suche nach einem möglichen Fehlvergehen, sie waren höchst interessiert, bis die Frage darauf kam: „Wie schnell läuft der denn?“ Ich sagte dann salomonisch „ich weiß es nicht, aber 150 bin ich schon mal gefahren, schneller traue ich mich nicht, ich möchte ja nichts kaputtmachen“. Ich wusste nicht einmal, welche Höchstgeschwindigkeit in dem Fahrzeugschein eingetragen war. Es waren deutlich mehr. Auf jeden Fall haben mich die zwei Streifenwagenbesatzungen dann mit einem „schönen Tag noch“ dann weiterfahren lassen. Das war ein Abenteuer. Das war die bis heute einzige Verkehrskontrolle, in die ich geraten bin. Deswegen ist sie mir auch noch so nachhaltig im Gedächtnis geblieben. Es war damals ein traumhafter schöner Tag und die Herrschaften wollte wahrscheinlich diesen ein wenig an der frischen Luft verbringen, und was bot sich da besser an als eine Verkehrskontrolle an einem Fleckchen Straße, wo eh nichts los ist. Bis dann der Stuttgarter Käfer daher kam und für einen Augenschmaus und für Abwechslung sorgte. Herrliche Zeiten.

Königsrot, eine wunderbare dunkelrote Farbe. Auch wenn sie ausbleichte und man als Connaisseur mit dem Polieren – fast – nicht mehr nachkam. Er sollte halt immer wie aus dem Ei gepellt dastehen

Oder die Anekdote, als mir der Gaszug genau vor dem VW Händler in Freyung gerissen ist. War das peinlich, denn genau vorher hatte ich die Pferdchen aus dem Stall gelassen… als die Ampel auf Grün schaltete, es mich in den Vollschalensitz presste und die Brennraumkalotten gierig durch die voluminöse Vergaserbatterie vehement das Kraftstoff-Luftgemisch ansaugten. Der VW Händler hatte einen neuen Gaszug auf Lager – den hatte ich nämlich nicht dabei(!) – und schraubte am Straßenrand gemütlich vor mich hin. Nach einer Viertelstunde ging es wieder weiter.

Die automobilen Wanderungen waren für mich als damaliger Nachwuchsautomobilist das Paradies. Fenster offen,  das Schiebedach geöffnet, Phil Collins plärrte aus den Lautsprechern – da fuhr ich unmittelbar in der Landschaft, du bist ein Teil in dem Film, spürst, riechst, fühlst die Natur, die Kühle und Frische des Waldes, die wohlig einhüllende Wärme der sonnendurchfluteten Wiesen… Und das wonnige und paradiesische Herumstromern auf den kleinen Straßen, die über ein herrliches Kurvendesign verfügen. Ich höre sie jetzt schon, als ich diese Zeilen in die Tastatur klopfe – die Berufs-Phillister. Seid ein wenig toleranter, das Leben ist schon grausam genug… Und da sind solche Sinnoasen das Herrlichste auf der Welt, jeder halt auf seine Art…

Wie oft bin ich in diesen  Jahren nicht auf den Lusen – einen 1373 Meter hohen Berg im Nationalpark – gewandert, immer darauf aus, die Zeiten auf den liebevoll geschnitzten Hinweistafeln um mindestens die Hälfte zu unterbieten. Heute würde ich wahrscheinlich die doppelte Zeit benötigen. Aus dem Reschbachtal oder von Waldhäuser aus, denn von dort war die Lusenwanderung am schnellsten zu bewältigen. Vom Lusen und seiner nichtbewaldeten und mit großen Granitsteinen besetzten Gipfel hat der Wanderer eine atemberaubende Aussicht; auf den Steinfleckberg mit der Steinfleckhütte, weit nach Osten in den Böhmer Wald hinein und in den vorderen Bayerischen Wald.

Die Lusenschutzhütte, da schmeckten die Wienerle mit Brot nach dem Aufstig zum Lusen gleich doppelt so gut

Die letzten Meter über die mächtigen Granitfelsblöcke zum 1373 Meter hohen Lusen

Oder die Wanderungen mit meinen Eltern auf den Rachel. Anstrengend aber wir wurden auch dort mit einer traumhaften Aussicht belohnt – und ein paar Felsen gab es auch. Für mich als Alpenliebhaber dann immer wieder ein kleines Highlight.

Der Rachelsee, ein Ort, an dem es sich kontemplieren lässt

Die Racheldiensthütte

Blick von der Rachelkapelle hoch über dem Rachelsee

Der 1.452 hohe Große Rachel

Jahre später habe ich mit zwei Freunden einen Urlaub in diesem abgeschiedenen Fleckchen Erde gemacht. Diesmal war es eine Ferienwohnung in Vierhäuser bei Mauth mit einer traumhaften Terrasse und einem Garten, den wir auch benutzen konnten. Legendär unsere damaligen Grillorgien. In Ermangelung eines Grillanzünders wurde kurzerhand die Verteilerkappe des Käfers zweckentfremdet und mit Benzin aus dem Tank gefüllt. Das war schon abenteuerlich, aber geschmeckt hat`s gut und einen Brand hat es auch nicht gegeben. Wir haben diesen Grillzauber auf einem Parkplatz veranstaltet, der für derlei Grillereien zugelassen war. Zumindest ist es mir so heute noch im Gedächtnis.

Jahrzehnte später machte ich eine Revival-Tour an den Ort meiner Glückseeligkeit. Diese fotografische Notiz wurde in Waldhäuser komponiert

Und nach fast 4 Jahrzehnten bin ich wieder in den Woid gefahren. Back to the roots. Zurück in die gute alte Zeit. Vielleicht auch eine Flucht in ein Stück Jugend um sich wieder jung zu fühlen? Schluss mit der ewigen Träumerei und in dem Schwelgen von dem Gestern. Mit einer Luxuskarosse bin ich eingefallen, es war mir schon etwas peinlich. Eine Reminiszenz an die guten alten Zeiten musste doch sein und zwar ultimativ und ohne wenn und aber: Phil Collins mit dem gigantischen „In the Air tonight“. Wie damals mit meinem frisierten Käfer nur heute in einem ultimativen Geschöpf aus der Dresdner Manufaktur. Die musikalische Orgie und die Reminiszenz wurde in dem Ort Glashütte begonnen und das Lied hörte in Mauth auf. In meinen Ohren dröhnte das Lied noch Stunden später; der Innenspiegel vibrierte zwar sehr stark und äußerst musikalisch im Takt und ich bekam es schon mit der Angst zu tun, dass dieses Teil abfliegt; aber das musste sein: Meine ganz persönliche Woid-Hymne, damals ist mir dabei immer einer abgegangen und heute wieder! Einfach geil!

Der ultimative musikalische Hammer aus den 80er Jahren begleitete mich auch auf dieser Reise wieder. Es MUSSTE sein. „In The Air Tonight“ von Phil Collins mit diesem gigantischen und in die musikalische Weltgeschihchte eingegangenen legendären Schlagzeug-Break. Die Mega High-End-Anlage bis zum Anschlag um zum schieren Zerbersten aufgedreht, da ist mir einer abgegangen. Einfach geil!!

 

Und heute?

Dem Internet sei Dank – so ertappe ich mich schon seit einem Jahrzehnt immer wieder, dass ich still und heimlich die Immobilienanzeigen durchforste. Es wäre schon immer wieder die ein oder andere Occasion dabei gewesen, aber als verheirateter Mann muss man auch auf die Bedürfnisse seiner Frau Rücksicht nehmen. Aber ob sie auf etwa 1.000 Meter Höhe mit will? Wo es im Winter ordentlich Schnee gibt? Fragen auf die sich immer wieder neue Fragen ergeben könnten und auch werden. Und da ist die unsägliche Kirche. Als ich das letzte Mal alleine dort war, es ist mir schon tierisch auf den Zeiger gegangen, dass die ganze Nacht durch alle Viertelstunde die Glocke gebimmelt hat um die Uhrzeit akustisch der Bevölkerung kundzutun. Mich gelüstete es nach Ruhe, Stille und nicht nach Terror; und das ist es zweifelsohne. Nur früher – da ist es mir nicht bewusst aufgefallen, obwohl das Forsthaus unmittelbar an den Friedhof und damit an die Kirche angrenzt.

Es gehört zu unserem Kulturkreis, aber ist es nötig, dass mitten in der Nacht alle viertel Stunde die Uhrzeit akustisch kundgetan werden muss? Nein!

Und dank Internet kann man auch rudimentär an dem Geschehen von Finsterau teilhaben. Die Dorfmittengestaltung. Ein Thema, mit dem sich die Entscheidungsträger schon viele Jahre herummühen. Vielleicht sehe ich es falsch und zu pragmatisch? Ansehen, besprechen und tun. Hemdsärmel hochkrempeln und machen. Ich habe in meiner Berufstätigkeit das alles schon zigfach erleben müssen, wie das geht: „Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründe ich einen Arbeitskreis“. Das Ende vom Lied? Entweder ist nichts dabei herausgekommen, es wurde noch verworrener oder es endete im Chaos. Aber wahrscheinlich sehe ich das aus der Ferne auch völlig falsch und so wie es gemacht wird ist es richtig. Manchmal brauchts auch ein wenig Geduld und manches Mal etwas mehr. Und Geld sowieso.

Aus Finsterau, da könnte sehr viel daraus gemacht werden… man könnte, wenn man wollte, aber vielleicht ist es jetzt, so wie es ist, auch schon zu viel? Ich weiß es nicht… das müssen die Menschen entscheiden, die dort leben.

Das Freilichtmuseum, der offene Grenzübergang (für Wanderer und Radlfahrer), möglicherweise ist ein solch idyllischer Ort schon an seiner Belastungsgrenze angelangt? Denn wo so etwas hinführen könnte, dass sieht man mehr als deutlich bei vielen Orten in den Alpen; und die erschreckenden und abstoßenden Beispiele, sie werden immer mehr.

Idyllische Kleinodien im Freilichtmuseum Finsterau. Die Besucher können in eine ganz andere – uns fremdgeworde Welt – eintauchen. Wir sollten von unseren Altvorderen wieder etwas annehmen

Dabei hat Finsterau ein unglaubliches Potenzial, wie es schon mehr aus sich machen könnte und das schonend. Denn jedes Unternehmen, jedes Geschäft,  das seine Pforten schließen muss, ist für solche kleinen Dörfer mehr als schmerzlich. Nicht nur der Wegfall an Arbeitsplätzen tut weh, sondern auch der Verlust der Identität des Ortes mit seinen Gewerbetreibenden, die über Jahrzehnte dort ansässig waren, sowie des Heimatgefühls der dort lebenden Menschen.

Finsterau, ein Ort der Stille und des sich Wohlfühlens. Auch wenn das Leben dort schon ziemlich hart sein kann, besonders im Winter. Man darf nicht immer nur die Sonnenseiten sehen, sondern auch die Schattenseiten

Sanfter Tourismus

Dass der Borkenkäfer dafür sorgte, dass große Teile des Nadelwaldbestandes des Nationalparks ganz einfach abgestorben ist, sorgte für reichlichen und hitzigen Gesprächsstoff. Nicht den Borkenkäfer gnadenlos bekämpfen wie es in den meisten Nutzwäldern Usus war und ist, sondern ihn als Regulativ der Natur betrachten. Der Wald, er sah in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts – und zum Teil bis vor wenigen Jahren – erschreckend und trostlos aus. Abgestorbene Baumstümpfe, kahle in den Himmel ragende Stämme – aber das ist Natur. Heute wächst dort wieder eine unglaubliche Vielzahl an Pflanzen und Gehölzen, die für die kommenden Generationen einen gesunden Wald hervorbringen. Die Natur, sie regelt alles selber. Da brauchts keinen Menschen, der regulierend in die Schöpfung eingreift. Wir Menschen sind dafür zu kleine Lichter! Gegen die erbitterten Widerstände überließ man alles der Natur, man räumte die borkenkäferbefallenen Bäume nicht aus dem Wald, sondern überließ alles sich selbst, so wie es die Natur – ohne den Eingriff der Menschheit – schon seit Urzeiten macht. Und das brillant. Dass der Borkenkäfer so seine verheerende Chance hatte den Nadelbaumbestand zu vernichten, ist ja auch größtenteils der Monokultur der schnellwachsenden Gehölzer zu verdanken. Ein Nutzwald muss schnell (na ja, in der Holzwirtschaft ist der Begriff „schnell“ mit der Zeiteinheit über mehrere Generationen behaftet) wachsen und leider wird der Wald dadurch anfällig. Die gesunde Mischung unterschiedlicher Pflanzen macht es aus, um einen Wald stark und resistent zu machen. Und das macht der Nationalpark Bayerischer Wald gerade in vorbildlicher Weise. Es ist ein Urwald, wo alles so wächst, gedeiht und sich selbst überlassen bleibt, wie die Natur es für richtig hält. Der Wald, er heilt sich selber. Da braucht es keinen regulierenden Eingriff der Menschen, denn wir können von der Natur lernen! Der Wald regeneriert sich von selbst, ohne den Menschen.

Verschwiegene Wanderwege durch den Wald. Es kann einem schon passieren, dass man den ganzen Tag lang niemandem begegnet

Heute ist der „Urwald“ Nationalpark Bayerischer Wald die Attraktion schlechthin. Die Berufskritikaster sind verstummt, die gegen alles und für nichts sind, die bei den ersten Anzeichen von Borkenkäferbefall meinten, alle befallenen Bäume absägen und aus dem Wald bringen um die anderen zu schonen. Eigentlich eine typische Handlungsweise, aber sehr kurzfristig gedacht. Es fehlt wie überall, über den Tellerrand blicken und das Ganze betrachten, nicht räumlich klein und beschränkt betrachten. Was die Natur kann und im Stande ist, das sehen die Ewigmeckernden heute am besten. Eine Artenvielfalt, die wieder am entstehen ist und die Vielzahl an Bäumen die wieder emporwachsen, sie haben mittlerweile eine beachtliche Größe erreicht, dass der Woid wieder ein Woid ist.

Heute geht die Tendenz dahin, dass der Woid wieder vermehrt als Böhmerwald bezeichnet und tituliert wird. Auf der Tschechischen Seite heißt er Sumava und ist ebenfalls ein Nationalpark. Durch die Grenze zwischen den beiden Ländern wurde der Böhmerwald auch sprachlich geteilt. Bayerischer Wald auf der Deutschen Seite und Sumava auf der ehemaligen Tschechoslowakischen und später Tschechischen Seite. Nachdem die Grenze eigentlich heute obsolet sein sollte, besinnen sich die Strategen wieder auf das Gemeinsame: Den Böhmerwald. Vielleicht sollten sich die Schreibtischtäter auch an den Menschen orientieren, ob sie das auch so wollen und für gut heißen oder ob den Woidlern wieder ein Stück Heimat und Heimatgefühl, Identität und Zugehörigkeit entrissen werden könnte. Ich weiß es nicht und es steht mir auch nicht zu das zu bewerten, nur auf die Menschen die dort leben und ihre Heimat haben, auf sie sollte Rücksicht genommen werden, und nicht etwas in wohlformulierte leere Worthülsen verpacken und als das Nonplusultra zu verkaufen und schon gar nicht von irgendwelchen weltfremden Schreibtischtätern entschieden werden, die gerade einmal das Wort „Nationalpark Bayerischer Wald“ phonetisch korrekt aussprechen können.

Was mir als temporärem Besucher des Woides und seiner Menschen negativ aufgefallen ist, sind die heutigen Beherbergungsbetriebe. Wenn ich mich auf Sommerfrische an einen Landstrich begebe, dann möchte ich Erholung. Übernachtung mit Frühstück. Ich möchte aus dem Alltag ausbrechen und mich an einen gedeckten Frühstückstisch setzen. In der letzten Zeit greift etwas um sich, das da heißt: Ferienwohnung und Ferienappartements. Und dies findet sich eigentlich in fast allen Urlaubsgebieten. Bei diesen zitierten Etablissements ist es üblich, dass man in einer „eigenen“ Wohnung lebt, das heißt, ich muss, kann oder darf mich selber verköstigen – auch das Frühstück selber zubereiten. Ich kann mich noch an meine Mama erinnern, die sehr froh war in den zwei Wochen Urlaub einmal kein Frühstück machen zu müssen. Und da spreche ich wahrscheinlich jeder Hausfrau aus der Seele. In einer Pension mich an einen reich gedeckten Frühstückstisch zu setzen, das gekochte Ei und den frisch gebrühten Kaffee serviert zu bekommen, das hat schon seinen ganz eigenen Charme. In den Gasthöfen und den wenigen Hotels wird das so angeboten, aber die Pensionen so wie ich sie kenne – die habe ich nicht gefunden. Eine Ferienwohnung hat zwar allerlei Vorteile für den Vermieter aber nicht unbedingt für den Gast. Gut – eine Wohnung ist in der Regel deutlich größer als ein Zimmer, aber dies geht einher mit dem – möglicherweise – Verzicht auf einen Anschluss an die Vermieterfamilie und das Frühstück. Und in der Anonymität leben die meisten Gäste sowieso schon das ganze Jahr über in irgendeiner Stadt. Es ist richtig, die Vermieter haben deutlich weniger Arbeit mit dem Gast – siehe das Frühstück – aber es ist aus meiner Sicht kurzfristig gedacht. Für eine Familie kann natürlich die Übernachtungen in einer Ferienwohnung preiswerter sein. Die Gäste müssen nicht in einem Gasthaus speisen, sondern können sich die Mahlzeiten selbst zubereiten mit Nahrungsmitteln die in einem Supermarkt oder Einzelhandelsgeschäft gekauft wurden. Jedoch, es gibt noch ein paar Privatpensionen, aber die muss man suchen…

Lasst Euch das mal auf der Zunge zergehen, was eine Übernachtung 1976 im Woid gekostet hat…

 

Klassik Lust Profil

Es ist doch schon merkwürdig, dass es Menschen immer an einen Ort hinzieht, der einen geradezu fesselt und eine nahezu magische Anziehungskraft ausübt. Warum dem so ist, lässt sich wohl nur tiefenpsychologisch ergründen. Sind es die Menschen, die dort leben, die Natur, beides? Ich weiß es nicht und will es auch nicht analysieren. Wichtig ist, dass ein Mensch sich dort wohlfühlt an Orten die einem gut tuen. Es gibt mit Sicherheit auch Schattenseiten – ich zitiere nur die bereits erwähnten Kirchturmglocken – aber in der Erinnerung bleibt immer das Schöne, das Positive und das ist es und macht es aus, was einen glücklich gemacht hat und auch immer noch glücklich macht.

Was nicht unerheblich dazu beiträgt, sich an diesem Ort wohlzufühlen,  ist neben der grandiosen Landschaft mit seinen schier unendlichen Wäldern und dem damit verbundenen Naturerlebnis – die glasklare und reine Luft, die sauberen Bergbäche, das ist alles ein Gesamt -Konglomerat, mit dem Finsterau  punkten kann, denn eine intakte Natur, in der der Mensch seinen Eingriff auf das absolut Notwendige beschränkt, das ist ein unschätzbares Gut in der heutigen Zeit. Und es ist gut, so wie es ist und vielleicht auch bleiben wird.

Die gute alte Zeit – gab es sie denn wirklich? Oder verklärt nur die Erinnerung  die vergangene Realität wie ein Zerrspiegel eines Panoptikums?

Denke ich heute zurück – es ist wie eine Zeitinsel.

Heute kann wie gestern sein – glücklich und zufrieden!

Und ich denke: Finsterau, das ist Heimat…

Finsterau, der Ort der (heimlichen) und stillen Sehnsüchte

 

Text: Ulrich Bänsch

Fotos: Ulrich Bänsch, Privat, Archiv

Print Friendly, PDF & Email

2 Antworten zu “Finsterau – Meine Jugendliebe”

  1. Stefanie sagt:

    Hallo liebe Redaktion,
    habe selten ein so tollen Artikel gelesen. Er beschreibt das, was wohl jeder von uns in jungen Jahren erlebt hat. Der ganze Artikel zeigt eigentlich auch meine Jugend wider und auch ich habe in „reiferen“ Jahren an die Orte der früheren Urlaube wieder unternommen. War zwar nicht alles so wie ich es in Erinnerung hatte – sind ja auch ein paar Jahrzehnte vergangen – aber super.
    Viele Grüße und macht weiter so!
    Stefanie

  2. Carisma sagt:

    Ein wunderbarer, fröhlich – wehmütiger Artikel, den man in einem Zug liest – so gut geschrieben ist er.
    Diese Kindheits – und Jugenderinnerungen sind einfach wunderschön und der Autor versteht es, gefühlvoll und lustig zu beschreiben, sodaß man selbst mitten im Geschehen ist.
    Köstlich zu lesen, entspannend, sehr zu empfehlen !
    DANKE.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.