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Carpe diem – Nutze den Tag

Jeder kennt die Zeitpunkte im Leben, in denen er sich justament wegbeamen möchte. Jetzt sofort und auf der Stelle!

Solche Momente erlebe ich auf irgendwelchen Besprechungen, sinnlosen Konferenzen oder langweiligen Vorträgen, zu denen ich zwangsrekrutiert wurde und die dröge vor sich hinplätschern. Sterbenslangeweile pur in Reinkultur. Meine Gedanken nehmen wie selbstverständlich andere Wege; Sie schweifen ziellos umher – auf der Suche nach dem berühmten Strohhalm, nach dem ich greifen möchte, um mich daran festzuhalten. Mein Versuch, mich auf das Dargebotene zu konzentrieren, schlägt schon zum wiederholten Male fehl und ich ergebe mich zwangsläufig meinem Schicksal.

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In Gedanken drauf sitzen und ab durch die Mitte…

Aber da steht´s! Das kleine Modell… Entweder in einem unbeobachteten Moment schnell aus der Hosentasche gezaubert und neben dem Berg bedruckten Papiers drapiert, oder das Objekt der Begierde ruht auf dem Tisch eines Leidensgenossen. Und auf einmal bin ich ganz weit weg…..

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… mit diesem Exponat ließe es sich wahrhaftig entspannter und gemütlicher flüchten

Zeitgleich mit den ersten warmen Sonnenstrahlen beginnt eine Fieberepidemie, deren Temperatur von keinem Fieberthermometer gemessen werden kann. Das Fieber heißt Motorradeln. Auf einer einsamen Landstraße in beschaulichem Tempo dahinschweben, den Duft von frischgemähten Wiesen in der Nase und würzige Waldesgerüche, welche die Sinne olfaktorisch benebeln. Die warmen Sonnenstrahlen dieses wunderschönen Sommernachmittages prickeln wohltuend auf der Haut, der Fahrtwind umweht sanft, mild und belebend die Nasenspitze. Die Straße mäandert in herrlichem Kurvendesign durch das lieblich anmutende Tal hinab, die Wiesen sind sonnendurchflutet. Ich fahre durch wunderschön malerische Gehöfte, auf der angrenzenden Weide kauen die glücklich dreinblickenden Kühe wider – eine „traum“hafte Idylle. An der nächsten Steigung zirbel ich leicht am Gasgriff, mit druckvollem Punch schiebt das Motorrad die Anhöhe hinauf. Stellenweise ist die Straße hier so schmal – also straßenbautechnisch unterdimensioniert – dass ich glaube, ein Durchfahrts-Verbotsschild übersehen zu haben. Die kleinen gewundenen Sträßchen, sie laden zum Kurvensurfen ein.

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Eine kleine Sinnoase in – manches mal – sinnlosen Momenten, wie Besprechungen oder ähnlichem

Bei passendem Tempo stellt sich zwangsläufig eine unglaubliche Harmonie zwischen Fahrer und Maschine ein. Der Weg wird das Ziel, da spielt die Zeit eine eher untergeordnete Rolle. An der Herrlichkeit der Natur und der Harmonie von Mensch und Maschine kann man sich gar nicht genug sattsehen und sattfahren. Man fühlt sehr intensiv. Der Mensch als Gehirn, das Motorrad als Körper, das Herz der Motor, die Lunge der Vergaser, der Blutdruck der Öldruck, die Extremitäten die Räder mit Getriebe und Antriebsstrang, die Muskeln die Motorleistung, der Charakter eine Überlagerung aus Motor- und Fahrwerkseigenschaften, die Seele, das Zusammenspiel von Kurbel- und Nockentrieb mit den Verbrennungsabläufen. Pittoresk die kräftig pulsierenden Zylinder. Es sind die Momente im Leben, in denen ich als Träumender zum Philosophen werde. Im Augenblick des All-ein-seins mit meiner Maschine lasse ich alle Sorgen und Probleme hinter mir.

Nach solch einer intensiven Fahrt bin ich völlig verausgabt, aufgedreht und in einem tranceähnlichen Zustand. Völlig weggetreten.

Meine „Reise“ ist zu Ende –

der Vortrag geht auch nicht mehr lange…..

Mein Motorrad, es wartet vor der Tür!

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Der Traum – ist Gott sei Dank – zu Ende…!

 

Text: Ulrich Bänsch

Fotos: Bänsch, Archiv

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