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Tonschreiber

Was einst zum Abhören feindlicher Signale und Funksprüche entwickelt wurde, lässt sich heute ganz friedlich zur Beschallung des trauten Heims nutzen. Etwa in Gestalt des schnuckelig-kompakten Tonbandgeräts vom Typ Telefunken M 36

 

Je nach Blickrichtung saß der Feind im „Kalten Krieg“ entweder im Osten – oder im Westen. Das Einfangen und  Speichern verdächtiger Signale hatte im Vergleich zur heutigen allgegenwärtigen und alles und jeden Pieps automatisch einsaugenden Computer-Riesenkrake geradezu beschauliche bis sportliche Anwandlungen zur Folge. Funksignale mussten akribisch geortet und händisch analog mittels Tonband aufgezeichnet und mühsam abgeglichen werden.

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Die Aussteuerinstrumente sind nur in Stellung „Aufnahme“ aktiv und nicht beleuchtet. Zwei Empfindlichkeitsstufen sind für die manuelle Justierung wählbar, dazu eine Automatikfunktion.

Telefunken lieferte dazu ab 1974 das passende Gerät an die Bundeswehr. Im zackigen Heeres-Jargon nannte man das gute Stück sachlich treffend „Tonschreiber, Band, 2-Spur, Typ M 36 (Versorgungsnummer 5835-12-150-9227)“.

 

Unter Punkt 1.1.2. findet sich in der ausführlichen Gerätebeschreibung der zugedachte Verwendungszweck: „Das M 36 dient zur Aufzeichnung, Speicherung und Wiedergabe von Morse-, Telegrafie-, Hellschreib- und Bildfunk-Verfahren sowie von Telefonieverkehren im Tonfrequenzbereich.“ Als Einsatzorte wurden für das in schmucklos mattem Natogrün lackierte M 36 „geschlossene Räume, Bodenfahrzeuge, Flugzeuge und Schiffe“ genannt. Für den anvisierten Rustikaleinsatz musste das Tonband auf eine mittels Gummimuffen gedämpfte Basisplatte stoßsicher festgeschraubt werden.

 

Unter Punkt 1.1.3. wird die Gerätebeschreibung fast schon prosaisch: „Das M 36 ist ein kleines, leichtes Tonbandgerät zum Betrieb mit handelsüblichem ¼ Zoll-Magnetband, Langspiel- oder Doppelspielband, auch Flachspulen bis 18 Zentimeter Durchmesser (bei geschlossenem Deckel 13 Zentimeter). Gespeist wird das Gerät von einer externen 24 Volt-Batterie, oder einem entsprechenden Netzgerät.

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Mit dem unteren Drehschalter werden die Grundfunktionen „Spulen“, „Wiedergabe“ und „Aufnahme“ angewählt. Start-Stop erklärt sich von selbst.

Mit 337 Millimetern Breite und 324 Millimetern Tiefe ist das M 36 lediglich minimal größer als ein LP-Cover. Bei 110 Millimetern Höhe ergibt sich ein handlich-kompaktes Paket, das dank leichtem, spritzwasserfestem Gehäuse (nach DIN 40060) aus Magnesiumguß mit rund sieben Kilogramm Gewicht auch sonst gut in der Hand liegt.

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Elektromechanische Meisterleistung. Der Antrieb mit gegenläufigen Schwungmassen ist kein Leisetreter, aber robust und dauerhaft.

Im Zuge der nostalgisch-analogen HiFi-Welle liegt es also nahe, das sympathisch handliche M 36-Tonband in die heimische Stereoanlage zu integrieren. Ganz so einfach ist die Sache freilich nicht. Zum einen werden M 36 nur sehr selten angeboten, zum anderen braucht es spezielle Anschluss-Stecker für die spitzwasserfesten Militärbuchsen. Nicht zu  vergessen das separate 24 Volt-Netzteil. Für den Hausgebrauch kann man auf die Pins der Eingangsbuchsen auch kleine 1,2 Millimeter Rundstecker pfriemeln. Korrekt sind Stecker des Typs 8-51-06EC-8-3AS vom Hersteller Souriau. Auch diese sind nicht einfach zu beschaffen und erfordern Durchhaltevermögen bei der Suche.

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Passende Stecker für die speziellen Militärbuchsen zu finden, stellt ein Beschaffungsproblem dar. Die Bandwiedergabe kann alternativ über handelsübliche Bananenstecker erfolgen.

Diese Geduld wird allerdings mit einem Gerät belohnt, das im besten Sinne für eine technische Meisterleistung mit Gütesiegel „Made in Germany“ steht. Unter der schlichten Militärverpackung findet sich Elektro-Feinmechanik in Vollendung. Wer jemals einen langen Blick in ein M 36 werfen durfte, der wird fortan den Begriff „High End“ in Verbindung mit zeitgenössischer HiFi-Technik ganz neu interpretieren. Kein Wunder, den bundesdeutschen Steuerzahler kostete damals ein M 36 stolze 10000 Mark – pro Stück.

 

Am noblen Eindruck ändert auch der geräuschvoll arbeitende Antrieb des  Tonbandgeräts nichts. Zuverlässigkeit und Robustheit standen bei der Entwicklung ganz klar vor HiFi-technischen Komfortwünschen, zumal der Apparat nicht gerade für feinsinnige Umgebungen gedacht war. Im Leopard Panzer dürften die Laufgeräusche des M 36 bedeutungslos gewesen sein.

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Herkunft und Einsatzzweck geklärt. Die Geräte sind aber schon lange ausgemustert und wurden dereinst zum Kilopreis verschleudert. Wohl dem, der die – seltene – Gelegenheit nutzen konnte.

Telefunken nannte für das M 36 bei 9,5 Zentimeter pro Sekunde Bandgeschwindigkeit einen Frequenzgang von 63 bis 10000 Hertz, bei 19 Zentimeter/sec sollen es 40 bis 12500 Hertz sein. Diese bescheiden erscheinenden Werte decken sich nicht mit dem tatsächlichen Höreindruck. Selbst mit  9,5 Zentimeter Bandtempo unterscheidet sich ein direkt von der CD überspieltes Musikstück im Klangumfang nicht vom digitalen Original. Im Gegenteil, durch den analogen Transfer erscheint das Musikstück vom Band flüssiger und homogener. Man könnte auch entdigitalisiert dazu sagen. In jedem Fall hat das M 36 bewiesen, dass es eine zivile Restexistens in der heimischen Stereoanlage abzuleisten im Stande ist. Und es kann offenbar noch mehr. Denn bei unserer Recherche stießen wir auf ein M 36, das in den Castle-Studios nahe Dresden noch heute im professionellen Aufnahmebetrieb tapfer Dienst tut. Was die wenigen M 36-Eigner gewiss nicht weiter verwundern dürfte. Feines Maschinchen.

 

Das M 36 in Aktion erleben und hören können sie auf Youtube, Stichwort „Telefunken M 36 Tonschreiber“.

 

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Für den Betrieb des M 36 ist eine 24 Volt Gleichstromquelle erforderlich.

Nicht schon wieder Hitler – Der Magnetton

 

Angeblich war es die Rede von Adolf Hitler, die er am 10.November 1933 vor der Belegschaft der Berliner Siemens und Halske-Werke hielt, die den ersten offiziellen Einsatz eines Magnettonbands dokumentiert. Zuvor wurden Schallaufzeichnungen mittels Wachsplatte, Drahtton oder mit dem beim Film üblichen Lichttonverfahren realisiert.

Bereits 1928 hatte der Dresdener Erfinder Fritz Pfleumer mit einem permanent magnetisierten Papierstreifen das Interesse der AEG-Geschäftsleitung geweckt. Mit einem solchen Papiertonband wurde auch Hitlers Rede aufgezeichnet.

Bereits 1935 entstand bei AEG die erste Kleinserie des Tonbandgeräts vom Typ K1. Das K1 arbeitete mit einer Bandgeschwindigkeit von einem Meter pro Sekunde und zeigte noch ein auffällig hohes Grundrauschen in der Wiedergabe. Schon 1936 folgte das AEG K2, das erstmals die in Zusammenarbeit mit BASF entwickelten Kunststoff-Tonbänder bespielte. Der entscheidende Technologiesprung gelang 1940. Mit der HF-Vormagnetisierung des Bandmaterials konnten alle bisherigen Klangnachteile eliminiert werden. Parallel zu den zivilen Entwicklungen wurden „Tonschreiber“ für militärische Zwecke entwickelt. Der AEG Tonschreiber d (DORA) von 1940 bot bereits einen Frequenzgang von 50 bis 6000 Hertz. Mit dem 1941 präsentierten AEG K4 erreichte die Tonbandaufzeichnung einen neuen, noch heute gültigen Maßstab in Sachen Klanggüte. Auf dieser technischen Grundlage konnte die weltweite Aufnahme-Studiotechnik der Nachkriegsepoche erfolgreich aufbauen. Die ersten Ampex-Maschinen waren Kopien der erbeuteten AEG-Originale.

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High End „Made in Germany“. Servicefreundlicher Aufbau mit einzelnen, aufklappbaren Elektronik-Modulen.

Telefunken entstand 1903 als Tochter der beiden führenden Elektrokonzerne Siemens und AEG zur Entwicklung der damals neuen Funk- und Morsetechnologie. Von daher auch der Name. Später war Telefunken eine alleinige AEG-Tochter. Bei Telefunken entstanden Röhren, die erste Fernseh-Technologie, Sendeanlagen, Radartechnik und Studioausrüstungen. In den 60er und 70er Jahren versuchte man sich eher glücklos im Bereich der Unterhaltungselektronik. 1985 übernahm die Daimler-Benz AG die Aktienmehrheit bei AEG. Der Konzern samt Telefunken wurde in den Folgejahren mehr und mehr kleinteilig verhackstückt. Die AEG AG wurde 1996 aus dem Handelsregister gelöscht. Heute ist vom einstmals stolzen Technologieunternehmen Telefunken nur noch eine Licenses GmbH übrig, die die Namensrechte verwaltet und gegen Bezahlung zuteilt.

 

Text und Fotos: Jo Soppa

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