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Toast Hawaii

Das war jedes Mal ein Festtag, wenn die Mutter einen Toast Hawaii in die Backröhre schob! Schon sein Duft versprach den restlichen Familienangehörigen, dass jetzt in Bälde etwas Besonderes auf den Tisch kommen wird. War das herrlich, als es so ein – für damalige Verhältnisse exotisches – Essen gab und in den 50er bis 70er Jahren war das geradezu ein Gourmet Essen: Der Toast Hawaii.

Aus heutiger Sicht betrachtet, wo wir von Gourmet-Tempeln in allen Ausprägungen geradezu zugepflastert sind und wir die Qual der Wahl haben, welchem der Speisen-Zauberer wir unsere Gunst zuteil werden lassen sollen, mutet dieses Mahl – ja – geradezu archaisch primitiv an.

Damals jedoch – das war der Hit. Auch heute nach 60 Jahren noch. Wenn auch anders.

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Das war jedesmal ein Festessen, wenn ein für damalige Verhältnisse solch ein kulinarischer Leckerbissen auf den Tisch kam

In den 50er Jahren gab es in dem bescheidenen Angebot der Öffentlich-Rechtlichen Zwangsbeglückungsanstalten einen medialen Vorläufer von Lafer, Lichter und Co.: Clemens Wilmenrod hieß der Star der damals populären Fernsehkochshow, die von der Fernsehanstalt NWDR – dem heutigem NDR – produziert wurde. Er war der erste Fernsehkoch im deutschen Fernsehen überhaupt. Clemens Wilmenrod, der eigentlich mit bürgerlichem Namen Carl Clemens Hahn hieß, trat grundsätzlich mit einer Kochschürze auf, auf der sein Konterfei prangte. Sein gewähltes Pseudonym ist wohl auch als Hommage an seine Heimatgemeinde Willmenrod im Westerwald zu deuten, aus der er stammte. In den Jahren 1953 bis 1963 beglückte er die deutschen Hausfrauen mit seinen ausgefallenen Kochrezepturen.

Wilmenrod war von Haus aus kein Koch sondern gelernter Schauspieler – das veranschaulicht sehr trefflich, dass man auch mit autodidaktischen Kenntnissen zu Ruhm und Ehre gelangen kann. In den Anfängen der medialen Epidemie waren die Fernsehapparate noch nicht flächendeckend, wie heute, in fast jedem Raum des heimischen Domizils vertreten. So trafen sich die Damen bei einer Familie, die so ein äußerst dekoratives Möbelstück im Wohnzimmer stehen hatte, um dem charmanten Wilmenrod zuzusehen und andächtig zu lauschen, was er der deutschen Hausfrau an unbekannten und ausländischen Rezepten anheim legte. Die exotisch anmutenden Gerichte bedurften in der Familie dann doch einiger Überzeugungsarbeit, da die Bevölkerung damals noch nach umfangreicher, üppiger und kalorienreicher Nahrung lechzte und der Schlankheitswahn sowie die Fitnesswelle noch absolute Fremdwörter waren.

Ab dem 20. Februar 1953 zauberte Wilmenrod alle zwei Wochen Freitagabend um 21.30 Uhr vor der Kamera Neues aus Kochtopf und Backröhre. Zur besten Sendezeit. Später wurde die Sendung monatlich ausgestrahlt, sodass er die deutsche Hausfrau in 185 Sendungen mit kulinarischen Ideen beglücken konnte.

Mit ausgefallenen Rezeptideen veranschaulichte Wilmenrod, wie die Hausfrau die Familienmitglieder kulinarisch zu umsorgen hat – denn ihre Hauptaufgabe war dies in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg. Eines der Gerichte war der „Hawaii Toast“.

Benötigt wird dafür – das nach dem 2. Weltkrieg aus Amerika herübergeschwappte – Toastbrot. Das Toastbrot wurde ab den 1950er Jahren, dank einer ausgeklügelten Marketingstrategie und mit einem sehr hohen Werbebudget, erfolgreich auf dem deutschen Markt eingeführt.

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Die Zutaten: eine angeröstete und mit Butter bestrichene Toastbrotscheibe, Toastschinken, Käsescheibe, Ananas und zum Schluss die Krönung: eine betörend kitschigschmeckende Cocktailkirsche

Für den Hawaii-Toast-Genuß wird es leicht angeröstet und mit Butter bestrichen, bevor es mit einem (möglichst quadratisch geformten) Blatt Kochschinken belegt wird. Darauf wird eine Scheibe Ananas gelegt, die von einer Scheibe Schmelzkäse bedeckt wird. Das Ganze wird auf ein Backblech gelegt und dann im Backofen bei mittlerer Hitze gebacken. Ist der Toast fertig, wird als Krönung – in die sich ergebende kleine Vertiefung in der Mitte der Ananasscheibe – liebevoll eine Cocktailkirsche drapiert. Fertig.

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Das Ganze schon auf dem Backblech, bevor der Käse und die Cocktailkirsche drapiert werden

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… und so kommt der Toast Hawaii aus der Backröhre auf den Teller

1955 stellte Clemens Wilmenrod den neuen Wohlstandsdeutschen den Toast Hawaii medial vor. Ganz sicher ist es nicht, dass er der geistige Vater dieser Speise ist, es wird als eher wahrscheinlich angenommen, dass er die Rezeptur von seinem damaligen kulinarischen Lehrer und Konkurrenten Hans Karl Adam übernommen hatte.

Heute finden sich unzählige Varianten bei der Zubereitung dieser Spezialität und vor allen Dingen variieren die Zutaten in den einschlägigen Internetportalen rund ums Kochen.

Der oben beschriebene Toast Hawaii MUSS genauso zubereitet werden. Original und unverfälscht.

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Da gibt es auch heute kein Halten mehr, wenn so eine kulinarisch gewagte Komposition der 50er Jahre auf den Tisch kommt

Der Toast Hawaii ist zwar nicht die ganz große kulinarische Oper, aber ein nostalgisch-interessantes Schmankerl.

Begeben Sie sich mal wieder auf eine kulinarische Zeitreise. Es mundet auch heute noch und unser Gourmet-Küchen-verwöhnter-Gaumen hat seine helle Freude daran.

 

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Guten Appetit

Text & Fotos: Ulrich Bänsch

 

 

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