The Arkitekt – BMW Bobber Made by Titan Motorcycle/Graz

Selbst Motorräder werden in der heutigen Zeit zunehmend fahrende Großrechenanlagen. Für beinahe alles gibt es elektronische Helferlein, die mögliche Gefahren von dem Kradisten abwenden, und ihn immer mehr in vermeintlicher Sicherheit wiegen sollen. Auf der einen Seite ist das sehr positiv zu bewerten, jedoch – der Motorradler sehnt sich gerade heute wieder nach einem puristischen Bike. Nur Technik, die notwendig und sinnvoll ist, jedoch den ganzen elektronischen Firlefanz weglassen. Schauen Sie sich doch einmal Schaltpläne von Motorrädern von vor Jahrzehnten an: sie sind auf das Notwendigste reduziert. Da wurde nur das verbaut, womit das Zweirad sicher fährt, dem Fahrer bei Dunkelheit heimleuchtet, einen Tacho sowie eventuell noch gesetzlich vorgeschriebene Beleuchtungseinheiten, eine Hupe und noch ein paar Kleinigkeiten. Logisch, die Zündelektrik mit Batterie und Zündschalter. Mehr braucht`s auch nicht.

 

The Arkitekt: Der Name ist Programm

 

Es gibt mehrere Firmen, die auf rudimentär ausgestattete Motorräder spezialisiert sind, die bestehende Bikes strippen, sie individuell aufbauen – eine der bemerkenswertesten davon ist die Firma Titan Motorcycle aus dem österreichischen Graz. Bei dieser Firma heißt es: Alles, was möglich ist, weglassen – ganz schlicht ein schönes Motorrad aufbauen, das ist die Zauberformel. Eigentlich ganz einfach und ungemein wirkungsvoll. Betrachtet man heute Motorräder von der Stange, da wird´s einem mitunter schlecht. Grauslich verunstaltete Verkleidungen und „verdesignte“ Elemente, hinter denen der ganze Krimskrams versteckt wird, den man nicht sehen soll. Wenn man sich nur die Scheinwerferfront zum Teil ansieht: Furchtbar. Wie schön waren ehedem die klassischen Rundscheinwerfer mit ein paar Blinkereinheiten in runder oder rechteckiger Form. Keine Verkleidungselemente die aussehen, als würden sie justament einem Star Wars-Film entspringen. Wie herrlich ist es für den Betrachter – der auf Nostalgie, Klassiker und Vintage steht –  wenn es wahre Könner gibt, die den Zeitgeist erkannt haben; das Know How besitzen und etwas von ihrem Handwerk verstehen. Was die Macher von Titan Motorcycles da kreieren, das ist Kunst. Kunst, die von der Idee zum Endprodukt reift und in Manufakturarbeit meisterhaft umgesetzt wird.

Wenn von den Titanen ein neues Projekt angegangen wird, steht zuerst einmal die Komplettzerlegung auf dem Stundenplan sowie der Griff zur Flex, dazu später mehr.

 

Wer ist Titan Motorcycles?

Titan Motorcycle wurde 2015 in Graz gegründet und es besteht aus den Protagonisten Michael „Michl“ Siebenhofer und Thanh Ho Ngo – kurz Ho genannt.

 

Michael „Michl“ Siebenhofer. Der technische Macher von Titan Motorcycle; eigentliche stünde ihm der Titel k.u.k. Hoflieferant zu…

 

Ersterer ist studierter Fahrzeug-Techniker mit dem Abschluss als Diplom-Ingenieur. Er war bei Sebring Remus in der Entwicklungsabteilung tätig, bei Mopar in leitender Führungsposition für die gesamte Produktplanung außerhalb der NAFTA (Nordamerikanisches Freihandelsabkommen) und war für Chrysler und Jeep zuständig.

Ho studierte Architektur in Wien und Graz und schloss ebenfalls als Diplom-Ingenieur diese höhere Bildungseinrichtung ab. Die Gestaltung von Objekten liegt ihm im Blut und so war es ein Glücksfall, dass sich diese zwei Besessenen zusammenschlossen, um gemeinsam etwas Einzigartiges zu machen: Customizing von Motorrädern und alles, was mit den motorisierten Zweirädern zu tun hat. Nicht nur das Schrauben an den Bikes, sondern der Lifestyle rund um die manufaktorisch hergestellten Kräder.

 

Thanh Ho Ngo. Der kreative Kopf des Duos von Titan Motorcycle aus Graz

 

Die Restaurierung von klassischen Motorrädern, der Umbau, die Leistungssteigerung, Service und Reparatur von Zweirädern, das sind die Säulen von Titan Motorcycles. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf dem Customizing von Motorrädern. Dafür ist jede Menge Phantasie, Ideen, Kreativität und Können vorhanden. Eine Manufaktur, in der jedes Serienkrad seine Metamorphose erleben kann: zum Cafe-Racer, Custom-Bike, Scrambler, Brat-Style,Tracker oder Chopper. Wobei die Chopper seit der Gründung des Unternehmens eher seltener gebaut wurden, im Mittelpunkt ihres Wirkens stehen bei den Manufaktoren von Titan Café Racer, Scrambler und eben Bobber.

Titan Motorcycles räumte die österreichische Staatsmeisterschaft bereits bei der Erstteilnahme ab, das Unternehmen gilt als eine der führenden Customschmieden Österreichs; und war bereits im ersten Wirkungsjahr unter den Top 100 Café Racer Buildern weltweit, wie eine Erhebung des französischen Moto Hero Journals ergab.

Neu in dem Produktportfolio des Unternehmens ist, dass alles rund um eine italienische Klassikerperle angeboten wird: Die Vespa. Service, Reparatur, Umbau, Restaurierung, Leistungssteigerung – die Liste ließe sich noch beliebig erweitern.

 

In trauter Eintracht. Ein äußerst seltener Anblick dass die beiden „Titanisten“ völlig entspannt im „Denkolarium“ in trauter Zweisamkeit nebeneinander sitzen können

 

Was ist ein Bobber?

Eine treffende Definition hatte der verstorbene Motorradjournalist und „Harleypapst“ Oluf Zierl in seinem 2-bändigen Mammutwerk „Ride Free Forever – Harley-Davidson® – Geschichte und Mythos“  beschrieben:

„Die Ursprünge dessen, was man heute als Chopper bezeichnet, liegt in den Bobbern der 30er und 40er Jahre. Vielen Harley-Fans, denen die Eisen aus Milwaukee für ihren täglichen Gebrauch oder die am Wochenende veranstalteten Rennen zu schwergewichtig waren, bauten alle nicht benötigten Teile von ihren Maschinen einfach ab oder sägten sie auf ein Minimum zusammen. Die so erleichterten Maschinen eigneten sich wesentlich besser fürs Rennen, waren auch im Straßenverkehr besser zu händeln, und in den sonnenverwöhnten Staaten wie Kalifornien konnte man auf Schutzbleche ohnehin verzichten. Gleichzeitig waren die rauhen Bobber ein Gegensatz zum angepassten Design der Serienmaschinen aus Milwaukee und dem chromlastigen Ziertand der „offiziellen“ Zubehörkataloge – ein Protest gegen Spießertum und Anpassung.“

 

BMW Bobber „The Arkitekt“

Was die Titanen mit einer serienmäßigen BMW R 75/6 Baujahr 1975 angestellt haben und wie sie dieses Fahrzeug in einen klassischen, typischen Bobber verwandelt haben, werden wir hier einmal genauer unter die Lupe nehmen: Es sollte ein Bike werden, das in seiner Schlichtheit und Kargheit zu allererst einmal den zukünftigen Besitzer erfreut. Dann, dass der Designer sich in Teilen damit selbst verwirklichen kann und weiter, dass der Erbauer sein fachliches Können nachhaltig unter Beweis stellen kann; und das ist allen, die daran beteiligt waren, sehr gut gelungen. Solche Motorräder können nur von Menschen erschaffen werden, welche die nötige Menge Benzin im Blut haben. Die besessen davon sind, so etwas zu bauen und die auch mit dem nötigen Selbstbewusstsein dahinter stehen.

 

Schlicht und aufgeräumt, wobei die Lebenslinien des Bobber sichtbar bleiben sollen

 

Mit ersten Designstudien des studierten Architekten „Ho“ [Shenfu] und Michl, dem technische Part von Titan Motorcycle, der für die technischen Umsetzung verantwortlich ist, begann der Umbau im Januar 2019. Fertig wurde der Bobber genau eine Woche vor der „Monaco Yacht Show 2019“ Ende September, bei der sich die Titanen vor einem großen und anspruchsvollen Publikum präsentierten, bei dem das Geld wohl keine Rolle zu spielen scheint, oder umschreiben wir es ein wenig salomonisch: eine eher untergeordnete Rolle spielt. Schließlich müssen die Grazer auch von etwas leben und das heißt, sie müssen ihre Sujets verkaufen – und neue nach individuellen Vorstellungen bauen.

 

Design

Schlicht und aufgeräumt, wobei die Lebenslinien des Bobber sichtbar sein sollten; ebenso müssen die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllt werden in Form der Beleuchtungs- und Signaleinrichtungen, die im Gesamterscheinungsbild so klein sind, dass sie so gut wie nicht auffallen. Schön und ästhetisch sollte „The Arkitekt“ sein – ein Sattel und sonst nix. Die pure Fahrmaschine. Sie präsentiert sich so, dass jeder Betrachter, der ein Gespür für solche Motorräder hat, schlicht voller Begeisterung ausruft: „Geil…“. Das ist die Gesamtkomposition dieses Bikes.

 

Schön und ästhetisch sollte „The Arkitekt“ sein – Tank, Motor, Getriebe, 2 Räder ein Sattel und sonst nix. Die pure Fahrmaschine eben

 

In einem einfachen und leichten Erscheinungsbild hat sich der Künstler Ho, der bei dieser Kreation seine Ausbildung nicht verhehlen kann, das Krad in der Planungsphase vorgestellt. Er nahm Anleihen aus der Bauhaus-Architektur, die er als wesentliche Gestaltungselemente in den Bobber mit einbrachte: Die Schlichtheit und Klarheit. Das Einfache und Puristische. Im Prinzip sind das Synonyme, die auf jedes Naked Bike perfekt zutreffen; es schlicht und einfach auf den Punkt bringen. Nehmen Sie doch einmal ein Lineal in die Hand und legen es an die horizontalen Linien an; unter dem Tank, ober- und unterhalb des Motors und sie werden eine gewollte Parallelität feststellen. Das war die Herausforderung, der sich Ho gestellt hat und vor deren Umsetzung verbrachte er unzählige Stunden mit der Entwurfsplanung. Herausgekommen ist Kunst.

 

„The Arkitekt“ ist ein abstraktes Sujet, das durch ein klares, aber doch strenges Design glänzt. Die Formensprache verkörpert ein sachliches, jedoch  auch futuristisches Vokabular, das mit modernen – auf Old School getrimmten – Elementen strahlt

 

„The Arkitekt“ ist ein abstraktes Sujet, das durch ein klares aber doch strenges Design glänzt. Die Formensprache verkörpert ein sachliches, jedoch  auch futuristisches Vokabular, das mit modernen –  jedoch auf Old School getrimmten- Elementen strahlt. Kein Farbstakkato, sondern ein Farbspektrum, das die kühle und reduzierte Ausstrahlung akzentuieren soll. Der Zeremonienmeister hat da sein gesamtes Können und Wissen in die Gestaltung eingebracht. Ein Hauch von Patina soll die Farbgestaltung des Rahmens in Altmessing ausstrahlen. Die neue Einfachheit kann auch als Lifestyle-Variante interpretiert werden, bei der die Reduktion auf das Wesentliche als erstrebenswerter Purismus perfektioniert wurde. Eigentlich könnte man meinen, dass „The Arkitekt“ aus einem Antiquitätenkabinett oder einem Vitrinenfuhrpark  entsprungen sei, doch falsch – es ist gehobene Fahrzeugtechnik, die nicht in musealer Starre vor sich dahinvegetiert, sondern zum gepflegten Fahren konzipiert wurde und keine rollende Verzichtserklärung ist. Vor allen Dingen: die elektronischen Schrecknisse sind auf das absolute Minimum reduziert. Das ist der Neue Realismus.

 

Das Benzinfass ist per se schon ein Meisterwerk: Der Zeremonienmeister hat da sein gesamtes Können und Wissen in die Gestaltung eingebracht

 

Motor

Der Motor thront wie eine Kathedrale mächtig und in seiner ganzen Pracht im Zentrum des Rahmens. Groß, schwer und schier unerschütterlich.

 

Der Motor thront wie eine Kathedrale

 

Neue nikasilbeschichtete Zylinder aus der schwäbischen BMW-Schmiede Siebenrock aus Wendlingen wurden anstatt der Serienderivate verbaut. Jetzt gibt es statt der serienmäßigen 745 ccm, 1000 ccm und somit einen wesentlich fülligeren Drehmomentverlauf. Der Motorölvorrat wurde durch den Einbau eines Zwischenrings zwischen Kurbelgehäuse und Ölwanne um einen Liter des kostbaren Lebenssaftes erhöht; dies hat auch den positiven Nebeneffekt, dass die Öltemperatur gesenkt wird. Sonst hielten sich die weiteren mechanischen und somit leistungssteigernden Maßnahmen in Grenzen. Ergo, Kurbelgehäuse mit Kurbelwelle und Pleuel, die Nockenwelle und die Zylinderköpfe sind im Serienzustand verblieben.

Auf der Gemisch-Aufbereitungsseite mussten an den beiden Bing-Gleichdruckvergasern, durch den vergrößerten Hubraum, die Düsendimensionierung entsprechend angepasst werden, damit die beiden Verbrennungskammern ausreichend mit zündfähigem Kraftstoff-Luftgemisch gefüttert werden können. Vor den Vergasern sind DNA-Luftfilter für geringeren Luftwiderstand montiert. Kleiner Nebeneffekt: Das gierige Ansaugschlürfen bei aufgedrehtem Hahn ist deutlich und genüsslich zu vernehmen.

 

Die Bing Kraftstoffgemisch-Aufbereitungsfabrik

 

Die beiden Schallschlucker auf der Auspuffseite sind von Michl selbst entworfen und hergestellt worden. Ein tiefes, bassiges Grollen ist der Effekt – es lassen sich gewisse akustische Attribute an Drag-Pipes erkennen und auch nicht verleugnen – sie zaubern ein herrlich voluminöses Klanggemälde und die Abgasströme durchzittern noch eine ganze Weile atmosphärisch die Luft. So um die 70 PS leistet die Verbrennungskraftmaschine nach den kompletten Umbaumaßnahmen. Die Höchstgeschwindigkeit wurde letztendlich nicht final ermittelt, sie ist bei solch einem Minimalisten und auf das gemütliche Genussfahrten reduzierte Krad eh sekundär; und in Österreich darf sowieso nur maximal 130 km/h auf der Autobahn gefahren werden.

 

Man betrachte den antikisierten Rahmen…

 

Rahmen

Der Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen wurde „gecleant“ und besagte Flex verrichtete ihr sinnvolles Werk. Alles weg, was nicht unbedingt zum Leben – für ein nacktes Bike – notwendig ist. Die Teleskopgabel vom Vorderrad hatte ihre Schuldigkeit getan und wurde einer anderen Bestimmung zugeführt. Das Rahmenheckteil – weg damit. Alle Aufnahmen von absolut zwingend notwendigen Befestigungen von Bauteilen wurden geändert, das heißt, sie wurden an ihrem neuen Platz angeschweißt.

 

Das Stillleben – der Betrachter könnte stundenlang vor diesem Sujet verweilen

 

Der Rahmen wurde altvermessingt und die Oberflächen mit einer Schicht 2-Komponentenklarlack und mit mattem Finish geschützt.

 

Tank

Der 18 Liter fassende Serientank, er wanderte ebenfalls auf das Alteisen. Bedingt durch den neuen und kleineren Customtank kommt der wuchtig voluminöse Motor jetzt deutlich besser zur Geltung.Ein ergonomisches Arrangement sorgt am Benzinfass für einen guten Knieschluss und ist schlank am Schenkel. Der Tank nimmt 17 Liter auf; man sieht es ihm auf den ersten Blick gar nicht an.

Die Kolorierung ist schon ein Hingucker; durch seine konkave Gestaltung hat der Lackkünstler hier mannigfaltige Möglichkeiten des Farbauftrages, um gewisse optische Effekte zu erzielen. Bei genauer Betrachtung des Lacks sieht man die Struktur der Blechoberfläche. Um die eingewölbte Fläche herum wurde eine Verlaufslackierung aufgespritzt, die den Goldeffekt nochmals mehr erstrahlen und geheimnisvoller erscheinen lässt. Umrahmt wird das Ganze durch handlinierte Applikationen. Etwas Mystisches und Geheimnisvolles geht von dem Benzinfass aus. Die Lackierung des Tanks übt auf den Betrachter eine Faszination aus, wie die wunderschöne und sibyllinische Augenfarbe einer Frau; man kann sich von dem Anblick fast nicht losreißen, so sehr wird man von der Kolorierung in Bann gezogen. Schön zum Anschauen, aber schwierig zum lichtbildnerisch dokumentieren.

 

Die Springergabel – heute attraktiver denn je

 

Die Pfütze changiert passend in der Kolorierung des Kraftrades

 

In den gleichen Farben wurde auch das hintere, relativ stark gekürzte Schutzblech versehen. Sieht man es positiv: da gibt’s nicht mehr allzu viel zu putzen. Ist ja auch ein Naked Bike!

 

Fahrwerk

Der Designer Ho präferierte eine New School Springer Gabel von Sven Denker. Eine klassische Springer Gabel, bei der die individuellen Einstellmöglichkeiten auf die Vorlieben des Fahrers abgestimmt werden können.

 

„The Arkitekt“ scheint einem Antiquitätenkabinett oder Vitrinenfuhrpark entsprungen zu sein – er ist gehobenste Fahrzeugtechnik, bei der die elektronischen Schrecknisse auf das absolute Minimum reduziert sind. Das ist der neue mechanische Realismus

 

Die Mechanik der Springergabel ist ein Hingucker schlechthin

 

Für das Hinterrad wurden Michl und Ho in den Teilelagern von Hagon fündig. Sie entschieden sich für Endurodämpfer, die von der Charakteristik und Länge am besten zu dem BMW Bobber passen. Durch die Tieferlegung, die Änderungen der Anlenkpunkte der Dämpfer wurde der BMW-typische „Gummikuh-Effekt“ – der einen Großteil der Zweizylinder Boxer so sympathisch macht – deutlich gemildert. „The Arkitekt“ rollt auf Avon 4 J 18 Reifen durch die Lande.

 

Bremsen

Das ist ein Mordsgeschwür von einer Bremsscheibe mit 400 mm Durchmesser, einem 6-Kolben-Bremssattel, der ursprünglich für eine Buell XB 12S vorgesehen war. Die Bremsscheibe gibts natürlich auch nicht von der Stange zu kaufen, da musste schon selbst Hand angelegt werden. Nachdem Michl die Scheibe auf das Zeichenbrett gebracht hatte, wurde sie von einem Metallbauer aus dem Vollen gelasert.

 

Das Meisterwerk: Die Bremsanlage am Vorderrad…

 

… 400-Millimeter-Bremsscheibe mit einem Sechskolben-Bremssattel, Typ Buell, und der fast schon filigran anmutende Bremssattelträger…

 

 

Für die Befestigung der Bremsscheibe gingen die Titanen folgendermaßen vor: Auf der Felge wurden entsprechend dimensionierte Aluminiumblöcke angeschweißt; um thermischem Verzug entgegenzuwirken und den Komfort für den Fahrer zu erhöhen, wurde die Bremsscheibe über so genannte Floater bzw. Gleitstücke gelagert, und kann sich im Rundlauf ca. 1 mm hin- und herbewegen. Dass da sehr viel nächtliche Nachdenkarbeit und handwerkliches Können auf höchstem Niveau  gefragt ist, das braucht nicht explizit erwähnt zu werden. High End in höchster Klasse. Dass das Ganze schlussendlich auf einer großen Drehbank mit Planscheibe aufgespannt und geschlichtet wurde, versteht sich von selbst. Der von Titan Motorcycle entwickelte Bremssattelträger ist per se schon ein Meisterstück und kann alleine für sich betrachtet als Referenz-Objekt dieser 2-Rad-Schmiede für Custom-Bikes herhalten.

 

…man beachte auch die Befestigung der Bremsscheibe an der Felge…

 

 

Elektrik

Als Zündanlage kommt eine digitale „Silent Hektik“ zum Einsatz, um einen leistungsstarken Zündfunken zu erzeugen, die Kennfelder können zwischen „touring“ und „sportlich“ vom Fahrer verstellt werden.

Da zu einem puristischen Motorrad auch die Elemente gehören, die nicht sofort sichtbar sind, wurde eine „Axel Joost-Elektronik-Schaltbox“ eingebaut. Der Vorteil: Alles ist in einem einzigen, platzsparenden Kästchen „verstaut“ und sollte mal ein Elektrik-Fehler auftreten, dann ist er ganz nach dem Motto „Naked Bike“ schnell gefunden.

Eine wartungsfreie und gegenüber konventionellen Blei-Akkus wesentlich leichtere Lithium-Ionen-Batterie wurde hinter das Kurbelgehäuse platziert, das trägt natürlich auch nicht unerheblich zu einem tieferen Schwerpunkt des Motorrades bei. Ist zwar nicht viel an Gewichtsersparnis, aber Kleinvieh macht auch Mist…

Tja, wo ist denn bloß der Tacho? Nicht dort am Lenker, wo er üblicherweise bei konventionellen Motorrädern platziert ist.Sondern auf dem Tank, eingebettet in den Schafslederbesatz, befindet sich das notwendige Anzeigeinstrument. Das Display misst gerade einmal 5,5 cm x 2,0 cm und zeigt dem Fahrer doch alle wesentlichen Daten an. Die Menüs werden vom Lenker aus mit Taster gesteuert, alles erscheint auf dem Display in rotem Farbton.

 

Dieses kleine Etwas erteilt dem Fahrer dieses Kraftrades die notwendigen technischen Informationen, über das Wohl des Bikes – per Display

 

Die Schalter sind am Lenker montiert – ebenfalls erst auf den zweiten Blick sichtbar. Hier wurden „Motogadget m-switch mini“ installiert.Wenn man da an die zum Teil monströsen Bedienhebel bei manchen Serientourern denkt, da wird’s einem schwindlig. Gut, der Einsatz des „The Arkitekt“ ist auch ein ganz anderer, wenn man in tiefstem Winter mit dicken und möglicherweise noch beheizten Handschuhen irgendwo draufdrücken muss, dann sollte es auch klappen. Bei einem Bobber wird das wahrscheinlich nicht der Fall sein, dass der Fahrer sich bei arktischen Temperaturen dick vermummt in der Pampa rumdrückt, da reicht auch etwas Leichteres…

 

Die nötigen Bedienungselemente sind unauffällig neben den Griffen positioniert

 

Ein 5 3/4“ Bates-Scheinwerfer leuchtet des Nachts in die heimische Unterkunft zurück. Dass sich Customizer auf die rudimentärste runde Form der Scheinwerfer zurückbesinnen, das müsste den Herren Chefentwicklern bei vielen Motorradherstellern eigentlich zu denken geben. Eine Motorradfront wird im Prinzip heutzutage eigentlich immer mehr verhunzt; sie ähneln ehe rinsektoiden Gestalten, die kein Gesicht mehr haben, geschweige denn – Charakter.

 

Der Hauptscheinwerfer soll seinem Meister und Gebieter des Nächtens heimleuchten

 

Wissen Sie, was das Wunderbare an diesem Bobber ist? Außer dem Scheinwerfer findet man erst nach längerem Suchen die Blinker oder das Rücklicht… Das ist naked. An den äußeren Enden des Fehling-Lenkers lässt sich doch tatsächlich etwas finden. Kleine Blinkerchen, wie Ochsenaugen, nur eben winzig klein und doch mit solch einer Leuchtkraft, wie sie LED-Leuchten hergeben. Sie sind wie die Rückleuchte aus dem Hause Kellermann.

 

Rücklicht und Bremslicht…

 

… sowie links und rechts davon – kaum sichtbar – die notwendigen Blinker

 

Was ist das Schöne an reduzierten Krafträdern?

Dass sie keine überzüchtete Leistungsgranaten mit Power ohne Ende sind, die Geschwindigkeitsbereiche erzielen, die ein Durchschnittsfahrer – fast – nicht mehr beherrschen kann. Keine auf zwei Rädern rollende Großrechenanlage, für deren Handhabung und Bedienung der geneigte Fahrer erst einen mehrtägigen Lehrgang besuchen muss – mit Bedienungs-, Überwachungs- und komfortunterstützenden Heinzelmännchen, alles kurz vor dem elektronischen Overkill.

 

Ein Motorrad – puristisch auf das Nötigste reduziert. Es verkörpert Klarheit und Qualität im Sinne von überschaubarer Einfachheit sowie eine unaufdringliche Rafinesse

 

Ein auf das Nötigste reduziertes und puristisches Motorrad, das Klarheit, Qualität (im Sinne von überschaubarer Einfachheit) und eine unaufdringliche Raffinesse – technisch wie auch optisch – darstellt und verkörpert.

Ein Kraftrad, das seine Ursprünglichkeit kompromisslos präsentiert, gerade so wie es in den Anfängen der verbrennungsmotorgetriebenen Fortbewegung war. Natürlich mit der im Laufe der Zeit immer besser gewordenen Langlebigkeit und Zuverlässigkeit.

Ästhetisch funktionale Technik, die leicht zu verstehen ist und sachliche Optik, das sind die wesentlichen Faktoren, die das ursprüngliche faszinierende Erlebnis Motorrad zu fahren, ausmacht.Es ist die Reduktion auf seine Grund- und damit Spaßfunktion. Zwei Räder, ein Motor – fertig.

 

Perfektion en Detail: Ho, der Meister des Zeichenstiftes lässt es sich nicht nehmen, das Krad höchstpersönlich in perfektem Zustand zu präsentieren

 

DAS Ritualinstrument für Freidenker. Das ist der rustikale Charme der Fahrmaschine ohne überflüssigen Firlefanz, ein auf das Wesentliche reduzierte KRAFTRAD. Verständliche Mechanik pur, mit möglichst wenig Elektronik. Kurz: Die Faszination Purismus.

Die Reduktion ist ein Bekenntnis zu einem klaren Designkonzept – eigentlich eine Philosophie, ein Lebensstil, oder neudeutsch Lifestyle für formale Strenge, die authentische Stimmung erzeugt. Sie verleiht den Dingen, ein verhaltenes Pathos und beinahe etwas Heiliges. Ein Wohlgefühl in höchster Vollendung, wenn die Wunder der Mechanik ihre Reize offenherzig zur Schau stellen. Mit althergebrachtem, ehrlichem Material durch die Gegend flanieren – das sind Glücksoasen.

Ein Naked Bike folgt ganz dem traditionellen Formenvokabular des Nachkriegsmotorrads, es besticht mit klarer Architektur, die – motorradphilosophisch betrachtet – ganz einfach mit pur, echt und authentisch umschrieben werden kann.

Im Zentrum steht der Motor als Energiekathedrale in reiner Schlichtheit als Metallskulptur. Ein stämmiger, kräftiger ursprünglicher Motor, in dem pure Mechanik am Werk ist, die sich nicht von ominösen elektronischen Helferlein kommandieren und domestizieren lässt und der noch in der Lage ist, ein verbrennungstechnisches Großereignis zu zelebrieren.

 

Schlichte Eleganz…

 

Ich gebe zu, ich bin Anhänger einfacher Lösungen. Man gestatte mir hier ein Gleichnis, das mir ein guter Freund in einer akademischen Diskussionsrunde erzählte:

Im Weltall – also im Zustand der relativen Schwerelosigkeit – funktionieren die herkömmlichen Schreibgeräte wie Füller oder Kugelschreiber nicht. Ein adäquates und zuverlässig funktionierendes Schreibgerät musste entwickelt werden. In Amerika vergaben die Verantwortlichen, die dieses Problem zu lösen hatten, einen millionenschweren Forschungsauftrag. Heraus kam der legendäre „Space Pen“. Die Russen hatten mit demselben Problem zu kämpfen, um im Weltall handschriftliche Notizen zu Papier zu bringen. Sie machten sich eine bereits bestehende Erfindung pragmatisch zu Nutze: Den Bleistift!

Na, alles klar? Neueste Erkenntnisse geben jedoch an, dass dies eine Mär ist, jedoch ist bei jeder Meldung, wie wir wissen, auch ein wenig Wahrheit im Spiel…

 

Und sonst gibt es auch noch ein paar erwähnenswerte Gimmicks…

Purismus hin oder her: Der Fahrer sollte adäquat auf einem passenden Sitzmöbel residieren. So wurde der Sattel mit Biltwell-Scharnier und einem strapazierfähigen Schafsleder bezogen. Da residiert der Kradist wie auf Kaisers Thron und zelebriert bei den Ausfahrten die Abnahme der Paraden der huldvoll zujubelnden Menschenmassen, denn „The Arkitekt“, den bekommen sie nicht alle Tage zu bestaunen.  Aus dem gleichen Leder wurden auch die Griffe an dem Fehling-Lenker bezogen sowie der applizierte Streifen über dem  Tank. Es handelt sich um ein Leder, das in Eichenrinden-Sud biogegerbt wurde, denn für so ein Kunstwerk ist nur das Beste gut genug. Den Gerber, der sich ganz auf ein altes Verfahren spezialisiert hat, das heute in der Form nicht mehr oft angewendet wird, fanden die Macher von Titan Motorcycle im österreichischen Burgenland.

 

Die Sitzmaschine ist per se schon ein handwerkliches Meisterstück

 

Als kleine Eyecatcher und Schmankerl wurden die Enden der Fußrasten in goldenem  Farbton koloriert.

 

Das perfekte Stillleben…

 

Michl und Ho sind eine gewisse Affinität zu raffinierter Symbiose aus Alt und Neu, sowie ihr starker Hang zum Unverwechselbaren, gewiss nicht abzusprechen.

Zwei Räder, offener Rahmen, Lenker, Sitzbank, Motor… was braucht´s mehr? Sichtbare Technik, der Motor wie eine Skulptur, sprich, man sieht die Lebenslinien des Motorrades. Alles in absoluter Aufgeräumtheit.

Braucht es einen Gepäckträger? Nein. Ein Naked Bike lässt ja auch auf die minimalistische Lebenseinstellung des Besitzers schließen, und da genügt ein Rucksack, in den man das verstauen kann, was man gerade so transportieren will oder wo man das Wenige für den Wochenendtrip unterbringen kann. Ganz Harte bringen auch das unter, was sie für eine Urlaubsreise brauchen. Minimalisten eben.

„The Arkitekt“ – eine spartanisch puristische Fahrmaschine, klassisch und schlicht, die den Fahrer ungefiltert an all den thermo- und fahrdynamischen Prozessen teilhaben lässt.

Dass auf der Monaco Yacht Show, als „The Arkitekt“ das erste Mal der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde, viele staunende Besucher zu beobachten waren und sich die Auftragsbücher von Titan Motorcycles füllten, sei nur am Rande erwähnt.

Wie lange dauerte die Entwicklungs- und Bauzeit an diesem zweirädrigen Juwel? Michl und Ho schauen den Chronisten aufgrund dieser Frage – die wohl fast einem Sakrileg gleichzukommen scheint – mit großen, ungläubigen Augen an und zucken mit den Achseln. „Keine Ahnung, wir haben es nicht dokumentiert“. Das ist fast schon ein Statement von Titan Motorcycle für ihre Einstellung zu ihrer Arbeit, die ganz offensichtlich ihre große Passion ist.

 

Der Fotograf setzt die beiden Macher von Titan Motorcycle in das richtige Licht

 

Ach so, „The Arkitekt“ wurde nach Frankfurt verkauft, so wie viele der einzigartigen Bikes von Titan Motorcycles nach Deutschland gehen, respektive fahren.

Die Einfachheit ist schön, nicht die Kompliziertheit!

So arbeitet und lebt Titan.

 

Bei den Titanisten gibt es in ihrem Produktportfolio auch etwas zum Anziehen

 

 

TITAN Motorcycle Co.
Korngasse 13
A-8020 Graz

TITAN Motorcycle Company© Graz, Austria
Werkstatt für Historische Fahrzeuge, Zweirad-Werkstatt
ist eine registrierte Marke der

Speichenwerk Cycles GmbH
Guggitzgraben 106
8081 Pirching am Traubenberg
+43 660 13 88 969
office@speichenwerk.eu
hello@titan-motorcycles.com
www.titan-motorcycles.com

 

 

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Text: Ulrich Bänsch

Fotos: Manfred Lach, Klemens König, 9×12 Studio, Ulrich Bänsch

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2 Kommentare

  • Eva Ernst says:

    Echt tolle Fotos, der Hammer, fühle mich um knapp 50 Jahre zurück versetzt, tolle Bikes
    Der Burlington Dreier und Sessel einfach Wohnkultur, ich liebe das!
    Ich möchte direkt los in die Vergangenheit düsen
    Herzlichen Dank ☺️ Tipp Topp Eva

  • klaus-peter pavelka says:

    Gefällt mir immer wieder und wenn ich mehr Taschengeld bekommen würde, hätte ich auch so ein geiles Gefährt!!! Ich bin schon am Sparen…

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