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Die Renaissance des Taschennotizbuches

In der jüngeren Vergangenheit erlebten die kleinen Notizbüchlein eine wahre Renaissance. Man ist fast geneigt zu sagen, sie sind wie ein Phönix der Asche entstiegen und erleben derzeit einen geradezu märchenhaften Boom.

 

Es ist ein sinnliches Erlebnis, wenn man seine Gedanken, Inspirationen und Erlebnisse nicht in anonymen Bits und Bytes in sein Smartphone oder Notebook hämmert, sondern stilvoll mit einem Schreibgerät in ein Notizbuch oder -büchlein zu Papier bringt. Sie erlebten weit in der vorcomputerisierten Ära eine regelrechte Hochkonjunktur. Es wird berichtet, dass so namhafte Schriftsteller wie Ernest Hemingway und Bildende Künstler wie etwa Picasso, Henry Matisse und Van Gogh auf diese kleinen Informationssammler schworen. Auch Leonardo da Vinci bediente sich eines Notizbuches, um seine bahnbrechende Gedankenwelt darin zu Papier zu bringen. Sie alle und weitere unzählige Avantgardisten bedienen sich ihrer nützlichen Dienste fleißigst, um darin ihre Notate für ihre schriftstellerischen Meisterwerke zu schreiben oder Entwürfe und Skizzen zu zeichnen. Sie waren – so zu sagen – der Grundstock für so manchen Nobelpreis und so manche Weltkarriere. Im Laufe der Jahre wurde die Nachfrage geringer, so dass die Produktion – den unheilvollen Werten der jüngeren Vergangenheit folgend – eingestellt wurde. Als diese Tatsache bekannt wurde, gab es einige berühmte Zeitgenossen, die alle Restbestände in den einschlägigen Einzelhandelsgeschäften aufkauften, denn sie konnten sich ihre Tätigkeit als Schriftsteller, Expeditionsreisender oder künstlerisch Tätiger schlicht nicht ohne diese sehr zweckmäßigen Bücher vorstellen. So ist es zumindest überliefert.

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Im laufe der Zeit wird die Sammlung der notierten Gedanken, Erinnerungen, Skizzen und Eindrücke immer mehr – sie eignen sich um in Erinnerungen zu schwelgen

Viele Jahre gerieten die Notizbücher in Vergessenheit bis man sich heute wieder alter Werte und Nützlichkeiten erinnert. Auch Dank der sehr geschickten und überaus erfolgreichen Marketingstrategie eines Mailänder Unternehmens, die diese klassischen Notizbücher heute weltweilt mehr als erfolgreich vermarktet.

Es ist ein sehr erhabener und sinnlicher Moment, wenn die eigenen Gedanken, Ideen oder Erlebnisse mittels eines Schreibgerätes auf das Stück Papier eines dieser Notizbücher gebracht wird. Sie sind klein und handlich im Format – es gibt sie in der klassischen Größe 9,15 x 14,25 x 1,38 cm Außendurchmesser, 192 Seiten und einer innenliegenden Falttasche – also bestens geeignet, sie immer bei sich zu tragen.

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Illud teneo – den Gedanken halte ich fest. Das ist die Philosophie der Notizbücher

Das klassische Notizbuch ist innen aus cremefarbenem Papier, hat ein elastisches Gummiband drumherum, um es geschlossen zu halten, abgerundete Ecken und ganz wichtig: ein Einlegeband, um die zuletzt beschrieben Seite leichter aufschlagen zu können. Einige besitzen noch eine Schlaufe, um das Schreibgerät darin auf zu nehmen.

Für die eingefleischten Anhänger ist es eine fast kulthafte Verehrung, die sie um dieses kleine – meist in schwarz gehaltene Büchlein – zelebrieren.

Heute ist es mitunter schon ein Lifestyle-Gegenstand geworden, der sehr gut mit einem iPhone korrespondiert. Letzteres ist den eingefleischten Notizbuch-Nutzern relativ egal, das Wichtigste ist, dass es sie wieder in ausreichender Anzahl zu kaufen gibt.

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Ich schreibe also bin ich. Mehr Worte können dem nicht zugefügt werden

Die heute wieder erhältlichen Notizbücher erfreuten sich im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts äußerst großer Beliebtheit. Vorwiegend kleinere französische Buchbindereien fertigten diese kleinen Nützlinge, die dann überwiegend in Pariser Papierwarengeschäften den Kunden zum Kauf feilgeboten wurden. Besonders die kreativen Zeitgenossen fanden einen sehr großen Gefallen an diesen kleinen, praktischen Gebrauchsgegenständen, da sie handlich und überall hin mitzunehmen waren. Saß der kreative avantgardistische Zeitgenosse im Cafe oder am Ufer eines Flusses, so konnten die Gedanken, die Eindrücke oder vermeintlich bahnbrechenden Erfindungen flugs notiert werden. Der Sammler von Eindrücken gab und gibt sich dem kreativen Schreiben hin! In den heimischen Räumlichkeiten wurden diese niedergeschrieben oder skizzierten Ideen dann verfeinert.

Es hält sich die Legende, dass der britische Schriftstelle Bruce Chatwin – übrigens ein glühender Anhänger dieser Bücher – in Panik geriet, als er feststellen musste, dass die Produktion seiner unentbehrlich gewordenen Notizbücher durch den Tod des wohl letzten Herstellers schlicht und ergreifend eingestellt wurde. „Le vrai Moleskine n’est plus“ („Das wahre Moleskine gibt es nicht mehr“) sollen wohl seine Worte gewesen sein. Und was aus diesem Wort Moleskine geworden ist, kann man heute sehen.

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Die Notizbücher gibt es von den unterschiedlichsten Herstellern und in den unterschiedlichsten Größen

Angebotssituation

Sehr gut, die Büchlein gibt es ja wieder neu und in ausreichender Anzahl, sodass sich der Nutzer dieses äußerst hilfreichen Notizensammlers keinen Vorrat davon anlegen muss. Es gibt sie in allen möglichen Varianten und Facetten – ob groß, ob klein, als Kalender oder Skizzenbuch, kariert, liniert, blanko, Adressbuch, Noten-Notizbuch, Fächer-Buch sowie als City Notebook, natürlich auch als klassisch schwarzes Notizbuch. Wie der geneigte Leser sicherlich schon erkannt hat, trägt der Platzhirsch den Namen Moleskine. Aber auch viele andere Hersteller von Papierwaren haben die Zeichen der Zeit erkannt und diese kleinen Winzlinge in ihr Produktportfolio genommen, wie zum Beispiel teneo, oder die uns aus unserer Schulzeit noch bekannte Firma Brunnen (na, klingelt`s? Genau, die Schulhefte!).

Teilweise mit einem andersartigen Produktsortiment und auch oft preisgünstiger als der Platzhirsch stehen letztgenannte Produzenten dem Original keineswegs nach.

 

KLASSIK Lust Profil

Der Notizenverfasser hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber jedem Nutzer eines elektronischen Helferleins: Das Notizbuch verbraucht keinen Strom, es ist immer einsatzbereit, da es nicht abstürzen kann, und die Dateien werden nicht versehentlich gelöscht. Zudem ist man von einem Netzempfang eines Mobilfunkanbieters unabhängig, sollten die Notizen in einer Cloud abgespeichert werden. In unserer kafkaesken Welt ist so ein Notizbuch – ich möchte es einmal überspitzt ausdrücken – ein Hort der Entschleunigung, des sich Wohlfühlens, kurz: Eine kleine Sinnoase. Etwas, in das man seine Gedanken wohlüberlegt und mit Bedacht niederschreibt. Das kann eine durchaus SINNvolle Alternative zu den heute üblichen Instrumenten sein, um darin seine Notizen festzuhalten. Ein unentbehrliche Begleiter und Reisegefährte.

 

 

Text & Fotos: Ulrich Bänsch

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