Sattes Rohr und Donnerschlag Titel copy

Sound of Glory – Sattes Rohr & Donnerschlag

Es geschah zu einer Zeit, als zwei Motorrad-Journalisten die lautmalerischen Äußerungen von Motorrädern tonal aufnahmen und sie zu einer Single pressen ließen.

Single oder LP (Langspielplatte) heißen diese Tonträger, die auf den Plattenteller eines Schallplattenspielers aufgelegt werden und mittels eines Tonabnehmers aus den eingepressten Rillen Töne abgreifen können. Wer von den Jungen kennt denn so ein Instrument heute noch?

Sound of Glory“ – der Name ist hier schon Programm: Diese Soundkaskaden, die Motorradmotoren hervorbringen, sie mussten einfach der Nachwelt erhalten werden. Na ja, bei dem einen oder anderen Motorrad war dann die Schallschlucker-Einheit nur noch rudimentär vorhanden, und das macht gerade den Reiz der akustischen Äußerungen von Verbrennungskraftmaschinen aus.

Die zwei Motorrad-Journalisten, die für dieses Werk verantwortlich zeichnen, ist der Harley-Davidson-Papst Oluf Zierl, der andere der legendäre Ernst „Klacks“ Leverkus. Beide waren ausgewiesene Fachmänner auf dem Gebiet der Motorräder und haben sich mit unzähligen Artikeln in den einschlägigen Motorrad-Magazinen sowie in vielen Büchern jeweils einen Platz auf dem Olymp gesichert.

Der Autor dieser Zeilen durfte bei einem dieser historischen Momente Oluf Zierl Anfang der 90er Jahre bei den Tonaufnahmen seiner Harley-Davidson als Assistent zur Hand gehen. Da fühlte sich der damalige Jungschreiber ja schon quasi in den Adelsstand erhoben, als er dem großen und legendären Motorrad-Journalisten das Aufnahme-Mikrofon halten durfte. Das war schon was… damals hatten wir noch Respekt vor den Größen der Motorradszene und wir blickten ehrfürchtig zu ihnen empor.

Was der andächtig lauschende und in Verzückung geratende Zuhörer da an brachialen Tongirlanden zu hören bekommt – das ist herausragend: „Bianchi 350 Twin“, „NSU 600 OS“, „500 Single Gelände“, „BMW R 38“, „Norton Manx“, „NSU Bullus“, „Horex Regina“, „BMW R 69 S“, „Speedway-JAP 500“, „Honda CB 450“, und last but not least: „Harley-Davidson 1200“. Letztere wohlgemerkt – offen.

Es sind verbrennungstechnische Großereignisse, was die Motoren da veranstalten. Wohlgemerkt, sind viele davon nur mit rudimentären Schallschluckern versehen und man könnte annehmen, dass sie eigentlich nur dazu da sind, damit es nicht in die Auslasskanäle ´reinregnet, sollte es zu solch einem Wetterereignis kommen. Da bebt der Boden und die Luft im Rhythmus der Arbeitstakte der Motoren, wenn das Kraftstoff-Luftgemisch in den Verbrennungsräumen durch den überspringenden Funken der Zündkerze zur Verbrennung gebracht wird. Wenn sich so ein Motor freigehustet hat, dann bekommt der Hörer ein außergewöhnliches Ereignis auf die Ohren. Also schön laut die Anlage aufdrehen – am besten mit einem Kopfhörer auf – damit die gesamte Nachbarschaft nicht in Angst und Schrecken versetzt wird. Das Lauschen verspricht deftigen Motorensound, also Genuss vom Feinsten, und die Klangorkane sind ein Fortissimo der ganz besonderen Art. So ein akustisches Inferno – tja, das ist ganz nach dem Geschmack eines jeden Motorrad-Aficionado!

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Legt der Genießer großvolumiger Motorradmotoren die Platte auf den Plattenteller und lauscht den Tönen hingebungsvoll – was willst Du mehr…?

Erlebt jemand so etwas Life – neben solch einem Krad stehend – dann schrecken die unbedarften Umstehenden förmlich zusammen, wenn so ein Ein- oder Zweizylinder gezündet wird. Es brodelt und grollt wie ein vor dem Ausbruch stehender Vulkan. Jeder Gasstoß sorgt für ein Erdbeben, die Schallwellen schlagen brutal aus einem nur krümmerlangen offenen Rohr – je lauter sie dröhnen umso mehr strahlen die Augen der Connaisseure. Für sie ist das wie im Paradies!

Man vergisst alle Nöte und Sorgen des Alltages und gibt sich nur diesem außergewöhnlichen Klang-Tsunami hin. Dieser geht nicht nur ins Gehör, sondern direkt ins Herz des Kenners. Das Geräusch, das die Schallwellen der gezielten Verbrennung erzeugt, ist brachial, bombastisch und einfach nur brutal. Auf den Punkt gebracht: Herrlich… ein außergewöhnlicher Klangorkan, der aus einer Zeit zu stammen scheint, als alles wohl „besser und schöner“ war. Und wir könnten heute fragen, ja gab es denn das wirklich? Ja, das gab es wirklich.

Das, was auf dieser kleinen Schallplatte dokumentiert ist, das ist eine konservierte Zeitkapsel. Und Sie liebe Leserin und lieber Leser – sollten Sie das Glück haben, solch ein Zeitdokument zu besitzen: Hüten Sie es wie einen Schatz.

Diese Schallplatte wurde 1994 der Zeitschrift „Klassik Motorrad“ aus dem „MO-Medien-Verlag GmbH“ beigelegt. Damals erschien diese Fachzeitschrift einmal jährlich (heute übrigens 2-monatlich) und der damalige Chefredakteur war: Oluf Zierl.

Wenn so ein brachialer Ein- oder großvolumiger Zweizylinder losdonnert und seine Lebensäußerungen von sich tönt, dann ist das ein akustisches Kulturgut. Klassische Ein- bzw. Zweizylindermusik – ein wahrhafter Ohrenschmaus! Und wie heißt so ein – mittlerweile abgedroschen klingender – Ausspruch? „Der schönste Ton ist der NorTON!“

Wie wahr, wie wahr.

Und sollten Sie Lust verspüren, sich den analogen Abspielgeräten widmen zu wollen, hier bei uns auf der Klassik Lust finden Sie zahlreiche Artikel zu diesem Thema. Wer von der jungen Generation weiß denn heute noch, was ein Schallplattenspieler ist? Die Wenigsten. Er ist ein Medium aus der vor-CD-Zeit – und die heutzutage praktizierte Download-Hysterie von Musikstücken war noch unvorstellbar. Einen Vorteil haben diese Dateien dennoch: Sie brauchen nur Speicherplatz auf dem Rechner und bei den heute gängigen Speichermöglichkeiten im Tera-Bereich, da lässt sich sehr viel unterbringen.

Wer einmal bei einem Umzug seine Schallplatten geschleppt hat, der weiß wovon ich schreibe, denn diese Schätze haben ein nicht unerhebliches Gewicht…

Hier noch etwas zum goutieren:

 

Viel Spaß…

 

Text & Fotos: Ulrich Bänsch

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