Blick nach Norden

Schöckl – der Hausberg von Graz

Der Schöckl gilt als „Hausberg“ der steirischen Landeshauptstadt Graz. Etwa 13 Kilometer Luftlinie entfernt, begrenzt dieser Ausläufer der Alpen als markanter Gebirgsstock das hügelige Voralpenland der Steiermark. 1.445 Meter reckt sich diese imposante Erscheinung aus dem Grazer Becken empor, die durch die relative Höhe zu Graz (353 Meter) beeindruckend wuchtig in Erscheinung tritt.

Der Schöckl ist das Naherholungsgebiet der Grazer schlechthin. Er wird von Wanderern, Mountainbikern und Flugsportlern – ob Paraglider oder Drachenflieger – gleichermaßen geliebt und begeistert aufgesucht.

Der Gipfel des Schöckls ist ein etwa 12 ha großes Hochplateau und diese ungewöhnliche Weitläufigkeit, die zum gemütlichen Rundgang und zum ausgiebigen 360-Grad-Fernblick einlädt, macht seinen besonderen Reiz aus.

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Der 1.445 Meter hohe Schöckl – mit seinen nicht gerade sehr ästhetischen Antennenmasten – von Graz aus gesehen. Die Aufnahme entstand mit einem extremen Tele-Objektiv. Auf der rechten Bildseite sieht man das Stubenberghaus in brauner Farbkolorierung

 

Schöckl vom Plabutsch

Das Schöcklmassiv von Westen aus betrachtet. Das Lichtbildnis entstand vom westlich von Graz gelegenen Plabutsch – genauer gesagt vom Fürstenstand

Eigentlich ist es üblich, dass auf dem höchsten Punkt eines Berges ein Gipfelkreuz aufgestellt ist, bei dem Grazer Hausberg ist das jedoch anders: Etwa 100 Meter ragt dort eine gigantische Antennen-Anlage in den Himmel. Schön ist was anderes, aber die moderne Technik verlangt offenbar ihren Tribut, wobei sich das unangenehme Gebilde den Betrachtern auch noch in aufdringlichen rot-weiß-kolorierten Streifen präsentiert. Zumindest hat der riesige „Zeigefinger“ den Vorteil, dass man den Schöckl schon aus der Ferne erkennen kann, da er an sehr exponierter Stelle steht, wobei dem potthässlichen Stahlbauwerk zwei weitere (wenngleich kleinere) Antennenanlagen in respektvollem Abstand Gesellschaft leisten.

Mast Rot Weiss

Der etwa 100 Meter hohe Sendemast – quasi wie ein Gipfelkreuz. Schönheit ist etwas anderes, aber das liegt natürlich im Blickwinkel des Betrachters

Und da wir bei den kritikwürdigen Punkten sind, die dem Naturressort Schöckl vom Menschen zugemutet werden, wollen wir uns den folgenden auch gleich widmen: Unsere Gesellschaft soll – oder möchte? – permanent bespaßt und beschallt werden und so fühlt man sich bemüßigt, Eventparcours zu bieten – wohl auch, um die Kosten des Seilbahnunterhalts durch den Verkauf der Fahrkarten zu decken. Über den Sinn, dem Bergfreund inmitten einer wunderbaren Natur ein lautes Animationsprogramm aufzudrängen, darf jeder selber nachdenken. Ist es wirklich so, dass die heutige Gesellschaft nur noch dorthin gelockt werden kann, wo ein lauter Jahrmarkt geboten wird? Die Sommerrodelbahn „Hexenexpress“ für Groß und Klein, „Wohlfühlzonen“(!), „Disc Golf-Parcours“, der „Motorikparkour Balance“, Startplätze für Paragleiter und Drachenflieger, Geocaching, Orientierungslaufmöglichkeiten in unterschiedlichsten Schwierigkeitsgraden, alle Arten des Fahrradfahrens- genannt „Schöckl Trail Area“ -, Freeridegebiete, Mountainbikestrecken, Downhillstrecken; Herz, was willst Du mehr für Action und Fun! Und nur zur Vervollständigung, der Schöckl war in Europa- und Weltmeisterschaftsaustragungen der Mountainbiker mit eingebunden. Und das alles in einer traumhaft schönen Natur – mit einem Panorama, das unser Herz und unsere Seele aufs Höchste zu entzücken vermag… so man ihr die Ruhe dazu gönnt.

Schöckl Hinweistafel

Die Schautafel zeigt dem Besucher: er braucht sich nicht zu langweilen…

 

Drachenflieger

Die Flugsportler, die sich vom Schöckl aus gegen Süden in die Lüfte erheben, werden mit einem unvergleichlichen Panorama beglückt

 

Mast Gitter

Der Fortschritt, er verlangt seinen Tribut …

 

Hinweisschild

Früher sind die Eltern mit uns ganz einfach wandern gegangen, da gab es solche Dinge noch nicht. Der Vater hat uns damals die Flora und die Fauna erklärt und im Rucksack, den die Mutter am Morgen sorgfältig gepackt hatte, befanden sich ausreichend gutes Essen und Getränke für diese wunderbaren Familienausflüge in die Natur. So machen es die Puristen Gott sei Dank auch heute noch – und sie werden immer mehr, obwohl die Marketingstrategen sich immer wieder etwas Neues ausdenken, um die Rentabilität von Investitionen zu gewährleisten und um möglichst viele Besucher mit deren Geldbeuteln anzulocken.

Silberdistel

Wenn man die Poesie der Natur betrachtet – wir kommen aus dem ehrfürchtigen Staunen nicht mehr heraus

 

Enzian

Was braucht man für Animationen? Die größte Animation und Eventkultur ist die NATUR

 

Hummel in dem Enzian

Tief wird in den Blütenkelch eingetaucht, um an den für Insekten köstlichen Nektar zu gelangen

Am Westgipfel steht tatsächlich ein echtes Gipfelkreuz, das Semriacher Kreuz. Benannt nach der Ortschaft Semriach, die dort idyllisch zu Füßen des Schöckl im Almenland liegt.

Semriacher Kreuz

Das Semriacher Kreuz auf dem Westgipfel des Schöckl. Man sieht nur einen Teil der Menschen, die das Gipfelplateau bei schönem Wetter bevölkern. Wir haben es uns bewusst verkniffen, die Event-Destinationen auf Lichtbild zu dokumentieren, denn der Schöckl, er ist einfach in natura zu schön

Das Plateau des Schöckl wird auch heute noch als Sommeralm für das Vieh genutzt und so entsteht ein harmonisches Miteinander von Menschen und Kühen, was offenbar beiden Spezies Freude bereitet. Der Schöckl weist auch eine Vielzahl an Gastbetrieben auf, in denen man sich vorzüglich um das leibliche Wohl der Bergfreunde kümmert.

Mensch und Kuh

Das Miteinander von Mensch und Tier. Es ist ganz einfach eine stimmige und harmonische Symbiose

Der Schöckl hat in seiner Anmut und durch seine exponierte und alleinstehende Lage etwas von dem Monte Piana in den Dolomiten. Ein gemütlich zu begehendes Plateau mit einer atemberaubenden Aussicht; bloß dass vom Schöckl aus die Weitsicht sehr viel größer ist: Man sieht an den Alpenostrand bis zur Rax und dem Schneeberg, nach West-Ungarn hinein, bis zum 1.032 m hohen Sljeme bei Zagreb, nach Slowenien im Süden und zum 2.864 m hohen Triglav; zur Koralpe und zu den Seetaler Alpen im Südwesten bis Westen, zur Gleinalpe und im Norden reicht der Blick bis zum Hochschwab, den Eisenerzer Alpen mit dem Eisenerzer Reichenstein und zu Füßen liegt das Almenland mit der Roten Wand und dem Hochlantsch. Der Besucher kann sich an diesem majestätischen Anblick kaum sattsehen. So schön ist es dort oben! Ein entsprechendes Wetter für die nötige Fernsicht natürlich vorausgesetzt. Da vergisst der Besucher auch schnell die vielen Menschen, die genau das gleiche wollen, nämlich sich an der Schönheit, die uns die Alpen zu bieten haben, zu erfreuen – wer braucht sich da noch „bespaßen“ zu lassen?

Tafel Blick nach Norden

Eine Hinweistafel, auf welcher der Besucher die nähere und fernere Bergwelt ehrfürchtig bestaunen kann

 

Blick nach Norden - Hinweistafel

Der Blick nach Norden: Das vordergründige Almenland mit der Roten Wand – in welcher sich zahlreiche Steinböcke tummeln – bis hin zum Hochschwab

Peter Rosegger schrieb in seinem Werk „Spaziergang auf den Schöckl“ 1890: „Im Süden blau und flach wie das Meer, im Norden Alpenwelt“. Welch ein Kontrast.

Sehr erfreulich ist, dass auf dem Schöckl-Hochplateau ein Holzweg angelegt wurde, der es behinderten Menschen und Familien mit Kinderwagen ermöglicht, dort barrierefrei zu wandern. Auch ist löblich zu bemerken, dass man dort keinen weggeworfenen Zivilisationsmüll sieht und die Flora – es gibt dort oben z.B. sehr viele Silberdisteln – nicht von unachtsamen Zeitgenossen niedergetrampelt wird.

Der obere Teil des Schöcklmassivs besteht aus Kalkgestein, der auf einem kristallinen Untergrund, dem Radegunder Kristallin, thront. Daher treten dort und da Quellen an die Oberfläche, welche die Wasserversorgung der umliegenden Orte gewährleisten, z. B. in dem heilklimatischen Kurort St. Radegund, an dessen südlichem Rand zahlreiche Heilquellen entspringen. Viele berühmte Persönlichkeiten besuchten seit dem 19. Jahrhundert St. Radegund, um in der – damaligen – Abgeschiedenheit geistige und körperliche Erholung zu finden.

Um den Schöckl zu besuchen, kann man mit dem Auto – oder dem Motorrad – anreisen oder den Öffentlichen Personennahverkehr benutzen. Mit letzterem ist der Besucher in etwa 40 Minuten von der Grazer Innenstadt an der Talstation der Schöckl-Seilbahn, welche ihn innerhalb von sieben Minuten auf den Gipfel befördert.

Schöckl Seilbahn

Auf geht’s; in etwa sieben Minuten ist man mit der Seilbahn von der Talstation auf dem Schöckl

 

Einfahrt Gipfelstation

Die Bergstation der Schöckl Seilbahn. Noch ist es ruhig in der Gondel, aber wenn der erholungssuchende Bergfreund aussteigt, überfällt ihn eine Eventkultur mit Zwangs-Bespaßung

Den Schöckl kann man auf verschiedenen – und zahlreich vorhandenen – Wegen erwandern. In allen Himmelsrichtungen gibt es kürzere, weitere, leichtere oder schwierigere Aufstiegsmöglichkeiten – eine hilfreiche Übersichtsbroschüre ist an verschiedenen Informationsstellen erhältlich.

Die erste Bergsteiger-Unterkunftshütte entstand bereits 1780, die touristische Erschließung des Schöckls erfolgte im 19. Jahrhundert, als das heute historische, denkmalgeschützte Stubenberghaus (1445m Seehöhe) im Jahre 1890 als Schutzhütte eröffnet wurde. Die erste Fahrstraße wurde Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut, wobei am 16.08.1909 das erste Automobil den Schöckl auf seinen 4 Rädern erobern durfte. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde eine mautpflichtig Fahrstraße für den Individualverkehr freigegeben, die im Jahre 1993 – nach langjährigen Querelen – wieder schließen musste. Seit diesem Zeitpunkt dürfen nur noch Berechtigte mit Sondergenehmigung mit ihren Automobilen auf der ehemaligen Mautstraße auf den Schöckl fahren.

Stubenberghaus

Das denkmalgeschützte Stubenberghaus mit Blick auf Graz und die südlichen Gefilde, man sieht bis nach Ungarn und Slowenien

Den Schöckl haben viele bedeutende Zeitgenossen erklommen; nicht nur Erzherzog Johann stattete ihm einen Besuch ab, auch der steirische Dichterstar Peter Rosegger floh mitunter aus Graz auf seinen Hausberg, um den vielen Menschen und der Enge der Stadt zu entfliehen. Wenn auch nur kurz… Eine besondere Erwähnung ist auch Johannes Kepler wert, der 1601 auf dem Schöckl die Bestimmung der Erdkrümmung vornahm. Der aus dem schwäbischen Weil der Stadt stammende Kepler war ein herausragender Mathematiker, Astrologe, Astronom, Optiker und Naturphilosoph, der von 1594 bis 1600 einen Lehrauftrag in Mathematik und Astronomie sowie das Amt des „Landschaftsmathematikus“ in Graz innehatte. Johannes Kepler gilt ja auch als der Begründer der modernen Naturwissenschaften.

Entgegen den Aussagen einiger Tourismuspublikationen waren auf dem Schöckl sehr wohl schon die Römer anwesend. Entsprechende Funde belegen dies eindrücklich – einige Ausgrabungen haben bereits entsprechende Beweise zu Tage gefördert. Da jedoch der Schöckl almwirtschaftlich genutzt wird, müssen die Ausgrabungsstätten nach jeder Expedition wieder aufgefüllt und mit Gras bepflanzt werden, denn die Archäologen sind auf das Wohlwollen der Grundbesitzer angewiesen. Im Sommer 2017 machten Archäologen des Instituts für Archäologie an der Universität Graz eine sensationelle Entdeckung: Sie stießen bei einer mehrwöchig anberaumten Grabung auf einen römischen Kultplatz, bei dem es sich um einen Göttinnen-Tempel handeln könnte.

Ausgrabung Römer

Mitarbeiter des Instituts für Archäologie der Universität Graz machten im Sommer 2017 wohl eine sensationelle Entdeckung bei der Erforschung römischer Überreste auf dem Schöckl

Dass der Schöckl an sich ein herausragender Beobachtungspunkt ist, ist seiner sehr exponierten Lage zu verdanken. Der Blick reicht im 360°-Panorama sehr weit in die Lande hinein und die Beobachter haben von dort oben eine famose Rundumsicht.

Dies zieht wohl auch die vielen Besucher und Wanderer auf den Schöckl; die Menschen fühlen sich bei solch einer Weitsicht einfach freier als im Tal. Frei in den Gedanken und froh im Herzen… Die Ängste, Sorgen und Nöte, sie sind plötzlich ganz klein und die Menschen sind ganz bei sich und genießen die Ruhe und die Schönheit der Landschaft – das ist Balsam für die Nerven und die Seele.

Blick nach Norden

Welch ein atemberaubender Blick in die Alpenwelt…

 

Almenland

Diese beglückenden Eindrücke werden einen noch sehr lange begleiten

Zum Schluss möchte ich noch den Steirischen Poeten Peter Rosegger aus seinem Werk „Spaziergang auf den Schöckl“ von 1890 zitieren:

Und nun lebe wohl, stolze Höhe, ich steige wieder zu Tale, um unter kleinlichen Gesellen – auch ein solcher zu sein“.

Schöckl Wald

Ein malerisches und verwunschenes Wäldchen – mitten auf dem Schöcklplateau

 

 

Text & Fotos: Simone Burger

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