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Ein Blick in den Vorhof der Genese *)

*) lt. Wahrig: Genese: Entstehung, Entwicklung, Werden, Bildung (des Lebens) – griechisch genesis: Erzeugung, Ursprung

Was gibt es Schöneres für einen passionierten, notorischen Sammler alter, historischer Motorräder als ein wohlsortiertes Wartezimmer mit von der braunen Pest befallenem Gammel-Schrott…?

Zusammengetragene Schnäppchen, vor dem Alteisensammler bewahrtes, vermeintliches Kulturgut, sündhaftteurer Edel-Gammel-Schrott, mit dem unnachahmlichen Charme des Zerfalls, den man ganz einfach haben musste, bei deren Anblick der „normale“ Betrachter eher ein suizidales Verlangen verspürt…

Die gesammelten Rostlinge warten unsortiert nur darauf, wieder aus dem Zustand der körperlichen und geistigen Verwahrlosung zum Leben erweckt zu werden. Friedlich schlummern sie, von einer dicken Staubschicht bedeckt, in Erwartung höherer Weihen vor sich hin.

So eine gut gefüllte Asservatenkammer beruhigt das Nervenkostüm eines notorisch passionierten Restaurators ungemein, denn wenn gerade ein Exponat in der Werkstatt als antikes Puzzle seiner Vollendung entgegenstrebt, ist es ungemein beruhigend zu wissen, dass die Arbeit nicht ausgeht. So ist der Nachschub für die nächste Zeit der Denkmalschutzpflege gesichert.

Es gibt es für einen Alteisenfetischisten nichts Schöneres, als einen im höchsten Verwesungszustand befindlichen Haufen Gammel wieder in den Zustand höchster Vollendung zu inszenieren. Wie herrlich, wenn ein ambitionierter Schraubenschlüssel-Akrobat mit seiner magischen Fingerfertigkeit ein undefinierbares Konglomerat von metallurgischen Verbindungen wieder in eine Beschaffenheit komponiert, die oftmals besser ist als fabrikneu! Das ist nichts für Leute mit einem schwachen Nervenkostüm, da braucht´s überproportionalen Charakter, Ehrgeiz und Willensstärke. Tugenden und Werte wie Geduld, Ausdauer, Demut und das Wichtigste: Respekt!

Nicht nur Respekt vor der ingenieusen Kunst der Konstrukteure, die solch ein Wunder der Mechanik erschufen, sondern auch Respekt vor der eigenen Schaffenskraft und den zur Verfügung stehenden Ressourcen. Also nix für Mainstream-Avantgardisten. Das ist nur was für charakterlich gefestigte Persönlichkeiten, die vor einem Haufen Schrott nicht kapitulieren und ihn als Herausforderung sehen. Ich will nicht sagen, man wird dadurch besserer Mensch, aber einer, der vieles anders sieht.

Solche Grenzerfahrungen, die jemand im Laufe einer Restaurierung gemacht hat, kann er ohne weiteres in sein „normales“ Leben integrieren.

Die Restaurierung ist eine Portation von einem sich abzeichnenden endlichen Dasein in einen imaginären unendlichen Zustand der Vollkommenheit.

Wie kann man den ominösen Vorhof zur Genese bestücken? Wie wird dieses Wartezimmer als eine Art Raritätenkabinett gefüllt? Man sammelt, wo immer man eines Teils habhaft werden kann. Es ist der triebhafte Drang des Sammelns und Anhäufens, ein Relikt das noch in unseren Genen schlummert aus der Zeit, als unsere Urahnen ihre überlebenswichtigen Grundbedürfnisse als Jäger und Sammler befriedigen mussten.

Wo deckt sich der Jäger und Sammler verblichener Pracht und Mechanik ein? Zum Beispiel auf Veteranenmärkten. Meist ein hochfrequentierter Tummelplatz motorradtechnischer Steinzeit-Nostalgie, wo es Motorräder unterschiedlichster Verrottungszustände gibt. Ein Hort des geschäftigen Stelldicheins der Edelschrottmanie und Bastler. Ein Sammler-Eldorado, wo man vorzüglich auf Schnüffeltour gehen kann, auf dem anarchischen Treiben von Angebot zu meist noch anarchischeren Preisen und pekuniär oft nicht deckungsgleicher Nachfrage.

Oder man weiß, dass irgendjemand einen kennt, der über fünf weitere ominöse Ecken die Bekanntschaft mit einem gemacht hat, der das Gesuchte vermutlich in der hintersten Ecke unter allerlei Unrat stehen hat.

Oder im Kleinanzeigenmarkt in den Rubriken der Marken-Bekanntschaftsanzeigen einschlägigen Gazetten der Printmedien und Internetportale, deren verkaufswillige Brautväter zum Teil eine horrende Ablöse wollen für die in Agonie befindlichen Bräute. Man will´se aus dem Haus haben aber nicht ohne vorher mit dem Schrott noch einen guten Schnitt gemacht zu haben.

Der glückliche Käufer befördert dann das begehrte Stück in den heimischen Asservaten-Schrein, in dem meist schon mehrere skelettierte Motorräder wie in einem Raritätenkabinett auf eine Genese warten und bis dahin vor sich hingammeln.

Solche Kleinodien üben eine magische Anziehungskraft auf mich aus! Sie erscheinen fast wie mit Bedacht gewählt und liebevoll drapiert. Sie wirken inszeniert, wie ein feinsinniges Ensemble und ein stilvolles Arrangement des Vergänglichen – des Verfalls. Es ist – wie eine romantische Komposition. Die in Ehren erworbene Patina vergangener Jahre strahlt immer noch Würde aus und jeder Angefressene antiquierter Technik erfährt bei deren Betrachtung einen Zustand euphorischer Glückseligkeit. So ein Gral müsste fast schon unter Denkmalschutz gestellt werden, da braucht´s keine kleingeistigen Stildiskussionen denn er ist fast schöner als so manches sterile, wertkonservative Museum.

Da sind sie, die prähistorischen Industriekunstwerke, mit ihrem melancholischem Charme. Nie restauriert, es sieht irgendwie schrecklich aus, aber gleichzeitig ist es wunderschön, weil sie nie zerstört wurden, da wurde nie ein falsches Teil montiert und nie – gutgemeint – verschlimmbessert. Wie in Ruhe befindliche Lichtgestalten oder endzeitlich anmutende Reliquien in einem heiligen Zweiradbiotop stehen sie in der Sanierungszone und harren stoisch der Genese.

Das sind Wohlfühloasen, solche Ansammlungen archaischer Schrott-Motorräder, da geht einem das Herz auf und mit religiöser Inbrunst verleiht es fast ekstatische Flügel, der in besonders schweren Fällen für Außenstehende in nicht mehr zugänglichem Okkultismus gipfelt.

Das sind Orte spiritueller Einkehr, wo die vom Edelschimmel befallenen Motorräder darniederliegen – teilweise abgescheuerter Lack mit Rostpickeln, die Schrammen, Kratzer und Beulen, der ölsabbernde Motor, alles ist ein Spiegelbild der Fahrten, des Gebrauchs, aber auch der Verletzlichkeit und des Vergänglichen: Eines gelebten Lebens.

Halten Sie doch mal Ausschau – Sie werden über diesen ungewöhnlichen Kunstgenuss erstaunt sein! Man muss alles nur unter einem anderen Blickwinkel betrachten.

Das sind magische Orte pittoresker Poesie!

 

Text & Fotos: Ulrich Bänsch

 

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