Der Pianist Walter Dürr

Es gab ab den 50ern bis in die späten 80er Jahre des letzten Jahrhunderts wohl keinen gesellschaftlich relevanten Ball und keine Großveranstaltung im Stuttgarter Raum, für die Walter Dürr und seine Big Band nicht engagiert wurde, um die Gäste – musikalisch auf höchstem Niveau – mit gepflegter Tanzmusik zu unterhalten.

Wer erinnert sich heute noch an diesen brillanten Pianisten und großartigen Kapellmeister? Wohl kaum jemand. Wie bei so vielen Großen: Aus den Augen, aus dem Sinn; speziell dann, wenn sie relativ früh gestorben sind. Auch der Chronist konnte nicht mehr viel in Erfahrung bringen, obwohl er doch jahrelang bei diesem Großmeister der Tasten Unterricht genommen hatte, um die hohe Kunst des Klavierspiels zu erlernen. Und die Erinnerungen, sie verblassen irgendwann und in den Jugendjahren waren andere Dinge interessanter, als der Werdegang seines Lehrers Walter Dürr. Wir können nur Dinge zu Papier bringen, an die wir uns erinnern oder die wir in irgendwelchen Archiven oder im Gespräch mit Zeitzeugen recherchieren können, wobei es letztendlich nicht sicher ist, ob sie alle stimmen, denn nur wenige Weggefährten von Walter Dürr weilen noch unter uns. So unsere Recherchen.

 

Walter Dürr bei einem Auftritt mit kleiner Besetzung

 

Uns ist wichtig, dass der Name Walter Dürr nicht in Vergessenheit gerät und so räumen wir ihm hier auf der Klassik Lust einen würdigen Platz im Internet ein, indem wir an sein langjähriges musikalisches Schaffen und Wirken erinnern. Speziell in den Nachkriegsjahren war es so wertvoll, die Menschen mit dieser heiteren Art von Musik zu erfreuen…

Heute ist es doch so: Was in den einschlägigen Internetsuchmaschinen nicht gefunden wird und das möglichst noch auf der ersten Seite der Ergebnisdarstellung, das wird von der medienverwöhnten Gesellschaft als nicht existent empfunden.

 

Nur mit Widerwillen ließ er sich eigene Autogrammkarten erstellen. Er war nicht der Mensch, der im Rampenlicht stehen wollte, obwohl das in seinem Beruf unumgänglich war

 

Der Musiker

Walter Dürr wurde am 25.09.1920 in der Friedrichstraße in Ludwigsburg geboren und verstarb am 29.06.1993 in Stuttgart.

Sein Name stand jahrzehntelang in und um Stuttgart für gepflegte und swingende Tanz- und Unterhaltungsmusik.

Bereits im Alter von sechs Jahren erhielt er seine ersten Klavierstunden. Später studierte Walter Dürr an der Stuttgarter Musikhochschule und legte damit den Grundstein, ein Meister seines Faches zu werden. Aufgrund einer Schussverletzung, die er im 2. Weltkrieg erlitten hatte, musste ihm beinahe ein Arm abgenommen werden. Für ihn als Pianisten hätte dies das Ende seiner Karriere bedeutet. Dem war jedoch nicht so.

Bereits 1946 wurde Walter Dürr vom damaligen Süddeutschen Rundfunk als fester Mitarbeiter verpflichtet und seine Darbietungen waren dank seines melodiösen musikalischen Stils wöchentlich im Rundfunk zu hören.

Nach Beendigung seines Engagements beim Süddeutschen Rundfunks spielte Walter Dürr mit seiner Big Band, in kleiner Besetzung oder auch Solo bei unzähligen Veranstaltungen, er erlebte einen kometenhaften Aufstieg und seine Tanzkapelle wurde zu einer der führenden in Baden-Württemberg.

 

Die Walter Dürr Big Band bei einem ihrer unzähligen Auftritte. Würde Walter Dürr noch leben, könnte er aus dem Stehgreif anhand seiner Notate augenblicklich referieren, wieviele Auftritte, wann und wo und in welcher Besetzung er im Laufe seines erfüllten Musikerlebens hatte. Er war schon ein Pedant und führte akribisch Buch

 

Es gab zahlreiche Tonträgeraufnahmen von seinem musikalischen Wirken. Wo sie geblieben sind? Keine Ahnung, es ließ sich nicht mehr eruieren.

Sei es der Presseball in der Stuttgarter Liederhalle, der Stuttgarter Opernball (auf dem Walter Dürr und seine Big Band mit seinen Solisten 25 Jahre hintereinander auftrat!), ob Internationale Tanzturniere, Firmenveranstaltungen oder Abschlussbälle der einschlägigen Tanzschulen: Es gehörte in der Stuttgarter Gesellschaft zum guten Ton, Walter Dürr und seine Mannen zu engagieren und ein jeder schmückte seine Veranstaltung gerne mit dem klangvollen Namen des Meisters.

 

Die Musiker erfreuten nicht nur die Gäste mit ihren musikalischen Darbietungen, sie übten ihren Beruf und die Auftritte mit Leidenschaft aus – und hatten sichtbar Spaß daran

 

Das Ensemble bestand aus studierten Vollblut-Musikern, die nicht nur in der Lage waren Blechinstrumente – oder bei dem Saxophon-Satz Holzblasinstrumente – zu intonieren, sondern sie alle konnten auch noch zusätzlich mindestens ein Streichinstrument spielen. Für eine Big Band ein unschlagbarer Vorteil. Damals – in den 50er Jahren – war so etwas absolut üblich und auch wünschenswert. Walter Dürr war bekannt dafür, dass er kein großer Freund elektrischer Instrumente – wie z.B. einer E-Gitarre – war. Der einzige Kompromiss war in späteren Jahren ein E-Bass. Walter Dürr war ein Verfechter des reinen Klangs und des natürlichen Volumens, den die Instrumente erzeugen. Es war eine Zeit, in der es noch Usus war, das Tanzbein zu gepflegter Musik zu schwingen und zwar ohne elektrische Verstärkungsmittel. Der Klang aus den Instrumenten sollte unverfälscht und rein das menschliche Gehör erreichen und erfreuen und es nicht malträtieren.

 

Der Saxophon-Satz der Walter Dürr Big Band

 

Für sein Orchester-Ensemble wählte Walter Dürr nur die besten Musiker mit jahrzehntelanger Bühnenerfahrung aus, die in der Lage waren, ihre Instrumente virtuos und perfekt vor Publikum zu spielen. Es galt als Ritterschlag bei den Musikern, in seiner Big-Band spielen zu dürfen und zu einer „Mucke“ engagiert zu werden. „Mucke“ – das war und ist das geflügelte Wort unter den Musikern für einen gebuchten Auftritt bei einer Veranstaltung.

 

Eine stimmungsvolle Collage des Saxophon-Satzes. Wenn die Big Band Gas gab, waren das echte Genüsse, die jeden in den Bann zogen. Ein voluminöser Big Band Sound ist das Höchste für die Liebhaber solcher Musik

 

Walter Dürr war ein bescheidener und herzensguter Mensch, dem es sehr wichtig war, dass es seinem Ensemble gut ging. Nach außen mag es für viele nicht immer diesen Eindruck erweckt haben, denn er verlangte seinem Orchester alles ab. Er war schon ein richtig schwäbischer Pedant. Präzision, Genauigkeit und Akkuratesse waren seine Tugenden, die er auch von den Mitmusikern erwartete. Eine falsch gespielte Note oder die nicht exakte Einhaltung des Rhythmus, er hörte alles, denn sein Gehör war phänomenal. Die Gäste, Zuhörer oder Tänzer mögen solch kleine Unpässlichkeiten nicht bemerkt haben, dem Meister jedoch entging absolut nichts.

Er konnte den Tasten eines Flügels Töne und Tonabfolgen entlocken, die aus einem nicht irdischen Instrument zu stammen schienen. Walter Dürr war ein großartig beseelter Virtuose.

Es gab kaum eine Firmengroßveranstaltung in und um Stuttgart, die Walter Dürr nicht musikalisch begleitete. Sei es als Combo oder mit der großen Big Band und sie spielten ohne Verstärkeranlage, was die Gäste und Besucher sehr zu schätzen wussten, war es doch möglich, sich an den Tischen der gepflegten Konversation hinzugeben, ohne sich anschreien zu müssen.

 

Das machte die Walter Dürr Big Band aus: Swingender Sound, bei dem man sich auch noch angenehm unterhalten konnte

 

Die Stuttgarter Liederhalle war im Prinzip das verlängerte Wohnzimmer von Walter Dürr und seinen Musikern. Es verging fast keine Woche im Jahr, in der sie nicht mindestens ein Mal dort auftraten. Konzerte nicht nur im Stuttgarter Raum, auch Auftritte in ganz Deutschland, in der Schweiz und in Österreich standen im Terminkalender. Überall dort, wo swingende Tanz- und Unterhaltungsmusik gefragt war, da war Walter Dürr zur Stelle. Meist wurde von dem Veranstalter die Folgeveranstaltung noch am selben Abend gebucht.

 

So kannten zahllose Menschen Walter Dürr und seine Big Band

 

So war das damals

Walter Dürr legte – wie erwähnt – akribisch Wert auf absolute Präzision, nicht nur bei sich, sondern ganz besonders auch bei seinen Instrumentalisten und Solisten.

Die Lederkoffer, in denen sich das Notenmaterial befand (für jedes Instrument separat waren die Koffer und die Noten sorgfältig nummeriert), sie waren nicht schnöde Massenware, sondern individuell von Hand gefertigt. Schwer waren sie und entsprechend tief hing das Auto in den Federn, wenn es zu einem Auftritt ging.

Meist wurde das Orchester von den Veranstaltern fürstlich bewirtet und zum Abschluss der Veranstaltung aus Dankbarkeit mit allerlei Geschenken bedacht, vornehmlich für die Gemahlinnen der Musiker zu Hause gedacht, die über die mitgebrachten Blumen-Buketts stets hoch erfreut waren. Heute würde die fiskalische Großinquisition daneben stehen und dies als geldwerten Vorteil bewerten.

Am Ende einer musikalischen Darbietung war es bei den Firmenveranstaltungen üblich, dass der Vorstandsvorsitzende sich beim Kapellmeister und seinen Mannen persönlich bedankte. Tja, das waren noch Zeiten – waren sie besser? Ich weiß es nicht, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: menschlicher.

Das Können von Walter Dürr hatte ein außergewöhnlich breites Spektrum: Klassik wie z.B. Bach, Beethoven, Mozart, Chopin usw. Modernes wie Boogie-Woogie, Swing, Tanzmusik – also fast die ganze musikalische Bandbreite, und in der Improvisationskunst, da war er der wohl ungekrönter Meister seines Faches. Zahlreich Arrangements gehen auf seine Kreativität zurück.

 

Auch das gehörte dazu: Nach einem erfolgreichen Auftritt trank man an der Bar noch ein Glas Bier und zur Feier des Tages wurde dazu genüsslich eine Zigarre geraucht

 

Der Mensch

Walter Dürr wohnte viele Jahrzehnte in der Wiener Straße in Stuttgart-Feuerbach, einer stark frequentierten Hauptverkehrsstraße unweit des Feuerbacher Bahnhofes. Eine Gegend, in der eine Vielzahl der Stuttgarter Industriebetriebe ansässig war. Also nicht die allerfeinste Wohngegend, obwohl er es sich ohne weiteres hätte leisten können, in Stuttgarts Villengegend – dem Killesberg – adäquat zu logieren. Doch er benötigte wohl keine Luxuswohnung als Statussymbol.

Walter Dürr, der für seine Großzügigkeit bekannt war, liebte durchaus Gegenstände hochwertiger Qualität und ein wenig Luxus. Es neidete ihm keiner, denn er gab bei seinen Auftritten immer hundert Prozent. Es war wohl ein halbes Dutzend durchgeschwitzter Hemden bei jedem Auftritt, die er kontinuierlich gegen frische wechselte. Nicht nur das Rampenlicht dürfte dazu beigetragen haben, sondern auch die körperliche und geistige Anspannung und die Verantwortung für ein exzellentes Gelingen des Abends, die ihm oblag.

Seine Art war für viele nicht leicht handhabbar, sodass ihm wohl auch viele Chancen auf internationalem Parkett verwehrt blieben, so wie sie z.B. Max Greger, Hugo Strasser usw. dann weidlich nutzten. Bei den wenigen direkten gemeinsamen Auftritten, wie dem Stuttgarter Opernball, wo diese Klangkörper abwechselnd an einem Abend musizierten, da konnten diese im direkten Vergleich meist nur schwerlich in der Gunst der Tänzer und Zuhörer mit Walter Dürr und seiner Big Band mit halten. Er spielte sie in den Schatten.

 

Der Schauspieler, Sänger und Entertainer Peter Frankenfeld mit der Walter Dürr Big Band. Die Interpreten hatten immer ein sehr freundschaftliches Verhältnis untereinander

 

Walter Dürr war ein sehr sensibler, warmherziger und feinfühliger Mensch, nur davon wussten die wenigsten. Am besten kannte ihn nur wirklich – ich behaupte es hier an dieser Stelle ganz einfach einmal – sein bester Freund. Seine Großzügigkeit war hinlänglich bekannt und wurde von dem ein oder anderen leider auch schamlos ausgenutzt.

Gerne fuhr er zusammen mit seiner Frau nach Herzogsweiler im Schwarzwald oder in das Weinörtchen Rosswag vor den Toren Stuttgarts zum Essen. Er war einem edlen Wein und gutem Essen nicht abgeneigt. Und so konnte es durchaus mal das ein oder andere Viertele mehr werden. Aber er war auch einem einfachen Siedfleisch mit Meerrettich und Klößen äußerst zugetan, es musste nicht immer ein Rostbraten & Co. sein.

 

Der Klavierunterricht

Von Walter Dürr wollten viele Eleven in der Kunst des Klavierspielens unterrichtet und eingeführt werden. Eine Ehre auf der einen Seite für die Schüler, auf der anderen Seite war das nicht sein Lebensziel – von der mangelnden Zeit einmal ganz abgesehen. Ein paar Ausnahmen machte er jedoch und wer in den Genuss dieses Unterrichts kommen durfte, der konnte sich durchaus darauf etwas einbilden, gehörte er oder sie fortan zu den Auserwählten. Wer in diesen erlauchten Schüler-Kreis aufgenommen wurde, der konnte sich als etwas Besonderes schätzen, sei es durch Talent oder aber durch außerordentliche Beziehungen. Es gibt Überlieferungen, dass manche Schüler durch halb Süddeutschland anreisten, um pünktlich zur Unterrichtsstunde in Feuerbach zu erscheinen. Kein Weg schien zu weit zu sein, um bei dem „Meister“ zu lernen.

 

Klassik Lust Profil

Dass es heute nichts – aber auch gar nichts mehr – über Walter Dürr zu lesen gibt, ist mehr als traurig. Eine Institution, die Jahrzehnte das gesellschaftliche Leben Stuttgarts geprägt hat – einfach wie ausradiert. Gut, sein Wirken war vor der heute scheinbar allwissenden Ära der Internet-Suchmaschinen, jedoch befand es niemand für nötig, ihn in die Geschichtsbücher zu hieven. Solche Entwicklungen, dass das Schöne keinen adäquaten Platz in den Kompendien findet, ist mehr als bedenklich. Mit seiner Art und natürlich mit seiner Musik erfreute Walter Dürr über mehrere Jahrzehnte hinweg tausende und abertausende von Menschen.

Wir gehen mit gutem Beispiel voran und haben heute einen Anfang gemacht, dem außergewöhnlichen Menschen Walter Dürr den Platz einzuräumen, der ihm gebührt.

 

 

Text: Ulrich Bänsch

Fotos: Privat, Archiv

 

 

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Eine Antwort zu “Der Pianist Walter Dürr”

  1. Carisma sagt:

    Danke für diesen schönen Artikel – eine Hommage an einen guten Musiker und sein Orchester .
    Mit ein wenig Wehmut mag sich der Ein- oder Andere an jene Jahre erinnern, die ruhiger und entspannter und doch voller Lebensfreude waren.

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