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Ost-Format

Faszination Mittelformat zum kleinen Preis. Dafür stand und steht die traktorenhaft robust erscheinende Konstruktion aus dem einstmaligen Arbeiter- und Bauernstaat: PENTACON SIX TL. Günstig sind die Kosten noch immer, dafür muss auch mit unliebsamen Überraschungen gerechnet werden.

Was Stuttgart für den Automobil-Standort Deutschland heute ist, das war die Region Dresden für die Kameraindustrie bis 1945. Die Geschäftsleitung von Zeiss setzte sich damals nach Westdeutschland ab, im Osten ging es für die zwangsenteigneten Firmen wieder bei Null los. Trotz aller Schwierigkeiten wurde die Traditionen gewahrt und man baute zielstrebig eine leistungsstarke Fotoindustrie auf. Denn wie für Westdeutschland war auch für die DDR die optische Industrie ein wichtiger Devisenbringer. Neben den populären Pentacon-Kleinbildmodellen gab es ab 1957 auch ein Mittelformat-Modell, die Praktisix. Das Konzept entsprach im Aufbau den Kleinbildtypen, nur waren alle Abmessungen entsprechend größer. Ab 1966 hieß das weiter entwickelte Nachfolgemodell Pentacon Six, ab 1969 Pentacon Six TL. Gebaut wurde dieser Mittelformat-Klassiker bis 1990. Genau genommen sogar bis ins Jahr 2000 hinein. Denn in Nürnberg hatte bereits 1984 die Exakta GmbH unter Verwendung der Pentacon Six TL eine modern gestaltete Kamera entwickelt, für die es sogar, passend zum beibehaltenen Pentacon-Bajonett, hochwertige Objektive der Marke Schneider Kreuznach gab.

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Pentacon Six im zugeklappten Zustand. Ein typischer Mangel, die sich lösende Gehäusebelederung, ist gut zu erkennen. Top ist das 80 mm Standard-Objektiv. Bei voll geöffneter Blende lässt sich damit „Kunst“ ohne Ende produzieren

Im Osten stellte die große 6×6 Rollfim-Systemkamera das anspruchsvolle Gerät für den professionellen Lichtbildner dar. Im Westen war die Six vor 1989 eher so etwas wie die Hasselblad für Studenten und sonstige Hungerleider. Denn für die Preisbewussten unter den Mittelformat-Fans gab es ja noch die verlockenden japanischen Offerten von Mamiya über Ashai Pentax und nicht zuletzt Zenza Bronica.

Nach der so genannten Wende bekam man die Pentacon-Kameras regelrecht hinterher geworfen. Inzwischen hat sich das Preisgefüge stabilisiert, doch günstig sind die Mittelformat-Ostler nach wie vor. Für eine komplette Kamera inklusive Objektiv werden selten mehr als 150 Euro bezahlt. Und dann muss der Apparat durchaus ansehnlich und recht proper in der Auslage stehen.
Wenn schon analoge Fotografie im Digital-Zeitalter, dann bitteschön Mittelformat. Im Falle des quadratischen Aufnahmeformats der Pentacon Six macht das eine Fläche von 56 mal 56 Millimeter. Da kann man in Sachen Pixel und Auflösung auch mit den Flaggschiffen der digitalen Zunft locker mithalten. Mit zwölf Aufnahmen pro Rollfilm steht die Devise „Klasse vor Masse“ von vorne herein fest. Bewusstes komponieren und überlegtes Auslösen intensiviert das Erlebnis Mittelformat. Konzentriertes Gestalten, statt digital-inflationäres Bildersammeln im Bruchteil von Sekunden betont wieder den Wert des Augenblicks.

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Pentacon Six in aufnahmebereiter Position. Der Auslöseknopf sitzt griffgünstig schräg vorne

Dass an diesen hehren Grundsätzen tatsächlich etwas dran ist, macht die wuchtige Ost-Mittelformat beim Blick durch den Lichtschachtsucher überdeutlich. Das Standardobjektiv mit seiner hohen Lichtstärke von 2,8 und der klassenüblichen 80 Millimeter Brennweite liefert bei Offenblende vor allem im Nahbereich einen wunderschön knappen Schärfebereich mit luftig fliehenden Unschärfen. Durch den Aufblick-Lichtschachtsucher hält man die Kamera zudem zwangsläufig anders als die gewohnte Spiegelreflex. Man gewinnt automatisch neue Blickwinkel und ist erstaunt, wie Allerweltsmotive im Sucher zur „Kunst“ werden. In der Tat, diese Kamera ist höchst inspirierend. Das haben auch bereits manche Digitalis bemerkt, die diese Kamera als reines Durchblickgerät zweckentfremden. Sie fotografieren einfach das Sucherbild der Six und erzielen damit eindrucksvolle Effekte.

Für die Kamera gibt es übrigens auch noch ein Aufsatzprisma für die übliche horizontale Spiegelreflex-Einsicht. Dann steht das Sucherbild auch wie gewohnt seitenrichtig. Allerdings ist das Bauteil ein ausnehmend klobiges Ding, zudem dunkelt das Prisma das Sucherbild deutlich ab. Also, mit dem schlichten Lichtschacht kommt man dem Charakter der Six gut auf den Grund, auch wenn das Sucherbild nur etwa 70 Prozent des tatsächlich aufgenommenen Bildes zeigt. Für Direkt-Durchblicker gibt es übrigens die Möglichkeit, den Lichtschacht mit ein paar Handgriffen auf einen völlig linsenfreien Sportsucher umzustellen. Damit gibt’s Blickfeld pur, wie in den ganz frühen Tagen der Fotografie.

Nichts als Begeisterung für die Pentacon Six also? Jein. Die Kamera hat gewissermaßen eine starke und eine schwache Seite. Die Stärken liegen auf Seiten der durchweg sehr guten Objektive. Besonders das optionale 2,8/180er ist ein Portraitglas, dem man verfallen kann. Die schwache Seite der Pentacon liegt auf der anderen Seite des Objektivs: Das Gehäuse hat seine Eigenheiten und Wehwehchen. Der Filmtransport arbeitet nicht immer zuverlässig. Es kommt zu Überlappungen der einzelnen Aufnahmen. Seine Macken hat auch der schwere Tuchverschluss. Kälte mag er überhaupt nicht, dann laufen sämtliche Verschlusszeiten zu lang ab. Die Planlage der von Haus aus widerspenstigen Rollfilme auf der Filmbühne ist zudem nicht optimal, die tatsächlich erzielte Schärfeleistung bei offener Blende deshalb mitunter höchst bescheiden. Dass sich die Belederung des Gehäuses gerne ablöst, ist da fast schon eine Lapalie. Gleichwohl gibt es Pentacon Six, die im Großen und Ganzen recht klaglos arbeiten. Einmal von der Kälteproblematik abgesehen, die generell gilt – auch für die westdeutschen Exakta 66-Ableger.

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Erfahrene Pentacon Six-Fotografen erkennt man daran, dass sie den Filmtransport- und Spannhebel behutsam betätigen und nach dem Spannen nicht zurückschnappen lassen. Stattdessen führen sie ihn mit gefühlvollem Daumen wieder in die Ausgangslage zurück. Das schont die Mechanik und hilft, die Gefahr von Bildüberlappungen in den Griff zu bekommen

Wer sich also für diese Kamera entscheidet, der kauft sie am besten aus der Hand eines Spezialisten, der ihr die genannten Schwachpunkte durch penible Justier- und Servicearbeit abgewöhnt hat. Das kann ein Privatier oder ein Profi sein. Auf Fotobörsen oder im Internet finden sich eingeschworene Pentacon Six-Versteher. Wer sich die Pentacon Six auf gut Glück im bekannten Internet-Auktionshaus auspickt, der sollte die Beschreibung der angebotenen Kamera genau beachten. Werden die genannten Schwachpunkte nicht explizit erwähnt und die Six nicht als garantiert voll funktionstüchtig angeboten, dann bekommen Sie aller Wahrscheinlichkeit nach eine Baustelle ins Haus. Die Reparatur beim Profi übersteigt schnell den Zeitwert. Dann haben Sie zwar eine imposante Mittelformat-Kamera, aber sie taugt nur zum Ansehen oder als Briefbeschwerer. Gerade beim doch recht kostspieligen Rollfilm-Material sollte aber die Kamera mit Zuverlässigkeit glänzen. Immerhin ein Trost bleibt. Versagt das ostalgische Prachtexemplar eines Tages den Dienst, dann bleibt immer noch die Möglichkeit, die Six als Sucherbild-Inspirator für Digitalexperimente zu verwenden.

 

DATEN: PENTACON SIX TL
Bauzeit: 1969 bis 1990
Typ: Mittelformat-Spiegelreflexkamera
Film 120 und 220 Rollfilm
Objektiv: Zeiss Jena 80 mm/f 2,8
Verschluss: Tuch, B, 1 bis 1/1000 sec
Marktpreis 2015: rund 150 Euro mit Objektiv

Klassik-Lust-Profil:

Urwüchsiges, voll mechanisches Mittelformat-Monstrum. Hat seine Marotten, die nerven können. Eher ein Fall für bastelnde Freaks als für anspruchsvolle User

 

Rollfilm
Archaischer als mit einer mittelformatigen Rollfilm-Kamera lässt sich kaum fotografieren. Höchstens noch mit einer altertümlichen Plattenkamera. Wie das Wort sagt, ist der Rollfilm auf einer Spule aufgewickelt. Anders als der Patronen-Kleinbildfilm, wird der Rollfilm beim Vollknipsen von einer Spule zur gegenüberliegenden umgewickelt. Damit der Film beim Einlegen und Wechseln nicht belichtet wird, ist er mit einem lichtdichten Papierstreifen hinterlegt. Das alles macht den Rollfilm in der Handhabung recht störrisch. Aus diesem Grund ist die Konstruktion der Filmbühne bei einer Mittelformat-Kamera eminent wichtig. Die Pentacon Six hat in dieser Beziehung einen Konstruktionsmangel. Der Film liegt in der Bühne nicht sauber plan. Spezialisten können den Fehler jedoch mit Überarbeitung beheben. Zu empfehlen für absolute Pentacon Six-Liebhaber oder solvente Freunde von getunter Understatement-Technik.

 

Alte Kameras verkaufen
Wenn die tolle Fotoapparate-Sammlung von Onkel Fred zur Erbmasse wird, ist für die Nachkommen einiges zu beachten. Erstens: Wenn Sie die Apparate verkaufen möchten, lassen Sie sich Zeit und machen Sie sich kundig. Zweitens: Der lokale Fotohändler wird Ihnen nur ein Spottgeld für die Teile bezahlen. Drittens: Scheinbar wertloses Zubehör kann für Sammler interessanter sein, als die Kamera. Viertens: Kontaktieren Sie bei echten Sammlerraritäten ein spezialisiertes Auktionshaus. Fünftens: Verkäufe über die Internet-Auktionsplattform ebay spiegeln gut die Preissituation. Bei hochpreisigen Geräten fallen aber hohe Gebühren für den Verkäufer an. Sechstens: Auf Fotobörsen lauern jede Menge Profis, die Ihnen die Teile billig abluchsen wollen. Zum „Schätzen lassen“ Ihrer Sammlung ist das der völlig falsche Ort. Siebtens: Allerwelts-Autofokuskameras aus den achtziger Jahren werden – höchstwahrscheinlich – nie begehrte Sammlerkameras.

Text und Fotos: Jo Soppa

2 Kommentare

  • Dr. Manuel Bachmann sagt:

    Meine Pentacon arbeitet seit 16 Jahren in meinen Händen problemlos. Überlappungen entstehen, wenn ein Anfänger einen Film falsch einlegt. Unschärfen entstehen, wenn man zu wenig genau arbeitet. Zu lange Belichtungszeiten? Kenne ich nicht. Das ist keine Kamera für Freaks. Das ist eine Kamera ausschließlich für anspruchsvolle Users. Es gibt schlechterdings keine Kamera, die so gut in Händen liegt wie die Pentacon. Die sich so gut anfühlt und das damit gegebene Versprechen hält.

  • Werner Ruth sagt:

    Genau

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