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Pedal-Roadster

Klassische Fahrradtechnik hatte schon immer ihren ganz speziellen Reiz. Übersichtlichkeit und selbst erklärende Funktionalität sind es, die altes Material gegenüber oft überkomplizierten und damit auch anfälligen Konstruktionen unserer Tage so freundlich erscheinen lassen. Nicht zu vergessen die Ästhetik, die so und nicht anders nur ein klassischer Stahlrohr-Rahmen bieten kann

 

Rennräder aus der goldenen Ära der sechziger und siebziger Jahre hatten schon immer ihre meist männlichen Liebhaber. Inzwischen sind es sogar die einstmals verpönten „Halbrenner“, die mit viel Einsatz zu Vintage-Stadtflitzern und Singlespeedern umgestrickt werden. Die Nachfrage ist eben da, und von den 70er Jahre Bikes stehen noch immer genügend in Kellern, Schuppen und Garagen herum.

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Montana-Tourensportrahmen, vermutlich aus den frühen fünfziger Jahren. Komplett im werksmäßigen Nitrolack, inklusive goldener Handzierlinien. Die Muffen sind recht dickwandig, aber dennoch von ansprechender Eleganz

Ein anderer und zudem sehr spannender Weg zum authentischen Vintage-Fahrrad führt über das Zusammentragen passender Einzelteile. Im Idealfall sind das original verpackte Neuteile, so genannte NOS-Ware – New Old Stock. Ergo Ladenhüter, die im Keller eines Händlers oder Privatmanns über die Jahre vergessen wurden und nun wieder ans Licht der Öffentlichkeit gelangen.
Manchmal finden sich auf diese Weise sogar alte Rahmen, die sich noch in neuem oder zumindest neuwertigem Zustand befinden. So auch im gezeigten Fall.

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Geprägtes und farblich ansprechend ausgelegtes Markenemblem am Lenkkopf angenietet. Aufnahmebohrung für eine eventuell nachzurüstende Felgenbremse bereits in der Gabel vorhanden

Auf einem Oldtimer-Markt lugte der Rahmen unter einem Tapeziertisch hervor. Das einst aufgetragene Konservierungswachs war bereits fest und tiefbraun mit der grünen Nitrolackierung zusammengewachsen. Im ersten Moment sah das nach Gammel aus, aber mit ein wenig Fingernagelrubbeln an den Chromteilen zeigte sich, dass unter der braunen Schicht astreines Material auf die Entdeckung wartete. Gekauft wie besehen trat das gute Stück der wenig bekannten Marke „Montana“ den Heimweg an.

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Länge läuft. Der deutliche Abstand zwischen Sattelrohr und Bereifung veranschaulicht das klassische Rahmenkonzept. Ein sportlicher Roadster mit insgesamt gefällig ausgewogenen Proportionen. Man könnte auch „zeitlos elegant“ dazu sagen

Der vermutlich in den frühen fünfziger Jahren produzierte Rahmen ist mit seinen relativ dickwandigen Muffen zwar kein rennsportliches Edelteil, aber in die Kategorie „Sporttourer“ passt das mit zeittypisch flachem Lenkkopfwinkel und beruhigend langem Radstand gebaute Rohrwerk allemal.

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Tretgarnitur aus Stahl mit typischer Keilbefestigung der Kurbel. Das Tretlager verfügt selbstverständlich noch über einen servicefreundlichen Schmiernippel

Bei der Durchsicht wurde auch klar, weshalb der Rahmen nie zum Einsatz gekommen war. Ein Ausfallende der Gabel war offensichtlich nicht exakt eingelötet worden. Das führte zum Schiefstand des Vorderrads. Gefühlvolles Nacharbeiten mit der Rundfeile konnte den Mangel maßgenau beheben. Womit dem weiteren Aufbau nichts mehr im Wege stand.

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Brooks B-17 Ledersattel. Aus einer Zeit, als die Engländer noch völlig lifestylefrei gute Ware lieferten

Begünstigt wurde das Projekt von original verpackten Scintilla-Trommelbrems-Naben Typ X samt Dreigang-Schaltung. Dieser Nabentyp ist ein Lizenznachbau der englischen Sturmey-Archer-Naben und wurde ansonsten gerne im Schweizer Armeerad verbaut, was für eine gewisse Robustheit des mit eidgenössischer Akribie gebauten Fabrikats spricht. Ebenfalls schön im serienmäßigen Wellpappe-Karton fand sich auf einem anderen Teilemarkt die komplette Philips-Lichtanlage. Das alles passte zeithistorisch perfekt zum Montana-Rahmen.

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Scintilla X-Bremsnabe. Sieht solide aus, bremst aber nur höchst bescheiden. Wer auf maximales Adrenalin steht, fährt damit einen Gebirgspass runter

Kompromisse mussten beim Lenker-Vorbau und den Felgen eingegangen werden. Die Leichtmetall-Mavics und der 3TTT-Vorbau sind ein drei Jahrzehnte zu jung für den Rest, aber damit lässt sich leben. Dafür passt der Brooks B-17-Ledersattel samt Stahlrohr-Sattelstrebe wieder halbwegs in den historischen Kontext. Nostalgie blieb auch bei der Reifenwahl außen vor. Die voluminösen Schwalbe-Pneus passen gut zur Linie, und das an moderne Motorradreifen erinnernde Profil verspricht Gripp, Laufleistung und Rollkomfort. Nicht alles Moderne muss schlecht sein.

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Philips-Dynamo mit Leichtmetallgehäuse und lackiertem Stahlhalter. Über die kleine Schraube auf der Seite lässt sich die Generatorwelle bei Bedarf nachschmieren

Rollkomfort ist denn auch die Stärke des wieder belebten Klassik-Rades. Gabel und Rahmen federn Stöße effektiv mit aus, der lange Radstand bringt die gewünschte Souveränität beim Meter machen im großen Gang. Die Scintilla-Schaltung arbeitet mit klarer Rastung und schönem, laufruhigem Mechanik-Feeling. Im ersten Gang lässt sich prima gegen Berge antreten. Die sportliche Grundlinie passt also tatsächlich gut zum Gesamtcharakter des Rads.

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Für das wunderschöne Philips-Rücklicht befand sich bereits eine kleine Anlötlasche zur Befestigung am Rahmen

Enttäuschend bis gefährlich fällt indes die Wirkung der Trommelbremsanlage aus. Der Begriff „Bremse“ ist stark übertrieben. Eher handelt es sich um eine Art Ausrollinstrument. An eine Pässetour ist mit dieser Anlage nicht zu denken, zumal es trotz Dreigangnabe keinen zusätzlichen Rücktritt gibt. Das Nachrüsten zumindest einer zusätzlichen Felgenbremse ist deshalb mehr als eine Überlegung wert.

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Weltmeister will die Fahrradmarke „Montana“ auch einmal gewesen sein. Immerhin sprang dieser schwungvolle Schriftzug auf dem Rahmenunterrohr dabei heraus. Ausgeführt in Form eines Wasser-Abziehbilds

Klassik-Lust-Profil:

Warum nicht einmal selbst Konfektionär spielen und selbst aus Einzelteilen ein Rad zusammenstellen. Die meisten Hersteller machen ja nichts anderes. Das Aufstöbern historischer Komponenten ist zudem ein besonderes Vergnügen. Wobei das Feld inzwischen von vielen Profis und Liebhabern beackert wird. Die Trefferquote bei der Suche nach original verpackten Neuteilen aus den fünfziger, sechziger oder siebziger Jahren ist heute also keine besonders hohe mehr. Das Trüffeln in den Auslagen der Oldie-Profis muss inzwischen mit Liebhaberpreisen honoriert werden. Klar, im Internet finden sich jede Menge alte Fahrradteile. Die sind dann meistens aber wirklich alt und ausgelutscht. Ein Tipp sind immer noch typische Oldtimer-Märkte, etwa in Mannheim oder Ulm und ganz besonders die Märkte in Italien. Auf üblichen Flohmärkten sind die Erfolgsaussichten inzwischen höchst gering.

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Vollendete Eleganz. Der Philips-Scheinwerfer ist mit einer speziell angefertigten Verschraubung direkt am Vorbau befestigt

Schrauben am Fahrrad: Unterschätzt, aber schön

Das Schlossern an Fahrrädern sieht auf den ersten Blick einfach aus, erweist sich in der Praxis aber schnell als steiniger Weg. Denn anders als bei alten Autos oder Motorrädern stößt man bei Fahrrädern mit handelsüblichem Werkzeug schnell an die schrauberischen Grenzen. Für viele Komponenten ist Spezialwerkzeug erforderlich. Deren Anschaffung lohnt sich für einmaligen Gebrauch meist nicht. Nur wer zum Fahrrad-Maniak mutiert ist, wird sich nach und nach mit Handwerkszeug und vor allem Fachwissen eindecken. Allen anderen sei rechtzeitig der Weg zum Fachmann empfohlen. Der macht es unter dem Strich billiger, vor allem, wenn man selbst Gefahr läuft, Schrott zu produzieren. Und den kann man bei raren Oldie-Bauteilen nun wirklich nicht gebrauchen.

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Will man eine klassische Lichtanlage ans Rad montieren, müssen Kabel verlegt werden. Die lassen sich fürs Auge recht unauffällig entlang der Bremszüge verlegen. Das Fixieren mit Klebestreifen oder modernen Kabelbindern sieht an einem alten Fahrrad unpassend aus. Eine Methode mit „Vintage-Spirit“ ist das einfache Umwickeln der entsprechenden Stellen mit Kupferdraht. Der lässt sich aus elektrischen Leistungen „gewinnen“. Noch schöner ist spezieller, mit Textilgewebe ummantelter Kupferdraht. Den gibt es in verschiedenen Farben im auf Oldie-Verstärker spezialisierten Elektronik-Handel

Text und Fotos: Jo Soppa

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