Bild 24.08.2009 062

Nostalgie im Trend

Groß im Kommen sind zur Zeit Motorrad-Oldtimer und -Youngtimer als Zeugnis einer fast künstlerischen Ingenieurkunst früherer Jahre. Diese Motorräder hatten noch Charakter, sie lärmten und machten Getöse, sie hatten einen herrlichen Sound; orchestrale Musik in den Ohren – für den, der´s liebt…

In einer Art Technologie-Renaissance werden die Motorräder, die aus den Anfängen der Motorisierung bis aus den 70er und 80er Jahren stammen, von immer mehr Liebhabern gesammelt, restauriert und gefahren.

Ein klassisches Motorrad zu fahren hat Stil und ist gar nicht so teuer, wie man gemeinhin denkt. So ein altes Krad strahlt eine gewisse Würde aus, es hat Charakter und Charisma, was vielen heutigen Motorrädern schlichtweg fehlt. Jeder Kilometer ist ein Erlebnis, er wird zum Abenteuer; so ein Oldie, das ist was Altes, Echtes und erzählt eine Geschichte.

Wann ist man reif für einen Oldie?

Das muss jeder für sich selbst entscheiden: Zum motorradeln mit einem Oldie braucht´s Zeit. Es geht halt nicht so schnell vom Fleck wie mit einem 120 PS Supersportler. Aber: Man entdeckt und sieht Dinge, die man sonst vor lauter Geschwindigkeitsrausch gar nicht wahrgenommen hätte. Es ist mitunter ein äußerst beschaulich-sinnliches Motorradwandern. Man muss sie lieben, die spartanisch-puristischen Fahrmaschinen mit ihrer kernigen Aussprache, dem rau laufenden Motor, dem satten Auspuffschlag. Klangvolle Motorräder mit Charakter, sei´s ein Viertakter oder ein Zweitakter. Motorräder mit regem Eigenleben, manchmal zickig wie eine Diva, die doch zuverlässig ihren Dienst verrichten und ihren Reiter sicher ans Ziel befördern.

Mit der – gelegentlich nötigen – liebevollen Hege und Pflege sind sie auch heute noch für den mäßigen Alltagsgebrauch verwendbar. Es muss nicht der bis auf die letzte Schraube originalrestaurierte Veteran oder Youngtimer sein, der Trend geht heute auch eher dahin, dem Oldie seine charakteristischen Gebrauchsspuren nicht wegzuschminken. Belässt man das Motorrad in seinem unrestaurierten Zustand, so wirkt es vielfach authentischer, echter, lebendiger und die Patina erzählt seine Geschichte. In einen makellos restaurierten Zustand kann das Motorrad immer wieder versetzt werden. Aber die jahrelang erworbene, sympathische Patina der Gebrauchsspuren – das dauert! Ach übrigens: Ein paar Rost- und Ölflecken schänden nicht, sie sind dokumentierte und erlebte Fahrgeschichte.

IMG_1165

Raritäten wie diese NSU sind gern gesehene Gäste bei Ausstellungen und Messen

Erfahrungsgemäß wird so eine liebevoll und perfekt restaurierte Sammlerikone meist nur noch bei lang anhaltenden Schönwetterperioden aus dem schützenden Gral geholt und bewegt, weil sie einfach – fast – zu schade zum Fahren ist.

Hat der Motorrad-Veteranen-Besitzer in spe ein altes Motorrad für den Alltagsgebrauch in die nähere Wahl gezogen, sollte es nach Möglichkeit eines sein, für das die Ersatzteilversorgung noch ausreichend gesichert ist. Auch die Mitgliedschaft in einem der unzähligen Markenclubs erweist sich als äußerst nützlich. Hilfe ist einem hier gewiss. Vielfach werden auch Ersatzteile in Kleinserie nachgefertigt. Und ist man einmal in die Veteranenszene eingetaucht, wird man schnell feststellen, dass es – fast – nichts Schöneres gibt als alte Motorräder! Aber keine Bange; letztendlich wird einem immer irgendwo geholfen.

Man lasse sich keinesfalls von einem relativ günstigen Kaufpreis blenden! Die Folgekosten müssen immer in die Überlegungen mit einbezogen werden. Es muss ja nicht gleich ein Kult-Klassiker oder ein heiß begehrtes Sammlerstück sein, denn gerade hier ist der Verlust großer Geldscheine nahezu unvermeidlich. Der Besuch von Veteranenmärkten zur Ersatzteilsuche muss in jedem Fall in Betracht gezogen werden. Aber das hat durchaus seinen eigenen Reiz und das Teiletrüffeln ist recht amüsant und macht Laune, natürlich nur, wenn der Jäger- und Sammlertrieb zu einem vernünftigen Preis befriedigt und das Gesuchte auch tatsächlich gefunden wird.

Bild 24.08.2009 179

Wenn der Sammler einmal anfängt, dann sind diese Exponate der Beginn einer wunderbaren und tiefgreifenden Beziehung

Ein Klassiker als Zweitmotorrad für den Aufbau einer kleinen privaten Sammlung, da tut´s für den Anfang auch eines mit wenig Hubraum. Und überhaupt: Dafür gibt´s meist auch Platz in der kleinsten Bude, wo es abgestellt werden kann. Man sollte gar nicht glauben, wie viel Platz es in der Garage oder im Keller noch gibt, wenn ein paar Regale hineingestellt werden und mal richtig aufgeräumt wird. Und Ruck-Zuck ist die „Klassiker-Ecke“ eingerichtet, ein ritueller Platz für beflügelte Gedanken der Meditation in dunklen Wintersnächten!

IMG_0170

Mit diesen kleinen Zweirädern kann der geneigte Sammler auch mit wenig Platz seiner Leidenschaft frönen

Hat sich der „Neu-Veteranen-Sammler“ dazu entschlossen, sein gutes Stück zu restaurieren und trotzdem zu fahren und nicht – vielleicht monate- oder jahrelang – auf den feierlichen Moment der ersten Ausfahrt zu warten, können die Verschönerungs-Arbeiten auch sukzessive durchgeführt werden, ganz getreu dem Motto einer „rolling-restauration“.

Über eines sollte man sich bei aller anfänglicher Euphorie im Klaren sein: Ein wenig handwerkliches Geschick und einen wohlsortierten Werkzeugkasten sollte man schon haben, denn so ein Klassiker verlangt gelegentlich nach einer pflegenden und kundigen Hand. Meist sind die alten Motorräder recht einfach aufgebaut, die Technik ist noch überschaubar und der elektronische Overkill hat bei den Motorrädern im Gegensatz zu den Autos erst spät eingesetzt. Der Umgang mit der meist simplen Technik ist schnell erlernbar. Die Bedienungsanleitungen, die es für die Motorräder gegeben hat, waren meist so ausführlich und verständlich geschrieben, dass die Reparaturen leicht nachzuvollziehen sind. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen! Sollte der Oldie-Liebhaber schrauberisch nicht so versiert sein, so ist es hilfreich, wenn sich im Bekanntenkreis jemand befindet, der über derartige Gaben verfügt, denn viele Werkstätten tun sich etwas schwer mit einem Klassiker, auch wenn’s die selbe Marke ist. Der Klassiker-Neu-Besitzer sollte, wie schon gesagt, den Kontakt zur Veteranen-Szene suchen, dort tummelt sich ein äußerst illustres, liebevolles und hilfsbereites Völkchen mit Ecken und Kanten, ganz so, wie die guten alten Motorräder.

Bild 24.08.2009 178

Das sind meist Winterarbeiten, wenn das Sammlerstück für die kommende Saison vorbereitet wird

Sollte der Neueinsteiger den Kauf eines Oldtimers bzw. Youngtimers in Betracht ziehen, dem sei zum Beispiel die Zeitschrift „Klassik Motorrad“ wärmstens ans Herz gelegt. Da gibt’s zum Thema alte Motorräder Informationen von A-Z, Geschichte, Hintergründe und Technik in Hülle und Fülle der letzten Jahrzehnte Motorradhistorie.

Eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Mit relativ wenig Geld kann man einem der schönsten Dinge des Lebens frönen. Das Erleben und die Freude, die einem so ein olles Motorrad macht, ist fast nicht mit Geld zu bezahlen. Es ist wie eine Sinnoase in der heutigen Zeit, einer Zeit die nicht so ist, wie sie sein sollte und wo eines meist zu kurz kommt: Glück und Zufriedenheit. Das vermittelt so ein 2-rädriger Veteran, der aus einer Zeit stammt, in der er noch Getöse machen durfte und in der typische charaktervolle Eigenschaften noch einen individuellen Ausdruck fanden.

Nostalgie ist im Trend

Ein Motorrad-Klassiker wirkt wie aus dem Jurassic-Park der motorradhistorischen Evolutionsgeschichte, da geht einem das Herz auf, wenn man so etwas auf der Straße sieht.

Wie ein Relikt aus einer – vermeintlich – besseren Epoche der motorisierten Fortbewegung, als das Tempo noch eine untergeordnete Rolle spielte. So wirken solche Motorrad-Klassiker wie ein Ruhe-Anker in unserer heutigen, immer schnelllebigeren Zeit. Die relative Langsamkeit – im Gegensatz zu den Tempi, die heute auf den Straßen vorgelegt werden – kondensiert zu einem Bollwerk gegen den Alltagsfrust.

 

Text & Fotos: Ulrich Bänsch

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentar
Name*
Email*