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Ballangrud-Schlittschuhe – Norwegian Speed

 

Im eingestaubten Karton hatten sie die Jahrzehnte im Neuzustand überlebt: Original norwegische EIS-SCHNELLLAUFSCHUHE aus den sechziger Jahren. So etwas bekommt man hierzulande eher selten in die Finger. Die Recherche förderte eine interessante Geschichte zutage und macht Lust auf einen ausgiebigen Skandinavien-Urlaub im Winter.

Bekanntlich streiten sich Holländer und Skandinavier seit jeher erbittert über die Frage, wer denn nun bitteschön das Eislaufen erfunden hat. Die Niederländer berufen sich auf ihren Landsmann König William den Dritten, der Mary Stuart ehelichte und auf diesem damals üblichen Weg der Landgewinnung den Engländern gleich noch den Eislaufsport nahebrachte. Von England aus verbreitete sich der Sport über Amerika in alle Welt. Die Skandinavier wiederum behaupten, ihre Vorfahren, namentlich die ebenso reise- wie rauflustigen Wikinger, hätten den ehedem unbeholfen in ihren Kanälen auf Schuhsohlen schliddernden Holländern erst die hohe Kunst des Eislaufens beigebracht. Wie auch immer, von der Klärung der Frage hängt der Fortgang der Weltgeschichte kaum ab. Was man durch archäologische Forschung jedoch weiß, ist, dass Eislaufen tatsächlich eine sehr alte Angelegenheit sein muss.

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Historischer Beleg: Die (später) Heilige Lydwinia stürzt auf dem Eis. Unverkennbar trägt sie Schlittschuhe

Es ist wissenschaftlich verbürgt, dass bereits zu Urzeiten auf umgeschnallten Behelfskufen aus Holz oder Knochen über zugefrorene Gewässer geflitzt wurde. Die erste bildliche Darstellung einer Eislaufszene findet sich in den Aufzeichnungen von Pater Johann Brugman aus dem Jahr 1498. Es zeigt den Sturz der heiligen Lydwinia auf dem Eis. Der Überlieferung nach erholte sich die junge Frau nie von dem Missgeschick, begann fortan aus Mund, Nase und Ohren zu bluten und entwickelte seherische Fähigkeiten. Das historische Dokument lagert heute im Katharinen-Konvent in Utrecht und ist für jeden gestandenen Holländer wichtiger Beleg für die weltweit maßgebliche Rolle im Schlittschuh-Sport.

Der technische Fortschritt ließ jedenfalls nicht lange auf sich warten. Kufen aus Metall gab es bereits im 13. Jahrhundert. Im Geschichtsmuseum von Amsterdam lagert ein Exponat als eindrucksvoller Zeitzeuge.

Derart luxuriöse Edelmodelle waren damals freilich der besseren Gesellschaft vorbehalten. Das gemeine Volk schnitzte sich seine Eisgleiter selbst, am besten aus Lindenholz, und als simpler Kufenwerkstoff bewährten sich harte und zugleich flexible Knochen von Tieren. Es ist übrigens eine Legende, dass aus diesem Grund das deftige Eisbein auf den Namen Eisbein getauft wurde. Was die Größe angeht, ist die Schweinshaxe als Kufe kaum geeignet. Viel eher trifft die Annahme zu, dass sich das Wort vom altdeutschen „Isben“ ableitet, und dieser Begriff stand in der Jägersprache einst für das Hüftbein.

Wie lang so ein Knochen für eine Kufe sein musste, lässt sich an unserem Oldie-Schlittschuh gut erkennen. Denn für Wassersport gilt in flüssigem wie gefrorenem Zustand „Länge läuft“. Die hierzulande gebräuchlichen Schlittschuhe für Eiskunstlauf oder Eishockey sind dagegen auf Wendigkeit getrimmt. Dazu sind die Kufen nicht nur deutlich kürzer gebaut, sondern über die Länge gesehen in verschiedenen Radien gekrümmt.

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Uraltes Konstruktionsmuster der Schnelllaufschuhe: Dünne Stahlkuven werden zur Stabilisierung in Rohrstücke eingelötet

Schlittschuhe in der gezeigten Bauform wurden bereits um 1885 in Norwegen vom Schnellläufer Harald Hagen entwickelt. Er war der erste, der die dünnen Stahlkufen in Röhren einlötete und die Konstruktion somit leicht und zugleich steif machte. Seitdem hat sich an den Grundzügen dieser Schlittschuh-Type kaum etwas geändert. Die wesentliche Neuerung war die Einführung der Klappkufen in den neunziger Jahren.

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Ballangruds Modell, nur echt mit dem Made in Norway-Schriftzug. Und nur gemacht für Schnellläufer

Auch beim hier gezeigten Modell Ving Ballangrud konnte ein berühmter Sportler seine Hände, oder besser gesagt, seine Ideen mit in die Waagschale werfen. Ivar Ballangrud war vor dem Zweiten Weltkrieg einer der weltbesten Eisschnellläufer. Der Norweger brachte es viermal zu Olympiagold uns stellte mehrere Weltrekorde auf. 1952 entwickelte er zusammen mit Designer Hjalmar Andersen „seinen“ Schlittschuh. Gefertigt wurde er von der norwegischen Firma Christiana Staal & Jernvarefabrikk in Moss unter dem Markennamen „Ving“, Modell Ballangrud. In den sechziger und siebziger Jahren waren die „Ballangruds“ so etwas wie der Standard im internationalen Eisschnelllauf. Daneben konnte das Modell nicht nur mit technischen Qualitäten aufwarten. Wie der Betrachter unschwer erkennt, stimmen auch die ästhetischen Merkmale. Immerhin erhielten die schnellen Eisschuhe 1966 vom Norwegischen Design Council eine Auszeichnung.

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Eislauftraum auf dem Vänern im Südwesten von Schweden

Während man bei uns Schlittschuhe dieses Bautyps nur mit Wettkampfsport in Verbindung bringt, sind die Langkufler in Holland und Skandinavien auch und besonders beim Langstreckenlauf im Einsatz. In Holland etwa gibt es den Städtemarathon „Elfstedentocht“, der über 200 Kilometer an einem Tag geht. Traditionell wird auf den riesigen Eisflächen in Skandinavien richtig Meter gemacht. Unser faszinierendes Foto etwa entstand auf dem Vänern, dem drittgrößten See Europas im Südwesten von Schweden. Mit 5600 Quadratkilometern ist er rund zehnmal so groß wie der Bodensee. Und vor allem friert er im strengen skandinavischen Frost zu, was hierzulande nur in Ausnahme-Wintern passiert. Wer also beim Anblick der Bilder auf so ein Eiserlebnis Lust bekommen hat, der sollte sich in deutschen Eislaufhallen fit machen und im Februar gen Skandinavien aufbrechen.

Bevor Sie jetzt ins nächste Sportgeschäft rennen, um sich ein Paar norwegische Ving-Schlittschuhe zu besorgen, muss ich Sie leider enttäuschen. Ving hat sich bereits in den siebziger Jahren vom Schlittschuhgeschäft zurückgezogen. Der bestens beleumundete Markenname wird heute von den holländischen Zandstrasport-Schlittschuhprofis für Klappkufen weiter verwendet. Ving in Norwegen hat dagegen eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Ursprünglich Hersteller für Türbeschläge und Schlösser, brachte die norwegische Firma eine Erfindung des technischen Direktors Tor Sornes ganz groß ins Türschloss-Geschäft. Sorne entwickelte den Schlüssel in Form einer Plastikkarte, die mit einem Muster aus 32 Löchern 4,2 Billionen Schließkombinationen erlaubt. 1975 wurde die „VingCard“ präsentiert und trat prompt ihren Siegeszug in allen Hotels auf dieser Welt an. Aber das wäre schon die nächste Geschichte.

 

 

Ivar Ballangrud – Weltmeister auf dem Eis
Seinen größten sportlichen Erfolg feierte der norwegische Eislauf-Star bei den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen 1936. Dreimal holte er damals Gold, über 500 Meter, 1500 Meter und die 10000 Meter-Distanz. Mit 24 Jahren war er bereits 1928 über 5000 Meter Olympiasieger geworden. Daneben stellte er gleich dreimal den Weltrekord über 5000 Meter (1929, 1930 und 1936), sowie über 3000 Meter (1935) und über 10000 Meter (1938). Im Mehrkampf wurde er in den Jahren zwischen 1926 und 1938 ebenfalls viermal Weltmeister. Die von ihm mitgestalteten Ballangrud-Eisschnelllaufschuhe prägten über Jahrzehnte die internationale Sportszene. Kaum ein Spitzenläufer in den 1960er Jahren, der nicht auf Ballangruds seine schnellen Runden drehte. Der 1,80 Meter große Athlet wurde 65 Jahre alt und starb 1969 in Trondheim.

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Ivar Ballangrud, Eisschnelllauf-Weltmeister und Schlittschuh-Designer

 

Eisschnelllaufen – Eine lange Tradition

Der „Skating Club of Edinburgh“ wurde als erster offizielle Eislaufclub 1642 gegründet. Damit dürfte Eislaufen zu den ältesten Freizeitsportarten überhaupt zählen. Denn erst 1735 wurde, gleichfalls im schottischen Edinburgh, der erste Golf-Club, nämlich die Royal Burgess Golfing Society, aus der Taufe gehoben. Das erste Schlittschuh-Rennen wurde 1763 in England ausgetragen, die ersten Schelllauf-Weltmeisterschaften fanden 1889 auf holländischem Eis statt.

Traditionell stark sind im Schnelllauf Teilnehmer aus Holland, Norwegen, England, Canada und den USA. Als schnellste Bahn der Welt gilt die Olympia-Bahn in Utah/USA. Sie liegt 1425 Meter über Meeresspiegel und bietet deshalb einen idealen Mix aus „dünner“ Luft mit wenig Reibungswiderstand und dennoch ausreichendem Sauerstoffanteil für die Atmung der Athleten. Eine Runde beträgt 400 Meter. Für die 10 Kilometer-Distanz sind also lediglich 25 Runden zu absolvieren.

Einen Technologieschub brachte dem Sport 1996 das holländische Olympia-Team. Erstmals verwendete man in Nagano/Japan neuartige Klappkufen. Ähnlich konzipiert wie eine Langlaufskibindung, bleibt die Kufe zur Kraftübertragung länger auf dem Eis. Prompt purzelten die Rekorde. Wie sich die Rundenzeiten entwickelten lässt sich an einem 100 Jahres-Vergleich gut darstellen. Im Jahr 1900 brauchte Weltrekordler Peder Ostlund (Norwegen) für die 1000 Meter noch 17,50.60 Minuten. Hundert Jahre später schaffte Gianni Romme (Holland) die Distanz bereits in 13,03.40 Minuten. Top Eisschnellläufer erreichen Durchschnittstempi im Bereich von 45 km/h, bei kurzen Sprints werden bis zu 60 km/h erzielt.

 

Eislaufen – am schönsten in der Natur

Hierzulande frieren die großen Seen nur in besonders strengen Wintern tragfähig zu. Das Bayerische Landesamt für Wasserwirtschaft gibt Eisflächen ab einer Kerndicke von zehn Zentimetern frei. Ab dieser Eisdicke ist eine Person pro neun Quadratmeter Seefläche erlaubt. Ab 15 Zentimetern klarer Kerndicke gilt eine Belastung von einer Person pro sechs Quadratmetern Fläche sowie die Erlaubnis für größere Ansammlungen und eventuellen Budenbetrieb auf dem Eis. Auf einem fünf Hektar großen See dürften dann etwa 8300 Menschen Eislaufen. Auf kleinen Gewässern sollte aus Rücksicht vor der Winterruhe der Tiere nicht Eis gelaufen werden. Ideal sind dagegen überschwemmte und dann gefrorene Wiesen. In den meisten Fällen wird man sich jedoch mit der nächsten Eislaufhalle zufrieden geben müssen. Wer die Stoßzeiten meidet, findet auch dort ausreichend Platz zum genussvollen Schwingen.

 

Das Gleiten – eine Frage der Kufe

Unter dem Druck der schmalen Kufe entsteht auf dem Eis ein dünner Wasserfilm. Der erst macht das schwungvolle Gleiten möglich. Aus diesem Grund kommen Ausgestaltung und Form der Schlittschuhkufen große Bedeutung zu. Kufen für Eiskunstlauf sind drei bis vier Millimeter breit und haben einen ausgeprägt konkaven Schliff. Das ergibt zum einen beidseitig scharfe Kanten, die sichere Führung auf dem Eis garantieren. Zum anderen wird das Wasser in der nach innen gewölbten Lauffläche wirkungsvoll gehalten. Profis wählen den Radius des Konkavschliffs in Abhängigkeit von Eistemperatur, Körpergewicht und Einsatzzweck.

Schnelllaufschuhe haben extrem dünne Kufen. Die Werte liegen um einen Millimeter. Die gezeigten Ballangruds messen 1,2 Millimeter. Im Gegensatz zu modernen Schuhen, die keinen Konkavschliff mehr haben, sind die Oldies noch mit einem solchen ausgestattet. Für Touringzwecke ist das wegen der guten Seitenführung besser. Im Spitzensport kostet das Reibung und damit Zeit. Gesprintet wird hart auf Kante. Die neuesten Entwicklungen kombinieren Gerad- und Konkavschliff . Eine Technik, die besonders bei Eishockey-Schuhen gefragt ist. Die Längskrümmung der Kufen wird zumeist so ausgelegt, dass der höchste Radiuspunkt in etwa auf Höhe der Fußballen liegt. Schnelllaufschuhe haben eine sehr flache Krümmung, Eishockeyschuhe wegen der geforderten Wendigkeit eine ausgesprochen starke. Sie gleiten deshalb beim Tourenlaufen recht nervös-kippelig.

Tipp für Anfänger: Ein klassischer Schlittschuh für Kunstlauf ist fürs Erste die beste Wahl. Weil es auf dem Neuling auf den ersten Metern gerne die Füße nach vorne „wegzieht“ und deshalb ein saftiger Sturz auf Hinterkopf und Steißbein folgt, sind als Schutz vor Verletzungen Fahrradhelm und Ellbogenschützer sinnvoll. Wichtig sind ferner extrem feste, stabile Handschuhe (Ski- oder Motorradhandschuhe). Besonders gilt das auf stark frequentierten Eislaufanlagen. Wenn Sie stürzen, flitzen um Sie messerscharfe Klingen übers Eis, und nicht jeder hat seine Kuven unter Kontrolle. Passen Sie also auf Ihre Hände besonders auf.

 

Text: Jo Soppa   Fotos: Konterflex-Studio, Bo Johannson, NAC

1 Kommentar

  • Anonymous sagt:

    Meine Güte, war das ein toller Artikel. Da bekommt man richtig Lust darauf, seine Schlittschuhe aus dem Kellerverlies zu holen und auf die Eisbahn zu gehen.
    Toll!! Mehr davon.

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