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MZ RT 125/3 – Baujahr 1957

Die Langsamkeit des Seins

Im Prinzip trug ich mich ja schon länger mit dem Gedanken schwanger mir etwas Altes in die Garage zu stellen. Nur so zum Spaß, na ja, zum ab und zu mal ein bisschen herumzufahren um das in der heutige Zeit abhanden gekommene Gefühl des langsamen, beschaulichen Fahrens erleben und genießen zu können. Eben, so wie die Leute früher gefahren sind. Natürlich zugelassen, mit TÜV und einigermaßen erschwinglich sollte es halt auch sein. Die Bezahlung eines Schreiberlings liegt ja bekanntlich nahe an der Armutsgrenze und da müssen solche Investitionen wohl überlegt und austariert sein.

 

Da man als Angehöriger der schreibenden Zunft so einiges in der Welt herumkommt, wurde der Blick in Richtung altes Motorrad geschärft und man ließ bei den Terminen öfters mal Äußerungen wie: „so eine hätt ich auch gern“ oder „in so etwas könnt ich mich glatt verknallen“, oder mutiger „will´ste sie nicht vielleicht verkaufen?“ – beiläufig in die Runde fallen.

Natürlich musste ich mir bei meiner Frau eine besondere Strategie ausdenken, um so ein altes Ding anschaffen zu können. Platz wäre ja noch in der Garage neben den Motorradprodukten jüngerer Baujahre. Also musste das „Äckerle“ recht früh bestellt werden um später vielleicht einmal erfolgreich ernten zu können. Eines meiner Hauptargumente war das mit dem „alten“ 3er Führerschein und der damit verbundenen Möglichkeit, dass sie damit – in Ermangelung des Motorradführerscheins – ja dann auch damit die Welt aus einem anderen Blickwinkel „erfahren“ könnte. 125 ccm hieß das Zauberwort. Aber letztendlich waren die Wiederstände geringer als befürchtet! Es ist schon toll, wenn man eine verständnisvolle Frau hat, die sonst nicht viel für Motorräder übrig hat. Also kaprizierte ich mich bei der Suche nach einem Motorrad aus den 50er und 60er Jahren. Eine überzogene Eile legte ich aus besagten Gründen nicht an den Tag, es pressierte halt nicht. Irgendwann wird schon das passende über den Weg laufen, man muss es sich nur lange und intensiv genug wünschen. Bei den einschlägigen Koryphäen machte ich mich wohlweislich schlau über die Eigenarten der in Frage kommenden Objekte der Begierde.

Das Unheil nahm dann doch rasant seinen Lauf, als ich den „Sperrmüll“ – das ist ein lokales Anzeigenblatt wo man alles Mögliche und Unmögliche kaufen und verkaufen kann – für 4 DM am Kiosk erstand. Unter der Rubrik „Oldtimer/Klassiker“ stand: „MZ RT 125/2, Bj. 57, DDR-Brief; VHB DM 650.-, …“ eine Email Adresse und eine Telefonnummer. Nach den bisherigen Recherchen konnte es für diesen Preis nur Schrott geben. Nach zwei Telefonaten vereinbarten wir einen Besichtigungstermin für den kommenden Samstagnachmittag um 16 Uhr. Selbstredend, dass mich meine Frau begleitete, quasi ja auch als Aufpasser, damit ich keine Dummheiten mache. Wie schnell lässt man sich nicht von Emotionen leiten wenn die plötzliche Verliebtheit über einen hereinbricht! Aber da stand sie nun. Die MZ RT 125/2. Zwar mit nicht zu übersehenden Gebrauchspuren und – nicht fahrbereit. Das Zündkabel fehlte und aus dem Tank muffelte es, dass man von dem Geruch fast einen Ohnmachtsanfall bekommen konnte. Die Zeit des Stillstandes geht halt nicht spurlos vorüber. Baujahr 1957, der Original DDR Kraftfahrzeugbrief, die DDR Kraftfahrzeug-Steuer- und Versicherungs-Karte, die Original Bedienungsanleitung (besser wäre die Umschreibung Büchlein), sogar das DDR-Nummernschild war noch montiert und noch einige Kisten Ersatzteile sollten im Kaufpreis mit dabei sein. Ein fragender Blick zu meiner Frau und die Entscheidung war klar. Sie hatte so einen eigentümliche Glanz in den Augen, der mir verriet, dass sie das Motorrad vom ersten Augenblick an ins Herz geschlossen hat. Gekauft! Der Besitzer hat es vor Jahren aus den neuen Bundesländern mitgebracht um sie einmal zu restaurieren. Aber wie es halt im Leben immer wieder so ist, Platz und Zeit sind für die Oldtimerei zwei unabdingbare Faktoren – neben dem Geld natürlich auch und so wolle er sich schweren Herzens von der MZ trennen.

Schön stand sie da. Trotz allem. Zart, leicht und elegant. Wie stand es anno dunnemals in dem MZ RT 125/2 Prospekt von 1958? „Ist sie nicht nett – die kleine MZ?“

Voll Glückseligkeit ging es wieder nach Hause, um sich mit der Historie der RT ausführlicher zu beschäftigen und die logistischen Probleme des Transport zu lösen und sie in vertrauensvolle Hände zu geben, der sich mechanisch um das neue Familienmitglied kümmern könnte. Die Recherchen in dem Fahrzeugbrief im Abgleich mit historischen Aufzeichnungen von MZ ergaben, dass sich die RT nicht im Originalzustand von 1957 befand. Über die 33 Jahre, die der Besitzer bis zur Stilllegung 1990 die MZ fuhr, muss er sie äußerst pfleglich behandelt haben muss und so etwas wie Sympathie und Liebe für das Motorrad empfunden haben. In der DDR hatte das Motorrad über die Jahre immer einen anderen Stellenwert als bei uns. Es diente hauptsächlich als preisgünstiges Transportmittel, dass im Gegensatz zu den Autos recht schnell verfügbar war und man nicht Jahre darauf warten musste, bis man es wohlwollend zugeteilt bekam. Vor diesem Hintergrund war die DDR sicher – aus heutiger Sicht – Motorradland, auch wenn die Vorzeichen anders waren.

Gerade die RT 125 kann aus motorradhistorischer Sicht als ein Meilenstein angesehen werden. Der Stammbaum reicht weit zurück. Vor dem zweiten Weltkrieg – 1939 – als DKW RT 125 gebaut, wurde sie nach dem Krieg zum meistkopiertesten Motorrad in der Zweirad-Geschichte. In der Bundesrepublik weitergebaut als DKW RT 125 ist sie nach anfänglichen Schwierigkeiten in der DDR an ihrem ursprünglichen Produktionsstandort in Zschopau zunächst als IFA DKW RT 125 und später als MZ RT 125 produziert worden. Sie war ein grundsolider 2-Takter, der sich vortrefflich – als Teil von Reparationsleistungen – kopieren ließ. In der Sowjetunion und in Polen wurde sie kopiert, BSA baute die RT als Bantam, Yamahas erstes Motorrad hieß YA1 und selbst Harley-Davidson baute sie als Hummer nach.

Damals war die RT 125 sowohl in der westlichen wie auch in der östlichen Hemisphäre das am meisten gebaute 125er Motorrad.

Im laufe der Zeit hatte der Vorbesitzer die RT 125/2 – um ein neues Modell zu fahren – auf den Standard der RT 125/3 aufgerüstet. Nicht mehr 6 PS sondern 6,5 PS beflügelten den Fahrer, der statt in einem Dreigang nunmehr in einem Vierganggetriebe die Schaltstufen einlegen konnte, Höchstgeschwindigkeit beachtlich 80 km/h, laut Kraftfahrzeugbrief. Selbstredend, dass die Änderungen alle in dem Fahrzeugbrief eingetragen wurden. Später wurde dann noch eine moderne „Motorrad-Blinkanlage 85 88.1“ vom „VEB Fahrzeugelektrik Ruhla“ montiert um auf dem verkehrssicherheitstechnisch neuesten Stand zu sein. Eine bequeme Doppelsitzbank wurde der kleinen MZ auch im laufe ihres Lebens spendiert.

Nun ist es ja mit alten Motorrädern wie mit Frauen: es bedarf schon einer pfleglichen, aufopferungsvollen und kundigen Hand um sie glücklich zu machen – und natürlich letztendlich sich selber auch. Nachdem das logistische Problem des Transports gelöst war und das neue Familienmitglied in der heimischen Garage seinen vorübergehend Schlafplatz finden sollte, stand die Frage im Raum, wer sich der RT mit besagter kundiger Hand annehmen würde. Ein befreundeter Motorrad-Oldtimer-Sammler erklärte sich bereit der MZ wieder auf die Beine zu helfen. Niemand sonst hätte ich sie auch anvertraut, denn wenn nicht er – der stolze Besitzer eines privaten Motorradmuseums – wer sonst sollte oder dürfte an ihr Hand anlegen?     Zwischenzeitlich bin ich da schon sehr eigen geworden. Mittlerweile war es Ende November, als meine (unsere) RT in der museumseigenen Werkstatt der Dinge harrte, die auf sie zukommen würde. Und so vergingen einige Wochen bis der Maitre Zeit fand sich des Patienten anzunehmen und mir den Wunschzettel der benötigten Teile mitteilte. In der Zwischenzeit war ich auch nicht untätig und recherchierte das Angebot der Händler, die sich mit alten MZ-Motorrädern beschäftigen. Der erste Eindruck war positiv, dass es wohl noch große Kontingente an Ersatzteilen auf dem Markt gibt, jedoch die Preise lagen weit auseinander. Da hilft nur vergleichen. Nach anfänglicher Skepsis war ich auf das positivste überrascht. Am übernächsten Tag war das Paket mit den bestellten Ersatzteilen bei mir auf dem Schreibtisch. Zum Teil waren die Teile noch original verpackt. Zum Beispiel das Herstelleretikett des Tankdeckels: „VEB Metall- und Plastverarbeitung BT 1, Beierfeld/Erzgeb.“ mutet da schon richtig herzig und historisch an, wie aus einer Welt die noch gar nicht so lange her ist. Im laufe der Zeit musste noch zweimal bei den Gralshütern der alten MZ Ersatzteile geordert werden. Erst wenn man zum Schluss die Rechnungen der Ersatzteile zusammenzählt, sieht man erst, dass da doch ein ganz erkleckliches Sümmchen zusammengekommen ist. Und dabei war nicht das Ziel die RT zu restaurieren, sondern in diesem Zustand zu belassen. Lediglich die Mechanik sollte dem Stand der Dinge entsprechen. Am Samstag dem 8. April 2002 kam abends um 20 Uhr der langersehnte Anruf: „Des Mopett isch fertig“. Der nachfolgende Freudenausbruch ist leider für die Nachwelt nicht dokumentiert. Tja und wie´s halt so ist, um so ein altes Mopett gesetzeskonform auf der Straße fahren zu dürfen, muss erst einmal die Hürde des Vollgutachtens genommen werden. So wurde die RT nochmals im Bauch eines Transporters quer durch die schwäbischen Lande gekarrt, um bei einer Harley-Koryphäe die gestrenge Prüfung des Vollgutachtens vor einem noch viel gestrengeren TÜV-Gutachters zu bestehen. Der Lohn der schweißtreibenden Arbeit war das „Gutachten zur Erlangung der Betriebserlaubnis“ und „Begutachtung § 21 StVZO“ mit dem “Ergebnis: ohne erkennbare Mängel“. Wie orakelte mein befreundeter Motorrad-Oldtimersammler nicht im Vorfeld siegessicher und natürlich um meine Bedenken zu zerstreuen: „Ebbes anders hätt mi scho schwer gwundert“. Mit viel Liebe und Hingabe bereitete er die RT eben auf diesen schweren Gang vor. Die Zulassung und die Ausstellung eines neuen Fahrzeugbriefes eine Woche später bei der örtlichen KFZ-Zulassungsstelle ist ein Kapitel für sich, über das ich lieber das Mäntelchen des Schweigens hüllen möchte. Nur eines: offensichtlich gibt es gerade bei der Zuteilung von verkleinerten Leichtkraftradkennzeichen für historische Motorräder bei den gestrengen Damen und Herren dieser Institutionen erhebliche Informationsdefizite. Aber wie dem auch sei, zum Schluss waren alle zufrieden und ich glücklich, dass die ganze Zeremonie doch relativ erfolgreich vonstatten gegangen ist. Die folgende Montage des Nummernschildes war ein glückseliger Akt, fast – aber auch nur fast – wie bei meiner Hochzeit, und die Glückseligkeit hierbei hält bis heute an!

Da der Entschluss klar war die Optik so zu belassen folgte eine liebevolle Reinigung und die RT wurde bis in die kleinste Ecken poliert und gewienert mit den erlesensten Inkredienzen, die die chromverliebte Custom-Branche zu bieten hat. Man sollte viel öfters die patinierte und dokumentierte Geschichte so belassen wie sie ist, denn auch einem alten Motorrad steht das Recht auf Gebrauchsspuren zu und man darf ihm das Alter ruhig ansehen. Es muss sich nicht immer alles in perfektem und überrestaurierten Zustand befinden. Ist es nicht gerade der unwiderstehlich Charme gelebter Größe?

Aber schlägt der Oldtimer-Virus erst einmal zu, so kann ich nur sagen: Fortan blieb es nicht bei diesem einzigen alten Motorrad!

So ein altes Motorrad macht unheimlich viel Spaß und es vermittelt seinem Fahrer ein Stück Lebensweisheiten. Zum Oldiefahren braucht´s Zeit, man entdeckt Dinge die man sonst vor lauter Speed und Leistung gar nicht mehr sieht oder wahrnimmt. Der Fahrer wird irgendwie auch ein Stück weit zum Poesie-Pilger. Man entdeckt den Sinn für die Langsamkeit.

 

Text & Fotos: Ulrich Bänsch

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