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Monumente von gestern – in Ehren gealtert

Das private Motorradmuseum der Gebrüder Merkle in Aichtal-Aich

Was gibt es Schöneres für die Freunde antiquierter Motorräder als sich mit ihnen zu beschäftigen, sie zu sammeln, zu restaurieren und zu fahren? … Na sieh´ste!

Und wer hätte sie nicht gern, eine Sammlung jener Motorräder, in die er sich irgendwann mal verknallt hat, ein privates Motorradmuseum mit all dem, was er für schön und sammelnswert erachtet? Mit all den Schätzen der heimlichen Begierden, den unerfüllten Sehnsüchten und Träumen? Das eigene private Motorradmuseum! Für das Reitersvolk liegt das vollkommene Glück – so sagt man – auf dem Rücken der Pferde, und das Glück eines vom Oldtimer-Virus-Befallenen ist der andächtige, sakrale Blick auf die eigene Sammlung im eigenen Museum auf die vielen Exponate, die man am liebsten alle zur gleichen Zeit fahren möchte! Der Motorrad-Himmel auf Erden! Schließlich hat ja ein jeder von uns eine gewisse Affinität zum Jäger und Sammler in den Genen.

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Der Himmel hängt voller Geigen – so ein vielzitiertes Sprichwort. Bei den Gebrüder Merkle hängt der Himmel voller Zweiräder. Motorgetrieben wohlgemerkt

Herbert Merkle ist so ein Zeitgenosse, der sich seinen Traum zusammen mit seinem Bruder Hartmut erfüllt hat.

20 Kilometer südlich von Stuttgart – an der B 27 gelegen – befindet sich im schwäbischen Aichtal-Aich das private Motorradmuseum der Gebrüder Merkle. Etwas unscheinbar in der zweiten Häuserzeile weist ein großer HONDA-Schriftzug dem Besucher den Weg zu des Motorradlers Nirwana. Mit viel Herzblut, Sachverstand und der nötigen Menge Benzin im Blut wurde hier in einem Zeitraum von über 20 Jahren eine beachtliche und sehenswerte Sammlung zusammen getragen; ganze Epochen an musealen Schönheiten und kulturhistorisch bedeutenden Motorrädern.

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Hartmut und Herbert Merkle inmitten ihrer Schätze. Über Jahrzehnte liebevoll zusammen getragen. Restauriert – und fahrbereit

Um den Querschnitt motorradhistorischer Evolutionsgeschichte in einem adäquaten Rahmen zu präsentieren, wurde ein Museums-Anbau an die Werkstatt von Hartmut Merkle – der sich in seiner Fachpraxis ganz der Hege und Pflege der liebenswerten japanischen Winzlinge Honda-Monkey und -Dax verschrieben hat – im Jahre 2000 fertiggestellt. In drei Etagen werden auf etwa 450 qm über 100 Motorräder präsentiert. Im Erdgeschoss befindet sich die Adler-Sammlung, die bis auf zwei Exemplare das komplette Spektrum des Frankfurter Zweiradherstellers umfasst. Den zweiten Schwerpunkt bildet die Sammlung der Pfäffinger Maico-Werke, die alle Drehschiebermodelle der 60er und 70er Jahre beinhaltet. Mehrere Sandbahnmotorräder – unter anderem eines des mehrmaligen Weltmeisters Egon Müller mit Weslake Motor – und zahlreiche Unikate des Straßenrennsports stehen hier einträchtig nebeneinander. Ein Unikat: die Gritzner 50 ccm Monza Super Sport Rennmaschine, Kreidler, Van Veen, die ultimativen Schnapsglasklassenrenner und Maico´s 50 ccm Kreidlerschreck. Die RV-Familie von Suzuki, Benelli, Ducati, Kawasaki, MV Agusta, Puch… Fast zu viel, um sie hier alle aufzuführen; selber sehen!

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Da freut sich das Herz jedes Sammlers. Motorräder wohin das Auge schweift. Der Besucher fühlt sich wie im 7. Himmel und will diesen Ort der Glückseligkeit nicht mehr verlassen

 

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Die Geländeecke mit herausragenden Exponaten der Maico- und Adler-Geländemaschinen-Historie

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Der Production-Racer: Die Maico RS 125 II, von der 150 Stück gebaut wurden. Diese Rennmaschine wurde 1969 gefertigt, hat 49 ccm und leistet 25 PS bei 11.000 U/min. Sie hat ein 6-Ganggetriebe und wiegt ca. 81 Kilogramm was zu einer Höchstgeschwindigkeit von über 180 km/h ausreicht

 

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Eine absolute Rarität: Die Maico RS 50 wk wurde 1978 geschaffen, hat 49 ccm, 15 PS und der Motor hatte eine Wasserkühlung. Die Maico RS 50 wk verfügt über ein 6-Ganggetriebe, wiegt ca. 70 Kilogramm was zu einer Höchstgeschwindigkeit von etwa 160 km/h ausreicht. Diese Rennmaschine ist eine Einzelanfertigung der Maico-Urgesteine Hans Hinn und Walter Nieser

 

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Adler Renner stolz behängt mit dem Siegerlorbeerkranz

 

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Auch das gab es: Go-Kart 125 angetrieben von einem Maico-RS 125 Motor. 124 ccm produzierten 24 PS und mit dem 6-Ganggetriebe rennt dieses Renngefährt etwa 160 km/h. Das Fahrgestell ist ein Mach I

Im 1. Stock befindet sich das 98 ccm Raritätenkabinett: Adler, DKW, Imme, Maico, NSU, P&M Panther, Phänomen, Standard, Terrot, Wanderer… und das älteste Motorrad der Merkel´schen Sammlung: Eine 350 ccm Adler von 1904. Ohne Kupplung und ohne Getriebe pflegte man anno Leipzig-Einundleipzig in seiner ursprünglichsten Form der verbrennungsmotorgetriebenen Fortbewegung zu reisen.

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Das 98 ccm Raritätenkabinett in dem Merkle-Museum. Motorradfreunde, was will man mehr? Ein Höhepunkt jagt den anderen

 

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Ein paar Exoten gibt es auch, so wie die NSU oder die Triumph im Vordergrund

Auf der letzten Etage befindet sich die Sammlung von Hartmut Merkle: alle 50 ccm Honda-Modelle, die es jemals zu kaufen gab. Von der Honda SS 50 bis hin zur Honda Dream 50, eine Replica der legendären CR 110 Rennmaschine. Der unübersehbare Schwerpunkt liegt aber auf den Kleinmotorrädern Monkey und Dax. Fast nichts, was es nicht gibt: Rennmonkeys, High-End-Monkeys u.a. mit zwei Zylinder (2 x 72 ccm), verchromte, vergoldete, das einzige jemals von Honda gebaute Dax-Gespann, ganze Generationen von Monkeys und Daxen…man muss es einfach gesehen haben.

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So sahen die ersten Monkeys in den 60er Jahren aus. Da sitzt man wie der sprichwörtliche Affe auf dem Schleifstein. Aber das Motorrädchen passt in jeden herkömmlichen Kofferraum

 

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Hartmut Merkles Kreation: 2-Zylinder-Monkey. 2 x 72 ccm ergeben 144 ccm. Diese Monkey sorgt schon seit vielen Jahren für Furore

Und was zu jedem Museum mit dazugehört sind die zahlreichen Memorabilien rund ums Motorrad, Motorradmodelle aber auch Dampfmaschinen und Stationärmotoren.

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Die Merkle-Brüder haben nicht nur ein Herz für Zweiräder, sondern auch für Maschinen aller Art

Das Museum ist keine museale Gruft, die Exponate werden – fast – alle regelmäßig gefahren, denn so ein Motorrad steht sich auch kaputt, wenn´s nicht bewegt wird. Alle Motorräder werden in der museumseigenen Werkstatt restauriert, gepflegt und gehegt. Eine ausgesprochen gut gefüllte Asservatenkammer an Ersatzteilen sind die Rücklagen, falls mal bei einer Ausfahrt was kaputtgehen sollte und für künftige Restaurierungsvorhaben. Und da ein Motorradarchäologe immer auf der Suche nach verlorenen Schätzen ist, füllen sich hinter den Kulissen des Museums diverse Räumlichkeiten immer mehr, in denen folgende Generationen an Erhaltenswertem auf die Restaurierung wartet. Bei einem Blick in diese Geheimverliese bleibt nur ein Kommentar: Da muss das Museum wohl erweitert werden! Fragt man Herbert Merkle, wie viele Motorräder er denn so im Laufe der Jahre zusammen getragen hat, antwortet er mit einem spitzbübischen Lächeln: „Ich weiß es nicht so genau“.

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Die Asservatenkammer: Hier warten betagte und vom Leben gezeichnete Motorräder auf die Wiederauferstehung

 

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Wie der Betrachter sehen kann: Einem Sammler geht die Arbeit nie aus, wenn nur genügend Nachschub zum Restaurieren vorhanden ist

Und aller guten Dinge sind drei, denn da gibt´s noch den dritten der Merkle-Brüder, den Günter. Auch er sammelt. Was? Natürlich Zweiräder. Mopeds. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Das Merkle-Museum ist kein „Museum“ im herkömmlichen Sinne – es ist eine Sammlung von leidenschaftlichen Motorradlern mit Betonung auf Privat. Kein bis ins letzte durchgestylter steriler Sakral-Tempel, keine ausführlichen, technischen Beschreibungen der Exponate auf Tafeln, denn die werden durch sachkundige Erläuterungen mit den nötigen Anekdoten versehen, von den vom Oldtimer-Virus hochgradig infizierten Museums-Herren selber geliefert. Die Merkel´sche Sammlung ist ein Museum mit Herz, Charme und Seele, in dem die Stunden – leider – zu Minuten werden können beim Streifzug durch die motorradhistorische Vergangenheit, die auch zur Zeitreise wird!

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Die neueste Errungenschaft von Herbert Merkle ist diese ungarische Danuvia. Äußerst selten und selbst in Motorradsammlerkreisen ruft der Name Danuvia meist ein Stirnrunzeln mit Achselzucken hervor. Herbert Merkle erhielt mit dieser 125er einen Achtungserfolg bei dem Oldtimertreffen in Sinsheim. Obwohl er das Motorrad erst kurz davor in Ungarn erstanden hat

Viele Ausstellungsstücke sind topp-restauriert, andere sollen so bleiben wie sie sind, authentisch, echt und lebendig, mit sympathischen Gebrauchsspuren und dem unnachahmlichen Charme des drauf-sitzen-und-wegfahren-wollens.

 

Klassik Lust-Profil

Das unkonventionelle Museum ist nicht öffentlich und mit festen Öffnungszeiten, deshalb ist die Besichtigung nur nach telefonischer Voranmeldung möglich.

Ein Geheimtipp, der in keinem Museumsführer auftaucht!

 

Privates Motorradmuseum

Gebrüder Merkle

Stuttgarter Str. 38

72631 Aichtal-Aich

Tel.: 07127/51644

oder 07127/50847

Besichtigung nur nach telefonischer Voranmeldung!

 

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Hartmut und Herbert Merkle, denen das Privatmuseum gehört

 

 

Text & Fotos: Ulrich Bänsch

 

 

Wir haben bereits ein paar Motorräder aus dem Merkle-Museum in der Klassik Lust vorgestellt:

 

Maico MD 125http://www.klassik-lust.de/maico-md-125/

Adler M 250 Gespannhttp://www.klassik-lust.de/adler-m-250-gespann/

 

 

 

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