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Martin Rossmann – der Maßschneider

Der Mensch benötigt ein neues Kleidungsstück, und was macht er? Er geht in ein Bekleidungsgeschäft seines Vertrauens, probiert oft enervierend viele Teile an, bis er die einigermaßen passende Größe gefunden hat – und kauft es. „Von der Stange“. Meist müssen noch Änderungen vorgenommen werden, denn die Länge der Hose oder der Jacke ist entweder zu kurz oder zu lang. Das erledigen die meisten Kaufhäuser in Windeseile, noch dazu zu einem erstaunlich günstigen Preis. In den vergangenen Jahren wird das Prozedere des – meist lästigen – ins Geschäft Gehens und des noch lästigeren Anprobierens durch das weitaus bequemere Online-Shoppen, kommod vom heimischen Sofa aus, mit dem Tablet oder dem Smartphone erledigt. Wenn´s nicht passt, kein Problem, dann schickt der geneigte Käufer das gelieferte Stück umgehend zurück und ordert eines, das eine bessere Passform zu haben scheint. Nicht ganz so einfach gestaltet sich der Kauf eines Anzuges. Der Träger möchte ja darin repräsentieren und da sollte das Kleidungsstück schon adrett sitzen und eventuell die eine oder andere Leibwölbung – zumindest schemenhaft – kaschieren.

 

In vergangener Zeit gab es die Möglichkeit des von der Stange Kaufens noch nicht. Da ging die Dame oder der Herr zu einem Schneider oder dieser suchte sein Klientel zu Hause auf, um Maß zu nehmen. Das gewünschte Kleidungsstück wurde dem späteren Träger passend auf den Leib geschneidert. Handelte es sich um einen weltoffenen Maître der Nadel, so konnte der Kunde vorher noch aus diversen Stoffen, Mustern und Farben auswählen.

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Die Familientradition der Maßschneider Rossmann hängt stolz an der Wand: Die Meisterbriefe der Vorfahren

Martin Rossmann, der die Maßschneiderei Rossmann seit 2002 bereits in der 3. Generation in der Grazer Grazbachgasse 49 führt, blickt als Meister seines Faches auf viele Jahre Erfahrung zurück. Der traditionelle Handwerksbetrieb wurde bereits von seinem Großvater in den 1920er Jahren gegründet – ein paar Häuser entfernt vom heutigen Atelier.

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In Graz schon eine Tradition: Das Maßschneider-Atelier von Martin Rossmann in der Grazbachgasse 49

Martin Rossmann kann in den letzten Jahren den Trend erkennen, dass besonders junge, qualitätsbewusste Herren sich vermehrt Anzüge oder Sakkos auf den Leib maßschneidern lassen. Der Grund ist nicht nur das bessere Tragegefühl und der Komfort, sondern auch, dass die maßgeschneiderte Bekleidung eine deutlich längere Lebenserwartung vorzuweisen hat, als das Kleidungsstück von der Stange.

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Der Meister der Nadel an der Stätte edler, wertiger und luxuriöser Maßbekleidung

Das besondere Erlebnis für die Kunden beginnt bereits beim Aussuchen des passenden und wohlgefälligen Stoffes aus den Musterbüchern. Das obligatorische Maßnehmen wird förmlich zelebriert. Es folgen danach für den Kunden mehrere Schritte, die ihn in einem Bekleidungsgeschäft oft an den Rand eines Nervenzusammenbruches bringen: Die Anproben. Der Kunde sieht das Werk des Meisters bei jeder Anprobe förmlich wachsen und gedeihen. Etwa zwei bis drei davon sind notwendig, bis das Meisterstück den gestrengen Augen des Maßschneiders genügt. Die Anproben sind deshalb so entscheidend, weil jeder Mensch eine völlig andere körperliche Konstitution hat. Da stellt die Ware von der Stange nichts anderes dar, als einen faulen Kompromiss.

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Da wird schon die Auswahl des Stoffes zu einem Erlebnis, wenn der Kunde aus unzähligen Stoffen das für ihn Tragbare auswählen kann

Beim ersten Termin in der Schneiderei werden mehrere Maße genommen: Der Brustumfang, dem eine besondere Bedeutung beigemessen wird – die Schultern, die ja auch eine nicht unerhebliche Problemzone darstellen und nicht zuletzt das Taillenmaß, bei der die eine oder andere „Unpässlichkeit“ – besonders bei uns Herren – sich wohlwollend kaschieren lässt. Da sind das Können und der erfahrene Blick des Maîtres gefragt. Ein gutes maßgefertigtes Kleidungsstück hat in der Regel eine „Lebenserwartung“ von 10 bis 15 Jahren, wobei es natürlich davon abhängt, wie oft und auf welche Weise das Gewand im Einsatz ist.

Martin Rossmann fertigt einen kompletten Anzug in etwa 60 Stunden und das erklärt auch die Tatsache, dass die Wartezeit, bis der Träger seinen neuen Anzug in Empfang nehmen kann, etwa zwei bis drei Monate beträgt. Um die 2.000 Euro werden für den – nach alter Handwerkstradition gefertigten – Anzug dann fällig. Es kommt natürlich auch darauf an, welcher Stoff verwendet wird.

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Die Schneiderin bei ihrer kreativen Tätigkeit, wenn ein wunderschönes Bekleidungsstück am Entstehen ist

Wenn man sich die Lebenserwartung eines Anzuges von der Stange betrachtet und wie viele der Träger in 15 Jahren davon kauft: Sie werden sehen, das ist gar nicht so kostspielig, wie es auf den ersten Blick den Anschein erweckt.

Bei den Anproben werden die Fortschritte, die das Kleidungsstück macht, oftmals von den Kunden lichtbildnerisch dokumentiert. Das zeigt, dass man der Besonderheit eines solchen Aktes ein hohes Maß an Wertschätzung entgegen bringt. In der Regel schaffen Martin Rossmann und seine zwei Mitarbeiterinnen etwa drei komplette Anzüge im Monat. Daneben werden auch „nur“ Sakkos, Hosen, Gilets etc. gefertigt oder die klassischen Änderungen von Bekleidungsstücken durchgeführt. Etwas Besonderes ist die Anfertigung und die Ausbesserung von maßgefertigten Trachtenstücken. Ein Trend, der in den letzten Jahren – besonders bei den jüngeren Herren der Schöpfung – eine wiederentflammte Liebe zur traditionellen Bekleidungsform erkennen lässt. Wobei: Das sind ja auch schon wieder Sammlerstücke.

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Etwas ganz Besonderes: Ein Sakko aus edelster Vicuña-Wolle. Noch sanfter und geschmeidiger als Cashmere

Je einen Sommer- und einen Winteranzug, ein Sakko, sowie zwei bis drei zusätzliche Hosen, die sich untereinander kombinieren lassen, sollten nach Meinung von Martin Rossmann in jedem Herrenschrank hängen, damit „der gepflegte Mann von Welt“ für nahezu alle Eventualitäten gewappnet ist. Lieber wenige, dafür jedoch qualitativ sehr gute, hochwertige Stücke. Denn – sind wir doch einmal ehrlich und betrachten unseren Kleiderschrank kritisch: Wie viele Teile hängen eigentlich nutzlos darin und wann haben wie sie das letzte Mal angezogen? Sie werden erstaunt sein.

Sich ein Kleidungsstück maßschneidern zu lassen ist ein deutliches Zeichen gegen unsere übliche, aufgrund der Interessen der Industrie konditionierte – Wegwerfmentalität. Wir bringen den „Klamotten“ von der Stange nicht mehr den Respekt entgegen, den Gewand von Haus aus verdienen würde. Wie viel Arbeit steckt in solch einem Anzug, der womöglich noch von Kinderhand in einem unterentwickelten Dritteweltstaat unter schlimmen Arbeitsbedingungen gefertigt wird… Wir schätzen den Wert, der darin steckt, immer weniger. Wir lassen nicht mehr reparieren, sondern führen das Bekleidungsstück der Entsorgung zu, denn neu kaufen ist billiger. Aber ob es am Ende auch günstiger ist?

Wir sagen nein. Betrachten Sie es einmal so – wie lange Sie an einem maßgefertigten Bekleidungsstück Ihre tägliche Freude haben und wie lange es hält. Den Komfort und dem damit einhergehenden herrlichen Tragegefühl – das kann kein Anzug von der Stange bieten. Zudem bleibt so ein – auf Maß gefertigtes Bekleidungsstück – länger in Form.

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Mit dem Nachwuchs des Schneiderhandwerkes sieht es derzeit nicht sehr positiv aus. Die jüngere Generation wählt für ihren zukünftigen Broterwerb Berufe aus, die trendy sind. Wollen wir nur hoffen, dass eine solch traditionelle Handwerkszunft nicht vom Aussterben bedroht ist. Unsere Bürokraten haben sich für die Berufsbezeichnung in Neudeutsch bereits eine bürokratiekonforme Bezeichnung in ihren unergründlichen Gehirnen erdacht: Bekleidungsgestalter. Na ja…

 

Klassik Lust-Profil

Es sind solche Highlights in unserer heutigen Zeit, die einen froh stimmen, dass es wieder eine Trendumkehr gibt, hin zu wertigen Dingen. Und Bekleidung ist etwas Wertvolles, wenn es von kundiger Hand gefertigt wird und in einer handwerklichen Qualität besticht, bei der man sagen kann: Das hebt. Oder: Des hoit´! auf Steirisch…

Zudem ist da auch noch das Vertrauensverhältnis zwischen dem Maßschneider und seinem Auftraggeber. Man kennt sich und der Maître des feinen Stiches hat die Wünsche und Vorlieben seines Kunden intus – aber auch dessen Problemzonen, welche er liebevoll zu kaschieren weiß.

 

Ein echter Rossmann eben!

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Die Herkunftsbezeichnung, welcher Traditionsbetrieb dieses edle Stück in Handarbeit gefertigt hat

 

Martin Rossmann

Grazbachgasse 49

A-8010 Graz

 

Text & Fotos: Ulrich Bänsch

 

 

 

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