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MAICO MD 125 – Schwäbischer Sportler mit italienischem Flair

Sicher erinnern sich noch viele an die Zeit, in der sie als 16-jährige potenzielle Kleinkraftradaspiranten unter anderem die Qual der Wahl zwischen den deutschen Herstellern Hercules, Kreidler, Maico und Zündapp hatten. Das waren die ersten Berührungsmomente mit der Frage, in welche Richtung man seine zukünftigen motorradlerischen Ambitionen hin zu bewegen gedachte.

Maico, der im schwäbischen Pfäffingen angesiedelte Motorradhersteller, hatte viele Höhenflüge aber auch viele Tiefschläge in seiner wechselvolle Firmengeschichte durchgemacht.

Maico war einer der traditionsreichen deutschen Motorradhersteller, der auf eine wechselvolle Firmengeschichte zurückblicken kann. 1926 wurde von Ulrich Maisch die Firma Maico (ein Kunstprodukt aus dem Namen Maisch und Co) in Poltringen bei Tübingen als Fahrradfabrik und Motorradteilehandel gegründet. Ab 1932 lenkten die zwei Söhne des Firmengründers die Geschicke von Maico und produzierten ab 1933 Motorräder. Zum Einsatz kamen Ilo- und Sachs–Motoren mit 98 oder 119 ccm Hubraum. Später erweiterte man das Angebot noch um einen 143 ccm Ilo-Motor. Kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges bezog man in Pfäffingen bei Tübingen die neuen Produktionsstätten. Nach dem Krieg baute man in Herrenberg ein neues Motorenwerk dazu, in dem fortan die Zweitaktmotoren gefertigt wurden. Der Niedergang der deutschen Motorradindustrie in den 50er Jahren ging auch an Maico nicht spurlos vorbei.

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Maico – jahrzehntelang ein Garant für schwäbische Wertarbeit

1958 musste das erste Mal Konkurs angemeldet werden, ein Auftrag der neu aufgestellten Bundeswehr für die Lieferung von geländegängigen Krädern rettete den Maicoianern jedoch vorerst den Kopf. In den 60er und 70er Jahren machte Maico im Motocross und Geländesport von sich reden, die geländegängigen Motorräder hatten einen erstklassigen Ruf und fuhren die Titel nach Belieben ein. Aber auch im Straßenrennsport sorgten die wieselflinken Maico´s für Furore und konnten so manchen Achtungserfolg feiern. Eine Reihe von begnadeten Technikern war der Garant für die eingeheimsten Lorbeeren, und die damit gemachten technischen Erfahrungen wurden im Serienfahrzeug umgesetzt.

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1983 stand die Firma ein weiteres Mal vor dem Konkurs, konnte aber unter den Nachfahren des Firmengründers weiterproduzieren – bis 1986 das endgültige Aus für MAICO in Pfäffingen kam. In der Folgezeit wurden Maico-Motorräder in Kleinserie unter verschiedenen Namensrechteinhabern weiterproduziert, vornehmlich Cross-Maschinen, denn hier war und ist das Terrain der stollenbesohlten Motorräder.

Nun ist es ja so, dass – fast – jeder Motorradhersteller ein paar „Exoten“ produzierte, die heute zu heißbegehrten Pretiosen in der Oldtimer- und Veteranenszene mutieren. Motorräder, die als Vorserienmodelle konzipiert und nach geringer Stückzahl wieder eingestellt wurden, tauchten fortan in kaum einem motorradhistorischen Kompendium auf.

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So hat Herbert Merkle aus dem schwäbischen Aichtal-Aich mehr durch Zufall diese Maico MD 125 Baujahr 1968 entdeckt. Herbert Merkle besitzt ein privates Motorrad-Museum – nein, es ist mehr ein heiliges Zweiradbiotop für vom Aussterben bedrohte Veteranen – das einen kulturhistorischen Querschnitt durch den Motorradbau zeigt, und hier im Speziellen von Adler und MAICO. 1998 entdeckte er auf der Veterama in Mannheim die 125er, und mit Kennerblick erkannte er die Rarität. Und wie´s halt so ist, als Sammler siegt da recht schnell das Gefühl über den Verstand, man braucht das Ding, handelt es sich doch bei diesem Motorrad um eines von etwa 100 produzierten Exemplaren, von denen nur noch eine Handvoll überlebt haben. Die Maico MD 125 war quasi ein „Vorserienmodell“ zur späteren MD 125 Supersport, die wiederum als Basis der Straßen-Produktionsrennmaschine MD 125 RS diente, welche zahlreiche Achtungserfolge durch den Fahrer Dieter Braun oder dem Schweden Börje Jansson erzielte.

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Einzylinder Zweitakter: Das Kraftwerk erzeugte 11,4 PS aus 124 ccm Hubraum

Herbert Merkle´s Ernüchterung über diesen Fang folgte jedoch auf dem Fuße. Das Motorrad war schon ein verlebtes und vergammeltes Exemplar und wie sich später in der museumseigenen Werkstatt herausstellte, handelte es sich bei dem Motor um ein potemkinsches Aggregat, nämlich nix drin. Kein Kolben, kein Pleuel und keine Kurbelwelle. Ein halbes Jahr zog sich die Restaurierung hin, bis die 125er wieder in neuem Glanz erstrahlte und Herbert Merkle zu einer ersten Ausfahrt starten konnte. Die Blechteile wurden in der museumseigenen Asservatenkammer gefunden und bei den Innereien des Motors konnte ein ehemaliger Maicoianer weiterhelfen, denn der hatte Zylinder, Zylinderkopf und Kolben noch originalverpackt zu Hause auf dem Dachboden liegen. Die erfolgreiche Restaurierung wäre fast zum Scheitern verurteilt gewesen, denn bei diesem Motorrad wurde eine italienische Zündanlage verbaut und die gibt es heute nicht mehr. Aber wie es der Zufall so will – und da kommen einem die weitgeknüpften Verbindungen mit Gleichgesinnten sehr zu Hilfe – hatte doch ein ehemaliger Maico-Mitarbeiter aus dem Nachlass der Maico-Werke noch eine original verpackte Zündanlage daheim. So ist es halt; Was ein echter Veteranenfreund ist, der sammelt und hortet und irgendwann kann er das eine oder andere über die Jahre wohl Gehütete ja doch mal brauchen.

 

Und wenn so ein Oldie-Rennerle erst einmal fertig ist, beglückt es einen doch ungemein und hilft, die Restaurierungsstrapazen zu vergessen.

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Der Maitre ist stolz und glücklich dass sie wieder fährt. Die Restaurierung der Maico war schwieriger als gedacht

Gibt dann der drehschiebergesteuerte Einzylinder-Zweitaktmotor seine Maicotypische Klangwolke mit einem knalligen Sound als Lebenszeichen von sich, so freut´s nicht nur den Besitzer. Messerscharf ist die Gasannahme und mit der 125er kannste so manches großvolumigere Motorrad gnadenlos vermöbeln. Die Maico MD 125 ist das beste Beispiel dafür, dass Kraft und Dynamik nicht unbedingt von Hubraum und PS abhängig ist, da brodelt ein munteres Feuerchen in dem Eintopf und spielt den Single-Blues. Da lässt es sich traumwandlerisch durch die Kurven swingen und man erlebt das ursprüngliche Motorradfahren wieder völlig neu. Für den Motorradmenschen Herbert Merkle, der bekennende Liebhaber und Sammler längst verflossener Motorradmarken, ist das Fahren mit solch alten Motorrädern lustwandeln und nicht einfaches motorradeln…..

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Kleinserie. Nur 100 Exemplare der 125er entstanden, bis sie vom technisch überarbeiteten Nachfolgemodell abgelöst wurde

Die MD 125 ist ein asketisches aber doch ästhetisch rassiges Motorrad, das vom Layout gewisse Ähnlichkeiten mit den 125ern von MV Agusta hat. Der filigran anmutende Rahmen, der auch späteren Ansprüchen als Produktionsrennmaschine vollauf genügte. Der 13 Liter fassende Tank, wie ein Kastenbrot gestylt, die spartanische Doppelsitzbank und die aufgeräumte Technik. Es ist ganz einfach ein wieselflinkes Draufsitz- und Wohlfühl-Sport-Motorrad aus beseeltem Material, das stimuliert. 11,4 drehschiebergesteuerte muntere Pferdchen purzeln aus der zweitaktenden Verbrennungskammer. Der Quadrathuber hat je 54 mm Hub und Bohrung. Der Primärantrieb bei dem MD 125 Motor erfolgt über Kette, daher wird dieses Aggregat in der Maico-Szene auch „Kettelmotor“ genannt – bei den nachfolgenden Modellen ab der MD 125 SS (Supersport) erfolgte er über Zahnräder – mit seiner für ihn typischen Klangkulisse. Das 5-Ganggetriebe ist von der Übersetzung der einzelnen Gänge her dem Drehmomentverlauf des Motors optimal abgestimmt. Telegabel vorne und hydraulisch gedämpfte Federbeine an der Hinterradschwinge versprechen auch ein gewisses Maß an Fahrkomfort. Die 136 mm Vollnabenbremsen sorgen für eine adäquate negative Beschleunigung – wenn’s mal drauf ankommen sollte. Die verchromten Stahlfelgen und die polierten Gehäusedeckel verströmen einen Hauch von snobistischem Luxus. Nicht zu vergessen die handlinierten lackierten Blechteile.

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Wunderwerk. Ein Motor ohne Vergaser? Nein, der Drehschiebereinlasss findet sich samt Gemischaufbereiter auf der rechten Motorseite

Um sich auch ein Stück vom lukrativen Kuchen der Kleinkrafträder abzuschneiden, wurde parallel die hubraumkleinere MD 50 aufgelegt. Bis auf den Schnapsglas großen Hubraum und die kleiner dimensionierte Bremsanlage ist sie von der Hardware mit der 125er weitestgehend identisch.

Die Maico MD 125, die quasi als „Vorserienmodell“ zu den späteren leistungsstärkeren MD 125 Supersport anzusehen ist, demonstriert uns, dass auch die Motorradindustrie in Deutschland in den 60er Jahren Fahrzeuge baute, die das gewisse Etwas hatten. Das leichte, luftige und filigrane italienische Design, das durchaus Charme versprühte und auch von den Fahrleistungen her überzeugen konnte, seine begeisterten Anhänger fand und noch dazu von einem Hersteller, der sich vorwiegend mit robusten und erfolgreichen Motocross- und Geländemotorrädern einen Namen machte.

Gerade heute besinnt man sich in der Oldtimer- und Veteranenszene wieder darauf, dass es auch bei uns vor nicht all zu langer Zeit wunderschöne Motorräder gab.

Und Gott sei Dank gibt es solche Gralshüter wie Herbert Merkle, die diese Schmuckstücke immer wieder irgendwo ausgraben und wundervoll restaurieren!

Und zudem: Solche Schmuckstücke, sie steigen im Preis. Man muss nur die Augen offenhalten! Wie man sieht, ein gutes Investment das zudem eine wundervolle Fahrfreude vermittelt.

 

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Möglicherweise ist es der selbst erklärende Aufbau, der alte Motorräder immer beliebter werden lässt. Neben dem Zylinder schaut noch ein Stück Vergaser aus dem Gehäuse

MAICO MD 125

Technische Daten:

Motor:

Luftgekühlter Einzylinder-Zweitaktmotor; Hubraum: 124 ccm; Bohrung: 54 mm; Hub: 54 mm; Leistung: 11,4 PS; Verdichtungsverhältnis: 10:1; Gemischaufbereitung: Bing 2/22, Drehschieber; Motorschmierung: 25:1 Gemisch; Magnetzündanlage; Kickstarter

Kraftübertragung:

5-Ganggetriebe; Primärantrieb: Kette; Sekundärantrieb: Kette

Fahrwerk:

Doppelschleifen-Rohrrahmen; Telegabel vorne; Schwinge mit hydraulisch gedämpften Federbeinen hinten

Räder:

Reifen vo/hi 2.50-16/3.00-16; Speichenfelgen

Bremsen:

vo/hi Vollnabenbremsen 136 mm

Tankinhalt: 13 Liter

Höchstgeschwindigkeit: ca. 110 km/h (Werksangabe)

Baujahr: 1968

Preis (1968): ca. 1.700 DM

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Optimistischer Tachometer. Auch die Zündung stammte aus Bella Italia

 

 

 

 

 

 

Besitzer: Herbert Merkle/Aichtal-Aich

 

Text & Fotos: Ulrich Bänsch

 

Den Bericht über das Museum der Gebrüder Merkle können Sie hier lesen:

http://www.klassik-lust.de/monumente-von-gestern-in-ehren-gealtert-motorrad-museum-merkle-aichtal-aich/

 

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