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Leica M3

Es gibt Kameras, und es gibt Leicas. Es gibt Fotos, und es gibt Leica-Fotos. Vor allem aber gibt es selten die Möglichkeit, beim Kauf einer KAMERA über eine Million Euro zu sparen.

In der Liste der zehn teuersten Fotoapparate taucht der Name Leica achtmal auf. Auf Platz eins findet sich eine Leica aus der Erstserie von 1923, auf Platz zwei rangiert bereits jene M3, die anno 1955 für den Life-Fotografen David Douglas Duncan in einer Auflage von vier Exemplaren in unauffällig geschwärztem Profilook angefertigt wurde. 2012 erzielte die Nummer 2 aus dieser raren Reihe bei einer Versteigerung des Wiener Fotografica-Spezialisten WestLicht den sensationellen Preis von 1,68 Millionen Euro.
Etwas günstiger konnte die allererste Serien-M3 ersteigert werden. Sie kam nie in den Handel und gehörte Leica-Chefkonstrukteur Willi Stein. Das seidig verchromte Exemplar mit der Serienummer 700001 und dem typischen 2,0/50 mm-Objektiv ließ anlässlich besagter WestLicht-Auktion erst bei 900.000 Euro den Hammerschlag erklingen.

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Griffgünstig geriffelt: Entfernungs-Einstellring am Summicron 2,0/50mm. Typische Standard-Objektivbestückung der Leica M3

In der Bauzeit von 1954 bis 1968 wurden über 225000 Leica M3 hergestellt. Die Chancen heute noch an eines der offenbar höchst begehrenswerten Stücke zu kommen, stehen also nicht allzu schlecht. Wer sich für den anvisierten Kauf in die richtige Stimmung bringen möchte, dem empfehle ich bereits an dieser Stelle die Hymne von Foto-Kenner Ken Rockwell. Sie ist im Netz in englischer Sprache leicht zu finden. In Kurzform: Für den amerikanischen Foto-Experten Rockwell ist die M3 die beste Leica überhaupt. Und selbst wenn man mit Fotografie im Großen und Ganzen und mit klassischen Fotoapparaten im Besonderen überhaupt nichts am Hut hat, spürt jeder halbwegs sensible Mensch, dass er in Gestalt der M3 ein ganz besonderes Gerät in Händen hält. Sattes Gewicht, Erscheinungsbild und feinmechanische Anmutung lassen nur einen Schluss zu: Feines Teil.

Womit wir bei besagter Million wären, die sich lässig sparen lässt. Zumindest im Vergleich zur ersteigerten Profi-Perle aus dem Besitz von David Douglas Duncan. Denn eine schön erhaltene und selbstverständlich voll funktionstüchtige M3 kostet heute inklusive 2,0/50 mm-Summicron je nach Art und Umfang der unvermeidlichen Gebrauchsspuren zwischen 1200 und 1600 Euro. Schmuckstücke in neuwertigem Zustand liegen natürlich ein gutes Stück darüber, echte Arbeitstiere mit stärkeren Nutzungsspuren oder kleineren Beschädigungen gibt es mitunter auch schon für unter 1000 Euro.

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Kamera-Werkzeug. Leica M3 mit Sonnenblende 12585H. Die Durchbrüche minimieren die Sichtbehinderung im Sucher wegen der zwangsläufig im Durchmesser auskragenden Konstruktion. Und wie immer hat auch Leica-Zubehör stolze Preise. Selbst für eine gebrauchte und leicht verbogene Sonnenblende diesen Typs werden schnell 100 Euro aufgerufen

Nur gute 1300 Exemplare der gesamten M3-Produktion wurden in schwarzer Ausführung ausgeliefert. Originale „Black-M3“ sind deshalb bei Sammlern höchst begehrt, die Preise liegen je nach Zustand bei um die 15000 Euro. Weil das so ist, sind selbstverständlich viele nachträglich auf „schwarz“ getrimmte Silberlinge im Umlauf. Also aufpassen beim Raritätenkauf.

Frei nach Karl Valentin könnte über M3 gesagt werden: Es ist schon alles über sie geschrieben worden, aber noch nicht von jedem. Deshalb erspare ich Ihnen an dieser Stelle das Herunterbeten der Entwicklungsgeschichte sowie das Aufzählen der technischen Details. Uns bewegte für diese Story viel mehr die entscheidende Frage: Wie fühlt sich so eine analoge Leica im digitalen Zeitalter an? Wie gestaltet sich das Fotografieren? Beflügelt die hochwertige Technik tatsächlich zu „besseren“ Bildern? Denn Hammer ist bekanntlich nicht gleich Hammer, und schon der legendäre Werbefotograf Charles Wilp wusste, dass ein Fotoapparat mehr ist als nur eine Kiste zum Aufnehmen von Bildern. Jedes Handwerkszeug spricht mit seinem Nutzer, wirkt inspirierend und nimmt somit auch Einfluss auf das Endergebnis. Nicht zuletzt befeuert die Marketingabeilung von Leica seit Jahr und Tag den Nimbus vom ultimativ herausragenden Ausnahme-Werkzeug mit eingebauter Legitimation zum Lichtbild-Künstler..

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Suchereinblick links außen schafft Platz für ständiges „Am-Auge-Arbeiten“. Die beiden Blitzanschlüsse sind zumindest ungewöhnlich bis unpraktisch angeordnet. Gut zu erkennen ist die Rückwandklappe, die zum Filmeinlegen hochgeschwenkt wird

Zunächst ist das Filmeinlegen eine ziemlich fummelige Angelegenheit. Die Bodenklappe muss komplett abgenommen werden, dann lässt sich die Rückwand der Filmbühne hochklappen. Zudem muss die Filmspule nach unten aus dem Gehäuse genestelt werden, um darin den Filmanfang einzuklipsen. Dann hat der Leicanianer alles wieder an Ort und Stelle zu bringen. Zu achten ist ferner auf exaktes Einspuren der Perforation in die Mitnahme-Zahntrommel, bevor schließlich der Rückwanddeckel wieder zugeklappt und die Bodenklappe eingerastet und mittels Bajonett-Drehknopf verriegelt werden darf.

Schön, wenn diese Vorbereitungsarbeiten gemütlich auf der Couch sitzend durchgeführt werden können. So bleibt tiefste Bewunderung für die damaligen Bildreporter, die offenbar das Kunststück fertig gebracht haben, im Laufschritt ihre Filme zu wechseln. Ging bei so einer Aktion die Filmspule im Schlamm verloren, war der Fotoauftrag gegessen. Auch nicht gerade als nutzerfreundlich kann der kleine Rückspul-Drehknopf bezeichnet werden. Bis der Film wieder in der Patrone ist, droht bereits ein Krampf im Daumen. Für den harten Profieinsatz gab es deshalb eine spezielle Kurbel zum nachträglichen Anschrauben. Wohl auch wegen dieser Eigentümlichkeiten hatte seinerzeit jeder „anständige“ Leica-Bildreporter ein zweites Gehäuse am Leib. Spätestens an dieser Stelle denkt der Analog-Fotograf mit Wohlwollen an ebenso geniale wie funktionstüchtige Japan-Kreationen wie etwa die unscheinbare Canon FTb. Die hatte bereits in den sechziger Jahren eine wunderbare, weil automatische Filmeinfädelung. Damit war das Filmewechseln im Laufschritt auch für Neulinge im Reportergeschäft ein Kinderspiel.

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Verriegelungsknebel für die Bodenplatte. Zum Filmwechsel muss sie komplett abgenommen werden

Die M3 gab es in zwei Ausführungen. Die erste Generation bis Fabrikationsnummer 919250 hatte einen Filmtransporthebel, bei dem zwei Halbschwünge mit dem Daumenhebel zum Spannen erforderlich waren. Bei den späteren Modellen war der Hebel wie gewohnt mit einem Schwung zu spannen. In Bereitschaftsstellung bleibt der Transporthebel etwas ausgeklappt. Der griffgünstig platzierte Auslöseknopf liegt in der Drehachse des Hebels. Damit ist zügiges Durchladen und Auslösen möglich. Der Ablauf beim Spannen ist nicht restlos geschmeidig, besagte FTb kann auch das besser.

Wer hauptsächlich mit Spiegelreflexen fotografiert, der muss sich erst einmal in die Welt einer klassischen Sucherkamera einfinden. Das Bild im Sucher ist immer scharf, die Fokusebene wird mittels Schnittbildindikator eingestellt. Dank breiter Messbasis ist die M3 bekannt für präzise Messung. Auch lichtstarke Objektive können somit bei voll geöffneter Blende auf den Punkt genau eingestellt werden.

Dennoch ist das eine Umstellung, die einiges an Übung und Eingewöhnung erfordert. Vor allem dann, wenn es um rasches Erfassen und entsprechendes Nachfokusieren in einer dynamisch bewegten Situation geht. Der M3-Sucher ist hell und klar, das Schnittbild gut erkennbar. Wie immer bei analoger Fotografie ist aktives Vorausdenken Pflicht. Letztendlich ist das genau der Punkt, der den Fotografen noch über die Technik erhebt. Der große Vorteil der digitalen Fotografie ist ja zugleich deren elementarer Nachteil: Man hat stets das unterschwellige Gefühl, nicht der Fotograf, sondern der kleine Computer in der Kamera hat die entscheidende Arbeit geleistet.

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Das Gehäuse hat keine Belederung, sondern eine Beschichtung aus so genanntem Vulkanite. Der Belag ist angenehm griffig, bröselt aber an den Rändern im Lauf der Jahre gerne ab

Das In-die-Kamera-Hineindenken ist also zentrales Handeln beim Fotografieren mit einer M3. Gut nachvollziehbar ist deshalb auch die Vorgehensweise der berühmten Bildreporter, die stets ihre mit entsprechenden Brennweiten präparierten Gehäuse griffbereit hatten. Meistens waren das ein extremes Weitwinkel und eine zusammenführende Optik. In diesem Fall entweder das universelle 50er oder das schon leicht verdichtende 90er. Die zugehörigen Bildausschnitte hatte der Fotograf quasi bereits als vorgerasterte Blaupause fertig im Gehirn. Nur noch zu füllen mit dem realen Bild, Blende 8, eine hundertfünfundzwanzigstel Sekunde.

Keinesfalls möchte ich Sie jetzt dazu ermuntern, gleich mehrere M3-Gehäuse samt diversen Gläser für die nächste Fotopirsch zu kaufen. Das Standardpaket mit dem regulären 50er tut es fürs Erste vollauf. Zumal auch Summicrone älteren Datums nach wie vor ganz wundervolle Objektive sind. Die Nahgrenze – ohne spezielle Zubehörteile – liegt allerdings bei einem Meter. Auch in diesem Punkt bietet jede 08/15-Spiegelreflex mehr Flexibilität, sprich Spielmöglichkeiten im Nahbereich.

Vorausschauendes Agieren ist selbstverständlich auch in Sachen Zeit und Blende angesagt. Automatikfunktionen kennt die M3 nicht im Geringsten. Alle Automatiken muss der Fotograf selbst durch Mitdenken und vorhersehendes Planen mit dem berühmten Gespür für den richtigen Augenblick wie ein Hellseher in die Kamera einbauen. Das Zeitenrad am Gehäuse ist klein und schlecht zu greifen, die Blende am Objektiv ist feinfühlig gerastert, aber weder in den Sucher eingespiegelt noch mit der Verschlusszeit gekoppelt.

Kurzum, mit einer Leica M3 sind Sie noch einzig und alleine der Fotograf. Das heißt, Sie müssen die genaue Belichtungszeit vorab bestimmen oder zumindest erahnen. In der Praxis bedeutet dies, die permanente Nachjustierung der Kamera. Denn das Ziel ist, stets aufnahmebereit zu sein. Mit der korrekten Belichtung und einer Entfernungseinstellung, die für den erspürten Moment passt.

So lernt man, mit der M3 zweiäugig zu visieren. Das rechte Auge blickt durch den Sucher, das linke Auge hat die gesamte Szenerie im Blick. Beide Augen projizieren den tatsächlichen Bildausschnitt in die Hirnwindungen. Im entscheidenden Moment zuckt der rechte Zeigefinger. Das ist wohl der Grund, weshalb die Sucher-Leicas bei Straßen-Fotografen so bliebt sind.

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Leica M3 mit japanischer Huldigung. Die hört passender Weise auf den Namen Yashica M, weist jedoch mit eingebautem Selen-Belichtungsmesser und blitzfreundlichem Zentralverschluss durchaus interessante Eigenständigkeiten auf

Kann demnach so und nicht anders nur mit einer klassischen Sucher-Leica fotografiert werden? Selbstverständlich nicht. Vergleichbar können Sie auch mit jeder analogen Spiegelreflex vorgehen. Und etliche andere Sucherkameras sind bei der Pirsch nicht minder anspruchsvoll bis wegweisend. Wenn dann aber der Auslöser betätigt wird, zeigt sich das ganz spezielle M3-Feeling. Es gibt wohl kaum einen anderen Schlitzverschluss, der derart sanft und geräuscharm abläuft. Da freut sich der Fotograf insgeheim schon auf das nächste Bild. Die M3 ist eben nicht besser als andere, aber auf ihre Art und Weise doch sehr speziell und einzigartig.

So wie ein klassischer Porsche 911 zum geschmeidig eleganten Fahrstil animiert, so lädt die Leica M3 zum intensiven Auseinadersetzen mit dem Thema Fotografie ein. Das war und ist ihre eigentliche Stärke.

Klassik-Lust-Profil

Sie ist etwas Besonderes, die Leica M3. Das lässt sich alleine an der ungewöhnlichen Häufigkeit von Passantenkontakten festmachen, wenn man mal wieder auf die in Anschlag gebrachte Kamera angesprochen wird. Sie fordert zum Bildgestalten auf, und sie animiert vor allem zum Auslösen. Das sanfte und leise Auslösegeräusch machte die Leica zu einer der wenigen Kameras, die einst in Gerichtssälen oder bei Theatervorführungen geduldet waren.

Generell gibt es zwei Arten von Leica-Fotografen. Die einen kaufen sie nur zum Anschauen und In-die-Vitrine-Stellen, die anderen nutzen das gute Stück intensiv. Entsprechend sollte man seine M3 heute auch auswählen. Sammler ziehen makellosen aber auch kostspieligen Best-Erhaltungszustand vor, Anwender dürfen ruhig ein abgerocktes Teil aus der Umhängetasche kramen. Ehrlich erworbene Patina steht auch einer edlen M3 sehr gut.

 

Text und Fotos: Jo Soppa

1 Kommentar

  • Peter Steiner sagt:

    Texte aus der Feder von Jochen Soppa zu lesen sind das wahre Vergnügen. Journalistisch brillant und geschrieben mit exzellenter Feder!
    
Euch steht eine erfolgreiche Zukunft bevor!

    Peter Steiner

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