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Koffermusik

Viele HiFi-Liebhaber verfolgen einen Traum. Sie möchten im Speichermedium eingefangene Musik in ihrem Wohnzimmer erneut zum Leben erwecken. Kostspielige Geräte sollen Frankenstein spielen, geradewegs so, als sei Aladin allmächtig aus der Flasche gestiegen. Man kann auch einen ganz anderen Weg gehen. Etwa das Abspielmedium selbst zum Ereignis erklären. Zum Beispiel mit einem alten KOFFERPLATTENSPIELER der Marke Philips

 

Als High Fidelity und die entsprechende Deutsche Industrie Norm noch kein Thema waren, hatten es Musikliebhaber einfach. Sie mussten lediglich ihren Ohren vertrauen. Wunder in Gestalt eines leibhaftig im der Wohnstube erwachenden Symphonieorchesters erwartete ohnehin kein vernünftig denkender Zeitgenosse.

 

Reproduzierte Musikstücke aus Radio oder von Platte, das waren für die allermeisten Interessenten nichts weiter als jederzeit verfügbar gemachte Funktionsklänge. Etwa zum Schwingen des Tanzbeins oder zur Hintergrundbeschallung des gepflegten Gesellschaftsabends. Wollte einer tatsächlich ganz alleine für sich und dazu noch intensiv einer Musikwiedergabe lauschen, dann stopfte der sich gemütlich eine Pfeife. Anschließend zog er den bequemsten Sessel ganz dicht vors Radio oder den zumeist dunkel gebeizten Musikschrank.

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Philips Kofferplattenspieler AG 9125 im Reisemodus. Dem zweigeteilten Deckel mit integrierten Stereolautsprechern ist gestalterische Eleganz nicht abzusprechen.

Entsprechend gingen auch die Hersteller bei der Konzeption ihrer Abspielgeräte die Aufgabenstellung an. In Sachen Frequenzband orientierte man sich an den aus der Realität bekannten Gegebenheiten. Spielt die Musik leise, dann ist das Orchester weit entfernt. Entsprechend dumpf ist das Klangbild, die Höhen sind abgeschnitten. Kommt die Musik näher, nehmen die höheren Frequenzanteile und die klaren Bässe zu. Spielt das Orchester direkt vor der Nase, sind Becken, Schlagwerke und Blechbläser mit aller Präsenz, Brillanz und Klarheit zu hören.

 

Also wurden die Geräte in der Klangabstimmung entsprechend justiert. Bei leiser Hintergrundberieselung sollte das Klangbild eher dumpf sein, weil höhenlastige Musik sonst die Aufmerksamkeit des Auditoriums auf sich gezogen hätte. Erst bei forcierter Lautstärke sollte das Frequenzspektrum möglichst naturgetreu ausgeschöpft werden. Wobei man sich auch an den technischen Möglichkeiten und Limitierungen der Schallplattenproduktion auszurichten hatte. Die theoretisch idealen 20 bis 20000 Hertz Frequenzbandbreite waren deshalb eher ein Wunschtraum. Auch wenn die englische DECCA ihre ursprünglich für Militärzwecke entwickelten ffrr-Platten (full frequency range recording) bereits ab 1945 auch ziviler Kundschaft zugänglich gemacht hatte. In den Geräten tönten zumeist einfache Breitbandlautsprecher, deren Frequenzspektrum von etwa 70 bis 14000 Hertz reichte – und an diesen Werten orientierten sich auch viele Plattenhersteller.

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Philips – Made in Germany. Der Tonkopf mit integriertem Kristallsystem wird einfach in das graue Adapterstück am Tonarm eingesteckt. Die weiße Lasche gehört zur Wendenadel. Einmal um 180 Grad drehen, bringt den gewünschten Abtaster zum Einsatz. Bei diesem Modell ist zweimal eine Diamantnadel für moderne Microrillen montiert, die Ersatznadel ist also bereits eingebaut. Von soviel Nutzerfreundlichkeit kann der gemeine „Highender“ nur träumen.

Soviel zur Grundeinstimmung, wenn wir mit unserem heutigen, voll durchdigitalisierten Luxusblick von mannshohen Vierwege-Lautsprecherboxen aus ein wenig mitleidig auf die Musikgerätschaften der Nachkriegszeit schauen. Etwa auf den hier zur Schau gestellten Philips Kofferplattenspieler vom Typ AG 9125. Der ist bereits für Stereobetrieb gerüstet und stellt eine letzte Blüte des Röhrenzeitalters dar, das sich ab Mitte der sechziger Jahre dem aufkommenden Transistor beugen musste.

 

Im Gerät sitzen insgesamt vier Röhren, zwei ECC 83 für die Vorverstärkung, sowie zwei EL 95 für die Endstufe. Etwa zweimal zwei Watt Musikleistung sind in dieser Konstellation zu machen. Die zugehörigen Breitbandlautsprecher mit für flache Bauweise invers angeordneten Magneten sind in den zweigeteilten Deckel des Spielers integriert. Sie verfügen jeweils über etwa zwei Meter Zuleitung, rechts am Gerät sitzt das Anschlussfeld. Sind keine Lautsprecher eingesteckt, werden die Ausgänge kurzgeschlossen. Eine Sicherungsmaßnahme, um die Ausgangsübertrager vor Beschädigung zu schützen.

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Gehäuse aus solidem Sperrholz, mit viel Luft im Inneren. Links hinten das Netzteil, vorne der Verstärker mit insgesamt vier Röhren. Erinnert auf den ersten Blick an ein rustikal ausgeführtes Selbstbau-Projekt. Alles befindet sich noch im Werks-Auslieferungszustand. Nach langer Standzeit war lediglich die Antriebswelle des Motors fest. Sie musste nach Zerlegen des Motors wieder gangbar gemacht und frisch poliert werden.

Der gesamte Verstärkerzug entspricht dem des als Einzelgerät beliebten und heute noch häufig anzutreffenden  Philips Stereo-Röhrenverstärkers AG 9016.

Den Verstärkerdeckel des Kofferspielers stellt quasi das Blechchassis des mit zwei Schrauben fixierten Plattenspielers dar. Er ist, wie damals angesagt, als Plattenwechsler mit Stapelachse ausgeführt. Ganz wichtig für Partybetrieb, wenn zehn Singles für konstante Musikbeschallung das Stimmungsbarometer am Köcheln halten sollten.

 

Der Plattenteller ist ein Tiefziehteil aus Stahlblech mit grauer Gummiauflage. Von innen setzt ein Reibradantrieb an, der überraschend laufruhig zur Sache geht und vier Tellergeschwindigkeiten (16/min, 33/min, 45/min und 78/min) ermöglicht.

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Wunderwerk der Plattenwechsler-Mechanik. Links der Spaltpol-Motor für den Reibradantrieb, oben das Gestänge für die Wahl der Tellergeschwindigkeit. Der Rest dient der Tonarmsteuerung und Wechselfunktion. Chassis aus tiefgezogenem Stahlblech.

Im Tonarm steckt ein Philips Stereo-Keramiksystem mit Schnellkupplung. Vorteil der Keramik-Abtaster: Sie kommen ohne spezielle Entzerrer-Vorstufe aus und liefern hohe Ausgangsspannung. Für alte, nach unterschiedlichen Schneidenormen geschnittenen Platten ist das ideal. Das System lastet mit sechs Gramm Druck auf der Platte und kann zum Nadelwechsel oder zum Putzen derselben flink nach vorne im Handumdrehen abgezogen werden. Sehr benutzerfreundlich.

 

Auch in der Nadelbestückung spiegeln sich die Anforderungen der Zeit wieder. Wer bereits einen Stapel moderne Stereoplatten sein Eigen nannte, der setzte eine Diamantnadel für Mikrorillen ein. Wer noch alte Monos spielen wollte, nahm die dicker verrundete Mononadel, und wer noch seine alten Schellacks auf den Teller packen wollte, fand auch dafür noch den passenden Abspielsaphir. Lästige Umbaumaßnahmen ersparten einem zwei Nadeln auf einem Nadelträger. Durch Wenden des Trägers um 180 Grad wurde die für den Einsatzzweck erforderliche Wunschnadel zum Einsatz gebracht. Einmal mehr: höchst benutzerfreundlich.

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Philips AG 9125-Plattenwechsler inmitten zeitgenössischer Single-Schätze. Ein akustisches, haptisches und ganz besonders auch ein visuelles Erlebnis.

Abspielen kann der Philips-Eigner seine Platten auf zweierlei Art und Weise. Einmal im Automatikbetrieb, oder rein manuell. Im Automatikmodus muss die Platte auf dem Teller, die passende Geschwindigkeit eingestellt, und dann der weiße Startknopf gedrückt sein. Der Rest passiert von ganz alleine. Ist die Platte durchgespielt, startet die Automatik den Vorgang erneut. So lange, bis die rote Stopptaste gedrückt wird. Dann setzt der Arm zurück in seine Ruheposition und der Spieler schaltet ab.

Im manuellen Betrieb verhält es sich mit der Wiederholungsfunktion ebenso. Nur wird der Spieler mit dem Tonarmlift gestartet, und der Arm händisch in Position gebracht, schließlich mit dem Lift abgesetzt. Sinnvoll, wenn auf LPs nur bestimmte Stücke gespielt werden sollen.

Bauartbedingt bieten die beiden kleinen Deckellautsprecher ein trocken-schlankes Klangbild, das aber selbst in einem 30 Quadratmeter großen Raum bereits auf elf Uhr-Stellung des Volumendrehknopfs recht durchsetzungsstark zur Sache geht. Seine Funktion als Spaßbeschaller oder Hintergrundmusikant erfüllt der Musikkoffer also nach wie vor.

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Größenvergleich. Alleine die Abmessungen machen deutlich, dass mit den großen Thöress-Schallwänden akustisch mehr passiert als mit den handlichen Deckellautsprechern. Bemerkenswert auch die stilistische Harmonie der versammelten Gerätschaften.

Stellt man die Lautsprecher direkt auf den Boden, dann gibt es sogar so etwas wie einen Grundton. Ein richtiger Bass wird nicht reproduziert. Von daher ist es auch einsichtig, dass der Hersteller seinerzeit recht kleine Übertragertrafos in die Ausgangsstufen integriert hat. Zum anderen sollte der aus robustem Sperrholz  gebaute und mit griffiger Kunststofffolie bezogene Koffer ja auch nicht zu schwergewichtig geraten.

 

Aus Spieltrieb schlossen wir schließlich anstelle der beiden Serienlautsprecher die großen Thöress Duplex-Schallwände an. Jetzt hoben sich doch die Augenbrauen bei den Zuhörern. Bereits auf 9 Uhr-Stellung des Volumendrehknopfs war „Zimmerlautstärke“ erreicht, ab Position 11 Uhr konnte die Party steigen. Erstaunlich, was zwomal zwei Watt an Wucht produzieren können. Die Höhen regelten wir auf 3 Uhr und die Bässe auf 2 Uhr ein. Das passte. Unterschiedliche Pressqualitäten der verkosteten 45er Scheiben wurden deutlich zu Gehör gebracht, und manche Brunswick- oder Capitol-Monos mit Ella oder Frankie-Boy spielten derart herzerwärmend vollmundig, dass einem jegliche Gedanken an HiFi, Frequenzbereich-Umfänge oder Feinauflösung im Tief- oder Hochtonbereich so etwas von Schnuppe waren.

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Anschlussfeld des AG 9125. Das Gerät lässt sich auf 240 Volt Betriebsspannung einjustieren. Ein kleines Plus für die Betriebssicherheit, denn unser 220 Volt-Netz arbeitet tatsächlich mit Spannungswerten um 230 Volt. Links der ungewöhnliche Fünfpolstecker für ein Zusatzgerät, etwa Radio oder Tonband, rechts das Anschlussfeld für die Lautsprecher. Hier passen übliche Bananenstecker.

Bemerkenswert ist auch die Nebengeräuscharmut, mit der die üblicherweise durch harten Partybetrieb stark mitgenommenen Singles vom Philips-Oldie abgetastet werden. Selbst derbe Kratzer stören da nicht weiter, gehören vielmehr als geschichtsträchtiges Merkmal irgendwie dazu. Kurzum: So muss Schallplatte klingen. Wie früher, und doch viel besser, als dieser Musikkoffer jemals zuvor aufspielen durfte.

 

FAZIT: Zurück in die Sechziger. Man nehme eine Handvoll alter Singles, einen betagten Kofferspieler, am besten einen mit Röhrenverstärker, und schließe große Lautsprecher mit hohem Wirkungsgrad an. Wenn dann Sarah Vaughan ihren „September Song“ zum Besten gibt, ist man kurz davor, doch noch zum Pfeifenraucher zu werden.

 

 

VORSICHT – PLATTENMÖRDER

Plattenspieler aus den fünfziger und sechziger Jahren sind in der Regel mit Keramik-Tonabnehmern ausgestattet. Die Signalspannung wird durch auf das Keramik-Piezoelement wirkende Biegekräfte generiert. Entsprechend hoch liegen die Auflagedrücke der Nadel. Fünf bis zehn Gramm lasten in der Regel auf dem Abtaster. Die hohen Auflagendrücke kamen seinerzeit auch der mechanisch gesteuerten Funktion der recht ruppig agierenden Plattenwechsler entgegen.

Selten trifft man an Keramiksystemen auf einen langlebigen Abtast-Diamanten. Standard ist eine „Abtastnadel“ aus Saphir. Saphir ist nicht ganz so hart wie Diamant und erreicht bei guter Pflege eine Lebensdauer von etwa 100 Spielstunden. Ist der Saphir verschlissen oder gar beschädigt, wirkt er als Plattenfräse. Der Abtaster sollte also regelmäßig mittels Uhrmacherlupe auf  Beschädigung und Verschmutzung überprüft werden. Bei einwandfreiem Zustand sind die Belastungen für die Platte vertretbar. Kostbare Sammlerraritäten sollte man freilich nur mit schonender arbeitenden, modernen Abtastsystemen hören.

Für alte Flohmarkt-Scheiben oder ohnehin mitgenommene Singles ist der zeitgenössische Kristall-Sound dagegen genau richtig. Er entlockt vor allem den Stimmen einen besonderen Schmelz, auch wenn die Höhen- und Präsenzlagen oft eine harsche Körnigkeit aufweisen. Wer seine Platten schonen möchte, kann den Tonarm in Eigenregie etwa mit einem selbst angebrachten Gegengewicht modifizieren und das Auflagegewicht auf vier Gramm reduzieren. Weniger als drei Gramm sollte nicht gefahren werden, weil sonst die Nadel nicht mehr exakt geführt wird und verzerrt. Was gleichfalls die Rille beschädigen kann.

Text und Fotos: Jo Soppa

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Freunde und Freundinnen hoher Klangkunst unter sich. Übersetzung: „Passt mal auf – wir kennen alle den Klang von zwei klatschenden Händen…. jetzt kommt der Klang von einer klatschenden Hand….“ (aus der amerikanischen HiFi/Stereo Review von 1961)

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