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Kodak Retina – Spitzenklasse für den Mount Everest

Die erste erfolgreiche Bezwingung des Mount Everest wurde maßgeblich mit einer unscheinbaren Klappkamera dokumentiert. Gute 60 Jahre später zogen wir mit der KODAK RETINA II los, um ganz in der Nähe ihres Entstehungsorts in den Niederungen des Alltags einen der letzten Kodak Diafilme zu belichten.

 

Am 29. Mai 2013 jährte sich zum sechzigsten Mal die gelungene Erstbesteigung des höchsten Bergs der Welt durch Sir Edmund Hillary und Sherpa Tenzing Norgay. „Dafür hätte es keine besseren Menschen geben können“, sagt Norgays Sohn, und er meint damit auch die ebenso sportlich wie moralisch ehrenvolle Großleistung. Frei von Ehrenkäsigkeiten überließ das Team damals den beiden besten und nach der wochenlangen Vorbereitungsphase körperlich am wenigsten gezeichneten Kletterern den finalen Aufstieg vom letzten der insgesamt neun in militärischer Manier strategisch angelegten Lagerposten. Das obligatorische Gipfelfoto schoss Hillary vom treuen Sherpa Norgay, auf ein eigenes „Beweisfoto“ verzichtete er und meinte später nur: „Es war nicht der richtige Ort, um Tenzing in den Gebrauch der Kamera einzuweisen.“
Als entscheidender Wegbereiter bis kurz vor dem Gipfel mit dabei war damals auch George Lowe. Wie Hillary, der im Zivilberuf Imker war, stammte auch Lowe aus Neuseeland und beide hatten sich auf Klettertouren in der heimischen Bergwelt kennen und schätzen gelernt. Vom damaligen Everest-Team war Lowe der letzte Überlebende. Im Frühjahr 2013 ist er im Alter von 89 Jahren gestorben. Als erstklassiger Bergsteiger und Fotoamateur sollte er damals neben einem weiteren Fotografen und einem Kameramann das Ereignis in aussagestarken Bildern festhalten. Schließlich stand die Royal Geographical Society hinter der Unternehmung, und es ging um nicht mehr, als den „dritten Pol“ der Erde unter die Flagge des Empires zu bringen.
Lowes umfassendes Archiv wurde zum 60. Jahrestag der Erstbesteigung für ein Buchprojekt genutzt. Das packende Bildmaterial, das teilweise mit einer überwältigenden Frische und Zeitlosigkeit verblüfft, dürfte nicht nur Liebhaber des Bergsports begeistern. Es liegt auch eine deutsche Ausgabe dieses Werks vor (siehe Kasten).
Neben einer Bell&Howell Schmalfilmkamera hatten die Bergsteiger am Everest noch eine Rolleiflex, eine Contax, eine Leica, eine Zeiss Super Ikonta, eine schlichte Retinette und zwei Kodak Retina II im Gepäck.

Feiert bald ihren 80. Geburtstag. Inmitten aktueller Retrodesign-Digitalkameras sieht der Oldie immer noch erstaunlich frisch aus

Die Retina II, damals bereits ein Oldie, wurde von 1937 bis 1939 im Stuttgarter Kodak-Werk produziert. Sie war das Topmodell der noch jungen Kleinbild-Riege im Hause Kodak und – je nach Geldbeutel – mit drei unterschiedlichen Objektivbestückungen zu haben. Preislich am günstigsten war die Version mit dem hauseigenen, vierlinsigen Kodak-Objektiv mit Lichtstärke 3,5. Teuer wurde die Sache mit den Schneider-Gläsern aus Bad Kreuznach, wobei der Interessent neben der fünflinsigen 2,8er Optik mit dem sechslinsigen 2,0 Xenon bereits in Preisregionen aufstieg, die seinerzeit auch eine Leica im Griffweite brachten.
Man kann sich also gut ausmalen, wie sehr George Lowe an „seiner“ Retina II hing, die ihn bereits seit vielen Jahren auf Bergtouren begleitet und nie im Stich gelassen hatte. Auch am Everest sollte ihn die Kamera nicht enttäuschen. Für die Retina sprachen am Berg auch handfeste Gründe. Bei 25 Kilogramm Gepäck zählte in der dünnen Höhenluft jedes Gramm doppelt, und die Kodak ist dank versenkbarem Objektiv vergleichsweise klein und leicht. Zudem war Lowe mit der Retina vertraut und wusste intuitiv, wo er hinzufassen hatte. Einzig der Zeitenring und vor allem der winzige Haken zum einstellen der Blende sind für dick behandschuhte Hände eine Herausforderung. Lowe behalf sich auf einfache Art: Er ließ stets eine hundertstel Sekunde und Blende 8 fest eingestellt. Dazu verwendete er ein UV-Filter und Kodakchrome 25-Diafilm. Zum Schutz vor der beißenden Kälte steckte er die Kamera in seinen Daunenanorak, nachts nahm er sie mit in den Schlafsack.

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Analoges Basis-Set mit Weston-Belichtungsmesser, Gelbfilter und Linhof-Kugelneiger. Die schmucken Ledertaschen für die Vorkriegs-Retinas wurden in den USA hergestellt

So viel vertraute Nähe zur Retina II setzt erst einmal deren Besitz voraus. Bei gut 50000 hergestellten Exemplaren stehen die Chancen aber selbst heute noch sehr gut, ein technisch brauchbares Stück zu ergattern. Für unsere Story wurden wir nach kurzer Zeit im Internet fündig. Das zur Auktion ausgelobte Modell machte der Beschreibung nach einen brauchbaren Eindruck. Immerhin wurde ein funktionierender Verschluss versprochen, was bei einer derart alten Kamera etwas Besonderes ist. Zumeist werden die langen Zeiten durch Verharzungen in der Mechanik „müde“ oder der Verschluss bleibt nach dem Auslösen komplett hängen.
Wegen der offenbar begehrten 2,0er Lichtstärke gab es einige Mitbieter, bei rund 90 Euro fiel der virtuelle Hammer. Neu hat die Kamera in der 2,0 Xenon-Topversion damals 235 Reichsmark gekostet, das entspricht heute etwa dem zehnfachen Wert in Euro.

Ein Digitaldisplay sucht man auf der Rückseite vergebens. Dafür gibt es einen hübsch geschwungenen Retina-Schriftzug. Sucher und Schnittbild-Entfernungsmesser sind getrennt. Deshalb gibt es zwei Okulare. Der Einblick für den Entfernungsmesser führt durch die Rückspulkurbel auf der linken Seite. Möglich macht das ein Durchbruch in der Kurbel. Ganz schön raffiniert, die Kleine

Der Versandpackung entnommen, kam eine Kodak im durchaus ansprechenden Erhaltungszustand zum Vorschein. Unvergütete Vorkriegs-Objektive sind gemeinhin empfindliche Gesellen und so zeigten sich unter der Lupe zarte Putzspuren und ein paar Pilzsporen, die sich jedoch noch nicht sonderlich entwickeln konnten. Das Objektiv wurde zerlegt und die angegriffenen Linsen in Desinfektionsmittel eingelegt.
Leichtgängig aber auch ruckelig ließ sich die hochwertig aus Messing hergestellte Fokusierschnecke bewegen. Nach der Reinigung mit Waschbenzin und dem zarten Auftrag technischer Vaseline läuft die Fokusierung wieder nach Wunsch: Leicht und geschmeidig. Die Sperrklinke an der Film-Rückspulwelle funktionierte nicht mehr, konnte aber durch nacharbeiten und Justage der Anpressfeder repariert werden. Mit einem hölzernen Zahnstocher wurde der Schmodder der letzten Jahrzehnte aus den feinen Ritzen gepult und mit Desinfektionsmittel nachgefeudelt. Die Retina stammt noch aus einer Zeit, als eine Kamerabelederung wirklich aus Leder bestand. Nach einer behutsamen Grundreinigung wurde der Bezug mit feinem Lederöl aufgefrischt. Färbemittel zum Schwärzen wurden nicht verwendet, eine derart alte Kamera ist umso schöner, wenn sie eine gepflegte Patina zeigt.
Besonderheit unserer Retina II ist der Blitzkontakt am Compur Rapid-Zentralverschluss. Offenbar damals ein aufpreispflichtiges Extra, denn im Netz finden sich Fotos von Retina II mit Lichtstärke 2,0, die keinen Blitzkontakt am Objektiv samt der charakteristischen Rampenausfräsung am Entfernungs-Einstellring haben. Dieser Blitzkontakt war offensichtlich für einen Vorbesitzer der Kamera willkommener Anlass, nachträglich einen Zubehörschuh am oberen Abdeckblech montieren zu lassen. Immerhin, die Arbeit wurde handwerklich einwandfrei in Profimanier durchgeführt.

Am Kameraboden findet sich dieses ebenso dekorative wie nützliche Schablonenrad zur Ermittlung der Schärfentiefe im Verhältnis zur Blende und eingestellten Entfernung. Im gezeigten Beispiel hätte man bei einer auf 1,3 Meter eingestellten Entfernung bei Blende 16 einen Schärfebereich von etwa zwei bis einen Meter Entfernung. Bei offener Blende reduziert sich die Schärfezone auf wenige Zentimeter. Ein beliebtes Gestaltungsmittel für stimmungsvoll-duftige Aufnahmen

Noch ein Hinweis für Retina II-Besitzer: Der Entfernungs-Einstellring ist mit vier feinen Klemmschräubchen mit der Fokusierschnecke gekoppelt. Wenn das Schmierfett alt und hart, der Fokusgang entsprechend schwergängig geworden ist, dann hat sich höchstwahrscheinlich der Einstellring auf der Schnecke etwas verdreht. Ein Indiz hierfür ist eine im Abgleich mit dem gekuppelten Entfernungsmesser offensichtlich falsch anzeigende Entfernungsskala. Um hier korrigierend einzugreifen, müssen Objektiv samt Verschluss von der Standarte abgenommen werden. Dazu den Überwurfring von der Kamera-Innenseite her (nach herausdrehen der Hinterlinse) abschrauben.
Leica gebührt die Ehre, das Aufnahmeformat 24 mal 36 Millimeter populär gemacht zu haben. Die 135er Kleinbildpatrone, wie wir sie heute noch kennen, wurde jedoch ab 1934 vor allem durch Kodak und Agfa forciert. Die Retina II ist also tatsächlich eine Kamera aus den Frühtagen der Kleinbild-Fotografie. Faszinierend, dass es auch gut 75 Jahre nach deren Herstellung noch das passende „Speichermedium“ neu zu kaufen gibt.
Entgegen dem unsäglichen „Gefummel“ bei einer klassischen Leica, ist Filmeinlegen in die Retina ein Kinderspiel. Eine Eigenheit, die sicher auch George Lowe bei seinem Everest-Abenteuer zu schätzen wusste. Anders als allgemein üblich, übernimmt bei der Retina nicht die Zahnrolle den Filmtransport sondern die direkt vom oberen Drehknopf angetriebene Spule. Die Zahnrolle dient lediglich als Antrieb für das Zählwerk, das nach entsprechender Umdrehungszahl den Transportknopf blockiert und zugleich den Auslöseknopf frei gibt. Zuvor darf man jedoch nicht vergessen haben, den Compur-Verschluss ganz klassisch mit dem Zeigefinger gespannt zu haben. Wurde das versäumt, und der Auslöseknopf ist jetzt durch das Niederdrücken wieder blockiert, kann der Verschluss nochmals gespannt, und direkt vorne am Zeitenring ausgelöst werden. Auf diese Weise sind auch Mehrfachbelichtungen möglich.
Der Durchblicksucher unserer Retina ist sauber und extrem hell, aber im Format recht spärlich. Großartiges „Bilderkomponieren“ ist mit angestrengtem Blick möglich. Das Foto muss der Fotograf also am besten bereits durch die Naturbetrachtung im Kopf haben, der Sucher ist letztlich nur noch zum Anvisieren da.
Zum exakten Scharfstellen gibt es einen separaten, direkt mit der Einstellschnecke gekoppelten Schnittbild-Entfernungsmesser. Der ist etwas kontrastarm, zum Scharfstellen sucht man sich also ein klar strukturiertes Detail mit hartem Hell-Dunkelbereich.
Eine besondere Erwähnung verdient die Blickführung des Entfernungsmessers. Um eine möglichst große (50 Millimeter) und damit genaue Messbasis in die kompakte Kamera zu bekommen, gelang den Retina-Technikern ein Kunststück: Sie legten die optische Achse des Messsuchers durch die Rückspulwelle. Die im Durchmesser recht üppig bemessene Welle ist entsprechend ausgespart und rastet passgenau ein, wenn der Blickkanal auf Achse steht. Weil der Film bei jedem Weitertransport auch die Rückspulwelle bewegen würde, verpassten die Kodak-Techniker der blockierten Welle einen Freilauf. Zum Rückspulen wird eine Klinke eingeschwenkt, die zwischen Rückspulknopf und Spulengreifer den gewünschten Kraftschluss herstellt.
Auch an solchen Details erkennt man den hervorragenden technischen Aufwand, der in dieser auf den ersten Blick eher unscheinbaren Klapp-Kamera steckt. Finish und Passgenauigkeit der Bauteile sind erstklassig und entsprechen bereits einem Industriestandard, der bis weit in die siebziger Jahre Gültigkeit hatte – und sich von da an in der allgemeinen Kunststoff-Euphorie ohnehin von den alten Qualitätsmaßstäben zu verabschieden begann.

Reste des originalen Wasserabziehbilds auf der Innenseite der Kamerarückwand. Selbstverständlich gehört in eine Kodak-Kamera ein Kodak-Film. Verwendet wird die heute immer noch weit verbreitete Kleinbild-Patrone. Ergo ein wahrlich klassisches Speichermedium

Für den mit Spannung erwarteten Praxistest luden wir unseren Foto-Oldie stilgerecht mit einem Kodak Ektachrome 100 aus der letzten Produktionscharge. Auf Fotopirsch ging es ganz in der Nähe des Ursprungsorts der Retina: Der Stuttgarter Hafen ist stets ein dankbares Revier für alle Freunde des Lichtbilds, besonders an einem lauen Sommerabend mit Sonnenuntergang und langer „blauer Stunde“. Wie immer gilt für alle Vorkriegslinsen ohne Vergütung: Die Sonne im Rücken. Andererseits kann eine gnadenlose Überstrahlung im Gegenlicht von besonderem Reiz sein. Interessant war auch zu sehen, was die historische Schneider-Optik bei voll offener Blende auf den Film zu zaubern in der Lage ist. Das späte Abendlicht bot dazu reichlich Gelegenheit. Die Belichtungszeiten lagen bei einer fünfzigstel und fünfundzwanzigstel Sekunde. Freihand ergibt sich da mit der leichten Kamera bereits ein erhöhtes Verwacklungsrisiko.
Wie immer, ließen wir den belichteten Film im bewährten Studio 13 entwickeln und warteten gespannt auf das Ergebnis. Dabei bleibt festzustellen: Fehlbelichtungen gab es – sofern nicht beabsichtigt – keine. Ergo arbeiten Verschluss und Blende noch immer korrekt. Neben dem besagten Verwacklungsrisiko scheint aber auch die Fokusierung nicht immer auf den Punkt zu kommen. Mitunter liegt auch die Schärfenebene etwas sonderbar, was den Verdacht auf eine nicht immer hundertprozentig korrekte Planlage der Films nahe legt. Als unerwarteten Nebeneffekt liefert unsere Retina II damit einen eigenen Beitrag zur Bildästhetik, die bisweilen durchaus ihren Charme hat. Vintage-Look, könnte man es mit unseren heutigen, von knalliger Auflösungsschärfe verwöhnten Fotografenaugen auch nennen. Das Ergebnis der ersten Filmrolle lädt in jedem Fall zu weiteren Kodak-Experimenten ein.
George Lowe hatte seine Everest-Retina stets in Ehren gehalten. Im vorliegenden Buch ist sie auf Seite 21 leider etwas zu klein abgebildet. Sie trägt deutliche Gebrauchsspuren, was eine Kamera mit diesem historischen Hintergrund umso faszinierender und damit schöner macht. An einigen Details ist zu erkennen, dass Lowes Kodak aus einer früheren Serie stammen muss als unser Exemplar. Der Pfeil für die Entfernungsskala ist an der Lowe-Retina noch aufgenietet, die römische Zwei in der Modellbezeichnung hat noch keinen umschließenden Kreis. Keine Frage, das Everest-Original ist eine Heilige der Reportagefotografie. Aber auch alle baugleichen Typschwestern sind bis dato verkannte Ikonen der Kleinbild-Technik.

 

DATEN: Kodak Retina II
Bauzeit: 1937 bis 1939
Typ: Kleinbild-Klappkamera
Film: Kleinbildpatrone 135
Objektiv: Schneider Xenon 2,0/50mm
Marktpreis 2015: 100 Euro (Zustand C)

Klassik Lust-Profil

Bislang verkannter Vorkriegs-Klassiker und Wegbereiter der Kleinbild-Fotografie. Auch heute noch vergleichsweise einfach und unproblematisch in der Handhabung. Unvergütetes Objektivglas entfaltet eigenen „Vintage-Charme“ mit hoher Überstrahltendenz schon bei leichtem Gegenlicht.

 

Kodak – Made in Germany

Sie drücken den Knopf, wir machen den Rest. Im Grunde nahm die in Rochester/New York ansässige Firma bereits 1888 in ihren Anfangstagen die Idee vorweg, mit der später auch Apple groß ins Geschäft kommen sollte: Mache Experten-Technologie breiten Nutzerschichten durch einfachste Bedienung zugänglich. Im Fall von Kodak war das die aufnahmefertig bestückte Kamera, die der Kunde am Stück zum Entwickeln beim Kodak-Händler abgab. Die Geschäfte florierten, Kodak expandierte rasch. Bereits 1896 wurde die Deutsche Kodak gegründet, die ab 1928 zur Aktiengesellschaft wurde. Die wiederum kaufte sich 1932 in die August Nagel-Kamerafabrik in Stuttgart ein. August Nagel war ein Erfinder-Unternehmer von geradezu klassischem Zuschnitt. Er erkannte die Möglichkeiten des neuen Kleinbildfilms und forcierte die Entwicklung einer preisgünstigen, aber qualitativ hochwertigen Kamera. 1934 wurde die erste Retina vorgestellt, sie kostete 75 Mark und begründete den jahrzehntelang anhaltenden, positiven Ruf der Kodak-Kameras in aller Welt. Dank klugem Baukastensystem konnten die Retinas in unterschiedlichen Ausstattungs- und Preisklassen weite Käuferinteressen abdecken. Neben den ursprünglichen Retinas mit versenkbarem Klappobjektiv gab es nach dem Zweiten Weltkrieg auch Retina Kameras mit festem Objektiv und mit Spiegelreflex-Sucher sowie mit Wechselobjektiven. Als Budget-Version für Gelegenheitsknipser wurde unterhalb der Retina-Reihe die Retinette installiert.
Das alte Kodak-Werk in Stuttgart Wangen wurde im Krieg zerstört, danach neu aufgebaut. In den Hochphasen wurden dort Filme, Diaprojektoren und Kameras parallel produziert. Unter Kennern besonders begehrt sind die letzten Versionen der Kodak Retina IIC und IIIC aus den sechziger Jahren. Sie verkörpern feinmechanische und optische Bestleistung.
Obwohl Pionier in der digitalen Fotografie, kam Kodak geschäftlich in schweres Gewässer. Das Werk in Stuttgart ist noch aktiv, vertrieben werden dort aktuell Druckerfarben, Druckerpapiere, Negativfilme und – Einwegkameras. Mit letzteren ist man gewissermaßen wieder ganz am Anfang.

 

Everest – Das Buch

Im Original heißt das Buch „The conquest of Everest“ und erschien im Frühjahr 2013 bei Thames and Hudson in London. Pünktlich zum Everest-Jahrestag kam die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Die Eroberung des Mount Everest“ durch den Münchener Knesebeck Verlag in den Handel. Abenteuer-Historiker Huw Lewis-Jones konnte das Buchprojekt zusammen mit Georg Lowe noch kurz vor dessen Tod abschließen. Dazu wurde maßgeblich Lowes Bildarchiv genutzt. Das Buch zeigt auch die über Jahre gehende Vorbereitungsphase der gelungenen Everest-Erstbesteigung. Kommentare von namhaften Bergsteigern, wie etwa dem unvermeidlichen Reinhold Messner, runden das Werk ab. Auf insgesamt 240 Seiten darf man den Männern am Everest dank fesselnder Fotos und ebenso informativer wie kurzweilig zu lesender Texte gemütlich vom Lesesessel aus folgen. Viele der im Buch gezeigten Bilder, vor allem die während der dramatischen Schlussphase der Erstbesteigung gemachten Fotos, nahm Lowe mit seiner Kodak Retina II auf. Das historische Gipfelbild knipste Edmund Hillary mit einer schlichten Kodak Retinette. Den passenden Abschluss im Buch bilden die im Originalschriftstück gezeigten Hinweise vom damals maßgeblichen Bergfotografen Basil R. Goodfellow an die Everest-Crew. Fototipps, die heute noch ebenso wertvoll sind wie damals.
Im Buchhandel für 29,95 Euro, ISBN 979-3-86873-607-6, www.knesebeck-verlag.de

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Everest – Der Berg

Er wird auch als der dritte Pol bezeichnet. 8848 Meter ragt der höchste Berg der Erde an der Grenze zwischen Nepal und China über Normalnull hinaus. Der Luftdruck am Gipfel beträgt nur noch etwa ein Drittel des Wertes in gewohnten Lagen, Wasser kocht dort oben bereits bei 70 Grad. Seinen wohlklingenden Namen hat der Berg vom britischen Landvermesser George Everest. Die erfolgreiche Erstbesteigung gelang am 29. Mai 1953 Edmund Hillary und Tenzing Norgay auch dank ausgeklügelter Logistik, neuartiger, spezieller Kleidung und der Unterstützung durch zusätzlichen Atemsauerstoff.
Noch immer wird darüber spekuliert, ob nicht bereits 1924 die ersten Menschen auf dem Everest-Gipfel waren. Damals versuchten George Mallory und Andrew Irvine ihr Glück, das ihnen jedoch nicht hold war. Beide blieben am Berg. Erst 1999 entdeckte man die sehr gut erhaltene Leiche von George Mallory auf 8150 Meter Höhe. Er wollte das Foto seiner Frau, das er stets bei sich trug, am Gipfel deponieren. Bei der Durchsuche seiner Bekleidung fand sich jedoch kein Foto.
1978 waren Reinhold Messner und Peter Habeler bei der Erstbesteigung ohne Sauserstoff-Flaschen erfolgreich, zwei Jahre später gelang Messner diese Energieleistung sogar im Alleingang.
Seither blüht am Everest ein grotesker Bergtourismus. Eine emsige Expeditions-Industrie bedient und verdient an diesem Schauplatz für Profilierungssüchtige. Kürzlich versuchte ein Extremist den Berg mit dem Fahrrad zu bezwingen.

 

Schneider-Objektiv – seit über 100 Jahren

Seit 1913 ist die Schneider Optische Werke GmbH in Bad Kreuznach ansässig. „Höchste Qualität statt Masse“ ist das erklärte Ziel von Geschäftsführer Dr. Josef Staub. Im Bereich der Profiobjektive zählt Schneider seit jeher zu den besten Adressen im Geschäft. Inzwischen wird das Portfolio mit den Produktgruppen Augenoptik, Filter, Messtechnik, Hydraulik und LED-Beleuchtungstechnik breiter aufgefächert. Zur Schneider-Gruppe gehören die Pentacon GmbH in Dresden, die ehemalige Isco in Göttingen, Schneider Optics in den USA sowie Zweigstellen in China, Südkorea und Hongkong.

Lichtstarkes 50mm/f2,0-Objektiv am Retina-Spitzenmodell. Geliefert wurde es seinerzeit von Schneider in Bad Kreuznach. Noch heute eine erste Adresse für erstklassige Objektive. Die Retina-Linsen tragen noch keine Vergütung. Beim Reinigen heißt es also besonders behutsam vorzugehen

Bereits kurz nach der Gründung im Jahr 1913 wurden die für Schneider wegweisenden Objektiv-Markennamen „Symmar“, „Componon“, „Xenar“ und „Angulon“ eingeführt. In den goldenen Tagen der analogen Fotografie waren Schneider-Objektiven ein Gütezeichen an etlichen namhaften Amateur- und Profi-Kameras. Die gesamte Kodak Retina-Reihe war von den 30er Jahren bis zur Produktionseinstellung in den 60er Jahren mit Schneider-Objektiven bestückt.
Heute hat sich der mittelständische Spezialist aus dem Consumer-Bereich verabschiedet und konzentriert sich voll auf das Profilager. Weltweit beschäftigt die Schneider GmbH etwa 660 Mitarbeiter, im Stammwerk in Bad Kreuznach arbeiten rund 360 Menschen.

 

Mit Bedacht – Foto-Oldie selbst reparieren

Bereits die Kosten für einen einfachen durch Profihand ausgeführten Service können den Zeitwert der Kamera weit übersteigen. Selber schrauben ist deshalb verlockend. Wir geben zu bedenken, dass Fachwissen und handwerkliches Können durch keine Anleitung zu ersetzen sind. Andererseits ist es ungemein befriedigend, einen maladen Foto-Oldtimer wieder „ans Laufen“ gebracht zu haben. Wie in jedem Spezialbereich ist es sinnvoll, sich mit einfachen Aufgaben langsam und Schritt für Schritt in schwierigere Gefilde hochzuarbeiten. Dankbare Objekte, mit denen sich erste Erfahrungen sammeln lassen, sind zweifellos einfache Gebrauchskameras aus der Wirtschaftswunder-Zeit.

Für einen kleinen Service lässt sich die Retina II noch mit überschaubarem Aufwand zerlegen. Zumeist braucht der Verschluss (zweites Element von rechts) eine Reinigung mit Waschbenzin. Auf diese Weise lassen sich verharzte Schmierstoffe entfernen. Dann läuft der Verschluss auch auf den langen Zeiten wieder geschmeidig – meistens, jedenfalls

WAS SIE TUN SOLLTEN:
>Hochwertige Uhrmacher-Schraubendreher (Schlitz und Kreuzschlitz) in unterschiedlichen Abmessungen besorgen. Die Schraubenzieherklingen müssen satt und auf volle Länge in die Schlitze der Schraubenköpfe passen.
>Hellen, aber nicht sonnigen Arbeitsplatz suchen.
Auf großem, hellen und ungemustertem Tablett arbeiten. Herunter oder heraus gefallene Kleinteile sind dann gut sichtbar und können nicht davon (auf den Boden) rollen.
>Beim Zerlegen Montageskizzen anfertigen oder mit Foto dokumentieren.
>Viele kleine, verschließbare Behälter zum Deponieren der Kleinteile nach Gruppen bereithalten.
>Zum Reinigen und Endmontieren mit Latexhandschuhen arbeiten.
>Diverse Hilfswerkzeuge selbst anfertigen.
>Metallteile mit Feuerzeug-/Waschbenzin reinigen.
>Vaseline zum Schmieren von Fokusierschnecken und stark beanspruchten Gleitflächen verwenden.
>Öl für Modelleisenbahnen für sonstige Schmierstellen verwenden. Mit einer Nadel lassen sich winzigste Ölmengen punktgenau auftragen. Sparsam ölen.
>Gefühlvoll arbeiten, wenig fluchen.

WAS SIE NICHT TUN SOLLTEN:
>Sprühöl auf gut Glück in die Kamera blasen.
>Verschluss- und Blenden-Lamellen einölen – beide müssen trocken laufen.
>Verspiegelte oder teilverspiegelte Flächen mit Brillenreinigungstüchern putzen – die Verspiegelung kann sich ablösen.
>Fokusschnecken ohne vorherige Markierung zerlegen.
>Mit zu viel Krafteinsatz arbeiten. Schrauben bei der Montage zu fest anknallen und damit das Gewinde ruinieren.
>Einzelteile mischen und offen herum liegen lassen.

 

Text und Fotos: Jo Soppa

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