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Der grüne Lord – Ein maßgeschneiderter Jaguar: Der RONART-S 6

Mein Gott – ein Auto! Es stand wie ein exotischer Fremdkörper da, wo man es am wenigsten vermutet, nämlich zwischen Leder- und Belstaff-kostümierten Bikern und genoss das Bad in der Menge. Sicher, es gab auch hier Autos, aber doch keine solchen und dementsprechend groß war das Aufsehen – der Fundort: die Motorrad Tourist Trophy auf der Isle of Man.

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Der Ronart vor imposanter Kulisse. Da möchte man nur einsteigen und losfahren

Ich drängte mich durch die wild diskutierenden und fotografierenden Trauben der Zweiradfans und fragte nach seinem Besitzer. Keine Ahnung. Endlich Erfolg. Von einem TT-Motorradzubehörladen genoss er sichtlich den ganzen Aufruhr, den sein seltsames Gefährt erregte – ein freundlicher, sportiver Herr, gänzlich normal und zivil. Er stellte sich als Tim Hall vor, wohne gleich um „die Ecke“ genauer gesagt in Port St. Mary – zehn Kilometer entfernt, aber das ist ja alles „gleich um die Ecke “ hier auf diesem nur wenige quadratkilometergroßen Inselchen, und außerdem sei er Autohändler. Seine Firma nenne sich Thoroughbred Cars (klingt auch schon ohne das obligate „Ltd.“ sehr rennpferdig) und es seien zumeist ganz besondere „vehicles“, die er vertreibe. Er lud mich herzlich ein, ihn zu besuchen und mir in Ruhe alles anzusehen (und abzufotografieren). Ich war happy und so lernte ich den RONART kennen.

Ein ziviler Rennwagen mit nur notdürftig bedeckten „open wheels“. Ein Oldie? Er sah nicht danach aus. Ein Kit Car? Ich hab das opportune Wort schnell hinuntergeschluckt, denn so was ordinäres ist in englischen Automobilistenkreisen – ­noch dazu der edelsten Sorte – absolut tabu. Also was?

In Port St. Mary, das ein viktorianisch verträumtes Hafenstädtchen mit Rentner-Charme und von ebensolcher Aktivität ist, war vom Trubel der wilden TT-Woche nichts zu spüren.

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Ein Automobil kann schon als ein Kunstwerk betrachtet werden

Nur einige vereinzelte „british bikes“, die offensichtlich hier zu Hause waren, bevölkerten die stillen Sträßlein, die alle zum nahegelegenen Meer (genauer gesagt, der Irish Sea) hin abfielen. Und jenes zigarrenförmige , ebenso aggressiv wie aristokratisch aussehende Projektil, das nur aus Motor und Benzintank zu bestehen schien mit einer tiefliegenden, luxuriös-luftigen Doppelschalensitzgruppe dazwischen. Jedoch schon beim Anblick der Armaturen kam mir alles irgendwie recht bekannt vor: Der feinnadelige Tourenzähler mit der integrierten Uhr unterm Lenkrad, der (überflüssige) Tacho für den Beifahrer – aber als dann Tim Hall, der mich bereits erwartet hatte, mit dem geübten Griff eines Großwild-Dompteurs das Haifischmaul der Bestie anhob (wie es sich gehört – nach vorne…), fiel es mir wie Schuppen von den Augen – na klar, ein Jaguar! Well – vielleicht nicht ganz. Tim Halls vielsagendes Lächeln stürzte mich sogleich in eine hoffnungslose Verwirrung bezüglich meiner an sich ziemlich allgemeinen, und ­wie ich später erkennen musste, doch recht spärlichen Jaguar-­Kenntnisse über jenen edlen aber ehemaligen Konzern des Sir William Loyon aus Coventry.

Aber der Reihe nach – so gut ich eben all die doch recht britischen Interna verkraften konnte. Immerhin, das beste Stück aus der Motorenschmiede von Bill Heynes‘ Konstruktionsbüro – erstmals 1948 auf der Earls Court Motorshow bestaunt und später bejubelt – war geblieben. Das Herz des RONART: das sechszylindrige XK-Triebwerk, allerdings in der 4200 ccm- Ausführung und noch ein wenig getunt. Die Engländer nennen das mit üblichem Understatement schlicht eine „performance engine“. Um aus diesem, ab 1965 gebauten 4,2 Liter E-Motorentyp exakte 276 Pferdestärken herauszukitzeln, nahmen sich die Erbauer des Models S6-WISZ – Steve Sheldon und Arthur Wolstenholme (Herstellername ART & RONA ergibt RONART) allerdings amerikanische Systematik zur Grundlage, die man drüben über dem großen Teich auch „blueprinting“ nennt, und fügten noch eine Menge bester britischer Know-how-Tradition dazu.

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Herrliche Spiegelungen in dem makellosen Lack

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Im Motorraum arbeitet der 6 Zylinder XK-Jaguar Motor: standesgemäßes Triebwerk

Dabei verwendeten sie unter anderem: größere Ventile „Big Valve“, mit 1″ 7/8 Zoll Durchmesser , eine „gas flowed & ported D-Type“Nockenwelle, eine Nitrit gehärtete Kurbelwelle mit einem erleichtertem Schwungrad, natürlich alles „fully balanced“. Als Vergaser wurde ein Triple Weber 45 DCOE Typ verwendet und für einen kräftigen Benzinfluss (Four Star Leaded) sorgt eine elektrische Benzinpumpe mit einem Druckregulator. Für zusätzliche Kühlung wurde ein elektrisches Gebläse verwendet und die elektronische Zündanlage ist von „Lumenition“. Das Sechs-in-eins Auspuffsystem ist hand- und maßgefertigt und aus einer speziell widerstandsfähigen Edelstahl-Legierung.

 

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Rechtsgelenkt wie es in Great Britain üblich ist

Am Motor hängt ein original Jaguar-4-Speed Overdrive Getriebe. Das Chassis allerdings ist eine geniale Neuschöpfung und von Spyder Engineering in Peterborough erbaut. Die Radaufhängung wurde dabei von dem unvergleichlichen Jaguar XJ 6 übernommen. Die Räder sind jene vielspeichigen Spoke Wheels mit vorne und hinten 205 x 15er Avons bestückt. Alles sehr konventionell, wie es sich gehört. So auch der Aufbau oder „body“ – eine mehrfach überarbeite Mischung aus Fiberglas und Kevlar im „Sandwich-type“ Verfahren zusammenlaminiert. Die Instrumente (wie kann es anders sein) sind echte Jaguar „S“-Type und erinnern heftig an den 1960er Autosalon. Die Farbe – da kennen die Jaguar-Fans ja überhaupt keinen Spaß – wie üblich: British Racing Green, die schönste Rennfarbe des gesamten Empire.

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Es sind schon Kunstwerke – die altehrwürdigen Häuser und das automobile Prachtwerk

Und der Preis? Hinter vorgehaltener (offener) Hand: erträgliche 40.000 Pfund. Irgendwie schon königlich und so ist dann auch das Fahrgefühl; Tiefflieger im Anflug, rechtsgesteuert und „the wind in your face“. Auto pur und nostalgisch, speziell auf den small roads des schottischen Hochlandes, auf Deutschlands Autobahnen wäre ich da nicht ganz so happy damit…

 

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Der Schallschlucker in seiner herrlichsten Pracht

Text: Oluf Zierl

Fotos: Hofer Archiv

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