Servicar Servicar

Harley-Davidson Servi-Car

Harley-Davidson, die amerikanische Kult-Motorradmarke steht heute vor allem für luxuriös gepflegten Outlaw-Lifestyle bevorzugt älterer Herrschaften. Dass auch andere, weil sehr viel bodenständigere Zeiten das Modellsortiment prägten, macht das dreirädrige SERVI-CAR anschaulich. Ein echtes Nutzwert-Vehikel, das über einen erstaunlich langen Produktionszeitraum von 1932 bis 1973 rund 32ooo Mal ausgeliefert wurde. 

Dreirad-Vehikel sind seit jeher auch  Synonym für harte Zeiten. Wie in den Aufbaujahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als etwa in Italien die Motocari oder in Deutschland Konstruktion wie das legendäre Tempo Dreirad mithalfen, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Nicht viel anders verhält es sich mit dem Harley-Dreirad. Kurz nach der Weltwirtschaftskrise konstruiert, sollte das notdürftige Transportgerät vor allem Kleingewerbetreibenden beim Broterwerb helfen.

Der 741 ccm Zweizylinder V-Twin leistete maximal 22 PS und war durch niedrige Verdichtung (4,75) auf ruhige Leistungsentfaltung und hohe Betriebssicherheit getrimmt worden. Genau so wollte es das angesprochene Klientel, das sich einen preisgünstigen Kleintransporter  herbeisehnte. Idealer Einsatzort waren die weitläufigen Metropolen Amerikas, denn schon immer galt die Devise „Zeit ist Geld“. So war der Erfolg auch nicht verwunderlich. Die Vorgänger des Servi-Car – das Dispatch-Tow-Dreirad von Indian – erzielte nie den Erfolg, den Harley-Davidson mit seinem Dreifüßler hatte. Ebensowenig wie das einzylindrige Trike, das die Courtesy-Car-Company seit 1929 im Auftrag von Harley-Davison baute.

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Ein patiniertes Servi-Car, dem der Betrachter sein Leben ansieht. Aber immer noch voll fahrbereit. Das ist die neue Liebe zu Fahrzeugen die schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben

Das Servi-Car war von Anfang an für die kommerzielle Zielgruppe konzipiert worden. Für Handwerk und Handel, und natürlich nicht zu vergessen: Als Behördenfahrzeug, unter anderem für die Polizei. Unvergessen ist der Einsatz bei den Police Departments in ganz Amerika. Die schmale Bauweise ermöglicht auch im dichten Gedränge noch ein zügiges Durchkommen, und kaum größer als ein Motorrad, behinderte das am Fahrbahnrand stehende Vehikel nicht den fließenden Verkehr.

Der Laderaum war relativ voluminös, um darin das Werkzeug und die Ersatzteile verstauen zu können. Und auf der Außenfläche des Kastens ließ sich auch noch wirkungsvoll und vor allem nach allen Seiten sichtbar die Firmenwerbung platzieren.

Auto-Werkstätten schickten ihre Mechaniker mit dem Servi-Car los, um ein liegengebliebenes oder defektes Fahrzeug zu bergen. Anschließend konnte das Servi-Car  hinten an das Auto angehängt und in Schlepp genommen werden. So konnte das Auto ohne weiteren Personaleinsatz für die vollständige Reparatur in die Werkstatt gebracht werden. Als Schleppstange diente das sogenannte Tow-Bar, das für jeden Fahrzeugtyp individuelle Befestigungsklauen basaß, um es an der Stoßstange zu befestigen.

In Bewegung gesetzt wurde das Servi-Car von dem zur Legende gewordenen, seitengesteuerten Flathead-Twin mit 741 ccm Hubraum, der das Harley-Dreirad von Beginn der Produktion bis zu seiner Einstellung im Jahre 1973 antrieb.  Zu kämpfen hatte der Motor mit den fast 619 Kilogramm „Lebendgewicht“ des Servi-Cars. Runde 80 km/h waren mit dem Apparat möglich, was angesichts von Konstruktion und vorwiegend urbanen Einsatz auch vollkommen genügte.  Ein Drei-Ganggetriebe mit Rückwärtsgang übertrug die Kraft über eine Kette an das Differenzial an der Hinterachse. Drei identische Reifen der gebräuchlichen Dimension 5.00 x 16 vereinfachten den Unterhalt des Nutzwert-Vehikels. Wer seiner Kundschaft von wachsendem Wohlstand künden wollte, der zog auf sein Servi-Car dekorative Weißwand-Bereifung auf.

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Eine Legende aus dem Hause Harley-Davidson: Seitengesteuerten Flathead-Twin mit 741 ccm Hubraum

Die Kühlbox-artige Truhe über der Hinterachse war zunächst aus Blech, ab 1967 dann aus Glasfaser-Kunststoff gefertigt. Von hinten betrachtet, fällt der leicht negative Sturz der Hinterräder auf. Das lässt das Gefährt kippelig erscheinen. Tatsächlich war das Kurvenfahren mit diesem Dreirad stets mit Vorsicht zu genießen, auch wenn der tief in den Stahlrohrrahmen eingehängte V-Motor den Schwerpunkt günstig in Bodennähe hielt. Die Bremsen an der Hinterachse wurden seit dem 1951er Baujahr hydraulisch betätigt.

Erst seit 1964 gab es das Servi-Car mit komfortablen Elektrostarter. Charakteristisch seit jeher stach auch das voluminöse Klangbild des Motors mit seinem typisch verschlepptem Rhythmus aus der breiten Masse der Motorisierung heraus. So konnte die Kundschaft immer bereits hören, wenn der Servicemann vor der Haustüre stand.

Für eingefleischte Motorradfahrer war die recht unorthodox erscheinenden Bedienung der Handwerker-Harley stets gewöhnungsbedürftig. Denn anders als üblich befindet sich der Gasgriff auf der linken Lenkerseite. Der Hebel für die Vorderradbremse wiederum fand sich am gebräuchlichen Ort, nämlich an der rechten Lenkerseite. Wie beim Auto wurde mittels Pedaltritt aus- und eingekuppelt. Um die Hinterräder zu bremsen, bediente man sich des Bremspedals auf der rechten Seite. Derweilen ruhen die Füße auf opulenten Trittbrettern. Bequem für gemütlich beschauliches Dahinbummeln. Geschaltet wurde mit dem aus  verchromter Kulissenführung emporwachsenden Schalthebel an der rechten Tankseite.  Ein filigranes, verchromtes Gestänge geht unter dem Tank hindurch auf die gegüberliegende Seite des Motors zum Getriebe.  Wahlweise gab es den Schalthebel auch auf der linken Tankseite, dementsprechend war der Gasgriff auf der rechten Seite des Lenkers wie beim Motorrad angeordnet.

Böse Zungen behaupten, dass bei den rechtsgeschalteten Servi-Cars die rechte Hand des Ordnungshüters frei war, um die nicht regelkonform parkenden Autos mittels eines Kreidestrichs auf dem Boden einer Ordnungswidrigkeit zu überführen. Die rechte Hand war deswegen frei, weil mit der Linken Gas gegeben wurde. Das war wohl auch der Grund für die Vorliebe der Police Departements für diese Version. Daraus lassen sich heute bei Servi-Cars Rückschlüsse ableiten, ob es in seinem früheren Leben einmal im Dienste der Polizei war.

Cop mit Servicar

Die Bremsen an der Hinterachse waren seit dem 1951er Baujahr hydraulisch betätigt und übernahmen wegen der hohen Hinterradlast auch beim Verzögern die Hauptlast. An der Hinterhand gab es auch nur eine rudimentäre Federungen, Komfort brachte in erster Linie der bequeme und gleichfalls gefederte Solosattel.

Im Rahmen der allgemeinen Modellüberarbeitung kam 1973 bei Harley-Davidson das Aus für den vielgeliebten Dreifüßler aus Milwaukee. Im seinem letzten Produktionsjahr fand das Servi-Car immerhin noch 425 Abnehmer. Im Handwerkereinsatz hatte das Vehikel aber schon lange ausgedient, und auch die Behördenaufträge ließen stark nach.  Aber bei vielen Police Stations in Amerika verrichtet das robuste Dreirad noch heute seinen Dienst. Gehegt und gepflegt als ein Stück Nationalstolz. Ja, das Servi-Car wird in den Staaten durchaus als ein Stück nationales Kulturgut gesehen. Dementsprechend schwierig gestaltete sich auch zeitweise die Ausfuhr des Servi-Cars nach Europa. Dort sind sie die oft verkannten Schmuckstücke in von Chrom und Pomp dominierten Harley-Sammlungen.

Klassik Lust-Profil

Das Harley-Davidson Servi-Car ist ein Stück amerikanische Alltags-Geschichte. Ein eigentümliches Gefährt mit Charakter und seinerzeit klarem gesellschaftlichen Auftrag. Wer heute so ein Teil hat, der tut gut daran, es möglichst originalgetreu in seinem ursprünglichen Zustand zu belassen. Fahrzeuge mit authentischer Patina sind gefragt. Für reine Showzwecke gibt es fraglos besser geeignetes Material aus Milwaukee, zumal das Gefährt wegen seiner auch fahrdynamischen Besonderheiten durchaus gehobene Anforderungen an den Menschen im Sattel stellt.

Unter dem berühmten Strich also eine Harley-Davidson für Kenner und Könner. Sollte Ihnen hierzulande einmal so ein seltenes Stück über den Weg laufen, dann denken Sie bitte daran, dass es Zeiten gab, in denen mit und auf Harley-Davidson noch sehr erdnah Geld verdient wurde. Ganz anders, als wir es heute in den durchgestylten Marketingtempeln der Kultmarke erleben, wenn etwa der Bankdirektor mal wieder im Sattel seiner Softail auf Wochenend-Rebell macht. So gesehen darf man sich über jedes Servi-Car freuen, das noch heute als reines Arbeitsgerät im Einsatz ist. Vielleicht sehen sie eines während Ihrer nächsten Amerika-Reise. Machen Sie ein Foto – wenn möglichst richtig analog – und freuen Sie sich daran.

Harley-Davidson Servi-Car eingescannt 21.10.2015

Der geneigte Lichtbildner ehrfürchtig und andächtig bei der fotografischen Dokumentation

Text: Jochen Soppa, Ulrich Bänsch

Fotos: Harley-Davidson, Archiv, Ursa Wolf, Ulrich Bänsch

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