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Rad und Tasche

Bis in die fünfziger Jahre gehörten sie zu jedem anständigen Fahrrad: Kleine LEDERTASCHEN, die zwischen Ober- und Sattelrohr des Rahmens festgeschnallt wurden. Darin die wichtigsten Werkzeuge für unterwegs. Immer da, wo sie hingehören. Griffbereit, inklusive Flickzeug. Die Nostalgiewelle der letzten Jahre hat das nützliche Utensil wieder als Nachbau in die Läden gebracht. Ab und an findet sich in Schuppen und Schubladen noch ein altes Original, das in all den Jahrzehnten weder Moder noch Mäusen zum Fras gefallen ist.

 

Leder wird bekanntlich mit den Jahren immer schöner. Aber nur, wenn es auch regelmäßig gepflegt wird. Auf edles Ledermobiliar mag das zutreffen, bei Autositzen wird die Sache schon kritisch und bei ledernen Fahrradutensilien hört der Spaß vollends auf. Wind, Wetter und Sonne unmittelbar ausgesetzt, wird Leder am Rad rasch brüchig. Dann hilft auch kein Nachfetten mehr. Ist das Leder erst einmal versprödet und rissig hilft nur die Reparatur oder Ersatz mit einwandfreiem Material.

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Hohe Nahtkunst. Diagonalstich durch dickes, steifes Leder. Hier ist die Kante angestoßen, die Hähte sind aber allesamt noch einwandfrei

Umso erstaunlicher, wenn einem eine alte Fahrrad-Rahmentasche in die Hände fällt, die das halbe Jahrhundert bestimmt schon locker überschritten hat – und immer noch ganz ansehnlich am Rahmenrohr hängt. Gut, die vernickelten Stahlteile am Verschluss haben erwartungsgemäß schon reichlich Patina, sprich Rost angesetzt, aber Nähte und Schnallen machen immer noch einen handfesten Eindruck.

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Betagte, lederne Schnallenriemen sind meistens rissig und somit brüchig. Die hier schauen nach Jahrzehnten zwar angegriffen, aber immer noch brauchbar aus. Eine Salbung mit Burglengenfelder Lederöl haben sich die Teile redlich verdient

Hergestellt wurde die Tasche dereinst von der gleichfalls bis zum heutigen Tag für ihre Ledersättel bekannten Firma Lepper im holländischen Dieren.  Eine feine Prägung im Leder auf Vorder- und Rückseite der Tasche dokumentiert die renommierte Herkunft. Ein Qualitätsprodukt, wir halten den offensichtlichen Beweis in Händen. Die Haptik des verwendeten Leders ist noch immer von edler Wertbeständigkeit. Offenbar hat der Hersteller seinerzeit ein hochwertig verarbeitetes Leder verwendet. Kein Vergleich jedenfalls mit den später aus Lederimitat gefertigten Satteltäschchen des siebziger Jahre.

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Prägung mit dem Firmenschriftzug auf Vorder- und Rückseite der Tasche

An modernen Rahmen sehen solche Taschen etwas deplaziert aus. Das liegt nicht nur an der meist wenig charmanten kackbraunen Farbe, sondern vor allem am Winkelzuschnitt der Tasche, für die  eben altertümliche Rahmengeometrien Modell standen. Damals standen Lenk- und Sattelrohre deutlich flacher, was die Rahmen zwar komfortabler, aber auch etwas schwerfälliger und träger im Fahrbetrieb machte.

Viel passt in so ein Dreieckstäschchen freilich nicht hinein. Das Flickzeug, ein paar kleine Montierhebel für die Reifen, dazu am besten die exakt passenden Werkzeuge für den Radausbau in möglichst schlanker Bauform. Dann kommt es im Falle des ungeliebten Plattens nur noch auf die Pumpe an. Die bringt ja bekanntlich ähnlich famose Eigenschaften wie der Inhalt des Ledertäschchens mit: Wird immer unsichtbar, wenn man’s braucht.

 

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Zeitgenössischer Inhalt: Torpedo-Schlüssel und variabler Maulschlüssel. Damit bekommt man schonmal das Rad ausgebaut. Fehlt nur noch das Flickzeug – mit hoffentlich noch nicht eingetrockneter Tube Vulkanisierflüssigkeit

 

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