Alm in den Bergen Idylle

Eine Auszeit gönnen

Die Menschheit, sie scheint heute nur noch aus Getriebenen zu bestehen. Getrieben vom Diktat des Terminkalenders, gegängelt mit der immerwährenden Erreichbarkeit und von dem Zeitmessinstrument – genannt „Uhr“. Die Korrelation dieser scheinbar allbeherrschenden Instrumente, tja, sie verheißen im Gesamten betrachtet meistens nichts Gutes.

Sich etwas Gutes tun. Abschalten, da sitzen, nichts tun, vor sich hin sinnieren, träumen… ganz einfach genießen.

Fernab jeglicher Ablenkungs- und Manipulationsindustrie in Form von Dauerberieselungsinstrumentarien auf einer Almhütte verweilen, ja das wär´s!

Solcherlei sehnsüchtige Gedanken spuken mir jetzt bald ein halbes Jahrhundert im Kopf herum und irgendwann einmal kam der Moment, in dem sich der dauernde Träumer manifestiert hat: „So, jetzt reicht´s! Genug geträumt!“

Es tauchte in den 80er Jahren immer mehr die Frage auf: „Ja warum kann man denn nicht dort arbeiten wo es am schönsten ist?“ Auf einer Almhütte. Gut, damals gab es noch kein Internet – so eine segensreiche Entwicklung gehörte noch in das Reich der Fabeln – aber PC´s, die gab es schon. Als Datenträger waren Disketten vorhanden, mit denen hätte man damals bequem den Datentransfer bewerkstelligen können. Daten darauf kopieren und den Datenträger per Post an seinen Bestimmungsort transferieren. Mit ein wenig Fantasie hätten sich alle Herausforderungen schon irgendwie meistern lassen.

Alm in den Bergen Ruhe

Etwas, das mich in meinen Absichten mehr als beflügelt hatte, war der Film „Im Atem der Berge“, in dem ein Schriftsteller sich auf eine einsame Berghütte zurückzieht, auch um zu sich selber zu finden. Dieser Film war nach dem Roman „Medalges – ein Jahr allein in den bleichen Bergen“ von Jürgen König entstanden. Ein Werk, das sicherlich autobiografische Züge beinhaltet. Ein Mann, der ein Jahr auf einer einsamen Berghütte wohnt, fernab jeglicher Zivilisation, ohne die vermeintlichen Annehmlichkeiten der Zivilisation wie Fernseher oder Zeitungen. Ohne Bad und ähnlichem zivilisatorischen Komfort, nur mit einem Funkgerät für den Notfall. Auf einer kleinen – mechanischen – Reiseschreibmaschine tippte der Hauptdarsteller dieses literarischen Werkes seine Texte auf Papier. Idyllisch vor der Hütte, auf der grob gezimmerten Bank und dem noch gröberen Holztisch mit einem atemberaubendem Blick auf die Bergwelt. Ein Traum!

Eine Alm (auf der eine, von mir präferierten Hütte steht) ist in der Gesamtheit ein sehr sensibles ökologisches Gebilde. Es könnte natürlich auch eine Jagdhütte oder ein Häuschen sein, in der einmal die Waldarbeiter ihre Unterkunft bei widrigen Witterungsverhältnissen finden konnten.

Auf jeden Fall sollte das schlichte Domizil mit einer erhebenden Aussicht und in den Bergen sein. Umgeben von Wald, oder in Waldnähe – ein Ort der Ruhe und Abgeschiedenheit.

Eines allerdings darf man bei aller Euphorie nie außer Acht lassen: Der Weg zur nächsten Einkaufsstätte kann lang – manchmal verdammt lang – sein. Die Vorräte müssen vorausschauend gekauft werden, auch vor dem Hintergrund, dass man einmal längere Zeit von der Außenwelt abgeschnitten sein kann.

Immer mehr Menschen sehnen sich in unserer heutigen, immer schnelllebiger werdenden Zeit nach Ruhe, Stille und Abgeschiedenheit. Um zu sich selber zu finden, aber auch, um das Wunder der Natur und des Lebens zu erkennen und all das zu genießen. Die Zeit für sich selbst nutzen, einmal nichts tun und für niemanden erreichbar sein…

Eventuell gibt es keinen Strom, kein aus dem Hahn fließendes warmes und kaltes Wasser, keinen Heizkörper, der bei der kleinsten Umdrehung am Heizungsventil Wärme abgibt und der Espresso ergießt sich nicht aus der Maschine, weil sie nur mittels eines Schalters zur Arbeit angeregt wird. Holz sammeln, es in Stücke zerkleinern – und zwar in der Größe, dass sie in den Ofen passen – das sind dann die täglichen Handgriffe, die der zivilisationsgeschädigte Mensch erst erlernen muss.

Er wird jedoch reich belohnt durch das Knistern und Prasseln im Ofen, den Geruch von verbrennendem Holz und eine gesunde, wohlige Wärme. Eine natürliche Wärme, die kein Zentralheizungskörper je imstande ist zu erzeugen.

Solche Tätigkeiten wie Holz sammeln, Holzstücke spalten und Feuer entfachen können äußerst befriedigend sein und durchaus einen meditativen Charakter haben… Es kommt immer auf die Sichtweise des Betrachters und auf seine Motivation an.

Das sind wirklich sinnvolle Tätigkeiten! Und selbst einfachste Gerichte schmecken „dort oben“ wie aus einer Sternenküche.

Alm Brotzeit Jause

Selbst gebackenes Brot, Erdäpfel und ein großes Stück Butter: Es schmeckt wie von einer Haubenküche zubereitet

Pfanne auf der Alm

Eine geschmiedete Pfanne, das gehört einfach zum Inventar dazu. Die Eierspeisen – einfach ein Gedicht

 

 

Der Bewohner reduziert automatisch seine Ansprüche auf das Wesentliche. Und das Wesentliche ist das Überleben – im Sinne von das Leben!

Weg zur Alm

So geräumt wie hier ist es nicht den ganzen Winter. Oft geht es nur zu Fuß mit Schneeschuhen oder mit Schiern

Nicht nur träumen – sondern tun und machen. Das gibt Befriedigung und Zufriedenheit. Auch für ein glücklicheres und bewussteres Leben. Der Mensch lernt, die elementarsten Dinge des Lebens und des Daseins zu schätzen, sowie dies zu lieben und zu achten. Er riecht das Holz, den würzig duftenden Wald, die mannigfach gedeihenden Blumen und Kräuter auf den Wiesen… und nach der Mahd, das unvergleichlich riechende Bergheu – das kann süchtig machen. Vielleicht sehen wir noch blühende Alpenrosen (Almrausch) – Herz was willst du mehr?

Dass man auf exponierter Höhe den Unbilden der Natur wesentlich mehr und stärker ausgesetzt ist, das darf bei aller Euphorie selbstverständlich nie vergessen und außer Acht gelassen werden. Und die Schönheit und Anmut der Bergwelt kann jäh ins andere Extrem umschlagen. Man darf nie vergessen, die Naturereignisse in den Bergen sind auch hart, unbarmherzig und gnadenlos. Die Berge spiegeln Kraft und Mächtigkeit wieder, die Vielfalt, aber auch die Einfachheit und das natürlich Schlichte.

Die Berge: Das sind sowohl Orte voller Poesie und Schönheit mit all ihren Facetten als auch das Archaische, Wilde und Raue.

Das Murmeln des kristallklaren Bächleins, der erquickende Trunk aus einer sprudelnden Quelle – Menschenherz, was brauchst du mehr zum Glücklich sein.

Das sind die Freuden des Lebens, die wir in der jüngeren Vergangenheit immer mehr verdrängt haben, weil wir durch die uns aufoktroyierte Eventkultur und das permanente Beschäftigtsein verlernt haben, einmal nichts zu tun.

Und genau das suchen die Regierungen der westlichen Welt mit aller Macht und Nachhaltigkeit zu verhindern. Sie halten die Menschen permanent in Bewegung, in Arbeit, in Angst und Sorge. Ein in sich gekehrter Mensch – noch dazu einer, der anfängt, sich über den Sinn des Lebens Gedanken zu machen – ein solcher könnte gefährlich werden. So etwas ist für die sogenannten Staatssimulationen absolut nicht brauchbar. Gut, dass viele Berghütten trotzdem stehen bleiben durften, die haben sie scheinbar übersehen als Gefahrenquelle.

Eine Hütte blickt mitunter auf eine lange und bewegte Zeit zurück, doch verliert

„Zeit“ dort ihre Bedeutung, der Blick auf die Uhr wird Makulatur, du orientierst dich dort nach dem Stand der Sonne. Das bestimmende Element da oben auf dem Berg ist der Weitblick, die Schönheit der Natur, die Unbeschwertheit und die Ursprünglichkeit, die selbstgewählte Einsamkeit und die würzige Almluft, welche kein Luxusgut ist, denn sie gehört „gratis“ dazu.

Zum Schluss sei mir noch eine Textpassage gestattet, die dem Werk des Weltliteraten Peter Rosegger „Vor und hinter dem Erzberg“ – welches in dem Buch „Spaziergänge in der Heimat“ erschien – entstammt:

„Dort steht ein Jagdhaus. Es steht mitten in der Einsamkeit, zu seinem Fuße rauscht das frische Wasser. Solche Häuser stehen in unseren Alpen zu Hunderten, die längste Zeit des Jahres stehen sie fast leer, nur vom Förster bewohnt. Es müßte für einen Poeten eine unvergleichliche Erquickung sein, in so einem Waldhause einmal eine Woche zu wohnen. Es mag ja ergötzlich sein, wenn Hundegebell, Hörnerschall und Büchsenknall die Wildnis beleben, aber weitaus schöner, dünkt mich, ist das frohe Atmen der stillen Natur und das Empfinden und Schaffen eines geistigen Lebens, welches allein die wahre Herrlichkeit und Seligkeit der Gebirgswelt zu entdecken vermag. – Doch wenn der Jäger Poet wird, dann trifft er nichts mehr, und wenn der Poet etwa Jäger würde, dann umringen ihn statt der Genien lauter Hasen, Füchse, Hirsche, Marder, Geier und anderes Getier und sein Gehirn verdampft im Pulverdampf.“

 

Klassik Lust Profil

Was kann es schöneres geben?

 

Alm im Winter 1

So eine Traum-Alm, da wirds drinnen erst im Winter so richtig gemütlich. Wenn der Ofen so richtig schön bollert

 

Almhütte als Modell

Tja – und machmal, da reicht auch ein kleines Modell um sich in seine Sinnoase hinein zu träumen

 

Text: Ulrich Bänsch

Fotos: Robert Midl, Ulrich Bänsch

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