Die kleinen aber großen Glücksmomente

Arm aber trotzdem Reich!

Nicht die große Bühne sondern das kleine Glück

 

Für Außenstehende mag es der Super-GAU sein,  über wenig Geld zu verfügen und es dürfte auch außerhalb der Mainstream-Vorstellungskraft liegen: Es sind nämlich sehr viele Menschen , die monetär absolut nicht üppig ausgestattet leben müssen. Oder noch deutlicher gesagt  – mit fast nichts. Sprich, es reicht bei sehr Vielen gerade aus, um die nötigen Lebensmittel kaufen zu können, damit man nicht verhungert.  Ergo sind  die Sonderangebote im Supermarkt hoch begehrt , oder eben jene Lebensmittel, die man geschenkt bekommt – auch  sehr geschätzt werden  Einladungen zum gemeinsamen Speisen, die hin und wieder stattfinden. Früher, in besseren Zeiten, da besuchte man die Luxuseinkaufstempel – heute ist es  die Resterampe!

Fühlt man sich deshalb unwürdig oder als Abschaum, in Zeiten, in denen  jeder Asylant mehr auf „die Kralle“ bekommt als der Einheimische? Wo die Neuankömmlinge und die „Nachreisenden“ mit dem Anspruchsdenken vor unseren Türen stehen, „herzlich Willkommen“ geheißen zu  werden und gleich ein BMW oder Mercedes vor der Türe steht?

Deprimiert man  etwa vor sich hin, wenn einem zu Ohren kommt, wo die anderen jetzt gerade auf Urlaub  oder zum Spaß hinfahren? Ist es wesentlich, dass das eigene Barvermögen nicht einmal dafür reicht, mit dem ÖPNV für nur 2 €uro und ein paar „Zerquetschte “ Cents aufs umliegende Land zu fahren?

Nein!  Nein und nochmals nein!  Denn es kommt immer auf die innere Einstellung und das Bewusstsein an, wie man mit seiner Situation umgeht.

 

Alle paar Monate kann man sich ein Schnitzel leisten. Welch eine kulinarische Köstlichkeit!

Der größte Luxus, der sich vielleicht so alle halben Jahre einmal realisieren lässt: Ein Schnitzel mit Pommes frites für 4 Euronen in einem der Supermarkt-Restaurant-Selbstbedienungstheken. Das ist es, was man sich gerade so leisten kann, aber nur, wenn in den vorangegangenen Wochen und Monaten gut gewirtschaftet wurde und sich zahlreiche Günstig-Supersonderangebote erstehen ließen.

Vor ein paar Jahren konnten sich Menschen an einem angesagten Imbissstand noch ein riesiges frisch paniertes Wiener Schnitzel für 2,80 Euro kaufen! Die Qualität war deutlich besser als in so manch einem Restaurant! Heute? Vergangenheit, dem irrsinnigen Bürokratismus sei Dank! Die Bude hat einen neuen Besitzer und als erstes verkauft er nur noch Tiefkühlschnitzel und dann wurden die Preise deutlich angehoben. Ist also nichts mehr.

Dann haben wir uns von den wenigen noch verbliebenen Habseligkeiten getrennt, die noch ein paar Euronen gebracht haben. Viel hatten wir nicht, aber wir kamen uns reich vor. Davon konnten für 12 Euro ein Paar neue Schuhe gekauft werden. Damals habe ich vor Freude – geweint. Das war seinerzeit nicht so, als der neue Dienstwagen im 6 stelligen Neuanschaffungspreis vor der Haustüre stand! So verschieben sich die Wertungen für Gegenstände, die man braucht und solche, die unwichtig sind. Es sind die kleinen Dinge. Solche Dinge, die das bedeuten, das wahre Glück, nicht der Reichtum. Und: das Loslassen, es befreit, man trennte sich von Dingen, die zum Teil seit Jahrzehnten in irgendwelchen Kartons gelagert waren, und nie benutzt wurden. Zudem wusste man schon gar nicht mehr, dass man sie überhaupt besaß! Da geht sich von dem Erlös ausnahmsweise auch manchmal eine Pizza aus, die doch etwas teurer ist als ein Schnitzel in einem der oben bereits erwähnten Super-günstig-Diskounter mit angeschlossenem Schnellimbiss-Restaurant.

Früher fuhr man in einer Luxuslimousine und heute existiert ein eigenes fahrbereites Automobil nur in der Imagination. Als man der eigenen Ehefrau zum Geburtstag und zum runden Hochzeitstag noch nicht einmal eine Blume kaufen konnte, weil das dafür ausgegebene Geld für etwas Essbares besser angelegt war? Vieles relativiert sich und bekommt eine andere Gewichtung.

 

Was würde man darum geben: Eine Riesen Curry Wurst

 

Der Einkauf – er kann ein besonderes Ereignis sein

Es ist jedes Mal ein Erlebnis, in einen der riesigen Einkaufsparks zu gehen um Lebensmittel einzukaufen. Natürlich nur Kleinigkeiten, eben das, was die Möglichkeiten zulassen. Welch eine Fülle, welch eine Pracht! Die riesigen Konsumtempel bestaunend, was es da alles gibt. Man wird wieder Kind, wenn mit großen Augen die Auslagen bestaunt werden. Das riesige Angebot, das für sehr viele Menschen doch außerhalb der finanziellen Möglichkeiten liegt.

Die Menschen hasten durch die Gänge, den Einkaufswagen vor sich herschiebend unddiesen  alle 10 Meter weiter füllend . Die Menschen haben einen sonderbaren Ausdruck in ihrem Blick. Eine gewisse  Gier und die ruhelose Hast, oft gepaart mit rücksichtsloser Ellenbogenmentalität. Früher war ich oft auch nicht anders, heute freut man sich über Kleinigkeiten und nicht über den Massenwahn – man lebt nun das dankbare und bewusste Leben! Achtsamer und respektvoller geht man mit vielem um. Erfreut sich an dem Wenigen, das man hat, und das man sich von den Cent-Beträgen leisten kann.

Man hat gelernt, sich über Kleinigkeiten zu freuen , die wie ein Geschenk sind, denn das ist Reichtum und unendlicher Segen.

Man empfindet auch Demut. Und Respekt vor Cent-Beträgen und dreht diese Geldstücke zwei- oder auch mehrmals um, bevor es sein Besitzer ausgibt. Es ist ein Lernprozess und eine Erkenntnis,  dass Geld nicht uferlos ausgegeben werden kann. Leere Schreibblätter, die noch betextet werden können, werden dieser originären Bestimmung zugeführt und nicht achtlos weggeworfen. Früher war man achtloser, nun wird dies zu einem aktiven Akt der Ressourcenschonung.

Durch die pekuniäre Knappheit wird man freiwillig – oder auch gezwungenermaßen unfreiwillig – zum Minimalisten. Kleinigkeiten bekommen einen ganz neuen, anderen Stellenwert, dieser steigt ins  Unermessliche und erhält  fast unbezahlbare Bedeutung. Die Achtung vor dem Wenigen, das man sich leisten kann, wird nahezu epochal.

Mobilität

Durch die nahezu nicht vorhandene Mobilität ist der Aktionsradius sehr stark eingeschränkt. Die meiste Zeit verbringt man in den eigenen 4 Wänden und da kommt es sehr häufig vor, dass depressive Stimmungen vorherrschen, es kommen Gefühle des Eingesperrtseins sehr häufig vor.  Man vereinsamt durch das Zurückgezogensein immer mehr. Besuche werden seltener, bis sie ganz ausbleiben; die sozialen Kontakte werden folglich weniger. Schlussendlich geht man immer weniger vor die Türe. Die bescheidenen aber notwendigen Wocheneinkäufe sind oftmals das einzige Highlight der Woche. Man kann sich noch nicht einmal mit jemand in einem Café auf ein Heißgetränk treffen, es reicht nicht. Dafür gibt es schon wieder ein paar Kartoffeln, das reicht zum (Über-)Leben!

Die Kontakte zu früheren Bekannten und auch zu solchen Menschen, die man einmal als vermeintliche Freunde bezeichnet hatte, sind so gut wie eingeschlafen, sie reagieren meist noch nicht einmal mehr auf Kontaktversuche. Es ist verständlich, sie möchten nichts mehr mit einem vermeintlichen Versager zu tun haben. Dabei kennen sie die Gründe nicht einmal. Man hatte nicht das Glück wie sie und das Pech, es klebt einem an den Schuhen wie der sprichwörtliche Hundeauswurf. Was bleibt? Leere Schreibblätter mit Buchstaben und Worten vollschreiben, mit Texten, die ohnehin keinen interessieren. Es ist auch eine Art Beschäftigungstherapie, denn durch das Schreiben bekommt man seine innere Freiheit. Und das ist Glück, das ganz Persönliche und Eigene. Man wird ein Stück weit zufriedender. Aber: Von Lob oder Ruhm und Ehre, kann man sich keine Butter kaufen.

Viele Menschen sind aus dem näheren Dunstkreis gegangen und man hat diejenigen schätzen gelernt, die einem in dieser Notsituation beigestanden haben. Einige neue Freunde  sind dazu gekommen, die gesehen und erkannt haben, in  welch prekäre Lage man geraten ist. Das ist das größte Glück, das einem widerfahren kann.

Die Spirale dreht sich immer weiter und schneller nach unten, man lernt niemand mehr kennen, die einzigen Kontakte beschränken sich auf die Kassiererin an der Supermarktkasse.

 

So etwas gibt es ab und zu: Eine gute Seele schenkt einem einen Karton voller Brot

 

Hin und wieder bekommt man von einer guten Seele etwas, das den ohnehin sehr schmalen Geldbeutel stark entlastet: Brot!

Der Blick nach draußen

Man erfreut sich an dem spärlichen Grün und den wenigen gutgewachsenen Fichten in dem tristen Hinterhofambiente. Ein wenig in die Ferne lässt es sich auch blicken, ein kleiner Gebirgszug, das gibt wenigstens ein klein bisschen Weite – und Fernweh. Etwas, das erblickt werden kann und doch so weit weg ist. Macht es traurig? Ja, schon ein wenig, besonders dann, wenn die trüben Gedanken wieder einmal einen besonders stark in der Einsamkeit seines Heimes malträtieren.

Was besonders stark an der Psyche nagt ist, dass man keinen Job bekommt, um wenigstens ein ganz klein weinig die Haushaltskasse aufbessern zu können. Überqualifiziert und für das Mainstreamverständnis – zu alt. Keiner dieser Kleingeister kapiert in seinem Spatzenhirn auch nur ansatzweise, dass Wissen und Erfahrung durch nichts zu ersetzen ist. Die Ergebnisse sieht jeder tagtäglich. Man fragt sich von welchen geistigen Niederzellern viele Entscheidungen getroffen worden sind, über die wir uns tagtäglich wundern. Von qualifizierten Fachkräften mit Sicherheit nicht!

Glück

Was ist Glück? Trotz der Widrigkeiten – dass man  alles mit einer positiven Grundhaltung angeht und sieht! Sich mit den Gegebenheiten abfindet, sich arrangiert und nicht dauernd an allem herumkrittelt und mäkelt.

Wenn es nicht geht, dass man hinaus ins Grüne fahren kann, dann macht man das, was in der heutigen Gesellschaft ein Fremdwort geworden zu sein scheint: Träumen.

Sich bescheiden zu können und mit dem Wenigen zufrieden zu sein, das ist Glück. Glück ist auch, wenn es bei einem Diskounter die 250 Gramm Butter um die Hälfte des sonst üblichen Verkaufspreises im Angebot gibt und man solch eine noch ergattern kann. Zum sonst üblichen und regulären Verkaufspreis kann unsereins sie sich nämlich gar nicht leisten. Und wie freut man sich, wenn die Scheibe Brot einmal wieder dicker mit Butter bestrichen werden kann. Das ist dann in genau diesem Moment Luxus!

 

Außerhalb jeglicher Erreichbargeit – ein Käse

 

Fleisch, Käse und Wurst sind zu einem besonderen Luxusgut geworden. Wenn Menschen sich in einer pekuniären Ausnahmesituationen befinden, sind sie zu einer reduzierten Lebensweise genötigt,  die im besten Fall  von einer heilsamen Demut begleitet ist. Dann ist es oftmals noch nicht einmal möglich, sich neues Schuhwerk zu erstehen, und da kann fast jeder Außenstehende schon von einer heraufkommenden Endzeitstimmung und menschlichen Tragödien sprechen.

Glück ist aber auch dann, wenn man auf einem der wöchentlichen Wochenmärkte Kochtomaten kaufen kann, die die Hälfte des sonst üblichen Preises kosten. Zwar schon etwas weich in der Konsistenz, aber zum Teil äußerst wohlschmeckend und zum baldigen Verzehr gedacht.

Glück ist auch, wenn es in einem der Diskounter Schokolade zum absolut günstigen Preis gibt. Wurden die Tafeln vor noch nicht allzu langer Zeit im schieren Unverstand in sich reingeschaufelt, so steht heute der Genuss der wenigen abgebrochenen Stücke im Vordergrund.

Glück ist auch, wenn man in seinem Portemonnaie einen 5 Euro Geldschein über viele Jahre mit sich herumgetragen hat. Ein Glücksbringer, der einen treu begleitet hat und den man vor vielen Jahren auf der Straße gefunden hat. An den man sich wieder erinnert hat, als sich in dem Geldaufbewahrungsbehältnis nur noch ein paar Cent befanden, die nicht einmal für zwei Brötchen gereicht hätten. Schweren Herzens trennte man sich davon, denn er versprach ein einfaches jedoch sehr schmackhaftes Mahl, das davon erstanden werden konnte; und das war es mehr als wert, und er entpuppte sich als Glücks“pfennig“.

Wo geht es hin?

In ein paar hundert Meter Entfernung der Wohnstätte befindet sich ein recht großer Park mit zum Teil altem Baumbestand. Im Sommer ist es dort recht angenehm, wenn wir es uns auf einer schattigen Bank gemütlich machen. Meist ist eine Kleinigkeit zum Essen und eine Flasche Wasser dabei, die mit wohlschmeckendem Holundersirup angereichert ist. Wir bekommen ja tagsüber keinen Sonnenstrahl in unsere Gemächer, denn die Fenster gehen streng nach Norden. In den Hochsommermonaten lugt nur in den frühen Morgenstunden und abends kurz vor Sonnenuntergang die Sonne für kurze Zeit in die Wohnstatt. Wenn es im Sommer bei einem der Discounter ein Stieleis im Angebot gibt und man in besagtem Park dieses mit Hochgenuss verzehrt, dann sind die Momente vergessen, an denen man dem irdischen Dasein in voller Verzweiflung entfliehen möchte; das waren und sind nicht wenige. Solche Augenblicke des Eisgenusses im Park, das ist wie im Urlaub den man in vollsten Zügen mit Genuss in sich aufsaugt. Dieses einfache nur Dasitzen und das Eis; das sind Glücksmomente, wo man sich von dem bescheidenen Dasein wenigstens eine gewisse Zeit wegbeamen kann.

Haben Sie schon einmal ganz intensiv eine Meisenfamilie beobachtet? Das ist  auch wie Seelenbalsam für die menschliche Psyche. Welche Lebensfreude aus ihnen sprudelt. Neugierig springen und fliegen sie von einem Ast des Baumes zum anderen. Sie trillieren, dass man fast schon neidisch werden könnte. So etwas bewusst zu beobachten, das ist auch Glück.

Geld ist wirklich nicht alles! Wenn wir das Leben bewusst genießen, können wir auch in monetärer Armut einigermaßen gut (über-)leben; die wirklich wichtigen und entscheidenden Dinge im Leben sind nicht käuflich zu erwerben , sind etwas ganz Anderes. Die Liebe. Zuneigung. Freundschaft. Das schafft glückliches und zufriedenes Leben.

Ein Mensch, der keine Reichtümer besitzt, hat dennoch seine Würde. Man darf ihn nicht demütigen, damit er nicht in einem Albtraum der Frustration und der Depressionen wie in einer Folterkammer vor sich hinvegetieren muss, und er zu sich selber sagen muss: Das Leben schmeckt nicht mehr…

Freiheit? Die ist in unserer Gesellschaft aus dem Vokabular gestrichen! Es ist die HABEN – das Geld gibt die Freiheit….

Jedoch sind wir froh, ein Dach über dem Kopf zu haben und uns – wenn auch – bescheidenes Mahl zubereiten können. Bewahren wir uns den wiedergewonnenen Lebensmut.

Trotz alledem, ich bin glücklich, wenn auch in bescheidenem Maße. Der Traum und das Ziel ist, dass wir dort leben möchten, wo die Ruhe, die Stille und der Frieden das vorherrschende Thema sind!

Und sonst? Ich möchte wieder einmal unbeschwert und von Herzen glücklich lachen können!

 

 

Text: Michael Krüger

Fotos: Archiv

 

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