IMG_1377

Trikes der Frühzeit – Ein Blick ins Archiv

Trike – die wundervolle Fortbewegung auf drei Rädern – ist aus der Sicht der Automobil- und Motorrad-Kulturhistoriker so neu nicht, denn sie hat in der motorisierten Historie eine lange Tradition. Die einzigartige Entwicklung des Verbrennungsmotors und dessen Einsatz in zwei-, drei- und vierrädrigen Fahrzeugen ist in diesem Zusammenhang eine Betrachtung wert.

IMG_1372

De Dion Bouton. Verkörpert die klassischen Merkmale der heutigen Trikes : Ein dreirädriges Fahrzeug mit einer der Längsachse angeordneten Fahrzeuggeometrie

IMG_1373

Auch heute noch ein faszinierendes Fortbewegungsmittel

Wühlt sich der auf diesem Zweig der Archäologie spezialisierte Zeitgenosse durch ein gut gefülltes und sorgsam gehütetes Bild- und Schriftgutarchiv, so stößt er auf eine Vielzahl von – heute – meist unbekannten und in Vergessenheit geratenen Herstellern aus den Anfängen der mobilen Fortbewegung mit schnelllaufenden Verbrennungsmotoren. Lange, bevor das Trike – respektive Motor-Dreirad – seine Erfolgsgeschichte als leichtes und universelles Transportgefährt (zum Beispiel von Indian, Harley-Davidson´s Servi-Car, Moto Guzzi´s Ercole, das Dreirad von Zündapp und viele mehr) schrieb und später bis in die heutige Zeit als beliebtes Freizeitgefährt Karriere machte, war es ein opportunes Fortbewegungsmittel für den aufkommenden motorisierten Individualverkehr. Gerade in den Anfängen dieser für die Menschheit so bedeutenden technischen Errungenschaft war dem schöpferischen Tatendrang und der fast künstlerischen Ingenieurskunst kaum Grenzen gesetzt. Es galt viel Neues zu entdecken und auszuprobieren, es war der Pioniergeist, der die Phantasie der Konstrukteure beflügelte und das Rad zum Rollen brachte, der die skurrilsten und abenteuerlichst anmutenden Fahrzeuge hervorbrachte.

Und so mancher namhafte Fahrzeughersteller begann seine Erfolgsgeschichte in irgendeiner kleinen Gartenlaube, in denen die Kleinodien in Handarbeit hergestellt wurden. Aber wer kennt sie heute noch?

De Dion 2 03.09.2015

Stolz war der Besitzer wenn er mit seinem Gefährt, das von einem Verbrennungsmotor angetrieben wurde, durch die Lande reiste

Das Motor-Dreirad Bête de Vitesse von Buchet, Butler und das Riley-Dreirad Ende des 19. Jahrhunderts aus England oder De Dion Bouton aus Frankreich? „Tricycle“ wurden sie damals vornehm benannt. Die Unterschiede zwischen dem Zwei- und Dreirad waren damals fließender und so wurde das Motor-Dreirad in der Frühzeit auch als „Motorcycle“ tituliert!

IMG_1374

Der 1-Zylinder Viertaktmotor reichte für die individuelle Fortbewegung völlig aus

De Dion und Bouton, sie schrieben mit ihrem Motor-Dreirad ein Stück Motor-Geschichte. 1882 gründeten der Graf Albert de Dion, Georges Bouton und Trépardoux eine gemeinsame Firma, um Dampfmotoren für den Einsatz in drei- und vierrädrige Fahrzeuge zu bauen. Als dann 1885 Daimler mit seinem Reitwagen in die Weltgeschichte einging, erkannte De Dion die bahnbrechende Entwicklung und wandte sich dem Verbrennungsmotor als Antriebsaggregat zu. Trépardoux blieb dem Dampf treu und trennte sich in der Folgezeit von De Dion und Bouton.

 

De Dion 1 03.09.2015

Zeitgenössische Illustration des De Dion Bouton

Der von De Dion weiterentwickelte, schnelllaufende luftgekühlte 1-Zylinder-Viertakt-Verbrennungsmotor war sehr erfolgreich und wurde an zahlreiche Fahrzeughersteller verkauft. Im Gegensatz zu Daimlers Motor war De Dion´s Motor mit 1.800 U/min ein wirklich schnelllaufender Motor. Das 1895 präsentierte De Dion Bouton Motor-Dreirad war für damalige Verhältnisse ein Verkaufserfolg: Es wurde während der 10-jährigen Produktionszeit weit über 20.000 mal hergestellt und verbreitete sich schnell über ganz Europa. Zahlreiche Firmen fertigten das Dreirad in Lizenz und besonders in England war es ein ausgesprochener Renner.

Aber mit Sicherheit hatte das Tricycle damals noch nicht den heute so geschätzten Fahrkomfort. Der Rahmen hatte ein filigranes Fachwerk ohne Federung und anno Leipzig-Einundleipzig fuhr man schmal und zartbereift, es waren wahre Knochenschüttler und allerlei pittoreskes Hebelwerk verlangte von dem Fahrer feinstes Gespür für den Motor, um ihn bei Laune zu halten. Fahren war anno dunnemals noch richtige Handarbeit. Die Honoritäten, die sich so ein Gefährt leisten konnten, frönten hocherhobenen Hauptes dem Motorwandern.

IMG_1376

Die Technik fasziniert und begeistert auch heute noch – oder gerade deshalb

Heute kann sich der nostalgische Betrachter an den technischen Ausführungen in Kupfer und Messing erfreuen: Es ist was für´s Auge, sichtbare Technik, ein feingliedriges Kunstwerk des Fahrzeug- und Motorenbaus, der heute fast schon prähistorisch anmutet.

Entwickelten die De Dion-Motoren anfangs noch die Kraft eines dreiviertel Pferdes, so leisteten sie später bis zu 2,5 PS. Möglich war dies nur mit der eigenentwickelten Hochspannungszündung mit Batterie, einem mechanischen Unterbrecher und einer Zündkerze. Die Zündung musste jedoch noch manuell mittels eines Hebels verstellt werden. Durch einen Oberflächenvergaser wurde das Kraftstoff-Luftgemisch über ein Schnüffel-Einlassventil in den Brennraum gesaugt. Das seitlich angeordnete Auslassventil wurde über eine Nocke gesteuert, die über Zahnräder von der Kurbelwelle angetrieben wurde. Da man bereits in der Frühzeit der Motorisierung mit Verbrennungsmotoren den Vorteil der Gewichtsersparnis zu schätzen wusste, war das Kurbelgehäuse der De Dion – Motoren aus Aluminium gegossen. Der Motor trieb über ein 3-Ganggetriebe die Hinterachse an, und der Fahrer konnte auch ohne Pedalunterstützung größere Steigungen bewältigen. Die Pedale dienten sonst nur zum Starten des Motors.

IMG_1375

Das Tricycle war anno dunnemals die gebräuchlichste motorgetriebene Fahrzeuggattung. Die Entwicklung ging jedoch in eine andere Richtung

Das De Dion Bouton Motor-Dreirad war um die Jahrhundertwende das am weitesten verbreitete und populärste Fahrzeug seiner Art und trug nachhaltig zur Motorisierung in Frankreich, Deutschland und England bei.

De Dion ging später zum Automobilbau über, es wurden luxuriöse, exklusive Fahrzeuge mit acht Zylindern gebaut, bis 1933 De Dion Bouton die Fabriktore schließen musste. Was von De Dion bis heute übriggeblieben ist, ist die gleichnamige, 1893 patentierte Hinterachse, die mit ihrer aufwändigen Konstruktion und den daraus resultierenden komfortablen Fahreigenschaften vorzugsweise in Automobilen der Luxusklasse, unter anderem bei Mercedes, zum Einsatz kam.

Und sollte ein Kritikaster heute über das Trike lästern, kann man ihm lächelnd unter die Nase reiben, dass die Dreirädrigkeit die Massenmotorisierung nachhaltig gefördert und damit Geschichte geschrieben hat!

Ach übrigens. Das erste Motorradrennen der Weltgeschichte gewann am 21. Mai 1899 in Österreich ein Dreirad. Ein De Dion Bouton „Motorcycle“! Es waren allerdings nur Dreiräder zugelassen…

 

 

Text:   Ulrich Bänsch

Fotos: Hofer Archiv

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentar
Name*
Email*