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Auto Reparatur-Werkstatt Prodinger

Na, das hat jeder von uns schon einmal leidvoll erleben müssen: Das vierrädrige Vehikel mag nicht mehr so, wie man es sich wünscht und vorstellt. Bei den heutigen modernen Fahrzeugen ist es meist derart – sofern es sich um einen Defekt bei den elektronischen Helferlein handelt – da geht dann in der Regel überhaupt nichts mehr. Das Fahrzeug muss abgeschleppt werden und der Kundendienstmeister in der Vertragswerkstatt des Vertrauens – oder „Nicht“-Vertrauens – nimmt sich des Problems an. Als Erstes wird das Automobil meist mit einer Großrechenanlage verbunden, um den möglichen Fehler auszulesen bzw. einzugrenzen. Meist taucht die Frage auf, ist das ein mechanisch angetriebenes Fortbewegungsmittel oder ein etwas überdimensional geratenes Smartphone, da es so scheinen mag, dass das Wohl und Wehe der Fortbewegung nur von den unsichtbaren elektrischen Strömen abhängt.

 

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Alles vorhanden, um ein waidwundes Fahrzeug wieder zum Laufen zu bringen. Es kommt nicht auf die perfekte Ausstattung an, sondern auf das Können des Meisters

Hat der Operator den Fehler eingegrenzt, dann wird’s meistens richtig teuer. Heute ist es en vogue, Bauteile nicht mehr zu reparieren, sondern gleich ganz auszutauschen. Reparieren geht bei den elektronischen Teilen meist gar nicht, da die Bauteile so verschlossen sind, dass sie sich gar nicht öffnen lassen und man zur Fehlerbehebung ein vollausgestattetes Labor sein Eigen nennen müsste – von einem erfolgreichen Universitätsabschluss in Elektrotechnik oder Informatik einmal ganz abgesehen. Könnte man es doch reparieren und legt man den Stundenverrechnungssatz eines Mechanikers oder Elektronikers zu Grunde, würde dies den Zeitwert des Automobils doch ziemlich schnell übersteigen und die ganze Aktion dann als wirtschaftlicher Totalschaden in den Büchern stehen. Nur der guten Ordnung halber, Kfz-Mechaniker heißen die Damen und Herren heute natürlich nicht mehr, sie tragen die Berufsbezeichnung „KFZ Mechatroniker/Innen“ – da sagt der Name eigentlich schon alles… Der elektronische Overkill macht heute vor gar nichts mehr Halt.

Die guten alten Zeiten scheinen vorbei zu sein, als sich der KFZ-Meister oder der Monteur auf der Suche nach der Fehlerquelle in die Tiefen des Automobils vorwagte, auf der Suche nach der möglichen Ursache.

Doch der Reihe nach: Das Haus in der Stuttgarter Farrenstraße, in dem sich heute die Kfz-Reparatur Prodinger befindet, fand erstmalig 1926 urkundliche Erwähnung, als das Gebäude errichtet wurde. Viel ist in den folgenden Jahren nicht mehr bekannt und überliefert, nur dass es wohl ein Fuhrunternehmen bis Anfang der 1950er Jahre beherbergte, worauf auch auf die großzügige Raumaufteilung schließen lässt. Die Unterbringung von LKWs benötigt halt schon etwas größere Räumlichkeiten, was auch nicht von Schaden war, wie die spätere Nutzung zeigt. Seit den 50er Jahren werden die großzügigen Räume als Kfz-Werkstatt benutzt.

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in den letzten Jahren hat sich an dem Erscheinungsbild der Werkstatt in der Stuttgarter Farbenstraße nichts geändert, sieht der Betrachter einmal von dem neuen Firmenschild ab

Im Jahre 1972 hat Bernhard Prodinger die Werkstatt übernommen. Bernhard Prodinger als Ausnahmeerscheinung zu bezeichnen, ist wohl nicht übertrieben – er studierte nach dem Krieg Fahrzeugtechnik an der Technischen Lehr- und Versuchsanstalt Bregenz, als er dann leider abbrechen musste, da sich in der noch jungen Familie Nachwuchs ankündigte – da musste für den notwendigen Lebensunterhalt gesorgt werden. Die Folge waren zwei Meisterbriefe und ein Technikerbrief, die der junge Kfz-Begeisterte Bernhard Prodinger innerhalb kürzester Zeit nahezu zeitgleich abschloss.

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Das Ölkabinett: Es hat schon Jahrzehnte auf dem Buckel und wie viele Hektoliter an „Frischgezapftem“ mit der Pumpe aus dem Ölfass schon gefördert wurden – das weiß wohl keiner mehr so genau

Am 01.09.1976 trat dann Bernhard Prodingers Sohn Robert als frischgebackener Geselle in das Unternehmen als Angestellter ein. Und was legte er sich zu? Einen VW Käfer Baujahr Mai 1967 – noch mit der alten 6 Volt Anlage. Diesen Käfer besitzt Robert Prodinger noch heute – im Laufe der Jahrzehnte aber mit allerlei individuellen Umbauten versehen. Es gibt nahezu kein Teil, das nicht noch im Originalzustand wäre. Liebevoll gehegt, gepflegt und gehätschelt, ist der Käfer heute, wie damals vor Jahrzehnten, eine Augenweide. War er zuerst grün-weiß lackiert, gab es ein paar Jahre später in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts einen Kulturschock – er erstrahlte auf einmal in schwarz-weiß, so wie er sich auch heute noch makellos präsentiert. Ordentlicher Motor und brillante Fahrwerksabstimmung, da kann manch ein heute produziertes Automobil gelegentlich nur die Rückleuchten sehen.

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Das waren noch Zeiten, als in den 80er Jahren bei einer sonntäglichen Ausfahrt auf die Schwäbische Alb solche Schnappschüsse entstanden. Zwei Schmuckstücke – wobei der Käfer sich heute noch bester Gesundheit erfreut

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In den 70er Jahren, als die Hebebühne von Motoren und Motorteilen freigeräumt wurde und sie wieder ihrer Bestimmung zugeführt werden konnte. Es wurde immer höchsten Wert darauf gelegt, dass an den Fahrzeugen die Rostnester vollständig eliminiert wurden. Man wollte ja nicht nur den nächsten TÜV überstehen, das Ganze sollte auch noch Jahrzehnte halten. Und das sieht man heute noch. Bis auf den Königsroten Käfer – denn der war Jahre später unrettbar verloren

Der Käfer, tja er gehört zu dieser Werkstatt genauso wie der Name Prodinger, als die luftgekühlten Wolfsburger aller Bauarten in dieser Stuttgarter Werkstatt liebevoll umsorgt wurden. Schnell hatte sich der Name Prodinger unter den Automobilisten herumgesprochen, dass es dort saubere und ehrliche Arbeit zu einem erstaunlich günstigen Preis gab.

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… und wie man sieht, der Käfer von Robert Prodinger erfreut sich heute bester Gesundheit und ist – na sagen wir es einmal salopp – schon wie ein Aushängeschild für Qualitätsarbeit

Aber auch das Tuning an den Wolfsburger Krabbeltieren bedarf noch der Erwähnung: In der Sturm- und Drangzeit der 70er und 80er Jahre blieb fast kein Motor des Prodinger`schen Fuhrparks von der Leistungssteigerung verschont. Es wurde mit Nockenwellen, der Erleichterung der oszillierenden Innereien des Boxermotors und den am Markt erhältlichen Doppelvergasern, zur freien Beatmung der Brennräume, experimentiert. Tja, die gute alte Zeit, als jeder Gang zu den – mit einer nahezu Allmacht ausgestatteten – TÜV-Prüfern einem Gang nach Canossa gleichkam und man mehr oder weniger der Tagesverfassung dieser Herrschaften ausgeliefert war.

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Der Motorraum sieht selbstverständlich ebenso sauber aus wie das Lackkleid

Viele können es sich heute gar nicht vorstellen, sollte der Meister einmal in seinen wohlverdienten Ruhestand gehen. Wo ist dann der sympathische und nette Ansprechpartner um die Ecke, der für nahezu jedes Problem rund um das Auto eine Antwort weiß? Tja, dann fehlt wieder ein Stück Institution in der Stuttgarter Farrenstraße.

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Das reicht noch Jahrzehnte für den Eigenbedarf. Man weiß ja nie…

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Ein Bildnis aus den 70er Jahren, es hat sich nicht viel verändert

Im März 1987 stand dann bei Robert Prodinger die obligatorisch erfolgreiche Absolvierung der Meisterprüfung an. In den besten Zeiten der Autowerkstatt beschäftigte das Unternehmen 5 Personen: Einen Meister, zwei Gesellen, einen Lehrling und einen Praktikanten.

Am 01.10.1999 übernahm Robert Prodinger von seinem Vater Bernhard dann das Unternehmen und ist seither stolzer Besitzer dieses Refugiums. Nicht klinisch rein ist die Werkstatt, sondern man sieht das gelebte Leben, die charmanten Kleinigkeiten zeugen von einer Zeit, als das Reparieren noch einen hohen Stellenwert hatte und wir der Wegwerfmentalität noch nicht hemmungslos verfallen waren. Und, und das erscheint mir das Allerwichtigste zu sein: Als man Dinge noch reparieren konnte!

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Aber es gibt sie noch: Die richtigen Auto Reparaturwerkstätten, die – meist ein wenig im Verborgenen – ein Nischendasein führen, dort wo noch richtig repariert wird und mehr als bloß schnödes Auswechseln von sündteuren Bauteilen vollzogen wird. Wo es noch einen Meister gibt, der das Handwerk der Kfz-Reparatur vor Jahrzehnten von der Pike auf gelernt hat. Ein Mechaniker-Meister, der noch in der Lage ist, einen Vergaser zu zerlegen und ihn auch noch wieder zusammengesetzt bekommt, und bei dem Wörter wie das „Drosselklappenspaltmaß“ kein Achselzucken hervorrufen.

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Robert Prodinger ist mit Leib und Seele Schrauber. Die Käfer werden zwar immer weniger, aber er geht mit der Zeit – wie man sieht

In einer Zeit der Wegwerfmentalität mutet solch ein „alter“ Berufszweig nahezu exotisch an, wenngleich er seine Daseinsberechtigung hat und der dann greift, wenn die heutigen Mechatroniker nicht mehr weiter wissen. Das Wissen, das diese Berufsgruppe noch besitzt, ist gefragter denn je. Ihre Vertreter werden zu Seminaren eingeladen, in denen sie über ihren Erfahrungsschatz, ihr Wissen und Können einer interessierten Zuhörerschaft weitergeben, welche das Informationsmaterial begierig in sich aufsaugt. Interessant, aber gleichzeitig erschreckend ist diese Tatsache – scheint es doch bloß ein paar Jährchen her zu sein, als diese Art der Kfz-Reparaturwerkstatt an nahezu jeder Ecke zu finden war. In einer Zeit, da der VW Käfer das Straßenbild nachhaltig prägte. Heute sind diese Fahrzeuge selbst schon Exoten, obwohl sie einst in 2-stelliger Millionenhöhe die Wolfsburger Werkstore verließen.

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Es finden sich noch die einen oder anderen Schätze. Schwer vorstellbar ,dass solche Lenkräder vor noch nicht allzu langer Zeit in den Käfern verbaut wurden. Da graust es heute jeden Unfallforscher. Aber schön sind sie und zweckmäßig

Es verdient Beachtung und ist erwähnenswert, dass es in der heutigen Zeit noch solche Lordsiegelbewahrer wie Robert Prodinger gibt, welcher sich nicht nur fachkundig der Reparatur am Automobil hingibt, sondern bei dem das Menschliche noch einen sehr hohen Stellenwert genießt mit direktem Kontakt zu seinem Kunden, der sehen kann, wer an seinem Vehikel schraubt.

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Die Werkstatt, sie ist wie ein Stillleben, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint

 

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Wie sagte einst Bernhard Prodinger zu dem damaligen Praktikanten, als ein Fahrzeug zwecks Kundendienstes in der Werkstatt stand und das Armaturenbrett doch deutlichen Staubbefall zeigte:

„Vergaser Joe, jetzt nimmst Du einen Lappen und fährst über das Armaturenbrett – den Kunden freut´s und es kostet nichts!“.

Diese Anekdote drückt hier den Dienst am Kunden wohl am Trefflichsten aus.

Es sind gerade solche Institutionen, bei denen noch mit Herz, Liebe und Sachverstand an den Automobilen geschraubt wird – und nicht nach Arbeitszeitvorgaben schnell-schnell ein Bauteil ausgetauscht wird. Wobei es nicht darauf ankommt, wie klinisch steril sich die Werkstatt dem Betrachter präsentiert, sondern wie darin gearbeitet wird und welches Wissen der Akteur am Werkzeug hat.

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Hier noch einige Impressionen, weil es so schön ist. Die alte Werkbank mit dem rustikal anmutenden Blechschneider…

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… oder die Aschenbecher aus dem VW Käfer, die bestimmt schon seit Jahrzehnten unverändert so stehen…

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… die Holzkiste mit den Öl- und Schmiermitteln…

 

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… der Betrachter kann stundenlang in der Werkstatt umhergehen, er findet immer etwas Neues und wird interessante Eindrücke sammeln…

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…seien es die Lufthutzen seitlich im Heckbereich über den geschwungenen Käferkotflügeln…

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…das Interieur des Käfers, das die letzten Jahrzehnte schadlos überstanden hat und wohl auch die nächsten Jahrzehnte sich so präsentieren wird…

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…eigentlich sollte man aus der Werkstatt ein Museum machen!

 

Text: Ulrich Bänsch

Fotos: Ulrich Bänsch, Archiv, Privat

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