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Alpa 9d gegen iPhone

Um Himmels Willen, nur kein Vergleichstest. Nennen wir es lieber Feldbegehung mit altertümlicher und aktueller Fototechnik. Der letzte Familienurlaub bot sich zur entspannten BILDERSUCHE AUF FUERTEVENTURA an. Immerhin verfügt auch das moderne Smartphone entgegen anders lautender Gerüchte keineswegs über eine eingebaute Motivklingel.

Text: Jo Soppa  Fotos: Anne Soppa (iPhone5S), Jo Soppa (Alpa 9d)

Ohne Chance. Nach allen objektiv bewertbaren Eigenschaften kann man seine alte Analogkamera getrost in der Schublade belassen. Die Auswahl an Anwendungs-Möglichkeiten für den Smartphone-Besitzer ist entwaffnend: Narrensichere Bedienung, Bewältigung selbst schwieriger Lichtverhältnisse, Makroaufnahmen aus dem Handgelenk, man hat das Labor in Form von Bildbearbeitungsprogrammen bereits eingebaut, kann wahlweise schwarz-weiß oder in Farbe fotografieren, bastelt mit Mehrfachbelichtungen spektakuläre Panoramaansichten, dreht bei Bedarf auch noch Tonfilme, und, ja, man kann sogar damit telefonieren.

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Fuerteventura. Das kleine Örtchen Ajuy an der Westküste ist bekannt für seinen schwarzen Sandstrand und spektakuläre Küstenhöhlen. Foto Alpa 9d mit Schneider Curtagon 28mm.

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Hätte auch gut in unsere Black Beauty-Geschichte gepasst: Alpa 9d, Präzisions-Kamerabau aus der Schweiz. Schneider-Weitwinkelobjektiv mit Rot-Orange-Filter für Schwarz-Weißfilm bestückt.

Von den anderen Errungenschaften der digitalen Medienwelt ganz zu schweigen. Aber fast noch wichtiger ist die stets präsente Zugriffsmöglichkeit. Als flacher Taschenschmeichler ist das iPhone immer „an Frau oder Mann“. Anders als die schwere und klobige Fotoausrüstung in Profiqualität, die meistens dann nicht zur Hand ist, wenn wieder einmal das „geniale Motiv“ des Weges kommt.  Denn: Die beste Kamera ist immer die, die man dabei hat.

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Spannhebel der Alpa 9d mit durchsichtigem Acrylglaskern. So bleibt der Blick auf das darunter liegende Zeitenrad frei. Die hauchdünne Einfassung der Klarsichtscheibe erinnert an ein Uhrenglas. Entsprechend umsichtiger Umgang ist angezeigt. Die Kamera sieht solider aus, als sie tatsächlich ist.

Wer jetzt von der schönen, neuen digitalen Welt immer noch nicht restlos überzeugt ist, dem verpasst das Betrachten der Bildergebnisse den finalen KO-Schlag. Moderne Smartphones liefern selbst im doppelseitigen Format ausgedruckt beeindruckende Schärfe und Brillanz. Die gebotene Auflösung reicht für Drucke in Magazin-Qualität vollkommen aus. Wer also für seine gewerbsmäßige Arbeit auf Teleperspektiven verzichten kann, hat mit dem kleinen Taschentelefon seine Profi-Fotoausrüstung stets dabei. Ein Faktum, das vor allem dem arrivierten Fotohandel zu schaffen macht. Oder, besser gesagt, eben nicht mehr zu schaffen macht.

 

Doch Rettung naht. Der passende Gegentrend heißt in Abwandlung aller Zen-buddistischer Weltanschauungen: Ein Fotoapparat ist ein Fotoapparat – ist ein Fotoapparat – ist ein Fotoapparat. Das erklärt auch die Retroelemente im aktuellen Kameradesign. Im angeschubsten Folgeschritt entdeckt deshalb ausgerechnet die junge Smartphone-Generation wieder den Reiz von Opas analoger Kamera, und ganz besonders auch die fast schon mystische Faszination, die einem stofflichem Filmspeichermedium samt zu belichtender Silberemulsion innewohnt. Hier ist der Akteur noch selbst Herr über Schärfe, Belichtung und somit über das brauchbare Endergebnis. Es lebe die Freiheit der eigenen Fehler.

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Einstellrad für den eingebauten Belichtungsmesser der Alpa 9d. In der Mitte wird die Filmempfindlichkeit über das helle Feld einjustiert. Die dunkle Hälfte mit der Zeitenskala wird mit dem an der Kamera eingestellten Wert auf die Pfeilmarkierung gestellt. Alles ganz einfach.

Nicht zu vergessen die Faszination mit Namen Feinmechanik. Der geflügelte Slogan „Mechanik ist der Luxus der Zukunft“ dreht seit geraumer Zeit nicht ganz zu Unrecht seine Runden.

 

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Das Gehäuse der Alpa 9d ist aus Leichtmetall-Gussteilen gefertigt. Unter dem in Ehren abgetragenen Lack kommt deshalb kein Messing, sondern silberfarbenes Metall zum Vorschein. Mit dem Bajonettverschluss am Kameraboden wird die Rückwand entriegelt.

Faszinierend sind vor allem jene feinmechanischen Wunderwerke, die mit präzise geschliffenen Gläsern und raffiniert filigraner Mechanik die richtige Lichtmenge auf den Filmstreifen zu werfen vermögen. Es ist also viel mehr als die reine Funktionstüchtigkeit, die den Erotikfaktor einer Kamera ausmacht. Das Erscheinungsbild der Apparatur zählt. Nicht von ungefähr findet der gemeine Fotoliebhaber immer dann punktgenau das richtige Argument für den noch so kostspieligen Kamerakauf, wenn es in Wahrheit doch um so etwas ähnliches wie Liebe auf den ersten Blick und somit um den triebhafen Haben-wollen-Effekt geht.

Womit wir beim Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte angelangt wären: Die Alpa 9d versinnbildlicht den Begriff „schnörkelloses Lichtbild-Werkzeug“ wie kaum eine andere Kleinbild-Kamera. Selbst eine Leica M3 wirkt dagegen wie ein hinterlistig durchgestyltes Marketing-Produkt.

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Spannhebel nach vorne, die Bedienung mittels Zeigefinger ist gewöhnungsbedürftig. Das geriffelte Element unterhalb des Alpa-Schriftzugs dient zur Verriegelung des Auslöseknopfs.

Die Alpa ist ein Erzeugnis jener weltberühmten Mechanik-Kultur, die im Schweizer Jura beheimatet ist. Bekannt und geschätzt für ihre begehrten Uhrenmarken. Auch die Kameramarke Alpa ist mit dieser Uhrenindustrie eng verknüpft. Herstellerfirma war die in Ballaigues ansässige Pignons S.A., die, 1918 gegründet, zunächst als Zulieferbetrieb für die Uhrenindustrie diente. Auf der Suche nach dem berühmten zweiten Standbein übernahm man den von Konstrukteur Jacques Bogopolsky (Bolex-Filmkameras) entwickelten Fotoapparat.

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Fuerteventura. Kirche Santa Maria in Betancuria. Foto Alpa 9d mit Schneider Curtagon 28mm.

Nach diversen Prototypen wurde die erste Alpa anno 1942 präsentiert. Die Stückzahlen blieben im Konzert mit den arrivierten Kameramarken stets gering. Erst mit der 1964 vorgestellten Alpa 9d gab es in der Kurve einen starken Knick nach oben. Die 9d bot mit erstmals durch das Objektiv gemessener Lichtmenge technischen Fortschritt. Das erregte Aufmerksamkeit und Nachfrage. Ein richtiges Massenprodukt wurde die Schweizerin trotzdem nicht. 1965 war für Alpa mit rund 1300 produzierten Kameras  das Rekordjahr. Auf 220 Arbeitstage umgerechnet macht das eine Tagesproduktion von etwa sechs Exemplaren. Also: beschaulicher Manufakturbetrieb. Insgesamt wurden rund 5500 Alpa 9d hergestellt.

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Alpa 9d mit Schneider Curtagon 4,0/28 mm Weitwinkelobjektiv. Die mit dem Auslöseknopf kombinierte Blendenautomatik ergibt eine sehr spezielle Ergonomie.

Entsprechend selten und somit begehrt sind die Alpa-Kameras deshalb bei Raritätensammlern. Selbst für kosmetisch stark angegriffene Exemplare wird noch gutes Geld verlangt. Besonders gilt das für die entsprechenden Alpa-Objektive, die zumeist von Kern, Schneider oder Angenieux zugeliefert wurden. Deshalb gab es für die Alpa Kleinbildkameras auch Adapter für andere Objektive. Etwa für M 42-Gewinde oder für Nikon-Optiken. Das geringe Auflagemaß des Alpa-Gehäuses macht die Adaption von Fremd-Gläsern recht einfach. Die automatische Springblende muss am Objektiv über den damit gekoppelten Auslöseknopf betätigt werden. Gibt es diese Koppelung nicht, dann heißt es mit Arbeitsblende zu hantieren. Was bei dem vergleichweise dunklen Sucherbild – mit Schnittbild-Zentrum – nicht das reinste Vergnügen ist.

 

Auffallendes Merkmal neben dem vorne links (für die rechte Hand) am Gehäuse angebrachten Auslöseknopf ist der gleichfalls nach vorne stehende Spannhebel für den Filmtransport. Die Bedienung geschieht also mit dem Zeigefinger und nicht – wie üblich – mit dem Daumen. Eine ähnliche Lösung kennt man von der richtungweisenden Calypso-Unterwasserkamera, die später als Nikonos Weltberühmtheit erlangte. Bei dieser Taucherkamera wird der Film per Hebeldruck transportiert – und dann per erneutem Druck ausgelöst. Eine höchst praktikable Lösung.

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Fuerteventura. Abendstimmung an der Westküste. Foto Alpa 9d mit Schneider Curtagon 28mm.

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Fuerteventura, bei Las Playitas. Foto Alpa 9d mit Schneider Curtagon.

So viel Raffinesse hat die Alpa 9d nicht zu bieten. Die Erklärung für den vorne angeschlagegen Spannhebel ist viel banaler. Das Vorgängermodell 6 hatte noch einen Drehknopf zum Weitertransport des Films, und dieser Knopf musste in Uhrzeigerrichtung bewegt werden. Ergo war die Drehrichtung für den mit dem Modell 6b neu eingeführten Spannhebel vorgegeben. Zugleich aber entfiel damit die Möglichkeit die Funktion von Zeitenstell- und Transportrad in ein Bauteil zusammenzufassen. So bekam der neue Spannhebel das charakteristische Rundfenster, das in der Tat an ein Uhrenglas erinnert. Zum Einstellen der Belichtungszeiten muss das unter dem Spannhebel angeordnete Rändelrad nach unten gedrückt, und dann auf den gewünschten Zeitenwert gestellt werden. Die schnellen Zeiten ab der 250stel Sekunde stehen sehr dicht, weshalb beim gewünschten Einstellen des kleinen Markierungsstrichs am Zeitenrads ein genauer Blick und Konzentration gefragt sind.

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Fuerteventura. Straßenszene in Gran Tarajal. Foto IPhone 5S.

In diesem Punkt ist die Alpa 9d dann tatsächlich zu uhrentechnisch filigran und unpraktisch gebaut. Das Gleiche gilt für das Bildzählwerk. Rote Schrift auf schwarzen Grund sieht vielleicht schick aus, ist aber schlecht abzulesen. Vor allem, wenn alles noch zu klein unter einem winzigen und teilverdeckten Sichtfenster verborgen bleibt. Immerhin stellt das Einlegen des Films vor keine Herausforderung. Die Rückwand wird hierzu komplett nach Lösen der zentralen Bajonettverriegelung abgenommen. Auch das Rückspulen mit der ausziehbaren Parallelogramm-Kurbel ist schön gelöst.

 

Die damalige technische Sensation der 9d, nämlich die Lichtmessung durch das Objektiv, stellt sich heute im Kontext mit klassischen Spiegelreflexen der 70er Jahre als umständliche Sache dar. Denn es ist keine mit dem Zeitenrad gekoppelte Messung. Tatsächlich handelt es sich lediglich um einen in die Kamera eingebauten Cds-Belichtungsmesser, der eben nicht über das damals übliche Messfenster sein Licht empfängt, sondern durch das Objektiv. Also muss die an der Kamera eingestellte Zeit auf den Belichtungsmesser übertragen und dann mit Arbeitsblende die passende Belichtung ermittelt werden. Selbstverständlich bei zuvor richtig einjustierter Filmempfindlichkeit. Praktikabel wiederum ist die Inbetriebnahme des Belichtungsmessers. Kein spezieller Schalter aktiviert ihn, bei leichtem Niederdrücken des Auslöseknopfs zuckt die Nadel. Das macht sie bei unserem Klassik Lust-Exemplar übrigens immer noch einwandfrei, auch wenn es ungewöhnlich ist, dass zu viel Licht den Zeiger im Sucherbild nach unten hin ausschlägen lässt.

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Fuerteventura. Blick auf den nahezu unbewohnten El Golfo-Küstenabschnitt mit dem Dörfchen Cofete. Rechts am Rand in Bildmitte ist als weißer Punkt die sagenumrankte Villa Winter zu erkennen. Sie birgt mindestens eines der bis heute nicht gelüfteten Geheimnisse der Insel. Foto Alpa 9d mit Schneider Curtagon 28mm.

Die angezeigten Werte sind auch gut 50 Jahre nach der Kameraproduktion noch plausibel. Allerdings scheint das bei betagten 9d eher die Ausnahme denn die Regel zu sein. In unsere Alpa haben wir übrigens anstelle der korrekten 1,35 Volt Quecksilberbatterie ein 1,5 Volt-Exemplar eingelegt. Mit um eine Stufe (50 statt 100 ASA) geringer eingestellter Filmempfindlichkeit haut das ganz gut hin.

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Fuerteventura, Blick von der Anhöhe bei Las Playitas in Richtung Gran Tarajal. Foto Alpa 9d, Schneider Curtagon 28mm.

Um für die Fuerteventura-Exkursion gewappnet zu sein, wurde bei der Filiale einer Drogeriemarktkette eine Handvoll Agfa APX 100 Schwarz-Weißfilme eingekauft. An das Alpa-Gehäuse ließen wir ein Schneider Curtagon Weitwinkelobjektiv mit 28 Millimeter Brennweite anpassen. Das entspricht in etwa auch dem Bildwinkel des iPhone. Wobei – wie sich später herausstellen wird – das iPhone-Objektiv keine Probleme mit Unschärfen in den Bildecken hat, wie das klassische deutsche Weitwinkelglas.

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In die speziellen, sehr engen Ösen des Alpa 9d-Gehäuses lassen sich Lederschnüre einfädeln. In einem breiten Ledergurt werden die Schnüre mit Schrumpfschläuchen fixiert. Hat sich auf der Fuerteventura-Tour bewährt.

Wie auch immer. Die Selbstbeschränkung auf nur ein kompaktes Objektiv macht den Umgang mit einer voluminösen Kamera sehr viel einfacher und angenehmer. In der Beschränkung liegt oftmals auch die Befreiung. Ein Tipp, den ich jedem Foto-Interessierten nur auf den Weg mitgeben möchte: Vergessen Sie den alten Systemgedanken samt Ballast in Form einer umfangreicher Objektivausstattung. Entscheiden Sie sich stattdessen für irgendeine Brennweite, auf die Sie sich dann voll und ganz konzentrieren können. Allenfalls die Kombination Weitwinkel plus kompaktes Tele für die Jackentasche darf als Alternative gesehen werden. Machen wir uns das Smartphone in diesem Punkt zum Vorbild: Wichtig ist, dass die Kamera mit dabei ist. Die schwere Kameratasche mit dem ganzen Krempel lässt man eben nur zu gerne für „richtige“ Exkursionen in der Ecke stehen.

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Fuerteventura. Verwaistes Fischerdorf an der Nord-Ostküste vor Corralejo. Foto iPhone 5S.

Die Alpa 9d zum bequemen Anhängsel zu machen, war indes gar nicht so einfach. Die werkmäßige Gurtbefestigung mit zwei kurzen, in das Gehäuse eingelassenen Metallstiften ist für übliche Gurtkonstruktionen kaum geeignet. Metallösen oder Ringe passen nicht richtig und schaben am schwarz lackierten Leichtmetall-Gehäuse. Eine gute Lösung, die auch auf andere Kameratypen übertragbar ist, ergab sich mit der Kombination von drei Millimeter dicken Lederschnüren und einem breiten Lederriemen als Gurt. Die Lederschnüre finden in der Gurtumschlingung mittels Schrumpfschlauch sicheren Halt. Eine Lösung, die sogar fürs Auge ansprechend ist, und den Vintage-Charakter zusätzlich betont.

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Fuerteventura, „Wolkenküste“ bei Ajuy. Foto mit iPhone 5S und Panoramafunktion.

Weil auf Fuerteventura mit blauem Himmel, viel Sonne und entsprechenden Schattenwürfen zu rechnen ist, bietet sich – selbstverständlich nicht nur dort – das fotografieren mit Schwarz-Weißfilm geradezu an. Um das Ganze mit beeindruckender Himmelsfärbung noch dramatisch anzuwürzen, bekam das Schneider Curtagon ein Rot-Orangefilter angepasst. Eine schöne Nikon-Metall-Sonnenblende komplettierte das Set. Keine Frage, eine Alpa 9d in dieser Aufmachung hat das gewisse Etwas.

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Fuerteventura. Dachgerippe auf dem Areal des Casa de los Coroneles in La Oliva. Foto Alpa 9d mit Schneider Curtagon 28mm.

Wie immer, muss man bei der 9d noch mehr als sonst bereit sein, sich auf die ergonomischen Eigenheiten der Kamera einzulassen. Durch die Blendenkoppelung steht der Auslöseknopf weit nach vorne ab. Das Auslösen der Alpa erinnert deshalb an das Abfeuern einer Schusswaffe. Spiegelschlag und Verschlussablauf klingen angenehm gedämpft. Betätigt man den Auslöser behutsam, kann auf diese Weise auch der Spiegel gezielt vorab hochgeklappt werden, etwa bei Makroaufnahmen vom Stativ. Wichtig ist, dass beim Auslösen der Spannhebel frei bleibt und nicht etwa durch den Kamerariemen behindert wird. Denn nach dem Spannen des Verschlusses bleibt der Hebel in Mittelposition stehen. Er rückt erst beim Auslösen wieder in seine Grundposition mit Anschlag am Prismengehäuse. Wird der Hebel auf diesem Weg aufgehalten, stimmen die Verschlusszeiten nicht, es kommt zu partiellen Überbelichtungen. Die Alpa 9d ist also alles andere als narrensicher. Ein paar Testfilme zum Einfuchsen sollte man sich und dem Apparat gönnen.

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Fuerteventura, Kirche Nuestra Seniora del Carmen in Morro Jable. Foto Alpa 9d mit Schneider Curtagon 28 mm.

Was dabei heraus gekommen ist, können Sie nun auf dieser Seite ansehen. Alle Alpa-Aufnahmen werden in Schwarz-Weiß gezeigt, die Farbfotos stammen vom  iPhone 5S meiner fotobegeisterten Tochter.

 

Noch ein Wort zum „Entwickeln“. Die Agfa-Filme wurden über den Drogisten beim Großlabor Cewe entwickelt. Dort pflegt man offensichtlich die schnelle Gangart, was zu deutlichem Korn führt. Vielleicht möchte der Dienstleister auf diese Weise auch einen besonders „analogen“ Look anbieten. Die mitgeorderten Schwarz-Weiß-Abzüge sind auf alle Fälle nicht der Hit und können nur als eine Art Basisausdrucke für die visuelle Kontrolle angesehen werden. Zusätzlich wurden die Bilder als Dateien auf CD mitbestellt. Die wurden dann für die Darstellung auf dieser Seite noch geringfügig per Photoshop nachbearbeitet.

 

Wer also den analogen Weg perfekt gehen möchte, der entwickelt seine Filme am besten selbst, oder gibt sie in ein spezielles Fachlabor, wo man dann auch in der Lage ist, auf individuelle Wünsche einzugehen. Das hat dann natürlich seinen Preis.

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Fuerteventura, Kirche Santa Maria in Betancuria, Foto iPhone 5S.

Letztendlich entscheidet die ganz persönliche Auffassung darüber, welchen Wert man dem gemachten Bild zubilligen möchte. Die inflationäre Bilderflut aus digitalen Quellen verführt schnell dazu, die Kostbarkeit des Augenblicks zu vernachlässigen. Jedenfalls so lange, bis das eine, das besondere Bild gemacht ist. Dann aber ist das Aufnahmemedium zweitrangig. Hauptsache, das Foto ist „im Kasten“.

 

In diesem Sinne  noch ein paar explizite Worte zur Alpa 9d: Das ist kein einfach zu handhabender Apparat. Wer sich erstmals in das analoge Fotoabenteuer stürzen möchte, der ist mit hundert anderen Kameras besser bedient. Auch wenn es die 9d jedem Interessierten sehr leicht macht, ihrem faszinierenden Mechanik-Charme  auf der Stelle zu verfallen. Jedoch werden spontane Liebesbekundungen durch ein stattliches Preisniveau vereitelt. Das gilt besonders für 9d mit hauseigenen Alpa-Optiken. Selbst der wünschenswerte M42-Adapter kostet inzwischen eine Stange Geld, vor allem, wenn er mit Blendenautomatik ausgestattet ist. Nikon-Objektive zu adaptieren halte ich für einen groben Stilbruch. Ideal passen die mechanisch superben Schneider-Optiken aus den sechziger Jahren, am besten natürlich in einer originalen Alpa-Ausführung.

Die Alpa würde ich deshalb samt und sonders dem Routinier empfehlen, der bereits einschlägige Erfahrungen mit anderen Kameraoldies gesammelt hat. In vielerlei Hinsicht ist dieser Apparat sehr eigen und deshalb für alle Analogis eine Herausforderung, besonders wenn jene ein schwieriges Instrument spielen und beherrschen möchten. Was die Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie umso intensiver macht. Hier liegt der spezielle Erlebniswert mit der 9d. Dass dabei durchaus „schöne“ Bilder heraus kommen können, steht außer Frage. Was deren Wert nur noch hebt.

 

Technische Daten: Alpa 9d

Baujahr: 1964 bis 1968

Produzierte Stückzahlen: Chromversion 4332 Stück, schwarz lackierte Version 1146 Stück

Typ: Kleinbild-Spiegelreflex-Kamera

Format: 24 x 36 mm

Objektive: Anschluss über Alpa-Bajonett. Mit Adapter auch Fremdobjektive möglich

Besonderheit: Erste Kamera mit Cds-Belichtungsmessung durch das Objektiv (nahezu zeitgleich mit anderen Anbietern)

Verschluss: Tuchverschluss, horizontal ablaufend

Belichtungszeiten: B bis 1/1000 sec, Blitzsynchronisierung bis 1/80 sec

Marktwert: Gehäuse voll funktionstüchtig mit deutlichen Gebrauchsspuren um 400 Euro. Komplette Kamera mit Kern Macro-Switar 50 mm in sehr schönem, gepflegtem Liebhaberzustand um 1500 Euro

 

 

Alpa Kameras – eine kurze Geschichte

Die 1918 im Schweizer Jura-Städtchen Ballaigues gegründete Pignons S.A. lieferte zunächst Teile (Zahnräder) für die Uhrenindustrie. Konstrukteur Jacques Bogopolsky entwickelte in den dreißiger Jahren einige Kamera-Prototypen. Alpa übernahm dessen Entwicklung. 1942 wurde die erste Alpa-Kamera präsentiert. 1949 folgte die erste Alpa mit Pentaprisma. Die Stückzahlen blieben gering. Mit der 9d kam 1964 das erste Modell mit nennenswerten Verkaufszahlen ins Programm. Den Erfolg brachte die damals neuartige Lichtmessung durch das Aufnahmeobjektiv. Der geballten japanische Kameraindustrie hatte das kleine Schweizer Werk freilich nichts entgegen zu setzen. Die Produktion der Schweizer Kleinbildkameras lief 1977 aus. Der Markenname wurde noch mit in Japan hergestellten (Billig-)Produkten weiter am Leben gehalten, doch 1990 konnte auch das den Konkurs nicht mehr aufhalten.

Seit 1996 wird die Marke durch die in Zürich ansässige Firma Alpa Capaul & Weber AG mit hochwertigen Kameras für Profianwendung wieder genutzt. Mit den ursprünglichen Kameras aus Ballaigues haben diese mittelformatigen Spezialgerätschaften nur noch die hochwertige Machart gemein. Was besonders die Kenner und Könner zu schätzen wissen.

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Fuerteventura, Gesteinserosion auf dem Weg zu den Höhlen von Ajuy. Foto iPhone 5S.

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Fuerteventura, Ruine eines landwirtschaftlichen Anwesens in der Nähe des Montana Cardon. Foto Alpa 9d, Schneider Curtagon 28 mm.

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Fuerteventura, Dünenlandschaft bei Corralejo im Nordosten. Foto iPhone 5S.

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Fuerteventura, Landschaft bei La Oliva im Norden. Foto Alpa 9d, Schneider Curtagon 28mm.

 

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Fuerteventura, Fischerdorf bei Corralejo. Foto iPhone 5S.

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Fuerteventura, Straßenszene in La Oliva. Foto Alpa 9d, Objektiv Schneider Curtagon 28 mm.

 

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Fuerteventura, Strandszene bei Ajuy. Foto iPhone 5S.

 

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Fuerteventura, Sturmküste bei Las Playitas. Foto Alpa 9d, Schneider Curtagon 28 mm.

 

 

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Fuerteventura, Westküste, unterhalb Mirador Astronomico. Foto Alpa 9d, Objektiv Schneider Curtagon 28 mm.

 

Fuerteventura – Vom Winde umweht

Fuerteventura ist die älteste der „Inseln des ewigen Frühlings“, wie die Kanaren

im Volksmund gerne genannt werden.

Im Vergleich zu den anderen Inseln des Archipels, die alle vulkanischen Ursprungs

sind, ist die nach Teneriffa zweitgrößte Insel sehr niederschlagsarm.

Grund hierfür ist ihre geringe Höhe von unter 800 Metern über Normalnull.

So können die selten auftauchenden Wolken durch die starken Winde, wie der Name

„Fuerteventura“ (spanisch: starker Wind) schon verrät, ungehindert über die

Insel hinwegziehen – ohne dabei abzuregnen.

Es ist also nicht verwunderlich, dass im Laufe von Jahrtausenden große Teile der

Kanareninsel durch Wind im Landesinneren aber auch durch Meerwasser an den

langen Küsten erodiert wurden.

Teilweise sind so beeindruckende Sanddünenflächen entstanden. Zum Beispiel im

Norden bei Corralejo, wo man heute den „Parque Natural de Corralejo“ besuchen kann.

Hier fühlt man sich, als wäre man irgendwo in der tiefsten Sahara. Diese Tatsache erstaunt nicht,

denn die Insel gehört, obwohl sie politisch gesehen Teil von Spanien – also Europa – ist,

geografisch betrachtet  zu Afrika. Der afrikanische Kontinent ist gerade einmal 100 Kilometer entfernt.

Während die Einwohner Fuerteventuras in der Vergangenheit noch überwiegend von der

Landwirtschaft, dem Fischfang sowie der Salzgewinnung lebten, stellt heute der Tourismus

die wichtigste Einnahmequelle dar.

Das ist kein Wunder, denn die karge und wüstenhaft anmutende Insel besticht vor allem im

Süden auf der Halbinsel Jandia und im Norden bei Corralejo durch lange und feinsandige Strände,

die nicht umsonst zahlreiche Windsurfer sowie sonnenhungrige Europäer anziehen.

 

Doch Fuerteventura bietet noch viel mehr als nur Sonne, Sand und Meer:

Im Inselinneren warten beschauliche Dörfer – wie etwa die ehemalige Inselhauptstadt Betancuria –

nur darauf, erkundet zu werden.

Tipp:  

Am besten bereist man die Insel in unseren Winter- oder Frühlingsmonaten.

Dann herrschen dort Temperaturen um angenehme 20 Grad und der Himmel

ist meist blau und wolkenlos – perfekte Voraussetzungen zum Entdecken und

Fotografieren Fuerteventuras.

Anne Soppa

 

Das Buch für die Insel:

Vor, während und nach der Fuerteventura-Reise empfehlen wir den Polit-Thriller „Die Kette“ von Wolfgang Kaes (Rowohlt Taschenbuch). In diesem szenisch fein und vielschichtig gegliederten Krimi erfährt der Leser nicht nur Hintergründiges über Fuerteventura samt legendenumrankter Villa Winter. Obendrein gibt es spannende Unterhaltung mit brisantem Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Kurzum, „Die Kette“ ist weit mehr als ein kurzweiliger Urlaubs-Krimi. Ein Buch mit Nachhall, und obendrein vorzüglich geschrieben.

 

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Steinige Böden, sparsame Vegetation. Wind und Sonne machen Fuerteventura karg. Grüne Fruchtinseln finden sich vereinzelt in schattigen und geschützten Taleinschnitten, etwa bei Betancuria. (Foto Sony Nex-5 mit Voigtländer f4/21mm)

 

 

 

 

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