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Adler M 250 Gespann

Stellen Sie sich vor, sie treffen auf einen Dinosaurier (und sitzen nicht im Kino)!

Genau das kann Ihnen auf der Retro-Classica in Stuttgart passieren, wenn das private Motorrad-Museum Merkle aus Aichtal einen Teil seiner Exponate der Fraktion der Alteisen-Enthusiasten präsentiert. Fachkundige Besucher polieren dort mit ihren Nasen die Motorräder, um sich von der Originalität der Pretiosen zu überzeugen.

Mir war es vergönnt, dass mir Herbert Merkle persönlich – ihm gehört o.g. Museum zusammen mit seinem Bruder Hartmut – eine Sonderführung durch seine über hundert Motorräder umfassende Sammlung angedeihen ließ. Der Schwerpunkt des privaten Motorradmuseums Merkle – in Aichtal-Aich, südlich von Stuttgart – liegt auf einer vollständigen Adler- und Maico-Sammlung. Fast schon der Erwähnung überflüssig, dass da auch ein paar ausgesuchte Gespanne ihr geruhsames Dasein fristen, bis sie für die eine oder andere Ausfahrt aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt werden.

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Perfekte und makellose Restaurierung bis ins Detail

Die Anfänge von Adler reichen bis in das 19. Jahrhundert zurück, als neben Schreibmaschinen, Büromaschinen und Fahrrädern sich das Unternehmen auch an der Fertigung von Motorrädern und Automobilen gütlich tat.

Die Geschichte der Adler-Motorräder stellt einen Querschnitt im Spiegelbild der Geschichte der Deutschen Motorradindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg dar. Nach den entbehrungsreichen Zeiten wollte man bei Adler eigentlich wieder die Automobilproduktion aufnehmen, aber die Strategen erkannten die profitablen Zeichen der Zeit, die da hießen: Motorräder! Der kometenhafte Aufstieg im Zusammenhang mit dem wiederaufkeimenden Wunsch nach motorisierter Mobilität verhalf dem – preiswerten und einigermaßen erschwinglichen – Motorrad für damalige Verhältnisse zu astronomischen Produktionszahlen. Im Boom der aufkommenden Massenmotorisierung auf zwei Rädern verlegten sich Anfang der 50er Jahre die Adler-Strategen auf die Produktion von leistungsstärkeren 2-Zylindermotoren. Der Käufer war hungrig nach – wenn auch in bescheidenem Maße – Luxus und Wohlstand. Das Einkommen stieg und somit auch die Bedürfnisse, die es seitens der Industrie zu befriedigen galt. Dementsprechend folgte Adler diesem Trend ab 1951 mit der M 200 und 1952 mit der hier vorgestellten M 250, die bis 1954 gefertigt und verkauft wurde. Leider trug der steigende Wohlstand zum Niedergang der Motorradindustrie bei, bis der Markt fast völlig zusammenbrach und Adler 1957 die Motorradproduktion einstellen musste. Da half auch die Koalition nicht mehr, die Adler mit Triumph und Hercules in Nürnberg einging. Erst recht besiegelt war das Schicksal der Motorradproduktion, als Grundig bei den Adler-Werken das Sagen hatte. Ein kleiner Trost für die Adler-Anhänger war, dass noch bis Anfang 1959 einige Motorräder aus Restbeständen auf Bestellung zusammengebaut wurden. Jedoch der Siegeszug des Autos war unaufhaltsam.

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Luxuriöser Reisedampfer der 50er Jahre

Mit konstruktiv innovativen Lösungen machte sich Adler unter den Motorradlern einen guten Namen, galten gerade die Zweizylindermotoren als überaus zuverlässig und unkompliziert. Ganz offen dienten sie der Konkurrenz als anschauliche Studienobjekte, von denen man abkupfern und sich inspirieren lassen konnte.

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Ein Stück deutsche Motorradgeschichte

Auf vielfachen Wunsch hin legte Adler 1952 die M 250 Baureihe, ein Motorrad mit 250 ccm, auf Kiel. Exakt waren es 247 ccm, die ihre 16 Pferdchen bei 5600 U/min aus dem 2-Zylinder-Twin galoppieren ließen. Für die Solomaschine reichte das für 116 km/h, zur damaligen Zeit in dieser Klasse eine fast schon revolutionäre Geschwindigkeit. Nur die NSU Max war in der Lage, da noch mit zu halten. Vom Motorenlayout unterschied sich die M 250 bis auf den Hubraum nicht von der Vorgängerin, der M 200. Der Vergaser und der Luftfilter war im Motor-„Gehäuse“ integriert, was zu einem gefälligeren Aussehen verhalf und gleichzeitig auch die Pflege des Motors erleichterte. Doppelrohrrahmen, klauengeschaltetes 4-Ganggetriebe, 16-zöllige Räder, vorne Schwingengabel, hinten Geradwegfederung sind nur einige der technischen Daten, die dieses Motorrad so beliebt machte. Die Trommelbremsen mit einem Durchmesser von 180 mm waren so ausreichend dimensioniert und ausgelegt worden, dass man im Gespannbetrieb die Fuhre mit 3 Personen bewegen durfte. Beim Vorgängermodell der M 200 konnten bei dieser Kombination nur 2 Personen reisen. Nicht nur deswegen war die M 250 geradezu für den Gespannbetrieb prädestiniert: Durch die niedrige Bauweise lag auch der Schwerpunkt niedriger. Der Käufer durfte damals zwischen den Farben „Grünmetallic mit Linierung“, „Blaumetallic mit Linierung“ und „Schwarz“ wählen. Das Gespann von Herbert Merkle ist mit einem seltenen Royal-Seitenwagen ausgerüstet. Dieses formschöne Boot mit seinem 16“ Rad wurde von dem Royal-Seitenwagenbau in der Schleißheimer Str. in München gefertigt. Von der Optik her ein echtes Schmankerl, das wie ein harmonisches Gesamtkunstwerk vor dem Betrachter steht. Trotz ihrer Zierlichkeit wirkt die M 250 mit ihren fließenden barocken Formen bullig, der große Scheinwerfer, die dicke Geradwegfederung, die großzügig geschwungenen Kotflügel haben schon eine gewisse Rubens´sche Ausstrahlung… Und da das Motorrad im Ganzen von der Bauhöhe recht niedrig ist, wirkt der Twin-Motor in dem Motorrad recht mächtig. Das formschöne Boot mit der aufgesetzten Gepäckbrücke und dem schützenden Windschild bietet dem Mitreisenden in dem gepolsterten Sitzmöbel auch auf langen Reisen adäquaten Reisekomfort. Tja, auch in den 50er Jahren verstand es die Motorradindustrie, Motorräder fürs Auge mit angemessener Leistung zu bauen – als Ausdruck des damals herrschenden Zeitgeistes.

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Fließende barocke Formen: Kultverdächtiges Design

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Original restauriertes Geschwindigkeitsanzeigeinstru-ment

Vor etwa 10 Jahren erstand der Motorradsammler Herbert Merkle die Adler M 250, Baujahr 1954, mit besagtem seltenen Royal-Seitenwagen in Grünmetallic, quasi eine Reliquie aus den 50er Jahren. Es sind mehr die Zufälle, die einem solche Raritäten in die Hände spielen. Vorzüglich passte es in die Adler-Abteilung der Merkel´schen Motorrad-Sammlung. Aber bis es in dem Zustand war, in dem sich das Gespann heute präsentiert, musste sich die Adler noch fünf Jahre gedulden – warteten doch noch andere Motorräder auf die Fertigstellung ihrer Restaurierung. 1995 wurde es in der museumseigenen Werkstatt einer halbjährigen aufwändigen Restaurierung unterzogen, bis es den Qualitätsansprüchen für eine Wiedergeburt genügte und alles in neuem Glanz erstrahlte. Sämtlich damals gegen Aufpreis erhältlichen Chromteile funkeln wie Juwelen an diesem Exponat um die Wette. Selbstredend, dass mit solch einem wiederauferstandenen Stück Motorrad-Kulturgut sich Herbert Merkle ab und zu den Luxus einer Ausfahrt gönnt. An schönen Sonntagvormittagen wird die Adler im wahrsten Sinne des Wortes ausgeführt. Gelegentlich werden Veteranentreffen in der näheren Umgebung angefahren, sofern der Maitre und Herr über hundert Motorräder nicht mit einem anderen Kleinod dieser einmaligen Sammlung selbige heimsucht.

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Selbst von hinten macht die Adler eine sehr harmonische Figur

Solche Pretiosen wirken wie aus dem Jurassic Park der motorradhistorischen Evolutionsgeschichte, da geht einem das Herz auf, wenn man sie auf der Straße sieht. Wie ein Relikt aus einer – vermeintlich – besseren Epoche der motorisierten Fortbewegung, als das Tempo, die Zeit, noch eine eher untergeordnete Rolle spielte. So wirken solche Motorrad-Oldtimer und Klassiker wie ein Ruhe-Anker in unserer heutigen, immer schnelllebigeren Zeit. Die relative Langsamkeit – im Gegensatz zu den Tempi, die heute auf den Straßen vorgelegt werden – kondensiert zu einem Bollwerk gegen den Alltagsfrust. Mit solch einem Gespann wandelt der Fahrer und sein(e) Mitfahrer auf neuen Sinnpfaden! Und gerade die Ausfahrt am Sonntagmorgen, wie sie Herbert Merkle pflegt, hat schon ihren speziellen Reiz: Der Tau überzieht die Wiesen, die Welt sieht wie frisch gewaschen aus und sie riecht auch so. Die Luft ist wie Champagner. Das ist genau die Luft, die Vergasermotoren beflügelt, die sie weich und kraftvoll arbeiten lässt.

Gott sei Dank gibt es noch solche Gralshüter wie Herbert Merkle und seinen Bruder – und deren werden immer mehr – die solche Schätze bewahren und auch die Allgemeinheit dran teilhaben lassen, denn nachfolgende Generationen werden uns nicht daran messen, was wir rausgeschmissen haben, sondern daran, was wir erhalten haben!

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Ein Stück deutsche Gespanngeschichte mit dem Royal Seitenwagen. Bitte Platz nehmen: Die Reisekemenate

Privates Motorradmuseum Merkle

Stuttgarter Straße 38

72631 Aichtal-Aich

07127/51644

Besichtigung nur nach telefonischer Voranmeldung

 

Technische Daten:

Adler M 250

2-Zylinder-Zweitaktmotor, Umkehrspülung; Bohrung/Hub: 54 mm/54 mm, Hubraum: 247 ccm; Verdichtung: 5,75:1; Leistung: 16 PS bei 5600 U/min

4-Ganggetriebe

Doppelrohrrahmen; Schwinghebelgabel, hinten Geradwegfederung

Trommeldurchmesser vo/hi: 180 mm

Reifengröße: 3,25 X 16

Tankinhalt/Reserve: 12 l/1,5 l

Baujahr: 1954

Gebaut von 1952 – 1954 ca. 10.000 Stück

Preis/Solomaschine 1953: 1.895 DM

 

Seitenwagen:

Royal

16“ Rad

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Zuverlässig und unkompliziert: Die mechanischen Lebenslinien des Adler M 250 Gespanns

 

Text & Fotos: Ulrich Bänsch

 

Den Bericht über das Museum der Gebrüder Merkle können Sie hier lesen:

http://www.klassik-lust.de/monumente-von-gestern-in-ehren-gealtert-motorrad-museum-merkle-aichtal-aich/

 

 

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