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AC Shelby Cobra 427 Powered by Ford

Diese, für Nichtinsider kryptischen Worte und Zahlen, bedeuten für die Eingeweihten die Herrlichkeit alles Irdischen. Cobra, das ist das schärfste und geilste was je die Ehre hatte, die Straßen mit einem wohlgeformten Karossenkörper beglücken zu dürfen. Cobra – das Zauberwort, die Droge für all jene, welche dem Cobrakult frönen und ihm verfallen sind.

 

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Malerisches Stillleben, vor dem der Betrachter andächtig verweilen kann

AC Shelby Cobra steht für Kraft, Erotik und Sucht. Sucht nach diesem reinen, puren Kraftpaket auf vier Rädern. Dieses Automobil, nein, ich möchte es auf den Punkt bringen, jenes beseelte Wesen – es steht für unbändige männliche Kraft und weibliche erotische Ausstrahlung. Diese Rundungen beflügeln die Phantasie, nicht selten bekommt man erotische Halluzinationen.

 

Wenn man dem Bullen von Motor die Sporen gibt dass es den Teufel graust, so wird das röhrende Brüllen, des unter der Motorhaube schlummernden V8 Big Block, zum Lustschrei. Die Öffnungen erwecken Reiznormen, die Brunft der saugenden 8 Zylinder im Wassereimerformat ist die Kraft, die frivol zwischen den Rundungen der Kotflügel auf die Leistungsexplosion lauert. Rohe Gewalt, Kraft und Herrlichkeit. Schon im Stand verrät die Cobra, welches Inferno auf einen zukommt, wenn der Zeremonienmeister am Volant die 8 Töpfe zündet, und die Naturgewalten entfesselt werden.

Sind Sie schon einmal hinter einer Cobra hergefahren? Falls nicht, ist Ihnen ein optischer und akustischer Leckerbissen entgangen! Eigentlich könnte man ihr stundenlang folgen, denn man freut sich immer wieder auf die nächste Kurve, wenn die hinteren Räder einfedern und der Sturz der Walzen ein paar Grad negativer wird. Bei phantasiebegabten Menschen kreisen die Gedanken beim Anblick ihres Hinterteils immer um Rubens´sche Formen, rund, weich und perspektivisch leicht überzeichnet. Da komme noch einer her und behaupte, ein Automobil habe keine erotische Ausstrahlung…

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Die rudimentären Schallschlucker dienen mehr dem optischen Empfinden

Die Formensprache – sie ist von zeitloser Ästhetik, ihre Schönheit ist über die Jahrzehnte nie „alt“ geworden, was sowohl auf die bauchig-barocke Form, als auch auf den skulptural-animalischen Körper zurück zu führen ist. Schlicht und ergreifend formuliert: Eine Designikone!

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Das Armaturenbrett signalisiert dem Bändiger der Cobra wie es dem gewaltigen V8 geht

Richtiges Cobrafahren fordert den ganzen Menschen: den Körper, den Geist und die Seele. Mensch und Maschine reagieren aufeinander und man fühlt, was einem die Cobra sagen will. Man fährt nicht einfach mit der Cobra, nein man kommuniziert. Man lauscht dem Herzschlag des V8 und registriert zusammenzuckend jede Veränderung. Man beobachtet die Temperaturanzeigen wie ein Arzt das Krankenblatt.

Dieses begnadete Kunstwerk dürfte so ziemlich das Beste und Eindrucksvollste an erdgebundener Fortbewegung sein, die es gibt und je gab. Der Höhepunkt der automobilen Kulinaristik.

Ich möchte Ihnen nachfolgend einen kurzen Abriss über die Historie der Original Cobras geben.

Als eigentlicher Ur-Vater der heute bekannten Cobras kann John Tojeiro bezeichnet werden. Auf dem Automobilsalon 1953 in London wurde ein 2-sitziger Roadster mit 6 Zylindern und 85 PS der englischen Automobilschmiede AC (Auto Carrier) mit der Modellbezeichnung ACE (Ass) vorgestellt. Er erinnerte von seiner äußeren Formensprache dem Ferrari 166 Barchetta. Der Motor war ein Bristol, der aus den Reparationszahlungen Deutschlands auf dem BMW 328 basiert, jedoch ständig weiterentwickelt wurde. 1961 produzierte Bristol keine weiteren Motoren mehr, da auch eine Eigenentwicklung zu kostspielig war. Es wurden die unterschiedlichsten Motoren – auch von Kundenseite – in den Roadster verbaut. Zudem war AC nun auch schon zum 3. Mal pleite. 1961 orderte der Amerikaner Carroll Shelby ein Fahrzeug ohne Motor und Getriebe. Ein leichter Gitterrohrrahmen, leichte Aluminium-Karosserie, und zur Probe wurde ein 3,7 Liter V8 Ford-Motor eingebaut. Das Fahrwerk wurde verstärkt, die hinteren Trommelbremsen wurden gegen Scheibenbremsen ausgetauscht, und die „Öffnung“ am Bug wurde für eine bessere Kühlung vergrößert. Weil größere Felgen und Reifen zum Einsatz kamen, mussten dementsprechend die Kotflügel verbreitert werden. Dieses Fahrzeug darf aus heutiger Sicht als die Ur-Cobra in die Annalen der automobilhistorischen Geschichte bezeichnet werden.

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Die makellose Oberfläche verhilft zu Spiegelungen die zu begeistern wissen

Zu diesem Zeitpunkt wurde der 4,2 Liter (260 cui) V8 Ford-Motor gerade fertig. Das Ganze wurde auf dem New Yorker Autosalon im Frühjahr 1962 der Weltöffentlichkeit präsentiert. Der Vertrieb erfolgte über das Ford Händlernetz. Jedes Fahrzeug war im Prinzip anders und keines war mit dem anderen identsch.

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Die Formensprache der Cobra ist nicht nur zeitlos, sondern von geradezu atemberaubender Schönheit

Bis ca. 1963 wurden 75 Cobras mit dem 260 cui (4,2 Liter) Motor verkauft. 1963 entwickelte Ford einen neuen, größeren Motor mit 289 cui (4,7 Liter) und 271 PS, dem sogenannte Small Block Motor. Die offizielle Bezeichnung lautete nun: Shelby Cobra 289. Ziemlich bald wurde die 100. Cobra produziert und war damit für den internationalen Renneinsatz homologiert. In deren Folge mischten die Cobras bei den internationalen Wettbewerben kräftig mit und versetzte die etablierte Konkurrenz in einiges Erstaunen. Als Antwort auf den 7 Liter Motor von GM, der in der Corvette verbaut wurde, fertigte Ford einen 427 cui (7 Liter) mit 425 PS. Die berühmte Big Block Ära war eingeläutet. Das Fahrwerk der 289-Cobra war mit dieser schieren Kraft hemmungslos überfordert, sodass das ganze Konglomerat an Fahrwerksutensilien entsprechend größer und stärker dimensioniert werden musste. Noch breitere Kotflügel für noch breitere Reifen und Felgen, die Kühlöffnung in der Frontmaske wurde ebenfalls vergrößert, um dem thermischen Haushalt des Motors genüge zu tun. 1967 wurde die letzte 427 Cobra produziert, wobei die letzten 2 Fahrzeuge aufgeladene Motoren mit ca. 700 PS Motoren aufzuweisen hatten.

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Die monströse Vergaserbatterie sorgt mit für die gewaltige Leistungsentfaltung bei diesem 428er V8 Ford-Motor

Ebenfalls gebräuchliche Bezeichnungen:

Cobra Roadster MK I (1962-1963) 260 cui (4261 ccm) – 75 gebaut

Cobra Roadster MK II (1963-1965) 289 cui (4727 ccm) – 590 gebaut

Cobra Roadster MK III (1965-1968) 427 cui (6998 ccm) – 356 gebaut

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Der rudimentär Überrollbügel verleiht einen Hauch von Sicherheit

AC baute die Fahrzeuge weiter, aber es waren keine originalen Shelby Cobra`s mehr. Optisch kann der Betrachter zu den Originalen keinen Unterschied feststellen. AC erhielt offiziell von Shelby American die Genehmigung, die „Cobra-Kopien“ herzustellen.

In der Folgezeit gab es eine Kopie von der Kopie, da die Firma Autocraft die Cobras der mittlerweile pleitegegangenen Firma AC weiter baute. Brian Angliss, der Eigner von Autocraft, sicherte sich mit dem Kauf des Namens AC auch die Originalwerkzeuge und verwendete somit die Original Stilelemente dieses zur Legende gewordenen Roadsters. Heute behauptet die Fachwelt, dass diese Fahrzeuge wohl besser als das Original seien und somit auch als bessere Cobras bezeichnet werden dürften. In der weiteren Historienfolge verkaufte Brian Angliss die Firma Autocraft an Ford America. Als eine weitere Fortführung dieses Ur-Meters an Kraftmaschinen kann noch „Stallion“ aus Amerika angeführt werden, die noch wuchtiger und üppiger als die Original Cobras waren.

Ob man es heute glaubt oder nicht: es wurden im Jahre 1969 acht 427er Cobras von der Firma „Electric Fuel Propulsion Inc.“ mit Elektromotoren ausgerüstet. Der Chef dieses Unternehmens war Bob Negstadt, der in früheren Jahren der Design-Ingenieur bei Shelby American für die 427er war. Diese Fahrzeuge dienten in späteren Jahren entweder als Teileträger, wurden für den Wiederaufbau eines Totalschadens einer Originalen verwendet oder sind wieder mit einem Verbrennungsmotor ausgerüstet worden.

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Dieser Anblick verhilft zu erotischen Halluzinationen

 

Angebotssituation

Da die Original Cobras in einer überschaubaren Stückzahl produziert wurden, sind die bei Versteigerungen erzielten Preise entsprechend hoch. Sie bewegen sich in einem 6-stelligen EURO-Bereich, zum Teil auch darüber – bei den noch selteneren Wettbewerbsfahrzeugen. Da es sehr viele Replikas – oft mit Kunststoffkarosserie – gibt, kann sich auch ein monetär nicht so üppig gestellter Mensch den Fahrgenuss einer Cobra leisten. Ob es letztendlich ein Original oder ein Nachbau ist, kann getrost vernachlässigt werden. Der Menschenauflauf, den so ein Automobil erzeugt, tja, den muss man einfach erlebt haben!

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Zwei gewaltige Schlachtrösser: Die Cobra vor der nicht minder beeindruckenden Kulisse der Schlachtschiffes USS Alabama

 

Klassik Lust Profil

Ein Original von einem Nachbau zu unterscheiden – das ist eine Wissenschaft für sich. Über die Typologie der Fahrgestellnummern ließe sich ohne weiteres ein Buch füllen, obwohl „nur“ so wenig Exemplare gebaut wurden. Das ist selbst für eingefleischte Automobil-Archäologen schwer zu durchschauen, man ist hier gelegentlich auch auf den Interpretationsspielraum angewiesen. Alle in England verkauften Cobras hießen AC Cobra, die in Amerika hießen – ohne AC, stattdessen mit dem Cobra-Emblem versehen, Shelby Cobra mit dem Zusatz „Powered by Ford“.

Und um allem gerecht zu werden, wurde in der Überschrift die Bezeichnung „AC Shelby Cobra 427 Powered by Ford“ stilvoll gewählt, obwohl es aus Sicht der Automobil-Historiker nicht ganz korrekt ist.

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Da macht das Polieren des Chroms und des Lacks Freude und Vergnügen

Folgendes Fazit kann man ziehen: Die Cobra ist ein spirituell aufgeladenes und beseeltes Material, und es ist aus meiner Sicht (die Puristen mögen mir verzeihen) egal, ob man ein Original, eine Kopie oder eine Replika fährt: Sie ist ganz einfach unbeschreiblich SCHÖN!

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Es ist nur jammerschade, dass bei diesem Bildnis nichts zu hören ist. Sie könnten faszinierende Lustschreibe der Motoren hören

 

Text: Ulrich Bänsch

Fotos: Ulrich Bänsch, Hofer Archiv

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