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125 ccm – Ein Manifest für den Achtel-Liter Hubraum

Ab wann fängt es an, das Feeling, welches das motorisierte Zweirad so unvergleichlich macht? Bei 50, bei 125 oder ab 900 ccm? Sind es die 5, 15 oder 120 PS, die das Maß aller Dinge sind? 50, 110 oder 295 km/h?

Die Faszination und die daraus resultierenden Glücksgefühle, die einem die Fortbewegung auf zwei Rädern vermitteln, brauchen weder 100 PS noch 1400 ccm Hubraum – dazu reichen auch max. 15 PS und 125 ccm!

Bereits vor der Führerscheinnovellierung am 1. März 1996 (Personen, die vor dem 01.04.1980 ihren alten „3er“ gemacht haben, dürfen auch ein 125er-„Leichtkraftrad“ fahren), waren die 125 ccm-Motorräder eine preiswerte Möglichkeit, Motorrad zu fahren. Mit ihnen konnten auch weiteste Strecken bewältigt werden, wenn auch nicht ganz so schnell wie z.B. mit einer 750er. Der Unterhalt war eine fast zu vernachlässigende Größe, der Spritverbrauch gering.

So ein 1/8-Liter-Geschöpf ist durchaus eine vernünftige Alternative zu einem großvolumigeren Motorrad, es verlangt jedoch ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein. Auch wenn´s von den „relativ profanen“ Leistungsdaten her gesehen nicht so stammtisch-kompatibel ist: Egal, was zählt ist der Spaß und die Freude an der motorisierten zweirädrigen Fortbewegung – am Motorradfahren halt. Das ist es, was zählt!

Die Leidenschaft, eine 125er zu fahren, kann der Motorradler mit Stolz zelebrieren, gehen doch die Wurzeln – historisch gesehen – auf eine Massenbewegung zurück, die maßgeblich an der individuellen Mobilität in Deutschland beteiligt war. Leider geriet dieser Hubraum in den folgenden Jahrzehnten in´s Hintertreffen und verlor an Attraktivität bis er mit der Führerschein-Novellierung heute wieder in den Brennpunkt des Geschehens gerückt ist.

Mit den Augen des Motorrad-Historikers betrachtet, haben die Motorräder mit einem Hubraum von 125 ccm eine große Tradition – ihre Blütezeit erlebten sie nach dem 2. Weltkrieg. Abgesehen von den 98ern und den späteren Mopeds waren es die Leistungsträger, die den leidgeprüften Menschen nach den Jahren der Entbehrung wieder ein Stück Freiheit zurückbrachten, die den Aufbruch in das deutsche Wirtschaftswunder begleiteten. Es war Teil der wiederkehrenden Lebensfreude, die das Dasein wieder schön und genussvoll werden ließ. Nach der Währungsreform im Sommer 1948 waren die „kleinen“ Motorräder preiswert in der Anschaffung und im Unterhalt – und verfügbar! 1950 gab es in Deutschland (West) 25 inländische Hersteller, die 125 ccm Motorräder feilboten! 125er konnten damals nach dem zweiten Weltkrieg noch mit dem alten „Klasse 4“-Führerschein gefahren werden.

Ein 125 ccm-Motorrad verfügte damals über eine Leistung von 5-6 PS, eine 200er über etwa 7 PS. Eine 250er etwa 12 PS und eine 350er hatte höchstens 18 PS. Was gab es damals nicht alles für wunderschöne Motorräder: den denkwürdigen Meilenstein in der motorradhistorischen Evolutionsgeschichte: die RT 125 (West: DKW, Ost: IFA-DKW später MZ – es ist das meistkopierteste Motorrad der Welt!), 1949 die Ardie NE 125 (ab 1950 B 125), die Adler M 125, die Triumph BDG 125, die NSU 125 ZDB oder die Viertakt NSU Fox mit zunächst 98 ccm Hubraum, später mit 125 ccm als Zweitakter und die Superfox als Viertakter. Die Liste ließe sich noch beliebig erweitern…

Man konnte sich an der Faszination des preiswerten und – aus der Not geborenen – zweckmäßigen Transportgerätes mit dem 1/8-Liter Hubvolumens erfreuen, war es doch meist eine der wenigen Möglichkeiten, auch mit knappem Budget den Horizont der individuellen Freiheit auszudehnen.

125 ccm waren ein nicht unwesentlicher Bestandteil der deutschen (Ost und West) Volksmotorisierung. Sind wir uns dessen heute überhaupt noch bewusst?

Die 125er und 250er waren die gebräuchlichsten Motorräder. Ab Mitte der 50er Jahre versuchte man den „Nachteilen“ eines Motorrades zu entkommen. Es wurde mehr verdient, die Ansprüche stiegen, und das Automobil löste das Motorrad als individuelles Fortbewegungsmittel weitgehend ab. Der Niedergang der westdeutschen Motorradindustrie war besiegelt.

Anders sah es in der damaligen DDR aus, denn dort war das Motorrad das einzige motorisierte Fortbewegungsmittel, das relativ leicht zu bekommen, also verfügbar war. Dereinst war sie das Land mit der höchsten Pro-Kopf-Motorraddichte!

Ach übrigens: In zeitgenössischen Motorrad-Test´s in der ersten Hälfte der 50er Jahre hielt ein gestandener Chefredakteur „Solomotorräder mit mehr als 15 PS für baren Unsinn!“ Man höre und staune… aber damals gab´s ja diesen apokalyptischen Verkehr auf unseren Straßen noch nicht und das Straßennetz befand sich nicht in einem so „erstklassigen“ Zustand wie heute. Aber man hatte auch offensichtlich noch mehr Zeit!

Die 125er-Klasse war in den späteren Jahren (60er/70er/80er Jahre) nie sonderlich populär. Im Verhältnis zu den großvolumigeren Motorrädern waren die Fahrleistungen nicht attraktiv genug, obwohl sie ausreichten und die Fahrzeuge dank ihres geringeren Gewichtes wieselflink waren. Aber wie´s halt so ist. Das Prestige(!). Ein Achtelliter und dessen „mickrige“ Höchstgeschwindigkeit und Leistungsdaten…

In den 70er Jahren brachten die italienischen und japanischen Motorradhersteller preiswerte und technisch höherwertige Achtelliter wie z.B. Viertakter oder Zweizylinder auf den Markt. Überall in Europa erfreuten sie sich größter Beliebtheit. Leider nicht so in Deutschland (West), man hatte schon immer einen ausgeprägten Hang zu Höherem: mehr Hubraum, mehr Leistung, wobei der Charme des etwas langsameren, gemütlichen Fahrens auf der Strecke blieb!

Gerade die japanischen Hersteller Honda, Kawasaki, Suzuki und Yamaha brannten ein regelrechtes Produktfeuerwerk ab mit technisch innovativen Finessen. Aber auch die Italiener mit Benelli, Ducati, Moto Morini und MV Agusta standen nicht hinten an.

Mehrwert

Der Fahrer einer 125er erlebt durch das relativ beschauliche Tempo einfach mehr: Die spirituelle Besinnlichkeit, die einem die Fortbewegung auf zwei Rädern vermittelt und die daraus resultierenden Glücksgefühle brauchen weder 100 PS noch 1400 ccm Hubraum, dazu reichen auch 15 PS und 125 ccm.

Mehr sehen, mehr fühlen, mehr fahren.

Bei passendem Tempo, das sind bei einer 125er so ungefähr 95 – 120 km/h, stellt sich eine unglaubliche Harmonie zwischen Mensch und Maschine ein.

Man klinkt sich aus dem Leistungsdruck aus und erlebt sehr deutlich, dass weniger mehr sein kann. Ob man nun zehn oder zwanzig Minuten früher oder später am Ziel ist – das ist mehr als relativ!

Auch sind die 125er nicht behäbig, es sind Leichtgewichte, mit denen es sich vortrefflich um die Ecken flitzen und recht anmutig zirkeln lässt – das ist pures Motorradfahren, pure Lebenslust!

Warum bringt es keiner auf den Punkt?

Was zählt denn noch in unserer heutigen – nur – leistungsorientierten Gesellschaft? Erfolg! Besser zu sein, schöner, größer als die anderen… Wir sind ein Volk von Ruhe- und Rastlosen geworden, die nach immer mehr Extremen streben, meist ohne Rücksicht auf Verluste. Die größte Anerkennung ist: der Neid! Was ist das für eine Kultur? Das was der hat, brauch ich auch…!?

Es geht doch nur um das Eine: Um´s Motorradfahren! Genau… Spielt es da eine Rolle, ob ich mit 140 oder mit 15 PS unterwegs bin? Ob ich mit 240 über die Piste brenne oder mit 100 km/h genieße? Um möglichen Bedenkenträgern gleich das große ABER aus den Segeln zu nehmen: Die aktive Sicherheit eines leistungsstärkeren Motorrades, welche auf den lebens-bedrohenden und -feindlichen Straßen oftmals vonnöten ist, will ich hier durchaus berücksichtigen.

Ich möchte hier auch nicht verschweigen, dass mit einem leistungsschwächeren Motorrad das Motorradeln auf unseren Straßen bedeuten kann: „Stress pur“. Aber das liegt nicht an dem Motorrad und seinen relativ wenigen Pferdestärken, sondern an der heutigen Fahrzeugdichte auf der missverstandenen und hineininterpretierten Kampfzone Straße, wo es für den „schwächeren“ Verkehrsteilnehmer fast nur noch ums nackte Überleben in den Sturzbächen des Verkehrs geht. Auf den Straßen wird der Frust und die Aggression des Alltags abgebaut. Schau dich doch mal um! Die deutschen Autobahnen, sie sind nichts weiter als High-Speed-Biotope – da geht den meisten wohl in ihren Blechdosen ein emotionaler Orgasmus ab! Aber das ist ein gesellschaftspolitisches Problem und die Aufgabe jedes Einzelnen, wie verantwortungsvoll er sich im Straßenverkehr verhält.

Natürlich ist es zum Teil scheißgefährlich, langsamer als die Kampfmaschine Auto bzw. LKW zu sein, wenn es im Zentimeterabstand an einem vorbeischrammelt, dies will ich erst gar nicht in Abrede stellen. (Wozu die widersinnige gesetzliche Reglementierung der Höchstgeschwindigkeit auf 80 km/h bei den 16-18-jährigen?)

Dennoch: Die 1/8-Liter, sie vermitteln Fahrspaß und es lässt sich eine Fahrdynamik zelebrieren, mit der kannste manchem schwergewichtigen PS-Monster um die Ohren fahren. Fahrspaß, der ist subjektiv und objektiv eh nicht in Kilogramm oder Zehntelsekunden messbar. Man möge mir auch keinen pathologischen Schwanz-Neid auf die ingenieusen Meisterleistungen der Motorradbauer unterstellen. Was sie da an bombastischen High-End-Motorrädern auf den Markt bringen, ist oft Technik und Design in Reinkultur auf höchstem Niveau in fast schon irrationaler Perfektion … Kunst! Dieses hohe Niveau spiegelt sich jedoch auch in den 125ern wieder! Und ich möchte nur einmal das Bewusstsein dafür schärfen, dass schier unbändige Power nicht das Maß aller Dinge ist, sondern dass es mehr gibt als Speed und Leistung.

Was hat man nicht für Vorteile mit einer charmanten 125er: Sie ist leicht, was meist mit einer unschlagbaren Handlichkeit gekoppelt ist, verbraucht weniger Sprit und ist im Großstadtdschungel nahezu unschlagbar. Oder lass´ mal den Film vor deinem geistigen Auge ablaufen: schmale, kleine, vor sich hinmäandernde Sträßchen – da zieht das Mopett seine Bahn, zirkuliert dahin, wo es sein Meister und Gebieter gerne hin hätte. Es macht ganz einfach Freude und Spaß.

Gemütliches Überland-Motorradwandern, da kann man wörtlich genommen auf Sinnpfaden wandeln. Auch 12 oder 15 PS sind ausreichend in der Lage, kurzweiligen, unterhaltsamen Fahrspaß zu bieten und das gehört durchaus zum Sinn des Lebens…!

Fakt ist: Der Motorradler kann vielleicht mit einem 1/8-Liter mehr erleben als mit einer Dampframme… Du siehst mehr Landschaft, fühlst mehr Natur und vor allem dich selbst, als wenn du die Piste ohne Ende runterbrennst…

Du musst nicht Hubraum und Leistung satt kaufen und überhaupt; Die oft sarkastisch geschmunzelte Arroganz über das Achtelliterle geht mir an der Peripherie vorbei: Ich dreh´ jetzt erst mal ´ne Runde mit meiner RT 125 Baujahr 1957… 6,5 PS, und wenn sie gut aufgelegt ist, dann rennt sie auch mal ihre 90 km/h. DER Fahrspaß, er ist einmalig – und nicht mit Geld zu bezahlen!

Zum Schluss sei mir noch ein Zitat des unvergessenen Ernst „Klacks“ Leverkus gestattet, der in einem Testbericht über die neue 125er Zündapp 1972 dozierte, dass es für ihn unverständlich sei, warum der deutsche Motorradfahrer die 125er ablehne und stellte die Frage in den Raum, ob ihm 15 PS und eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h nicht genug seien?

 

Text: Ulrich Bänsch

Thema Motorrad:

Ein Zitat aus „Die schönsten Motorradgeschichten“ von Ernst „Klacks“ Leverkus

„Ein Wort zu dem Begriff „Motorrad“. Verwechseln Sie das bitte nicht mit jenen motorisierten kleinen Zweirädern, die als „Moped“, als ein Fahrrad mit einem Motor und Tretkurbel, über unsere Straße schnurren. Ein Motorrad ist etwas ganz anderes aus dem Gesichtswinkel eines Motorradfahrers. Es gibt unter ihren Besitzern Kerle, die ein Motorrad als vollwertig erst ab 500 ccm Hubraum oder ab 30 PS Motorleistung wirklich anerkennen.

Aber so fanatisch soll man nicht sein – nur mit 1,5 kleinen Moped-Pferdchen ist eben nicht viel von dem drin, was wir den „Spaß an der Freud`“ nennen. Und an die 90 km/h sollten auch möglich sein. Ein Motorrad ist also ein Fahrzeug, das zwischen zwei Rädern einen kraftvollen Motor besitzt.“

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